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Inge Seiffge-Krenke: Väter, Männer und kindliche Entwicklung

Cover Inge Seiffge-Krenke: Väter, Männer und kindliche Entwicklung. Ein Lehrbuch für Psychotherapie und Beratung. Springer (Berlin) 2016. 225 Seiten. ISBN 978-3-662-47994-0. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Thema

Es ist einerseits beruhigend, dass die fachkundigen Bücher zu Ergebnissen der Vaterforschung im vergangenen Jahrzehnt zahlreicher geworden sind, doch es wird damit auch zunehmend aufwendig, für Männer und Frauen in der täglichen Praxis als Psychotherapeuten und Berater, sich immer wieder den erwünschten Überblick zu erarbeiten. Inge Seiffge-Krenke, deren einschlägige Kompetenz völlig außer Frage steht, hat nun ein Werk vorgelegt, dass sie Lehrbuch nennt und das einen solchen Überblick in überzeugender Weise gibt.

Wer wissenschaftlich arbeiten will ebenso wie jemand, der sich auf Ergebnisse wissenschaftlichen Forschens verlassen können möchte, braucht Daten. Das Besondere am vorliegenden Lehrbuch ist das breite Spektrum unterschiedlichster „Daten“ sowohl aus den Bereichen der quantitativen und qualitativen methodisch kontrollierten Erhebungstechniken als auch aus Literatur und Kulturgeschichte: Das geht vom König Ödipus des Sophokles – in diesem weitgehend psychoanalytischen Kontext eigentlich ein ‚alter Hut‘ aus dem Jahre 425 v. Chr. – über die Beschneidungsrituale bei Juden (und Muslimen!) (S. 40), Friedrichs des Großen Brief an seinen Sohn (38), Kafkas Brief an den Vater (49), Freuds Beziehung zu seinen Töchtern bis zu der Nähe zum Vater, die im Tagebuch der Anne Frank deutlich wird (44). Einfühlsam und ausdrucksvoll sind die 27 Abbildungen, die in den Text als Medien non-verbaler Kommunikation eingefügt wurden.

Aufbau und Inhalt

Die Verfasserin gliedert die 220 Seiten ihre Lehrbuches, denen noch das Stichwortverzeichnis folgt, in elf Kapitel.

Sie berichtet über „Die Veränderungen des Vaterbildes in Theorie und Forschung“ und dabei über „Anstiege in der Forschungsaktivität zu Vätern, aber methodische Defizite“. Sie zeigt, „wie sich das Bild vom Vater in der nun fast 40-jährigen Vaterforschung gewandelt hat“ (2).

Es folgt das Kapitel 2 über „Die destinktive Bedeutung von Vätern in verschiedenen Entwicklungsphasen ihrer Kinder..“ Zur väterlichen Betreuung von Säuglingen folgt sie Lamb mit der Ansicht: „Die Tatsache, dass die Mutter dem Kind am Anfang seines Lebens körperlich näher ist (z. B. durch das Stillen) als der Vater, vermindert dessen Fähigkeiten bei der Betreuung und Versorgung seiner Kinder nicht“ (15).

Kapitel 3 leistet „Die Akzentuierung des Geschlechts: Väter und Söhne, Väter und Töchter.“ Hier wird auf die schon erwähnten Quellen aus Weltliteratur und persönlicher Korrespondenz Bezug genommen.

Kapitel 4 lautet: „Vaterschaft im Wandel und verschiedene Vatertypen.“ Trotz der Vielfalt, die sich ergeben hat, bleibt nach Inge Seiffge-Krenke die Berücksichtigung der „destinktive(n) Bedeutung von Vätern“ ein Desiderat: „Wir brauchen keine ‚Konkurrenz am Wickeltisch,‘ keine zweite Bemutterung und kein Mutterimitat..“ (67).

Kapitel 5 behandelt die Thematik gleichgeschlechtlicher Eltern, auch in dem Abschnitt über „Regenbogenfamilien und homosexuelle Väter.“

Kapitel 6 berichtet über Probleme „frischgebackene(r) Väter“ einschließlich der Veränderungen in der Paarbeziehung, die nach Eintritt einer Schwangerschaft auftauchen.

„Abwesende Väter durch Scheidung und Trennung“ sind das Thema von Kapitel 7. Kapitel 8 beschreibt die Situation bei „Alleinerziehende(n) Vätern“ und Kapitel 9 den Tod des Vaters.

Die Dimension der Kultur kommt in Kapitel 10 zur Sprache, in der es auch um Familien mit Migrationshintergrund geht.

Das elfte und letzte Kapitel trägt die Überschrift „Väter und Psychopathologie: Risiko oder Schutzfaktor?“ Hier geht es u.a. um Gewalt und „innerfamilären Missbrauch.“ Schon im dritten Kapitel, wo es um die Beziehung zwischen Vater und Tochter ging, wird die Inzestforschung von Karen Meiselmann erwähnt. Hier berichtet die Verfasserin nun über Forschungen zu unterschiedlichen Psychopathologien von Männern, die als Väter zu Belastungen und Störungen in Familien beitragen können. Den elf Kapiteln sind „Vorwort und Danksagungen“ (letztere u.a. an Horst-Eberhard-Richter) voran- und ein Ausblick nachgestellt.

Fazit

Die hier nur knapp inhaltlich angedeuteten Kapitel sind Einführung in und Überblick über die jeweils relevante und aktuelle Forschungsliteratur. Dabei ist die Verfasserin in der Lage, nicht nur über das zu berichten, was andere geleistet haben, sondern das große Gewicht ihrer eigenen Forschungsergebnisse mit Zurückhaltung und umso überzeugender zu dokumentieren. Die Fülle der Erkenntnisse hält sie nicht davon ab, in ihrem „Ausblick“ zu schreiben: „Eine so umfangreiche Sammlung von Fakten, Forschungsbefunden und klinischen Fällen konnte aber nicht verbergen, dass wir noch weit entfern sind von einem gut dokumentierten, komplexen Bild von Vätern in verschiedenen kulturellen, familiären, und klinischen Kontexten“ (220). Das Buch ist ebenso hilfreich wie bedeutsam: Inge Seiffge-Krenke hat es als Profi für Profis geschrieben.


Rezensent
Prof. Dr. Horst Jürgen Helle
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Soziologie
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Zitiervorschlag
Horst Jürgen Helle. Rezension vom 14.10.2016 zu: Inge Seiffge-Krenke: Väter, Männer und kindliche Entwicklung. Ein Lehrbuch für Psychotherapie und Beratung. Springer (Berlin) 2016. ISBN 978-3-662-47994-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20680.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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