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Antje Katharina Krause: Gewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen (...)

Cover Antje Katharina Krause: Gewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen aus der Retrospektive betroffener Frauen. Eine biographieanalytische Untersuchung. Cuvillier Verlag (Göttingen) 2016. 272 Seiten. ISBN 978-3-7369-9187-3. D: 39,80 EUR, A: 41,00 EUR.
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Thema

Vor dem Hintergrund erziehungswissenschaftlicher Biografieforschung behandelt die Autorin biographische Lernprozesse von Frauen im Kontext häuslicher Gewalterfahrungen. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt hierbei auf den Potenzialen sowie den Selbst- und Weltbildern der misshandelten Frauen. Hierfür wird auf der Grundlage narrativ-biographischer Interviews mit betroffenen Frauen der Frage nachgegangen, wie die Frauen mit ihren Erfahrungen umgehen und wie sie die erlebte häusliche Gewalt in ihre Biografie integrieren. Dabei wird die besondere Rolle von Schuld durch die Dekonstruktion des Schuldbegriffs herausgearbeitet. Auf dieser Grundlage werden drei verschiedene Muster hinsichtlich der Sinn- und Zusammenhangsbildung identifiziert: das integrative, das tentativ-reflexive und das determinative Muster.

Autorin und Entstehungshintergrund

Antje Katharina Krause studierte im Hauptfach Pädagogik sowie Psychologie und Politikwissenschaft in den Nebenfächern an der Fakultät für Humanwissenschaften der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, wo sie mit der hier besprochenen Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen aus der Perspektive erziehungswissenschaftlicher Biographieforschung promovierte.

Der Dissertationsprozess zu „Gewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen aus der Retrospektive betroffener Frauen“ wurde begleitet und beeinflusst durch das Forschungsatelier und das Forschungskolloquium von Prof. Dr. Winfried Marotzki sowie die Forschungswerkstatt von Prof. Dr. Fritz Schütze.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin verortet ihre Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen innerhalb des breiten Forschungsfeldes in der erziehungswissenschaftlichen Biographieforschung. Ausgehend vom programmatischen Bezugsrahmen nach Krüger (1996) „Lebensgeschichten als Lerngeschichten“ (Krüger, 1996, S. 34) fokussiert die qualitative Untersuchung biographische Lernprozesse im Kontext häuslicher Gewalterfahrungen und geht der Frage nach, wie Frauen Erlebnisse häuslicher Gewalt in ihre Biographie integrieren. Als Gegenstand der Analyse werden besondere Aspekte des Selbst- und Weltbildes, der Selbstsicht auf die Vergangenheit und Gegenwart und diesbezügliche Entwicklungskontexte unter Berücksichtigung der Gewalterfahrungen herausgearbeitet (S. 9).

  • Kapitel 1 leitet das Thema ‚Gewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen‘ im historischen Wandel öffentlicher Wahrnehmung ein.
  • Eine Annäherung an den Problembereich als Forschungsgegenstand erfolgt in Kapitel 2. Anhand von theoretischen Diskursen erfolgt die Begriffsbestimmung und in einem nächsten Schritt die Aufarbeitung des Forschungsstandes. Entlang der Perspektive der qualitativen Biographieforschung wird das Forschungsdesiderat dargelegt.
  • In Kapitel 3 folgen nach der Darlegung des methodischen Zugangs (Narrativ-biographische Interviews, Ground Theory) die Darstellung des Forschungsprozesses und des analytischen Fokus´ (Lernprozesse) sowie eine wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung zur Schuld aus Sicht der Opfer (Schuld als Potenzial und Biographiengenerator).
  • In Kapitel 4 folgt die Darstellung der zentralen empirischen Ergebnisse (Ergebniskategorien, Musterdarstellung und Eckfallanalysen) und darauf aufbauend die Identifikation von drei wesentlichen Ausprägungsformen in Bezug auf Schuld im Modus von Begründung und Selbstbezug (das integrative, das tentativ-reflexive und das determinative Muster).
  • Das Buch schliesst in Kapitel 5 mit einer Bewertung/Logik der erarbeiteten Muster nachdem zuvor in Form von Schlussbemerkungen eine diskursive Kontextualisierung des Samples (sozio-kulturelle Hintergründe, Bedeutung des Zeitraums (zurückliegende Gewalterfahrung)) erfolgte.

In Kapitel 1 erfolgt die Darlegung der historischen Entwicklung. Hierfür wird der Schwerpunkt auf die öffentliche Wahrnehmung der Gewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen gesetzt und die Autorin zeichnet die Entwicklungslinien und Diskurse der gesellschaftshistorischen Grundlegung und Voraussetzung von Beziehungsgewalt gegen Frauen nach. Insbesondere geht sie auf die Funktionalität der Gewalt (Gewalt als Mittel zur Aufrechterhaltung der Machtverhältnisse, Gewalt als Konfliktlösungsstrategie) und die historischen Rahmenbedingungen (die Ehe als rechtliche Legitimation von Gewalthandlungen) ein (S. 10). Vor dem Hintergrund dieser historischen Rahmenbedingungen, in denen die Gewalt in der Ehe gegen Frauen ‚begründet‘ und legitimiert war/ist, legt die Autorin als Grundlage des teils bis heute vorherrschenden gesellschaftlichen Ditkums, welches Frauen (allein) die Verantwortung für das Gewalthandeln des (Ehe)Partners zuschreibt, dar (S. 10).

Auf das einsetzende öffentliche Bewusstsein, welches erst in den 1970er Jahren im Zuge der Frauenbewegung langsam einsetzte und dazu beitrug, dass die Gewalt im sozialen Nahraum gesellschaftspolitisch und öffentlich thematisiert wurde, folgten die Schaffung von ersten Frauenhäusern und Frauenberatungsstellen in Europa. Strukturell gab es jedoch kaum Massnahmen und so blieb den betroffenen Frauen als Handlungsoption der Gang ins Frauenhaus, was den Frauen wiederum die alleinige Verantwortung zusprach, wenn sie diese Möglichkeit nicht ergriffen (S. 12). Mitte der 1980er Jahre setzten sich mit zunehmender internationaler Aufmerksamkeit politische und gesellschaftliche Massnahmen durch, welche auch zu rechtlichen Neuerungen führten (zB. in Deutschland die Verrechtlichung von Vergewaltigung in der Ehe 1997 und das Gewaltschutzgesetz 2002) (S. 13). Diese Neuerungen führten zu einem Paradigmenwechsel, welcher es ermöglichte, die Gewalt im Geschlechterverhältnis nicht mehr „[…] nur in moralischen oder psychologischen Termini zu diskutieren, sondern als Rechtsbruch ernst zu nehmen.“ (S. 14)

Vor dem Hintergrund dieser gesellschaftshistorischen Grundlegung und Voraussetzung führt die Autorin die Mehrdimensionalität ihrer Untersuchung ein und skizziert ihr Erkenntnisinteresse. Mit dem Ziel, aufgrund einer Perspektivenverschiebung (Herausstellung lebensweltlicher und biographischer Relevanzen gewaltbetroffener Frauen und nicht Reduzierung auf Opferstatus) die Gewalt als Phänomen sozialer Wirklichkeit besser verstehen zu lernen, wird zudem auch die zeitdiagnostische Charakteristik der Untersuchung aufgrund der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, betont (S. 15).

In Kapitel 2 wird der Problembereich als Forschungsgegenstand beleuchtet. Aufbauend auf begrifflichen Assoziationen aus verschiedenen theoretischen Perspektiven, wird die Komplexität des Forschungsgegenstandes und deren Relevanz und Einfluss auf die empirischen Forschungszugänge deutlich. So betrifft das Forschungsfeld ‚Gewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen‘ hauptsächlich zwei Komplexe: häusliche Gewalt (sämtliche Formen der Gewalt im sozialen Nahraum) sowie die Gewalt im Geschlechterverhältnis (Verletzung der körperlichen oder seelischen Integrität einer Person, welche mit der Geschlechtlichkeit des Opfers/des Täters zusammenhängt und unter Ausnutzung eines Machtverhältnisses durch die strukturell stärkere Person zugefügt wird (Hagemann-White, 1992, S. 23) (S. 22).

Entlang dieser zwei Komplexe skizziert die Autorin die weitere Entwicklung der verschiedenen Forschungstraditionen und deren Einfluss auf die jeweiligen Begrifflichkeiten. So wird zB. von den VertreterInnen des „family violence“ Ansatzes stärker die Problematik der Gewalt beziehungs- und interaktionsgebunden verstanden und die Betonung der Betroffenheit der gesamten Familie in den Vordergrund gerückt wohingegen die VertreterInnen des „women abuse“ Ansatzes, der aus einer patriarchatskritischen Sicht heraus entstand, die besondere Bedeutung von Männern als Tätern und Frauen als Opfern hervorheben (S. 22-23).

Neben diesen Forschungstraditionen ist zudem sowohl in theoretischer als auch methodischer Hinsicht die Frage danach, was unter Gewalt verstanden werden soll, bedeutend. Die Autorin illustriert die Relevanz und möglichen Implikationen für Forschungsdesigns, -fragen und -ergebnisse entlang verschiedener Ansätze: „Je nach Intention und Grundlegung der Begriffsbestimmung treten ursächliche, handlungsorientierte, genderbezogene, psychodynamische, individuelle oder strukturelle Kriterien dabei in den Vordergrund. Allen gemein ist dabei der Bezug auf eine bestimmte, als gewalttätig einzustufende Handlungsausrichtung. Die gesellschaftlichen Faktoren als Grundlage für die Gewaltausübung werden dabei zwar nicht immer in die Begriffsbestimmung integriert, bezüglich der Frage über diesen Zusammenhang herrscht jedoch ein allgemeiner Konsens.“ (S. 27).

In ihren Ausführungen zu den Erklärungsmodellen und Theorien zu häuslicher Gewalt geht Krause mit besonderem Fokus auf Lerntheorien darauf ein, dass in älteren Studien von der Idee des erlernten Verhaltensrepertoires ausgegangen wurde und davon, dass Frauen während des Sozialisationsprozesses durch auf Gehorsam und Unterwürfigkeit abzielende Weiblichkeitsbilder zu potenziellen Opfern und Männer durch die Vermittlung eines Macht- und Kontrollanspruchs zu potenziellen Tätern gemacht würden. Das Konzept der erlernten Hilflosigkeit sollte zudem Erklärungen liefern, weshalb Frauen ihre gewalttätigen Partner nicht verliessen. Da diese Ansätze die sozialen und kulturellen Faktoren und vor allem die Dimension der gesellschaftstheoretischen und machtheoretischen Sichtweisen ausser Acht lassen, legt Krause im weiteren Verlauf eine Auswahl neuerer Studien dar. Hierbei wird auf die erste und einzige grosse Repräsentativstudie in Deutschland („Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“) in Form einer Sekundäranalyse dieser eingegangen. Die Studie kommt zum Schluss, dass die Gewalt nicht zuletzt im Zusammenhang mit Geschlechterrollenspezifika stehe und eine Enttraditionalisierung von Geschlechterbeziehungen wünschenswert seien (S. 34). Neben dieser Sekundäranalyse erfolgt die Skizzierung von Evaluationsstudien, welche bestehende Interventionen des Hilfesystem bei häuslicher Gewalt in Deutschland untersuchten (S. 34-40).

Entlang von Forschungsarbeiten zu Frauen mit Gewalterfahrungen im Fokus qualitativer Biographieforschung und der Evaluationsstudien, skizziert die Autorin die Forschungsdesiderate und ihre Anknüpfungspunkte. So kommt sie zum Schluss, dass das Forschungsdesiderat in der Abkehr von Opfer- und Defizitperspektiven besteht. Anknüpfend daran formuliert sie das ihrer Untersuchung zugrundeliegende Erkenntnisinteresse, welches sich auf Potenziale und Ressourcen richtet und die Frau als eigenverantwortlich handelndes Subjekt betrachtet. Aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive formuliert Krause dann die Frage nach Entwicklungs-, Lern- und Bildungsprozessen hinsichtlich der Lebensgeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Gewalterfahrungen (S. 51).

Im 3. Kapitel (Forschungsdesign und Forschungsprozess) spitzt Krause ihre Untersuchung entlang vier aufeinander aufbauenden Prämissen bzw. Konzepten im Kontext sozial- und bildungswissenschaftlicher Biographieforschung theoretisch zu (S. 54-59):

  1. Zusammenhangsbildung als sinnstiftende Lebenskategorie

  2. Biographischer Bruch durch Gewalterfahrungen

  3. Biographische Kompetenz/Biografizität und biographische Arbeit

  4. Die Herauslösung aus der Opferrolle durch die Betrachtung der Frauen als aktive Subjekte

Die Grundlage der Untersuchung bilden narrativ-biographische Interviews (14 Interviews von denen 13 ausgewertet wurden) mit gewaltbetroffenen Frauen (S. 59). Um die forschungs-/erkenntnisleitende Fragestellung („Wie gehen Frauen mit ihren Erlebnissen um?“ (S. 63) zu bearbeiten, bildet die Grounded Theory in Form eines Orientierungsrahmens für den Umgang mit dem Material, die konzeptuelle Orientierung und die Kategorienbildung die Ausgangslage (S. 63).

Nach einer kurzen Darstellung (in Einzelfallperspektive) der Interviewpartnerinnen mit besonderem Fokus auf die Gewaltform und -kontext (S. 80-86) erfolgt die Erarbeitung des analytischen Fokus´, welcher eine Abkehr von Defizit- und Opferorientierungen ermöglichen soll (S. 88ff.). Hierfür setzt sich die Autorin mit der Auswertungsleitenden Frage auseinander: „Was machen Frauen mit diesen Erfahrungen bzw. wie bringen sie sie in ihr Leben ein und was nehmen sie für sich daraus mit?“ (S. 88). Vor dem Hintergrund des biographischen Zugangs und des Lern- und Bildungsprozesses macht die Autorin den Forschungsprozess sichtbar. So formulierte sie als zentrale und leitende Frage: „Wie stellen die von Gewalterfahrungen im Beziehungskontext betroffenen Frauen biographische Kompetenz her?“ (S. 88) Diese Fragestellung musste jedoch im Auswertungsprozess modifiziert werden, da Reflexionsfiguren, über die auf Lernprozesse hätte geschlossen werden können, aufgrund einer starken Opferorientierung der befragten Frauen nicht im empirischen Material anzutreffen waren (S. 88). Mit der Öffnung des Fokus folgte aus dem empirischen Material heraus die Bestimmung einer Schlüsselkategorie: bei den thematisierten Aspekten handelte es sich um Kontexte von Schuld (S. 90). Um sich mit dem zentralen Phänomen des Umgangs mit der Schuld seitens der Opfer auseinanderzusetzen, stellt die Autorin zwei Ebenen heraus: Schuld im Modus von Adressierung und Zuschreibung (inhaltliche Ebene) sowie Schuld im Modus von Begründung und Selbstbezug (Bezugsebene) (S. 97). Im weiteren Verlauf entwickelt Krause in Kapitel 4 (Ergebniskategorien, Musterdarstellung und Eckfallanalysen) auf der Grundlage der (Schuld)Bezugsebene (Schuld im Modus von Begründung und Selbstbezug) das integrative (1), das tentativ-reflexive (2) und das determinative Muster (3).

  1. Das integrative Muster. In diesem Muster steht die Schuld am Anfang und stellt den Generator für eine Auseinandersetzung dar, aus der in der Folge biographische Lernprozesse und darauf aufbauend individuelle Entwicklungen und Veränderungen erwachsen. Die Suche nach Erklärungen erfolgt zwar selbstkritisch aber Schuld und Verantwortung werden klar benannt und zugeordnet. Hierfür bilden die Schuld und deren Kontexte einen zentralen Aufhänger (S. 157).
  2. Das tentativ-reflexive Muster. Charakteristisch für dieses Muster ist die selbstkritische und hinterfragende Reflexion. Die betroffenen Frauen sind auf der Suche nach Antworten für ihre eigene im Nachhinein schwer nachvollziehbare Verhaltensweisen im Rahmen der Gewaltbeziehung. Insgesamt stellen die Frauen innerhalb dieses Muster keinen gesamtbiographischen Bezug her vor dem Hintergrund, dass Aspekte der Neuorientierung und der Verhaltenskonsequenzen fehlen. So hoffen die Frauen zwar auf gewaltfreie Beziehungen und sind zuversichtlich, doch zB. Wertverschiebungen (wie bei Muster 1) sind nicht auszumachen (S. 158ff).
  3. Das determinative Muster. Der Name dieses Musters referiert auf eine biographische Sinn- und Zusammenhangsbildung. Diese sind durch Annahmen eines schicksalhaften, vorbestimmten Verlaufs der Dinge charakterisiert. Charakteristisch für dieses Muster ist zudem, dass die Frauen die Gewaltbeziehung nicht in einen gesamtbiographischen Kontext als logische Folge des Erlebens und Verhaltens stellen, sondern die Lebensgeschichte episodisch unterteilen. So werden die Erfahrungen reflektiert und einzelne Entwicklungen begründet, er werden jedoch keine Zusammenhänge zwischen den Gewalterfahrungen und dem biographischen Gesamtverlauf hergestellt und zudem erfolgt keine Generalisierung oder Theoretisierung von Verhaltensphänomenen und die Reflexion bleibt auf die eigene Person bezogen (S. 195ff.).

Kapitel 5 rundet das Buch mit einer Schlussbemerkung und einer Bewertung/Logik der entwickelten Muster ab.

Diskussion und Fazit

Antje Katharina Krause beschäftigt sich in der Untersuchung zu ‚Gewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen aus der Retrospektive betroffener Frauen‘ mit dem Umgang mit Schuld von Seiten des Opfers und die Bedeutung dieses Umgangs für Lern- und Bildungsprozesse. Sie nähert sich differenziert den zentralen Begriffen und Theorien zu Paargewalt. Die Aufarbeitung des Forschungsstandes erfolgt fundiert und in einem angemessenen Umfang, jedoch mit dem primären Fokus auf Deutschland. Die Skizzierung des Forschungsdesiderats an welches die Autorin die Perspektivenverschiebung ihrer Untersuchung anknüpft, erfolgt gut nachvollziehbar und theoretisch sensitiv. Ihr Ziel, entlang dieser Perspektivenverschiebung (Herausstellung lebensweltlicher und biographischer Relevanzen gewaltbetroffener Frauen und nicht Reduzierung auf Opferstatus) die Frauen als aktiv handelndes Subjekt, als Regisseurin ihres eigenen Lebens zu verstehen erreicht die Autorin mit ihrer Untersuchung methodisch und theoretisch sensibel für die Hintergründe der jeweiligen Interviewpartnerinnen. In der Schlussbemerkung wäre jedoch eine Diskussion unter Bezugnahme auf die eingangs betonte zeitdiagnostische Charakteristik der Untersuchung aufgrund der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (S. 15) sehr interessant gewesen.

Krause, die in ihrer Untersuchung die Schuld als wesentlicher Reflexionshintergrund identifiziert, hebt den Zusammenhang von Schuld im Modus der Verarbeitung der Gewalterlebnisse und deren biographischer Integration hervor und zeigt auf der Grundlage der drei Muster (das integrative, das tentativ-reflexive und das determinative Muster), welche die Autorin im Rahmen der Untersuchung entwickelt, differenziert auf, wie die Frauen ihre Erfahrungen in ihre Biographie einordnen. Unter Bezugnahme auf Lernprozesse, skizziert Krause vor dem Hintergrund dieser drei Muster, wie und in welchen Ausprägungen die Frauen, das Selbst als handelndes und aktives Subjekt auffassen und welche positiven biographischen Aspekte sie dem Erlittenen vor dem Hintergrund der derzeitigen Lebenssituation abgewinnen können.

Krause wird denn auch ihrer Grundhaltung gerecht und löst ihre Grundintention (Abkehr von Defizit- und Opferorientierungen) (S. 91) ein, indem sie sich fundiert und differenziert wissenschaftstheoretisch zum Zusammenhang von Schuld aus Sicht der Opfer auseinandersetzt. Hierfür begreift sie die Bezugnahme auf Schuld als Kompetenz im Rahmen der Biographisierung. Der Autorin gelingt es, durch das zentrale Phänomen des Umgangs mit der Schuld, der ein Opfer gegenübersteht, eine Perspektive einzunehmen, welche sich von herkömmlichen Konzepten der Opferbetrachtung abhebt. Durch ihre subjektbezogene Betrachtung und die Annäherung an Schuld als Potenzial aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive, betrachtet Krause Schuld als Biographiengenerator, der Prozesse der Bearbeitung in Gang bringen kann (S. 96) und so gelingt es ihr, sich von der Defizitperspektive zu lösen und sich einer aktiven Subjektperspektive zu nähern.


Rezensentin
Susanne Nef
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), Dept. Soziale Arbeit und promoviert zu Bedingungen und Verläufen von Paargewalt
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Zitiervorschlag
Susanne Nef. Rezension vom 04.07.2016 zu: Antje Katharina Krause: Gewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen aus der Retrospektive betroffener Frauen. Eine biographieanalytische Untersuchung. Cuvillier Verlag (Göttingen) 2016. ISBN 978-3-7369-9187-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20684.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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