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Ilka Lennertz: Trauma und Bindung bei Flüchtlingskindern

Rezensiert von Prof. Dr. Ariane Schorn, 26.09.2016

Cover Ilka Lennertz: Trauma und Bindung bei Flüchtlingskindern ISBN 978-3-525-45126-7

Ilka Lennertz: Trauma und Bindung bei Flüchtlingskindern. Erfahrungsverarbeitung bosnischer Flüchtlingskinder in Deutschland ; mit 5 Tabellen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2011. 439 Seiten. ISBN 978-3-525-45126-7. 34,95 EUR.

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Entstehungshintergrund und Thema

Der Ausgangspunkt des vorliegenden hochinteressanten Buches weist weit zurück: 1997, so berichtet die Autorin, war sie in Mostar – der Stadt, in der die meisten Bomben des Bosnienkrieges niedergingen – bei einer Nichtregierungsorganisation Mitorganisatorin für Ferienfreizeiten, die sich an Kinder und Jugendliche richteten. Die vor Ort gewonnenen Eindrücke wirkten auch insofern nach als sie zu der Fragestellung für die Diplomarbeit führte, in deren Mittelpunkt die Lebenssituation der bosnischen Kinder und Jugendlichen stand, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen waren.

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich nun um die Veröffentlichung der Promotion, die die Autorin an der Universität Kassel einreichte. Sie befasst sich mit der Frage, wie Kinder, die in ihrer frühen Kindheit von Bosnien nach Deutschland geflohen sind, die im Zusammenhang mit dem Krieg stehenden hochbelastenden Erfahrungen verarbeitet haben: Wie haben sich diese Erfahrungen auf das sich entwickelnde Selbst- und Weltbild, auf die entstehende psychische Struktur und Gesundheit ausgewirkt? Besonders interessant an der vorliegenden Untersuchung ist, dass hiermit eine Studie vorliegt, die die Auswirkungen von Trauma und Flucht zu einem Zeitpunkt nachzeichnet, zu dem die Betreffenden bereits acht bis zwölf Jahre in der Bundesrepublik leben.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Buch gliedert sich in zwölf Kapitel.

Kapitel eins („Einführung“) erläutert Sinn und Ziel der Arbeit und gibt einen Überblick über den Aufbau des Buches.

Das zweite Kapitel „Flüchtlingserfahrungen in Deutschland: Das Beispiel der bosnischen Flüchtlinge“ setzt sich mit der psychosozialen Situation der in Deutschland lebenden bosnischen Flüchtlinge auseinander.

Kapitel drei, überschrieben mit „Trauma eine kritische Begriffsbestimmung“, zeichnet die Geschichte der Traumaforschung und -konzeptualisierung nach und gibt einen guten Überblick über die bio-psycho-sozialen Aspekte eines komplexen Verständnisses von Traumatisierung.

Das vierte Kapitel heißt „Krieg und Flucht im Kindesalter – Forschungsstand“ und führt Forschungsbefunde über die Situation von Kindern zusammen, die Krieg und Flucht miterleben mussten.

Das fünfte Kapitel „Trauma bei Kindern“ erläutert besondere Aspekte einer Traumatisierung im Kindesalter.

Hierauf aufbauend fokussiert Kapitel sechs („Bindungsforschung als ein Zugang zum subjektiven Umgang mit Traumatisierungen und zu intergenerationalen Prozessen“) das Thema Bindung. Dargelegt werden hier Grundlagen der Bindungsforschung sowie der Zusammenhang von Trauma und Bindung(-sentwicklung).

Kapitel sieben („Methodische Anlage der Studie“) stellt den methodischen Aufbau der Untersuchung vor; der sich ausgesprochen interessant darstellt: Gearbeitet wird nämlich nicht nur mit einer Kombination aus (Bindungs-)Interviews und psychodiagnostischen Verfahren, sondern weiterhin mit einem projektiven Verfahren, einer auf islamische Kinder zugeschnittenen Variante des (Schweinchen-)Schwarzfuß-Tests. Dieses Verfahren, das dazu einlädt, Geschichten zu vorgelegten Bildkarten zu erfinden, die verschiedene Alltags- und Konfliktsituationen einer Schäfchenfamilie zeigen, eignet sich in besonderer Weise dazu, etwas über die innere Welt eines Kindes – seine innerpsychischen Repräsentanten, Konflikte und Phantasien – zu erfahren.

Das achte Kapitel („Fallübergreifende Ergebnisse“) beschreibt die Stichprobe und den Forschungsprozess. Skizziert werden hier ferner fallübergreifende Forschungsergebnisse.

Kapitel neun („Exemplarische Fallanalysen“) zeichnet ausführlich drei Entwicklungsverläufe nach. Den pseudo-resilienten Entwicklungsverlauf eines 12-jährigen Jungen, den vergleichsweise positiven Entwicklungsverlauf eines 11-jährigen Mädchens sowie den Entwicklungsverlauf eines 11-jährigen Jungens, der eine auffällige, jedoch unbehandelte Symptomatik entwickelte.

Das zehnte Kapitel ist mit „Exilbedingte sequentielle Traumatisierungen – Das Erleben der Aufenthaltssituation in Deutschland“ überschrieben und setzt sich mit Belastungsfaktoren im Aufnahmeland auseinander.

Kapitel elf „Intergenerationale Traumatisierungen – die Ergebnisse der Adult Attachment Interviews (AAI)“ geht auf die Ergebnisse der Bindungsinterviews ein, die mit den Eltern der untersuchten Kinder geführt wurden.

Das letzte Kapitel „Diskussion der Ergebnisse und Schlussfolgerungen“ rundet den inhaltlichen Teil des Buches ab.

Fazit

Das vorliegende Buch erschien 2011 und ist angesichts des Umstandes, dass sich seit 2015 eine große Anzahl von Menschen aufgrund von Krieg oder anderen Verwerfungen gezwungen sahen, ihr Land zu verlassen und hier Schutz zu suchen, hochaktuell. Es gibt einen ausgezeichneten Einblick in die vielfältigen Facetten des komplexen Phänomens Trauma: Beleuchtet werden historische, sozialwissenschaftliche, psychologische, biologische und neurowissenschaftliche Aspekte des Traumabegriffs, die für ein angemessenes Verständnis dessen, was Traumafolgestörungen sein können, mitzudenken sind. Das Buch ist nicht nur informativ, sondern auch gut lesbar. Es ist verständlich geschrieben und gleichzeitig von einer hohen fachlichen Qualität. Beeindruckend sind gerade aber auch die ausführlichen exemplarischen Fallanalysen. Sie orientieren sich eben nicht nur an der Frage, welche klassischen Symptome möglicherweise (noch) diagnostizierbar sind, sondern arbeiten kaum sichtbare psychische Folgen heraus, die für das Erleben der Betroffenen jedoch hoch relevant ist.

Sehr zu empfehlen ist das Buch Fachkräften und interessierten Laien, die mit traumatisierten Menschen arbeiten. Empfohlen werden kann es auch Studierenden der Psychologie, Studierenden der (Früh- und Heil-)Pädagogik sowie Studierenden der Sozialen Arbeit.

Rezension von
Prof. Dr. Ariane Schorn
Fachhochschule Kiel, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
Entwicklungspsychologie, Qualitative Sozialforschung, Psychosoziale Beratung, Supervision
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Es gibt 19 Rezensionen von Ariane Schorn.

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Zitiervorschlag
Ariane Schorn. Rezension vom 26.09.2016 zu: Ilka Lennertz: Trauma und Bindung bei Flüchtlingskindern. Erfahrungsverarbeitung bosnischer Flüchtlingskinder in Deutschland ; mit 5 Tabellen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2011. ISBN 978-3-525-45126-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20701.php, Datum des Zugriffs 31.01.2023.


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