socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Markus Dederich, Iris Beck u.a. (Hrsg.): Handlexikon der Behinderten­pädagogik

Cover Markus Dederich, Iris Beck, Georg Antor, Ulrich Bleidick (Hrsg.): Handlexikon der Behindertenpädagogik. Schlüsselbegriffe aus Theorie und Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. 3., erweiterte und überarbeitete Auflage. 496 Seiten. ISBN 978-3-17-029932-0. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Beim „Handlexikon der Behindertenpädagogik“ handelt es sich um ein Nachschlagewerk, das vom Format her zwischen lexikalischem Wörterbuch und mehrbändigem Handbuch angesiedelt ist und eine handliche Informationsquelle für Studium und Berufspraxis bieten möchte. Mit dem Begriff Behindertenpädagogik soll an die Bedeutung von Behinderung als erschwerte Teilhabe angeknüpft werden. Zentrales Anliegen der Herausgeber und der Herausgeberin ist es, die behindertenpädagogischen Grundbegriffe erziehungswissenschaftlich einzubinden und Behindertenpädagogik als Teildisziplin der Erziehungswissenschaft zu konzeptualisieren. Mit der Auswahl der vorgestellten Schlüsselbegriffe sollen zentrale, das Fach bestimmende Begriffe erörtert werden. Dies beinhaltet auch Begriffe aus Nachbardisziplinen, die von besonderer behindertenpädagogischer Relevanz sind.

Entstehungshintergrund

Das „Handlexikon Behindertenpädagogik“ wurde von Georg Antor und Ulrich Bleidick 2001 erstmals und 2006 in überarbeiteter Fassung herausgegeben. Die jetzt (2016) erschienene dritte Auflage ist eine komplett überarbeitete und aktualisierte Auflage, in der auf einige Stichworte verzichtet wurde zugunsten der Aufnahme aktuell relevanter Inhalte und Diskurse. Die Überarbeitung wurde von Markus Dederich und Iris Beck übernommen und die Herausgeberschaft erweitert.

Herausgeber/Herausgeberin und Autor*innen

Markus Dederich, der die Geschäftsführung der Manuskriptsammlung hatte, ist Professor für Allgemeine Heilpädagogik an der Universität zu Köln, Iris Beck Professorin für Allgemeine Behindertenpädagogik und Soziologie an der Universität Hamburg. Georg Antor und Ulrich Bleidick waren ebenfalls Professoren für Behindertenpädagogik und sind mittlerweile emeritiert.

Für die zahlreichen einzelnen Fachbeiträge mit dazugehörigen Literaturangaben wurden insgesamt achzig, durchweg namhafte Autor*innen gewonnen, größtenteils aus dem Hochschulbereich.

Aufbau

Inhaltlich ist das Fachlexikon in drei Teile gegliedert, welchen Kapitel mit Stichwörtern in alphabetischer Reihenfolge zugeordnet sind.

Zu Teil I Theoretische Grundlagen

Teil I ist mit „Theoretische Grundlagen“ überschrieben und beinhaltet ein Kapitel (1) zu „Grundlagen der Pädagogik“ und ein Kapitel (2) zu „Grundlagen der Pädagogik bei Behinderung und Benachteiligung“.

Im Kapitel „Grundlagen der Pädagogik“ finden sich z.B. grundlegende Ausführungen zu Bildung, Erziehung, Sozialisation, soziokulturellen Bedingungen kindlicher Entwicklung und Lernen. Diese sind allgemein gehalten, verweisen aber auch schon auf die Bedeutung im Kontext Behinderung und Behindertenpädagogik. Die Stichworte Pädagogik/Erziehungswissenschaft und Professionalisierung sowie Historiographie verweisen auf Fragen der Disziplin und Profession und ihrer Entwicklung. Weitere Begriffe sind dem Bildungswesen, Lehr- und Bildungsplänen, der Lehrerbildung und den Lehrkräften sowie Fragen von Beurteilung, Didaktik, Lehrplanung, Differenzierung und Vielfalt gewidmet. Über die schulische Bildung hinaus weisen die Begriffe Hilfe/Helfen/Selbsthilfe und Lebenslauf.

Demgegenüber fokussiert das Kapitel „Grundlagen der Pädagogik bei Behinderung und Benachteiligung“ auf die für die Behindertenpädagogik zentralen Grundlagen. Hier geht es zum einen um die Konturierung des Faches, bzw. der Teildisziplin, indem die Essentials von Behindertenpädagogik und deren Geschichte, Heilpädagogik, Rehabilitationspädagogik, Sonderpädagogik, vergleichender Behindertenpädagogik und Theorien der Behindertenpädagogik vorgestellt werden. Zum anderen geht es um zentrale inhaltliche Konzepte und Leitvorstellungen für die Behindertenpädagogik. Ausgehend von der Klärung des Verständnisses von Behinderung und Benachteiligung sowie Barrieren und Barrierefreiheit werden zentrale Ansätze wie Normalisierung/ Lebensqualität, Empowerment, Selbstbestimmung und Inklusion erörtert. Die differenzierten Ausführungen zu Inklusion sind nochmals untergliedert und behandeln Inklusion unter historischer, soziologischer, pädagogischer und didaktischer Perspektive. Weitere Stichworte sind behindertenpädagogischen Aufgaben wie Prävention, Förderung, Rehabilitation und der Sonderschule gewidmet.

Zu Teil II Differenzielle Gebiete der Pädagogik bei Behinderung und Benachteiligung

Teil II des Lexikons behandelt „Differenzielle Gebiete der Pädagogik bei Behinderung und Benachteiligung“.

Das Kapitel drei „Schwerpunkte der Pädagogik bei Behinderung und Benachteiligung“ folgt der Systematik der Empfehlungen der Kultusministerkonferenz zur sonderpädagogischen Förderung und orientiert sich an Förderschwerpunkten. Fokussiert wird in kompakter Form auf Bildung bei verschiedenen Beeinträchtigungen (Sprache, Hören, Lernen, Sehen, Taubblindheit, Krankheit, körperliche und motorische, kognitive, komplexe und sozial-emotionale Beeinträchtigung). Dies stellt auch den Bezug zu den sonderpädagogischen Fachrichtungen her.

Kapitel vier beschreibt „Handlungsfelder der Pädagogik bei Behinderung und Benachteiligung“. Die Kapitel umfasst ein breites Spektrum verschiedener Stichwörter, die von ästhetischer Bildung bis zum Wohnen reichen. Es werden zum einen methodische Ansätze (z.B. unterstützte Kommunikation, Wahrnehmungsförderung, Bewegungsförderung, basale Förderung, Teilhabeplanung), Handlungsformen oder -typen (z.B. Beratung, Pflege, Elternarbeit, Erwachsenenbildung) beschrieben und zum anderen Unterstützung in verschiedenen Lebensbereichen (Arbeit, Ausbildung/Beruf, Studium, Wohnen, Sexualität, Freizeit inkl. Sport und Spiel) und institutionell verankerte Angebote (Z.B. Frühe Bildung, Schule, Pädagogik im Strafvollzug, erzieherische Hilfen nach SGB VIII, außerschulische Kinder- und Jugendbildung und Umgang mit Schulabsentismus) erörtert.

Zu Teil III Interdisziplinäre Aspekte

Teil III versammelt die Kapitel zu interdisziplinären Aspekten. Es enthält Kapitel zu behindertenpädagogisch relevanten Schlüsselbegriffen aus Philosophie (5), Psychologie (6), Soziologie (7), Politik (8), Recht (9) und Medizin (10).

Im Kapitel fünf zur Philosophie liegt neben grundlegenden Begrifflichkeiten (z.B. Anthropologie, Wissenschaftstheorie) ein Schwerpunkt auf Ethik und ethischen Fragen (z.B. Ethik, Person, Leiden und – innovativ – Technik). Auch der Eugenik und der Euthanasie sind Stichworte gewidmet.

Unter der Überschrift Psychologie werden im Kapitel sechs Grundbegriffe wie Entwicklung, Anlage/Umwelt, Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Intelligenz, Hochbegabung, Aggressivität, Resilienz/Coping und Diagnostik erklärt. Daneben finden sich Ausführungen zu den Störungsbildern Autismus und Teilleistungsstörungen sowie zu spezifischen Interventionsformen wie Krisenintervention, Kunst-, Musik- und Psychotherapie.

Auch Kapitel sieben „Soziologie“ klärt allgemeine Begriffe wie Gesellschaft, Armut, Gemeinde/Sozialer Raum, Soziale Netzwerke, Lebenswelt, Geschlecht/Gender, Identität, Rolle/Rollentheorie, Stigma/Stigmatisierung, Vorurteil, Abweichendes Verhalten, Deprivation, Delinquenz/Kriminalität, Migration und Interkulturalität. Daneben spiegeln sich aktuelle Diskurse der Behindertenpädagogik und angrenzender Bereiche z.B. in der Thematisierung von Disability Studies und Intersektionalität.

Nach den umfangreichen Kapiteln zu Psychologie und Soziologie folgt das kürzere achte Kapitel zu Politik. Dieses setzt sich mit Bildungspolitik und Sozialpolitik, europäischer und internationaler Behindertenpolitik und Interessensvertretung auseinander.

Kapitel neun behandelt Recht, indem auf die Behindertenrechtskonvention und Menschenrechte/Menschenwürde eingegangen wird sowie Diskriminierungsverbote/Gleichstellungsgesetze, das Teilhaberecht, Kinder- und Jugendrecht sowie Schulrecht behandelt werden.

Im abschließenden Kapitel zehn zu Medizin erfolgt zunächst eine grundsätzliche Klärung von Gesundheit/Krankheit, bevor anschließend die Klassifikation der Krankheitsfolgen in der ICF vorgestellt wird. Sozialepidemiologie und Sozialmedizin finden ebenso Berücksichtigung wie ein Stichwort zur pränatalen Diagnostik.

Nach dem Verzeichnis der zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Lexikons findet sich ein umfassendes Sachwortverzeichnis mit Querverweisen, das die Recherche im Buch erleichtert.

Diskussion und Fazit

Das Handlexikon der Behindertenpädagogik zeichnet sich durch prägnante Darstellungen sorgsam ausgewählter, für die Behindertenpädagogik relevanter Schlüsselbegriffe aus, die von renommierten Fachvertreter*innen erstellt wurden. Es liefert damit einen kompakten Einblick sowohl in Arbeitsbereiche als auch in für die Disziplin zentrale theoretische Diskurse und disziplinübergreifende Kernthemen. Wie schon in der zweiten Auflage überzeugt die erziehungswissenschaftliche Einbindung der behindertenpädagogischen Fragestellungen (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/4559.php). Die Fokussierung auf Bildung geht über einen engen sonder(schul)pädagogischen und fachrichtungsbezogenen Zuschnitt weit hinaus und nimmt immer wieder den gesamten Lebenslauf in den Blick. Ergänzend hätte noch auf Überschneidungsbereiche mit der Sozialen Arbeit hingewiesen werden können, z.B. im Kontext der Unterstützung von Erwachsenen. Im Vergleich zur zweiten Auflage hat das Handlexikon nochmals deutlich gewonnen, zum einen durch die allgemeine Aktualisierung und die klarere Systematisierung und vor allem durch die Aufnahme aktuell besonders relevanter Themenbereiche und Inhalte, die prägnant und zugleich inhaltlich differenziert dargestellt werden (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/4559.php).

Das Handlexikon ist ein empfehlenswertes Nachschlagewerk, das sowohl Studierenden einschlägiger Studiengänge als auch Interessierten aus Berufspraxis, Ausbildung und Wissenschaft einen sehr guten Einblick in behindertenpädagogische Themenstellungen ermöglicht.


Rezensentin
Prof. Dr. Hiltrud Loeken
Evangelische Hochschule Freiburg
Homepage www.eh-freiburg.de
E-Mail Mailformular


Alle 11 Rezensionen von Hiltrud Loeken anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hiltrud Loeken. Rezension vom 24.08.2016 zu: Markus Dederich, Iris Beck, Georg Antor, Ulrich Bleidick (Hrsg.): Handlexikon der Behindertenpädagogik. Schlüsselbegriffe aus Theorie und Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. 3., erweiterte und überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-17-029932-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20699.php, Datum des Zugriffs 27.03.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung