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Christa Kolodej: Struktur­aufstellungen für Konflikte, Mobbing und Mediation

Cover Christa Kolodej: Strukturaufstellungen für Konflikte, Mobbing und Mediation. Vom sichtbaren Unsichtbaren. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2016. 202 Seiten. ISBN 978-3-658-11427-5. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 42,50 sFr.
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Thema

Es scheint, als rücke das Thema Konflikte und Mobbing zunehmend in den Fokus. Das wäre nicht weiter überraschend, denn viele Gegebenheiten der Zeit sind konfliktproduktiv: die Beschleunigung (nicht nur) in der Arbeitswelt, die Arbeit in wechselnden, häufig auch multikulturellen Teams, steigende Anforderungen an Effektivität und Leistungsbereitschaft, Knappheit von Arbeitsplätzen und damit verstärkter Konkurrenzdruck, gesellschaftliche und globale Antagonismen etc. Das bedeutet natürlich nicht, dass man es bei Konflikte und Mobbing mit neuen Phänomenen zu tun hat, sie sind vielmehr schon mit dem Menschsein selbst gesetzt. Aber es kann kein Zufall sein, dass Mediation das Beratungsformat ist, dem es von allen neueren Disziplinen gelungen ist, eine geschützte Berufsbezeichnung zu installieren. Es kann auch kein Zufall sein, dass Mediationsausbildungen sich nach wie vor nicht über mangelnde Nachfragen beklagen müssen. Wer also ein neues Buch zum Thema Konflikte, Mobbing und Mediation schreibt, kann sich gewiss über hohe Aufmerksamkeit freuen.

Es gibt ein zweites Stichwort im Titel des Buches, das möglicherweise etwas weniger vertraut ist, nämlich „Strukturaufstellungen“. Darunter kann sich nicht jede/r etwas vorstellen – was es noch einmal spannender macht, zu dem Buch zu greifen: Ein neuer Zugang zu einem alten Thema? Das wäre allemal lesenswert. Was verbirgt sich hinter diesem Wort? Christa Kolodej ist – neben anderem – systemische Therapeutin (SySt). Sie hat also am SySt-Institut in München bei Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd die Systemischen Strukturaufstellungen kennengelernt und sie auf ihren Ertrag für das geprüft, was sie in ihrem Beruf hauptsächlich beschäftigt: Konflikt- und Mobbingberatung. Das Buch zeigt, wie wertvoll diese methodischen Zugänge sind.

Autorin

Prof. Dr. Dr. Christa Kolodej hat Psychologie und Soziologie studiert, ist ausgebildete Mediatorin und systemische Therapeutin (SySt). Sie arbeitet unter anderem als Gastprofessorin am Psychologischen Institut der Karl-Franzens-Universität Graz. Sie gilt als Pionierin der österreichischen Mobbingforschung und leitet das Zentrum für Konflikt- und Mobbingberatung.

Aufbau und Inhalt

Die Einleitung erläutert vor allem den Untertitel des Buches: „Vom sichtbaren Unsichtbaren“: Bei der Bearbeitung von Konflikten hat es sich als wirksam erwiesen, übersehene oder unbewusste Aspekte mit einzubeziehen: das Fokussieren auf die Beziehungsebene, das Reden über hinter den Konflikten liegende Bedürfnisse, das Transparentmachen der den Verhandlungen zugrundeliegenden Interessen etc. In den Systemischen Strukturaufstellungen werden unbewusste Aspekte z.B. durch die „Aufstellung des ausgeblendeten Themas“ sichtbar gemacht – „vom sichtbaren Unsichtbaren“.

Das zweite Kapitel befasst sich mit „Konfliktmanagement“. Zunächst greift Kolodej auf die Arbeiten von Glasl zurück. Sie schildert die Basismechanismen und die Hauptphasen der Konflikteskalation, um dann nach Interventionsmöglichkeit in der jeweiligen Phasen zu fragen. Danach beschreibt sie die Unterschiede von Konflikt und Mobbing, stellt ihren „Schnelltest Mobbing“ vor und definiert „Mobbing“. Danach skizziert sie ein „lösungsfokussiertes Konfliktmanagement“, das – nach der Schule von Milwaukee – sich eher der Analyse von Lösungen als der von Problemen (oder Konflikten) widmet. Sie beschreibt lösungsfokussierte Fragetechniken, Skalenarbeit, typische Formen von Beratungsbeziehungen etc. Ein weiterer Abschnitt ist den Settingtechniken im Konfliktmanagement gewidmet: „Die Wahl der Sitzordnung hat eine strukturierende Wirkung und fördert oder hemmt die Kommunikation zwischen den Konfliktparteien.“ (S. 35) Der Anhang zum zweiten Kapitel bietet einige eher tabellarische Beiträge: Einen „Test zur Erfassung von Mobbingverhaltensweisen am Arbeitsplatz“, eine Aufstellung der „Mobbinghandlungen nach Leymann“ und „Die sieben Dimensionen der lösungsfokussierten Konfliktanalyse von Scheinecker“. Ein Literaturverzeichnis beendet das Kapitel.

Das dritte Kapitel gibt einen Überblick über die „Wurzeln der systemischen Strukturaufstellungsarbeit“. Die Systemischen Strukturaufstellungen (SySt) wurden von Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd entwickelt. Insa Sparrer schreibt: „Die SySt haben zwei Herkunftsbereiche: Ansätze aus Therapie und Beratung sowie aus Philosophie und Logik.“ (zitiert nach S. 55) Kolodej nennt und skizziert folgende Quellen aus dem Bereich der Therapie bzw. Beratung: das Psychodrama nach Moreno, die Familienskulptur und -rekonstruktion nach Virginia Satir, de Hypnotherapie Milton H. Ericksons und die lösungsfokussierte Therapie nach Steve de Shazer und Insoo Kim Berg.

Das vierte Kapitel zeigt die „Grundlagen der systemischen Strukturaufstellungen“ und fragt nach Integrationsmöglichkeiten in das Konfliktmanagement und in die Mediation. Grundlegende Interventionsformen werden ebenso beschrieben wie die Metaprinzipien der Strukturaufstellungen. Die Autorin listet am Ende des Kapitels „Besonders geeignete Kurzinterventionsformate für den Konfliktbereich“ (S. 94) Auch dieses Kapitel hat, wie alle anderen, ein eigenes Literaturverzeichnis.

Im fünften Kapitel werden „Aufstellungsformate für das Konfliktmanagement“ beschrieben. Kolodej illustriert alle Formate mit Bildern, die mit dem Programm „Coachingspaces“,mit dem virtuelle Aufstellungen abgebildet werden können, hergestellt wurden. Die „Aufstellung des ausgeblendeten Themas“ ist eines der Grundformate, an denen die auch typische Interventionsformen erläutert. Das „Tetralemma“ ist ein weiteres Format, ferner Problemaufstellung und Supervisionsaufstellung. Die Autorin hat auch eigene Aufstellungsformate entwickelt wie z.B. die Konfliktperspektivenaufstellung und die Mobbingaufstellung. Im Folgenden stellt sie weitere SySt-Formate vor: Das „lösungsgeometrische Interview“, die „Ressourcenaufstellung“ (erweitert durch „Alter-Ego-Ressourcenaufstellung“), die Glaubenspolaritätenaufstellung, die Familenstrukturaufstellung etc. Wer die SySt-Formate kennt, wird interessiert sein, wie sie ihre Wirksamkeit bei der Arbeit an Konflikten und Mobbingsituationen zeigen.

Das sechste Kapitel ist überschrieben mit „Mediation“. Kolodej definiert Mediation folgendermaßen: „Mediation ist ein freiwilliges, lösungsorientiertes Vermittlungsverfahren, welches durch eine unparteiische dritte geschulte Person geleitet wird.“ (S. 157) Die Grundannahmen der Mediation werden dargestellt, danach die Phasen. Dann wird die lösungsfokussierte Variante der Mediation skizziert, danach die Mediation mit Stellvertretung, die eine Brücke schlägt zur Aufstellungsarbeit. Nach Mediation mit psychologischer Beratung und mediativer Einzelberatung wird das „Sofa des Glücks“ von Stefan Hammel vorgestellt und abschließend eine Mediationsaufstellungs-Miniatur. Das siebte und achte Kapitel beschäftigen sich mit der „Mediationsstrukturaufstellung“. Kapitel 7 ebschreibt die Einbindung der Aufstellung in den Mediationsprozess, Kapitel 8 zeigt anhand einer Fallbeschreibung den Verlauf einer Mediationsaufstellung.

Ein kurzes Nachwort mit einer Geschichte von Paulo Cuelho beschließt das Buch.

Diskussion

PraktikerInnen und WissenschaftlerInnen, die in der Lage sind, Brücken zu schlagen zu neue Verbindungen zu knüpfen, bringen ihr eigenes Fach voran und eröffnen anderen Fachbereichen neue Perspektiven. Christa Kolodej ist eine dieser Brückenbauerinnen, die ihr psychologisches und (betriebs-)soziologisches Wissen und Können angereichert hat mit den neueren Konzepten der Systemischen Strukturaufstellungen und der lösungsfokussierten Arbeit. Sie kann zeigen, dass Konfliktmanagement und Mediation Arbeitsbereiche sind, in denen die genannten Konzepte sich als äußerst hilfreich erweisen. Dass SySt-Formate in allen möglichen Arbeitsfeldern einsetzbar sind, wird dann plausibel, wenn man verstanden hat, dass Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd die Systemischen Strukturaufstellungen als eine Form der „transverbalen Sprache“ verstehen. Es ist kaum vorstellbar, dass es Themen gibt, über die man in einer Sprache nicht sprechen könnte. Das umso mehr, wenn es um ein genuin menschliches Thema wie Konflikte geht. Christa Kolodej spricht diese Sprache fließend und kompetent – und neben dieser „Sprachkompetenz“ verfügt sie über eine Feldkompetenz, die sich aus einer 25jährigen Berufserfahrung im Bereich Konfliktmanagement und Mediation speist.

Der Titel „Prof. Dr. Dr.“ sollte tunlichst nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier eine Praktikerin schreibt – und zwar für die Praxis. Sowohl MediatorInnen als auch MobbingberaterInnen werden das Buch mit einem hohen Gewinn lesen, systemische BeraterInnen, die mit den SySt-Formaten vertraut sind, werden die Perspektiverweiterung Richtung Konflikte und Mobbing sehr schätzen. (Christa Kolodej leitet mittlerweile auch Fortbildungen am SySt-Institut in München.) Das methodische Repertoire und nicht zuletzt die Haltung, die das Buch vermittelt, werden sich als hochwirksam im Beratungsprozess erweisen.

Fazit

Das Buch bietet eine bereichernde und inspirierende Begegnung von vertrauten Sichtweisen auf Konflikte und neueren Konzepten, wie Unsichtbares sichtbar gemacht werden kann. Da gerade im Mobbing und andere Konfliktlagen oft mehr Unsichtbares als Sichtbares wirksam ist, ist das Sichtbarmachen eine wirksame Strategie, eine Lösung wahrscheinlicher zu machen. Eine unbedingte Kaufempfehlung für alle, die als BeraterInnen und/oder MediatorInnen mit dem Themenfeld Konflikte und Mobbing befasst sind: Sie werden viele neue Impulse und Perspektiven gewinnen und einem in hohem Maße praxisrelevanten Buch begegnen. Und dann wird sich möglicherweise ereignen, was die Autorin dem Buch als Widmung voranstellt: „Du öffnest die Bücher und sie öffnen dich.“ (Tschingis Aitmatow)


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 05.07.2016 zu: Christa Kolodej: Strukturaufstellungen für Konflikte, Mobbing und Mediation. Vom sichtbaren Unsichtbaren. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-11427-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20690.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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