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Birgit Stinner-Meissen: Programmevaluation in der Erwachsenenbildung

Cover Birgit Stinner-Meissen: Programmevaluation in der Erwachsenenbildung. Vergleich verschiedener Angebotsformen eines Stressbewältigungsprogramms für Eltern. Logos Verlag (Berlin) 2004. 327 Seiten. ISBN 978-3-8325-0605-6. D: 40,50 EUR, A: 41,60 EUR, CH: 72,10 sFr.
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Einführung

Angemessene Evaluationsinstrumente zu finden, die aussagekräftig den Erfolg oder Misserfolg von Bildungs- und Weiterbildungsangeboten messen, ist in der Praxis immer noch ein schwieriges Unterfangen. Eine gewisse Evaluationsmüdigkeit hat sich allerorten breit gemacht. In der Realität sieht es oft so aus, dass ein subjektives Meinungsbild der Teilnehmer (in schriftlicher oder sogar mündlicher Form) nach Beendigung eines Kurses eingeholt wird. In der vorliegenden Untersuchung beschäftigt sich Frau Stinner-Meißner daher mit einer besonderen Form der Evaluation: Sie setzt auf die Angebotsanalyse im Vorfeld, um den anbietenden Institutionen Kriterien an die Hand zu geben, Kosten und Effizienz eines Programms gegeneinander abwiegen zu können.

Am Beispiel des an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf entwickelten Programmes "Stressmanagement im Erziehungsalltag" (Schwarzer, Scherrer, Krauß 1996) wird eine Programmevaluation exemplarisch durchgeführt. Im Rahmen einer summativen Evaluation werden die Wirksamkeit des Programms überprüft sowie Wirksamkeitsunterschiede zwischen den drei Angebotsformen Training, Selbststudium und Gesprächskreis herausgestellt.

Das Angebot an Stressbewältigungsprogrammen ist mittlerweise nahezu unüberschaubar. Steigend ist auch die Zahl der Elterntrainings. Das Programm "Stressmanagement im Erziehungsalltag" ist eine Kombination beider Bereiche und damit nach Aussage der Autorin ein Novum auf diesem Gebiet. Es ist gezielt auf Eltern und ihren Erziehungsalltag zugeschnitten und umfasst ein komplexes Stressbewältigungsprogramm mit einer Informationsphase, Entspannungstechniken, Techniken der kognitiven Umstrukturierung, Problemlösestrategien und Aspekten der sozialen Unterstützung. Es ist als Training, als Gesprächskreis und im Selbststudium einsetzbar.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sieben Kapitel untergliedert.

In den ersten drei Kapiteln wird literaturgestützt ein Überblick über die zentralen forschungstheoretischen Ansätze zu folgenden Themen gegeben:

  • Evaluation,
  • Stress und Stressbewältigung
  • sowie Interventionsmaßnahmen gegen Stress gegeben.
Ausführlich werden in diesem Rahmen existierende Programme im Bereich Elterntrainings und Stressbewältigung vorgestellt und teilweise exemplarisch besprochen.

Im vierten Kapitel folgt eine knappe Beschreibung des untersuchten Programms. Neben einem kurzen Abriss zur Entstehungsgeschichte werden die sechs Module des Programms mit ihren Inhalten kurz vorgestellt. Die Beschreibung verharrt im Wesentlichen auf der abstrakten Ebene mit Erläuterungen wie: "Die Eltern sollen sich zunächst ihrer Rolle als Vorbild bewusst werden. Vorbild zu sein meint hier vor allem, dass das eigene Verhalten echt ist und die Erziehungsziele realistisch eingeschätzt werden." Was hat der Leser sich hierunter vorzustellen und inwieweit hält das Programm für den Anwender Diagnosemöglichkeiten bereit, mit denen er die Frage, ob sein Verhalten authentisch ist, klären kann?

Im fünften Kapitel wird das Untersuchungsdesign skizziert. Angelegt war die Studie als Verlaufsstudie mit drei Messzeitpunkten sowie einer Kontrollgruppe. Die Erstbefragung der teilnehmenden Erziehungsberechtigten fand im September 2000 statt. Nach Abschluß des Programms im Dezember 2000 sowie drei Monate später im März 2001 erhielten alle Eltern weitere Fragebögen. Im Rahmen der summativen Evaluation wurde jede der angebotenen Programmformen (Training, Gesprächskreis, Selbststudium) zunächst isoliert gegenüber einer Kontrollgruppe auf ihre Wirksamkeit hin überprüft. Im Anschluß wurden die drei Interventionsgruppen miteinander verglichen, um Aussagen über die Wirksamkeitsunterschiede der verschiedenen Maßnahmen treffen zu können.

Im sechsten und siebten Kapitel präsentiert die Autorin die Ergebnisse ihrer Untersuchung und stellt diese zur Diskussion. Zentraler Befund ihrer Evaluation ist, dass jede der untersuchten Angebotsformen sich als wirksam erwiesen hat - allerdings in unterschiedlichem Ausmaß bzw. unterschiedlicher Auswirkung. Mit dem Training ließen sich die personalen Ressourcen, mit dem Gesprächskreis die familialen Ressourcen der Probanden erweitern. Mit dem Selbststudium hingegen konnten sowohl personale als auch familiale Ressourcen gesteigert sowie der Familienstress reduziert werden. Obwohl das Selbststudium mit dieser Spannbreite damit den anderen Angebotsformen sogar überlegen ist, kommt die Autorin dennoch zu dem Schluss, dass die Kosten, die sich in einer hohen Abbruchrate niederschlügen, im Verhältnis zum Nutzen zu hoch seien. Im direkten Vergleich der drei Angebotsformen konnte die Frage, ob eine Form der anderen vorzuziehen sei, nicht schlüssig beantwortet werden. Im personalen Bereich ergab sich bei den Ergebnissen eine Staffelung nach Training, Selbststudium, Gesprächskreis; im familialen Bereich nach Gesprächskreis, Selbststudium, Training. Das Fazit der Autorin lautet daher, dass das Angebotsrepertoire auf die Bedürfnisse der Eltern abgestimmt werden sollte und ein pauschaler Ausschluss von einer der drei Formen nicht zu empfehlen sei.

Diskussion und Bewertung

Mit ihrer Untersuchung zeigt Frau Stinner-Meißen exemplarisch, dass aufwendige Programmevaluationen über einen längeren Zeitraum, die über den unmittelbaren Abschluss einer Maßnahme hinausführen, kein Selbstzweck sind, sondern langfristig tatsächlich Entscheidungshilfen für die Programmplanung der anbietenden Weiterbildungsinstitutionen bereithalten. Das von ihr gewählte Untersuchungsdesign kann zu diesem Zweck ähnlichen Projekten durchaus als Muster dienen. In diesem Zusammenhang ist jedoch anzumerken, dass Fragen zur Anlage der Studie offen bleiben. Die Autorin orientiert sich beispielsweise an den von Kirkpatrick vorgeschlagenen vier Stufen zur Erfassung von Programmwirksamkeit: "Meinung", "Wissen und Können", "Anwendung" sowie "Auswirkungen". Der Bereich "Wissen und Können" wird von ihr ohne nähere Erläuterung im Rahmen der Evaluation ausgeklammert. Überraschend auch die von Frau Stinner-Meißen abschließend (S. 252) formulierte Empfehlung einer zukünftigen Evaluation ausgerechnet in Form der berüchtigten Happiness Sheets (Stufe 1: Meinung), deren fehlende Aussagekraft inzwischen geradezu zum Gemeinplatz geworden ist. Bedauerlich ist auch, dass das evaluierte Programm nicht ausführlicher dargestellt wurde. Frau Stinner-Meißen war an der Fertigstellung der endgültigen Programmversion beteiligt (vgl. S. 99), so dass einige weiterführende Informationen zu den dort enthaltenen Übungen (evtl. auch zur vorangegangenen formativen Evaluation) für den Leser aufschlussreich gewesen wären.

Für den Unsinn, der auf dem Buchrücken zu lesen steht, kann man die Autorin wohl kaum verantwortlich machen. Dort heißt es, dass an der Untersuchung "163 Eltern aus 203 Kindergärten" teilgenommen hätten. Abgesehen davon, dass das schon rein rechnerisch eine Unmöglichkeit darstellt (wie verteilen sich 163 Elternteile auf 203 Kindergärten?), berichtet die Autorin auf S. 134, dass sich lediglich 51 der angeschriebenen 203 Kindergärten beteiligten. Entgegen diesen schlampigen Formulierungen des Buchcovers muss man der Autorin eine gewissenhafte und um akribische Einhaltung aller Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens bemühte Gestaltung des Manuskripts attestieren. Eine Akribie freilich, die des Öfteren auch mit umständlichen Argumentationsfiguren, mit zähen Berichten über Nicht-Effekte sowie mit Redundanzen und selbst wörtlichen Wiederholungen einhergeht.

Fazit

Trotz dieser einschränkenden Bemerkungen ist die vorliegende Studie insbesondere im Hinblick auf die Wirksamkeit von Selbststudienangeboten, deren Effekte erst zeitverzögert auftreten, durchaus von Interesse. Mit herkömmlichen Evaluationen, die unmittelbar nach Abschluss der Schulungsmaßnahmen gefahren werden, sind solche Ergebnisse nicht messbar. Die Auswertungen von Frau Stinner-Meißen geben aufschlussreiche Hinweise darauf, dass insbesondere Personen, die über eine höhere Schulbildung verfügen und deren Haushalt im Durchschnitt weniger Personen und weniger Kinder umfasst, diese Lernform bevorzugen. Dies korrespondiert mit Befunden aus der Adressaten- und Teilnehmerforschung, wonach insbesondere die leistungsorientierten Leitmilieus informelle Lernformen intensiv nutzen. Im Hinblick auf den potentiellen Adressatenkreis empfiehlt sich daher für den Weiterbildungsanbieter eine weitaus stärkere Differenzierung nach den Bedürfnissen und Voraussetzungen der Teilnehmer vorzunehmen und die verschiedenen Angebotsformen entsprechend auf dem Markt zu platzieren.


Rezension von
Prof. Heiner Barz
Erziehungswissenschaftliches Institut der Universität Düsseldorf
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und
Dr. Dajana Baum
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Erziehungswissenschaftlichen Institut der Heinrich-Heine-Univer­sität Düsseldorf
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Zitiervorschlag
Heiner Barz/Dajana Baum. Rezension vom 12.07.2005 zu: Birgit Stinner-Meissen: Programmevaluation in der Erwachsenenbildung. Vergleich verschiedener Angebotsformen eines Stressbewältigungsprogramms für Eltern. Logos Verlag (Berlin) 2004. ISBN 978-3-8325-0605-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2068.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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