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Franziska Dübgen, Stefan Skupien (Hrsg.): Afrikanische politische Philosophie

Cover Franziska Dübgen, Stefan Skupien (Hrsg.): Afrikanische politische Philosophie. Postkoloniale Positionen. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2015. 353 Seiten. ISBN 978-3-518-29743-8. D: 17,00 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 24,50 sFr.
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Thema

„Ich sehe schwarz – ich weiß!“ Bei der von der GEZ (GebührenEinzugsZentrale) gekonnt erstellten Medienkampagne gegen Schwarzfernsehen und -Rundfunkhören sitzen sich zwei Männer gegenüber, ein hell- und ein dunkelhäutiger, die sich gegenseitig darauf hinweisen, dass sie sich des Unrechts bewusst sind, die Medien zu benutzen, ohne dafür zu bezahlen. Das Wortspiel ist geeignet, auf die Situation hinzuweisen, die sich im Verhältnis zwischen Weißen und Schwarzen über die Jahrhunderte hinweg – und bis heute – darstellt. Schauen wir uns mal an, wie der in seiner Zeit hochgeachtete Missionar, Sprachforscher, Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften und Direktor des Internationalen Afrika-Instituts in London, Dietrich Westermann (1875 – 1956) urteilte: „Das Geschick des Afrikaners ist für alle absehbare Zeit mit dem des Europäers aufs engste verbunden, ja es ist von ihm abhängig, er ist der Schüler und Arbeitnehmer, wir die Lehrer und Arbeitgeber, aber auch: wir sind die Herren und er der Untergebene“ (D. Westermann, Der afrikanische Mensch und die europäische Kolonisation, in: Georg Wüst, Hrsg., Kolonialprobleme der Gegenwart, Berlin 1939, S. 67). Es war seine Meinung und die der Mehrheit in der Bevölkerung! Er hat diese Auffassung nicht erfunden! Sie war da! Schon lange! Ganz selbstverständlich!

Das Beispiel mag als Hinweis darauf gelten, wie sich das heute als rassistisch und menschenfeindlich empfundene Verständnis von Weißseins- und eurozentrierten Einstellungen gebildet hat und praktiziert wurde. Sie haben den Sklavenhandel und den Kolonialismus ermöglicht; und sie wirken bis heute in den ethnozentrierten, nationalistischen und rechtspopulistischen Höherwertigkeitsvorstellungen (Maureen Maisha Eggers / Grada Kilomba / Peggy Piesche / Susan Arndt, Hrsg., Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Unrast-Verlag, München 2005. 550 S.).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Der belgische Missionar und Ethnologe Placide Tempels hat mit seinem 1945 erschienenem Werk „La Philosophie Bantoue“ die von den Weißen bereitwillig übernommene Kunde verbreitet, dass Afrika keine Geschichte habe und die Afrikaner nicht philosophieren könnten. Gegen diese Auffassungen wehrten sich die afrikanischen Intellektuellen, etwa mit der (Befreiungs-)Philosophie „Négritude“, wie sie von Aimé Césaire und Léopold Sédar Senghor entwickelt wurde (Léopold Sédar Senghor, Négritude und Humanismus, Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf/Köln 1967, 324 S.), wie auch dem umfangreichen Werk zur Allgemeinen Geschichte von Afrika durch Joseph Ki-Zerbo, der „Kleinen Geschichte Afrikas“ von Winfried Speitkamp, bis hin zu den Erzählungen in dem kürzlich erschienenem Buch „Afrika – Geschichte eines bunten Kontinents“ von Lutz van Dijk (Peter Hammer Verlag). Mit der Kritik an der Négritude“ durch afrikanische Philosophen wie Henry Odera Oruka, Paulin Hountondji, Peter Bodunrin, Kwasi Wiredu und anderen entstanden philosophische Denkrichtungen und Lebenslehren, die sich abwendeten von den philosophisch-ethnographischen Beschreibungen von Kulturen und hinorientierten zu einem universal ausgerichtetem, politischem Philosophieverständnis. Der Perspektivenwechsel wird deutlich. Während in der Négritude die Unterschiede zwischen dem anthropologischen, descartschen Denken des Europäers – „Ich denke, also bin ich“ – und dem afrikanischen Bewusstsein – „Ich fühle den Anderen, ich tanze den Anderen, also bin ich“ – herausgestellt werden, wird in der kommunalistischen Denkweise, etwa bei John Mbiti, formuliert: „Ich bin, deshalb sind wir; und wir sind, deshalb bin ich“.

Die von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 beschlossene Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die als "„globale Ethik“ definiert wird, hat im Laufe der Jahrzehnte Ergänzungen und Relativierungen erfahren; so etwa durch die arabischen Staaten, und auch durch die afrikanischen: Die „Afrikanische Charta der Menschenrechte und der Rechte der Völker vom 21. Oktober 1986, in der neben den größtenteils von der Menschenrechtsdeklaration übernommenen Rechte auch Pflichten besonders herausgestellt werden. So heißt es in Artikel 19: „Alle Völker sind gleich; sie besitzen die gleiche Würde und haben die gleichen Rechte. Nichts kann die Herrschaft eines Volkes über ein anderes rechtfertigen“; und in Artikel 28: „Jeder Einzelne hat die Pflicht, seine Mitmenschen zu respektieren und sie ohne jede Diskriminierung zu achten und Beziehungen zu ihnen zu pflegen, die es ermöglichen, gegenseitige Achtung und Toleranz zu fördern, zu schützen und zu stärken“.

Die Politikwissenschaftlerin von der Universität Kassel, Franziska Dübgen und der Berliner Autor und Journalist Stefan Skupien geben den Band mit dem Ziel heraus, sich mit den politisch-philosophischen Diskursen und Konzepten von afrikanischen Intellektuellen in den Zeiten der Globalisierung und der internationalen Migrationsbewegungen auseinander zu setzen.

Aufbau und Inhalt

Die vorgestellten Texte von 13 ausgewählten, afrikanischen politischen Philosophen und Gesellschaftswissenschaftlern werden in vier Kapiteln aufgeführt. Dabei handelt es sich um Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an afrikanischen Universitäten tätig sind, wie auch um solche, die an Hochschulen in Europa, den USA und in anderen Ländern wirken. Ihre Texte wurden sowohl in eigenen Werken, als auch in Anthologien und anderen Printmedien abgedruckt. In der ausführlichen Einleitung wird vom Herausgeberteam „Das Politische in der Afrikanischen Philosophie“ in die vorfindbaren Trends im afrikanischen, philosophischen Diskurs eingeordnet, die regional- und globalpolitischen Entwicklungen skizziert und auf synonyme, antonyme und kontroverse Konzepte verwiesen. Bei der Auswahl der Texte konzentrieren sich die Herausgeber auf Veröffentlichungen, „die für politische und normative Fragen im deutschsprachigen Raum von Relevanz sind“; dabei verzichten sie (aus Platz- und nicht aus Wertungsgründen) auf die Präsentation von Stimmen aus dem afrikanisch-islamischen und dem portugiesisch-sprachigen Bereich.

  1. Im ersten Kapitel des Sammelbandes, der als Handreichung und nicht als Bestandsaufnahme konzipiert ist, werden Texte zu „Postkolonialismus und die Afrikanische Philosophie“ aufgeführt;
  2. im zweiten geht es um „Appropriating der Master´s Weapons – Postkoloniale Perspektiven auf Entwicklung, Liberalismus, Menschenrechte und Demokratie“;
  3. im dritten werden Fragen zu „Gender, Emanzipation und Kolonialismus“ präsentiert;
  4. und im vierten Kapitel sind es Darstellungen über „Ethik und Kosmopolitismus aus dem globalen Süden“.

Der aus Eritrea stammende, an der US-amerikanischen Morgan-State-University in Baltimore lehrende Philosoph und Religionswissenschafter Tsenay Serequeberhan reflektiert in seinem Beitrag „Die Philosophie und das postkoloniale Afrika“ über Historizität und Denken. Er geht den Fragen nach, welche Zielsetzungen die „Helden der neokolonialen Emanzipation“ verfolgten, als sie den Unabhängigkeitskampf gegen die Kolonialherrschaft führten; welche Visionen und Illusionen sie hatten und welchen Irrtümern sie dabei aufsaßen; etwa denen, wie dies der argentinische Philosoph Enrique Dussel ausdrückt, „dass sie aus den Händen Englands, Frankreichs oder Belgiens in die Hände der Vereinigten Staaten fielen“. Es sind die „hybriden Überreste der kolonialen und vorkolonialen Vergangenheit“, die heutige afrikanische Wirklichkeiten begründen und zementieren. Dies im afrikanischen und globalen Diskurs zu thematisieren, analysieren und schließlich mit den politischen, gesellschaftlichen und philosophischen Werkzeugen des hermeneutischen Denkens für den Bau einer gemeinsamen afrikanischen Zukunft zu nutzen, das ist sein Plädoyer für „eine radikale Hermeneutik der gegenwärtigen afrikanischen Lage“.

Der Philosoph Olúfémi Táiwó kommt aus Nigeria. Er ist Mitbegründer der International Society for African Philosophy. Er ist am Africana Studies & Research Center an der Cornell University in Ithaca/New York City tätig. Mit seinem Beitrag „Afrikanische politische Philosophie in der Post-Unabhängigkeitsära“ fragt er, wieso die von afrikanischen Staatsmännern und Intellektuellen vertretenen politischen, demokratischen und humanen Ideen, Ordnungskonzepte und Programme allzu oft in den Wirklichkeiten des politischen und gesellschaftlichen Lebens scheitern oder sich verändern hin zu autokratischen, diktatorischen und korrupten Systemen. Als Maßstab seiner Analyse nimmt er zum einen die philosophischen Anthropologien, die den politischen Programmen zugrunde liegen, zum zweiten die Phänomene, die sich in den meist etablierten Einparteiensystemen zeigen, und zum dritten die Entwicklungen, wie sie sich bei den Begründungen, Realisierungen und schließlich beim Scheitern der Konzepte des „afrikanischen Sozialismus“ darstellen. „Die afrikanischen Führer maßen dem Thema der menschlichen Natur besondere Aufmerksamkeit zu, weil ihrer Erfahrung nach die Aberkennung der Menschlichkeit der Afrikanerinnen und Afrikaner einen Grundpfeiler kolonialer Herrschaft darstellte“. Obwohl er bei seiner historischen und aktuellen Betrachtung überwiegend die Argumente und Gegenargumente von Apologeten und Kritikern heranzieht, verhehlt er nicht, dass er sozialistische, politische Ordnungsvorstellungen für das soziale Leben der Menschen und für Regierungshandeln in afrikanischen Ländern favorisiert.

Der 1934 geborene Kameruner Philosoph Fabien Eboussi Boulaga gibt die Zeitschrift „Terroirs. Revue africaine de sciences sociales et de la philosophie“ heraus. Im Internetdiskurs wird er als „l´un des rares philosophers du Muntu au Sud du Sahara“ bezeichnet. Er provoziert mit dem Hinweis: „Wenn wir den Begriff ‚Entwicklung‘ akzeptieren, sind wir verloren“ und fordert zur Notwendigkeit einer gegenseitigen „Dekolonisierung unseres Denkens“ auf. Mit der Frage seines legendären Dorfbewohners im afrikanischen Busch – „Wann um Himmels Willen ist eure Unabhängigkeit endlich zu Ende?“ – will er natürlich nicht zurück zu kolonialen Abhängigkeiten; vielmehr geht es ihm darum aufzuzeigen, dass die durch die staatliche Unabhängigkeit entstandenen Herausforderungen von den afrikanischen Machthabenden nicht im Sinne einer „afrikanischen Identität“, sondern einer konsumtiven Haben-Mentalität verstanden werden. Wir müssen, so rät er seinen Landsleuten, Entwicklung und Fortschritt in der Machthabung der westlichen und kapitalistischen Zivilisationen umdeuten hin zu einem (echten afrikanischen) Bewusstsein, „dass unsere sogenannte Identität immer in Beziehung zu den Menschen steht, mit denen wir zu tun haben“. Eine „gegenseitige Dekolonisierung“ ist notwendig, denn „man kann sich nicht von (kursiv, JS) Tradition befreien, sondern man befreit sich durch (kursiv) Tradition“.

Der sambische, in den USA lebende und lehrende Politikwissenschaftler Chisanga N. Siame nimmt sich mit seinem Beitrag „Zwei Freiheitsbegriffe aus afrikanischer Perspektive“ die von Sir Isaiah Berlin (1909 – 1997) entwickelten „positiven“ und „negativen“ Freiheitsdefinitionen vor und fragt angesichts des Diskurses und der Relativierungsbemühungen im afrikanischen Diskurs über die Bewertung und Positionierung zu den unmenschlichen Regimen der Sklaverei, des Kolonialismus und von neokolonialen Entwicklungen nach den politischen, demokratischen und aufklärerischen Lösungsmöglichkeiten in afrikanischen Staaten. Der von Berlin eingebrachten Feststellung, dass sich die Freiheit eines Landes ausdrücklich von der Freiheit seiner Bürger unterscheiden könne und die Landesfreiheit sich nicht unbedingt auf die seiner Bürger erstrecken müsse, widerspricht Siame. Am Beispiel des Bewusstseins von Freiheit in seinem Land Sambia tritt er dafür ein, die „afrikanische Misere“ dadurch zu überwinden, dass sich die Afrikaner ihrer „Identität“ bewusst werden: „Sambier verknüpfen die Freiheit ihres Landes deshalb nicht nur mit Freiheit im Sinne von Status, sondern ebenso mit ihren individuellen Freiheiten“.

Als einer der wichtigsten Kritiker an der „Ethnophilosophie“ gilt der 1942 in der Elfenbeinküste geborene und derzeit an der National University of Benin in Cotonou / Benin lehrende Philosoph und Generalsekretär des Interafrikanischen Rates für Philosophie, Paulin Jidenu Hountondji. In seinem Beitrag „Die Stimme des Herrn“ stellt er Bemerkungen zum Problem der Menschenrechte in Afrika an. Dabei orientiert er sich an den vielfach geäußerten, wiederholten und widerlegten Vorwürfen, dass die als „globale Ethik“ von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte um westlich, individualistisch und kapitalistisch dominierte, die spezifischen, historisch und kulturell entstandenen Lebens- und Rechtsauffassungen von Völkern aus der so genannten Dritten Welt nicht in ausreichendem Maße berücksichtigen (siehe dazu auch: Hans Joas, Sind die Menschenrechte westlich? 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18796.php; sowie: Jan Eckel, Die Ambivalenz des Guten. Menschenrechte in der internationalen Politik seit den 1940ern, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17721.php). Neben den Einwänden, dass die hehren, individuellen und naturrechtlichen Positionen der westlichen Staaten mitnichten in der Geschichte und Politik der westlichen Staaten berücksichtigt und eingehalten wurden, argumentiert Hountondji keineswegs damit, dass es der Menschenrechte nicht bedürfe; vielmehr fordert er dazu auf, die bereits in der vorkolonialen Zeit in Afrika praktizierten, individuellen und vor allem kollektiven Lebenslehren und -praktiken zu entdecken: „Es gilt, eine kritische Historie der repressiven Elemente und Charakteristiken unserer eigenen Kultur zu schreiben, eine Geschichte der kulturellen Praktiken, durch die diese Repressionen ausgeführt, abgelehnt, bekämpft, verfügt und verschärft worden sind“.

Der 1931 in Ghana geborene Philosoph Kwasi Wiredu vertritt die Auffassung, dass ein interkultureller Dialog nur dann aussichtsreich ist, wenn sich die kulturellen Einstellungen und Weltbilder auf gemeinsam verstandene und akzeptierte „Weltansichten“ einigen können. Um das zu erreichen, sei Conceptual decolonialization, „Begriffliche Dekolonisation“ notwendig. Sein Aufsatz „Demokratie und Konsensus in traditioneller afrikanischer Politik“ ist erstmals 1998 in der „ polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren“ erschienen. Er setzt sich kritisch mit den auch in den westlichen Interpretationen übernommenen, traditionalistischen Auffassungen von Konsens-Entscheidungen in afrikanischen (Dorf-)Gesellschaften auseinander – „Die Alten sitzen unter einem großen Baum und reden, bis sie übereinstimmen“ – indem er exemplarisch (scheinbar) demokratische Regelungen beim westafrikanischen Ashanti-Volk diskutiert. Traditionelle Konsense könnten, wenn sie nicht als Machtmittel zur Etablierung von Einparteien-Regierungen missbraucht werden, eine alternative Lösung für ein (anderes) demokratisches Verständnis sein: „Die Komplexität unseres heutigen afrikanischen Lebens macht die parteilosen Vorläufer traditioneller afrikanischer Politik also nicht nur nicht überflüssig, sondern sogar unersetzlich“.

Der nigerianisch-US-amerikanische Philosoph Emmanuel Chukwudi Eze (1963 – 2007) antwortete mit seinem Beitrag „Demokratie oder Konsensus?“ in der Zeitschrift polylog auf o. a. Kwasi Wiredus Vorschlag zur „Rückkehr zum Ursprung“, indem er auf die Gefahren verweist, die sich für ein demokratisches Bewusstsein ergeben. Er warnt davor, im traditionellen Konsensus, wie ihn Wiredu bei den Ashanti zu finden glaubt, Formen zu finden und zu etablieren, die den demokratischen Werten, wie z. B. „Selbstbestimmung“, „Gleichberechtigung“, „Mitbeteiligung“, „Freiheits- und Minderheitenrechte“ entsprächen. Indem er auf ein nigerianisches Sprichwort verweist – „Kein Individuum ist Mutter Weisheit“ – stellt er seine Position die Ezes gegenüber: „Der einzige für die Demokratie wesentliche ‚Konsensus‘… ist die anfängliche und formale Zustimmung, nach Regeln zu spielen, die die Institutionalisierung und Achtung von Dissens ebenso wie seines Gegenteils erlaubt“ (siehe dazu auch den Europa-Diskurs: Michael Gehler, Europa. Ideen – Institutionen – Vereinigung, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/13724.php).

Die nigerianische Philosophin Nkiru Nzegwu lehrt an der Binghampton University in New York. Sie beginnt das dritte Kapitel des Sammelbandes mit ihrem Beitrag „Feminismus und Afrika“, indem sie über Auswirkungen und Grenzen einer Metaphysik der Geschlechterverhältnisse reflektiert. Sie betrachtet die Entwicklungen, wie ein Ausweis von westlich metaphysischem Geschlechterverständnis sich im theoretischen und praktischen Diskurs in und über andere Kulturen darstellen (und dominieren). Dabei nimmt sie u. a. die von Martha Nussbaum vorgelegten Auffassungen über Emotionen (Martha Craven Nussbaum, Politische Emotionen. Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17720.php) zum Anlass, über Geschlechteranalysen in afrikanischen Gesellschaften, etwa bei den nigerianischen Igbo, nachzudenken und deren missverständliche, falsch oder ethnozentriert interpretierte Missdeutungen aufzudecken. Sie schlägt drei Analyseebenen vor, mit denen sichergestellt werden kann, „dass unterschiedliche Zeiträume nicht einfach miteinander vermengt, dass gesellschaftliche Formationen nicht umdefiniert und dass die konzeptuellen Ressourcen verschiedener Kulturen nicht illegitimer Weise miteinander vertauscht werden“.

Die nigerianische, an der Stony Brook University in New York lehrende Soziologin Oyèrónké Oyèwúmi, titelt ihren Beitrag „Kolonialisierte Körper und Köpfe“. Sie analysiert die Zusammenhänge von Gender und Kolonialismus, indem sie auf die unterschiedlichen Geisteszustände und Machtverhältnisse bei den Kolonialherren und den Kolonisierten verweist. Die Unterscheidung zwischen den (sichtbaren) männlichen und den (unsichtbaren) weiblichen Körpern hat im kolonialen Denken und in der Praxis zu unterschiedlichen Formen von Ausbeutung geführt. Sie zeigt auf, dass die patriarchalen und hierarchischen Strukturen, wie sie im Kolonialismus angewendet wurden, in vielfacher Form heute weiter wirken. Sie weist damit die oftmals nicht nur von westlichen Interpreten geäußerten Behauptungen zurück, „dass die Kolonisierung sich zu einem gewissen Grad zugunsten afrikanischer Frauen auswirkte“. Sie sieht ebenso in der gängigen Argumentation, dass im Rahmen der Kolonisierung die Einführung des Christentums und der westlichen Erziehung den afrikanischen Frauen Vorteile gebracht habe, eine Falschinterpretation. An Beispielen der Christianisierung der Yorùbá-Gesellschaft, der Ökonomisierung und der Rechtsprechung verdeutlicht die Autorin die bis heute wirkende „Unsichtbarkeit afrikanischer Frauen“.

Die nigerianische Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Molara Ogundipe-Leslie geht in ihrem Beitrag über den Feminismus im afrikanischen Kontext rigoros mit den verschiedenen, afrikanischen und westlichen Konzepten von „Schwarz“- und „Weiß“macherei um. Sie lehnt die allzu platten und oberflächlichen Zuschreibungen vom „Mann als Feind des Feminismus“ ab, sondern stellt fest: „Nein. Männer sind nicht der Feind. Der Feine ist das gesamte System Nigerias, das ein Wirrwarr aus neokolonialistischen, feudalen und sogar sklavenhalterischen Strukturen und Grundhaltungen ist“. Für den analytischen (kämpferischen) Gebrauch schlägt sie einen neuen Begriff vor: „Stiwanismus“, als Akronym für „Social Transformation Including Women in Africa“. Mit STIWA will sie „die Inklusion der afrikanischen Frau in den gegenwärtigen, gesellschaftlichen und polischen Wandel Afrikas“ erreichen.

Der südafrikanische Philosoph von der Johannesburger University of Witswaterstrand, Thaddeus Metz, wird als einer der profiliertesten Forscher zur Ubuntu-Ethik bezeichnet. Mit seinem Beitrag „Auf dem Weg zu einer Afrikanischen Moraltheorie“ befasst er sich mit dem Nachdenken über eine „afrikanische Ethik“, wie sie sich in UBUNTU, dem System aus traditionellen Werten, Normen und Sitten darstellt und „das Gute“ als das moralisch erstrebenswerte Humane zeigt. Er erläutert sein Vorhaben, „eine afrikanische Theorie richtigen Handeln“ zu entwickeln. Diese erst einmal als apodiktisch anmutende Zielsetzung relativiert er mit der Absicht, „ein grundlegendes, allgemeines Prinzip richtigen Handelns darzulegen, das sich relativ zu anderen Afrikanischen Moraltheorievorschlägen besser rechtfertigen lässt und das in Zukunft auch in Konkurrenz zu westlichen Moraltheorien treten könnte“. Indem er die unterschiedlichen, kongruenten und kontroversen, moraltheoretischen, afrikanischen Ethikdiskurse thematisiert, entwirft er mit der Wertprämisse „Harmonie“ moralische Common-Sense-Vorstellungen, wie etwa „gemeinsam geteilte Identität“ und „Wohlwollen“, die sich verbinden zu der moralisch-ethischen Haltung, lokal und global harmonische Beziehungen zu fördern und diskharmonische zu verhindern.

Der Kameruner Politikwissenschaftler und Postkolonialismus-Theoretiker Achille Mbembe hat sich mit seinem Buch „Kritik der schwarzen Vernunft“ in die Riege der „Welt-Theoretiker“ katapultiert (siehe dazu: DIE ZEIT, Nr. 49 vom 27. 11. 2014). Mit seinem Beitrag „Afropolitanismus“ nimmt er die Bemühungen und Entwicklungen in der sich immer interdependeter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt aus der Sicht Afrikas und der Afrikaner auf, indem er nicht das „Schwarz“-Sein als das Identische und Zugehörige hervorhebt, sondern mit dem philosophischen Bewusstsein des „Afropolitanismus“ feststellt: „Diese Fähigkeit, das eigene Gesicht in dem des Fremden wiederzuerkennen, die Spuren des Fernen in der nächsten Umgebung zu würdigen, sich Unvertrautes zu eigen zu machen und mit dem zu arbeiten, was gemeinhin als Gegensatz erscheint“. An seinem derzeitigen Tätigkeitsort Johannesburg und an der Universität von Witswaterstrand sieht er, wie sich „eine Ethik der Toleranz (entwickelt), die das Zeug haben könnte, die kulturelle Kreativität in Afrika auf ähnliche Weise zu beleben, wie es seinerzeit Harlem oder New Orleans in den USA getan haben“.

Der südafrikanische Philosoph Mogobe Bernard Ramose beschließt den Sammelband mit dem Beitrag „Den Kosmopolitismus transzendieren“. Diversität, Verschiedenheit, Vielfalt, das sind bei der menschlichen Existenz ontologische Konstanten und naturgegebene Wirklichkeiten. Sie sind in der Veränderung existent. In der Igbo-Sprache wird diese (Welt-)Existenz als „uwa“, die „große Entfaltung“ bezeichnet. Wenn also das humane Ziel erreicht werden soll, eine gerechte, gleichberechtigte und friedliche zu schaffen, bedarf es einer „Weltgemeinschaft“, die durch die Transzendierung des kosmopolitischen Denkens hin zu einem „Ort der Verbindung“ ermöglichen lässt.

Fazit

Die Herausgeber von ausgewählten Schriften zur afrikanischen politischen Philosophie werden sicherlich mit dem Vorwurf konfrontiert werden, viele wichtige(re), wissenschaftliche Argumentationen in der Sammlung nicht berücksichtigt zu haben. Inwieweit der Hinweis trägt, dass vorwiegend „Texte ausgesucht (wurden), die für politische und normative Fragen im deutschsprachigen Raum von Relevanz sind“, ist vom Rezensenten nicht zu entscheiden und wird von den Benutzerinnen und Benutzern auch nur individuell zu beantworten sein. Dem Herausgeberteam ist nicht der Mut abzusprechen, sich auf ein solches Vorhaben einzulassen und damit ohne Zweifel einen Beitrag zu leisten, im intellektuellen, wissenschaftlichen deutsch-(europäisch)afrikanischen Diskurs Orientierungs- und Haltepflöcke für den notwendigen, inter- und transkulturellen, philosophischen Dialog einzuschlagen.

In mehreren Argumentationen und Reflexionen der präsentierten afrikanischen Philosophinnen und Philosophen fühlt sich der Rezensent an eine Klage erinnert, die der ugandische Kunstschaffende und Tänzer Okot p‘Bitek (Rüdiger Jestel, Hrsg., Das Afrika der Afrikaner. Gesellschaft und Kultur Afrikas, edition suhrkamp, es 1039, Frankfurt/M., 1982, S. 249ff) bei einer Rede beim National Arts Festival of Zambia, 1967 in Lusaka vorgetragen hat, mit dem Hinweis, „Wäre ich ein gläubiger Christ, so würde ich folgendes Gebet sprechen“:

Oh Gott, bewahre Afrika
Vor unseren neuen Herrschern;
Lass sie demütig werden
Öffne Ihre Augen,
Damit sie sehen,
Dass der materielle Fortschritt
Nicht auf einer Stufe steht mit geistigem Fortschritt.
Oh Herr, öffne die Ohren der afrikanischen Herrscher
Damit sie Freude empfinden
Beim Klang ihrer Trommeln
Und der Gedichte ihrer Mütter.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.04.2016 zu: Franziska Dübgen, Stefan Skupien (Hrsg.): Afrikanische politische Philosophie. Postkoloniale Positionen. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2015. ISBN 978-3-518-29743-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20696.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


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