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Monika Hammerla: Bewegen ist Leben

Cover Monika Hammerla: Bewegen ist Leben. Menschen mit Demenz mobilisieren. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2016. 150 Seiten. ISBN 978-3-89993-348-2. 26,95 EUR.
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Autorin und Autor

Monika Hammerla ist als Fachpflegekraft für Gerontopsychiatrie und Geriatrische Rehabilitation tätig. Zusätzlich wirkt sie als Fachtherapeutin für Gedächtnistraining (Stengel Akademie Stuttgart) und als Fachbuchautorin.

Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Horst Claassen arbeitet am Institut für Anatomie und Zellbiologie der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Kapitel 3: Altersveränderungen des Bewegungsapparates – anatomische und physiologische Grundlagen, Seite 25 – 39).

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist in drei Teile mit insgesamt dreizehn Kapiteln untergliedert.

Im ersten Teil Grundlagen (Seite 14 – 43) wird zu Beginn auf die Problematik des Bewegungs- und Mobilitätsmangels alter Menschen bezüglich ihrer Auswirkungen auf Seele und Körper eingegangen. Es wird betont, dass Fitness und Mobilität ein wichtiger Indikator für Lebensqualität im Alter darstellt. Horst Claassen erläutert hieran anschließend sehr ausführlich die anatomischen und physiologischen Grundlagen der Altersveränderungen des Bewegungsapparates – vom Bindegewebe über die Skelettmuskel, das Knochengewebe, die Gelenke und Gelenkknorpel bis hin zum zentralen Nervensystem. Den Abschluss bilden Ausführungen über Kriterien körperlicher Fitness pflegebedürftiger alter Menschen: Gangsicherheit, Selbständigkeit in der Alltagskompetenz, Beweglichkeit der Extremitäten und des Rumpfes und die so genannte „Grundsportlichkeit“. Mobilitätsbeeinflussende Faktoren sind u. a. Schmerzen, Sturzrisiken, soziale Faktoren wie z. B. Vereinsamung und Verarmung, kognitive Aspekte wie Gedächtnisleistungen, der Ernährungszustand und auch die Inkontinenz.

Teil 2 Expertenstandards (Seite 46 – 56) enthält Informationen über die Entstehung und Funktion dieser Richtlinien, die vom Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) im Kontext der Pflegeversicherung entwickelt wurden. Hierbei geht es vor allem um die Verbesserung der Leistungsangebote auf der Grundlage der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse. Folgende Expertenstandards sind mittlerweile bereits im Bereich der Pflege erstellt worden: Dekubitusprophylaxe, Entlassungsmanagement, Schmerzmanagement bei akuten und bei chronischen Schmerzen, Sturzprophylaxe, Harninkontinenz, chronische Wunden und Ernährungsmanagement. Eingehend wird dann auf den Expertenstandard „Erhaltung und Förderung der Mobilität in der Pflege“ eingegangen. Bei der Verwendung dieses Standards im Alltag geht es u. a. um folgende Elemente: Prüfung der noch vorhandenen Ressourcen, Definition der Ziele (z. B. Mobilität erhalten und Lebensfreude vermitteln), das Spektrum an möglichen Maßnahmen sondieren, Erstellung individueller Maßnahmenpläne, regelmäßige Durchführung der Leistungsangebote und der Evaluation einschließlich eventueller Modifizierungen. Es bedarf des Hinweises, dass der Expertenstandard „Erhaltung und Förderung der Mobilität in der Pflege“ bisher nur im Entwurf vorliegt und somit noch keine Verbindlichkeit für die Pflege besitzt (Seite 47).

In Teil 3 Praxis (Seite 58 – 141) geht es um die konkrete Anwendung dieser Handlungsrichtlinie in verschieden Arbeitsfeldern der Pflege und Betreuung. Zu Beginn werden Bewegungs- und Mobilisationskonzepte für den häuslichen Bereich, die Rehabilitation und den Heimbereich vorgestellt: z. B. Sport im Verein oder im Fitnessstudio, regelmäßige Spaziergänge mit dem Hund, sanfte asiatische Bewegungsformen wie Qigong oder auch Wandern oder Radfahren für die Lebensgestaltung im Privathaushalt. Die Autorin referiert im folgenden Kapitel die Reisberg-Skalen unter dem Gesichtspunkt der angemessenen Bewegungsangebote, indem sie für jede der sieben Krankheitsphasen konkrete Aktivierungsangebote unterbreitet. Dies geschieht z. B. anhand eines Tagesablaufes in einer Demenzwohngruppe für Bewohner in den Phasen 5 – 6 (mittelschwere und schwere Demenz) mit allen damit verbundenen Pflege- und Betreuungsleistungen. Es folgen Ausführungen über Bewegungsangebote für Schlaganfall- und Parkinsonpatienten. Des Weiteren werden die Voraussetzungen für die Mobilitätsförderung im Heimbereich wie Qualifikation der Mitarbeiter, räumliche Gegebenheiten und die erforderlichen Materialien (z. B. Bälle, Rhythmusinstrumente und ein CD-Player) aufgelistet. Den Abschluss bilden verschiedene Bewegungs- und Mobilitätsübungen als Gruppen- und Einzelübungen wie z. B. „Standard Koch- und Backgruppe“, „Standard Gehtraining mit Geräten oder auf Treppen“, „Standard Spaziergang und Gehtraing“ und „Standard Wandergruppe“. Auch Tänze werden angeführt – „Standard Tanzcafé“. Es folgen besondere Angebote für die Einzel- und Gruppenaktivierung ebenfalls in Standardform wie „Morgenrunde“, „Bewegung und Poesie“, „offener Kreis“, Einzelbetreuung und Basale Stimulation. Jeder dieser „Standard“ ist in die Kategorien Indikation, Ziele, Maßnahmen, Dauer, Nachbereitung und Qualifikation der Durchführenden unterteilt.

Diskussion und Fazit

Das Aktivieren und Mobilisieren hochbetagter gebrechlicher Menschen besitzt einen hohen Stellenwert für das körperliche Befinden und auch das psychische Wohlbefinden. Hierzu gehören Fachwissen, Erfahrung und vor allem Einfühlungsvermögen, gilt es doch oft recht hilflose und resignierende alte Menschen ohne Druck zu motivieren sich zu bewegen. Und sei es nur ein Spaziergang im Flurbereich eines Heimes. Die Autorin zeigt in ihren praxisnahen Ausführungen zu dieser Thematik, dass sie jahrelange Berufserfahrung in diesem Wirkungsfeld zu besitzen scheint. Auf diesem Hintergrund können die verschiedenen Anregungen für die Praktiker vor Ort von Nutzen sein.

Problematisch erscheinen dem Rezensenten einige Ungereimtheiten, die nicht zu einem Fachbuch passen. Folgende Punkte gilt es zu bemängeln:

  • Das zentrale Konstrukt für die Ableitung der Aktivierungsmaßnahmen aus hirnpathologischen Abbauprozessen im Rahmen der Demenz ist die Retrogenese (krankhafter Rückentwicklungsprozess der geistigen und körperlichen Kompetenzen) nach Barry Reisberg. Dieses Modell wird hingegen weder genannt noch hinsichtlich der damit verbundenen Krankheitssymptome und Umgangsstrategien vertiefend erläutert, obwohl es sich doch bei den Abbaustufen um das wesentliche Element der Demenzthematik des vorliegenden Buches handelt. Eigenartig ist zusätzlich der Sachverhalt, dass die Inhalte der Tabelle mit den Reisberg-Skalen auf Seite 78 in der angegebenen Literatur (Barry Reisberg: Hirnleistungsstörungen: Alzheimersche Krankheit und Demenz, Weinheim 1987) nicht enthalten sind.
  • Die Autorin arbeitet mit dem bloßen Entwurf eines Expertenstandards. Mehr Verhaltenssicherheit bei allen Beteiligten würde entstehen, wenn man die Veröffentlichung dieser Richtlinie im Bundesanzeiger als Indiz für die Verbindlichkeit der Inhalte abgewartet hätte. Das Buch ist somit einfach zu früh erschienen.
  • Die inflationäre Verwendung des Begriffes „Standard“ im letzten Kapitel führt zur Verwirrung, weiß der Leser doch nicht, ob es sich hierbei um die Standards des Deutschen Netzwerkes für Qualitätsentwicklung in der Pflege oder um die „Standards“ der Autorin im Sinne von Empfehlungen handelt.

Die vorliegende Veröffentlichung vermag trotz einiger wertvoller Praxishinweise nicht zu überzeugen, wird doch der Themenschwerpunkt Mobilisierung Demenzkranker unter dem Gesichtspunkt eines standardisierten und damit verbindlichen Vorgehens nicht ausreichend ausgearbeitet.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 16.09.2016 zu: Monika Hammerla: Bewegen ist Leben. Menschen mit Demenz mobilisieren. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2016. ISBN 978-3-89993-348-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20695.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


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