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Cornelia Schinzilarz: Gerechtes Sprechen

Cover Cornelia Schinzilarz: Gerechtes Sprechen. Ich sage, was ich meine. Das Kommunikationsmodell in der Anwendung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. 340 Seiten. ISBN 978-3-407-36583-5. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Gerechtes Sprechen zielt auf eindeutige Kommunikation, die die eigenen Ressourcen und die der Gesprächspartner*innen ausgewogen in den Blick nimmt. Das Buch richtet sich insbesondere an Fachkräfte im Coaching, in der Beratung und in der Schule.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einführung in das gerechte Sprechen vertieft die Autorin Aspekte des Sprechens (Entscheidungssprache, anwesende Sprache und benennende Sprache) sowie Aspekte des Zuhörens (empathisches Zuhören, sich selbst Zuhören, inneres Zuhören). Das Buch schließt mit Praxisberichten und kurzgefassten Grundlagen des gerechten Sprechens.

Der Autorin geht es darum, dass Menschen im Reden und Zuhören festgefahrene Muster, die sie gefangen halten, ablegen und alle ihre Ressourcen für ein gelingendes Leben nutzen. Dazu ist es nach ihrer Ansicht notwendig, sich von der Vorstellung zu trennen, dass das eigene Leben von unlösbaren Zwängen geprägt ist. Wie ich die Welt und mich selbst sehe, das ist alles ein von mir geschaffenes Konstrukt, das ich selber produziert habe und auch verändern kann, so die Autorin. Die eigenen Sprachbilder, mit denen ich Kulturen, Geschlechter und Lebensformen bezeichne, können Gleichwertigkeit ausdrücken oder aber zur Diskriminierung beitragen.

Sprache, so die Autorin, benennt und erschafft Wirklichkeit. Sprechen, Zuhören, Erinnern ist ein aktiver Prozess. Im Erinnern erschaffe ich mir meine eigene Vergangenheit: „Denn allein die Art und Weise wie Erinnerungen gestaltet werden, macht es aus, ob eine erinnerte Erfahrung zum Beispiel zu einem Trauma wird“ (S. 30). Zentral ist die Fokussierung auf die Ressourcen, die jede Person in sich trägt, um schwierige Erlebnisse zu verarbeiten. „Gewöhnen wir uns daran, gesellschaftlich traumatische Ereignisse als zu bewältigende Zusammenhänge zu beschreiben, werden sowohl die gesellschaftlichen als auch die individuellen Kräfte mobilisiert“ (S. 31).

Unsere persönlichen Ressourcen werden laut der Autorin durch eingespielte Deutungsmuster blockiert. Deshalb ist es wichtig, regelmäßig die eigenen Denkschubladen aufzuräumen (S. 58) und defizitorientiertes Sprechen und Zuhören abzulegen. „Verzichte darauf, zu erwähnen, was dir fehlt oder was du vermisst. Es zählt nur das, was ist“ (S. 72). Die Autorin empfiehlt, bei persönlichen Entscheidungen auf das Wort „müssen“ zu verzichten (S. 135) und in das Wollensystem zu wechseln, das der Entscheidungsfreiheit des Menschen entspricht. An konkreten Beispielen mit Schüler*innen verdeutlicht sie, dass Schüler*innen nicht ihre Prüfung machen müssen: Sie haben die Freiheit, beispielsweise die Schule zu wechseln. Um in das Wollensystem zu kommen, ist es wichtig, die eigenen Gefühle einzubeziehen: Was brauche ich, um die Prüfung machen zu wollen?

Gefühle sind in der Deutung von Cornelia Schinzilarz Bewertungen von Empfindungen. Empfindungen haben sich in der Lebensgeschichte eines Menschen mit angenehmen und weniger angenehmen Gefühlen verbunden, und diese Gefühle sind nicht ein für alle Mal in Stein gehauen, im Gegenteil: Für die Autorin sind Gefühle „eine Wahl der fühlenden Person“ und liegen in deren Verantwortung (S. 53). Sie empfiehlt, den eigenen Gefühlen auf den Grund zu gehen und dann die eigenen Gefühlskonfigurationen so zu gestalten, dass sie mir guttun. Das verlangt „Gefühlsarbeit“. In der Berufswelt werde solche Gefühlsarbeit verlangt: „Flugbegleiterinnen sind aufmerksam und lächelnd. Pflegefachleute sind höflich und aufmunternd. Zum Beruf gehören die als passend gedachten Gefühle und was auch immer die jeweiligen Menschen erlebt haben mögen: Als Berufspersonen leben sie die von ihnen erwarteten Gefühle“ (S. 145 f).

Ein großer Teil des Buches ist dem Zuhören gewidmet. „Zuhören findet beim Übergang vom Hörnerv ins Gehirn statt“ (S. 68) und ist ein vielschichtiger Prozess: „Es wird sowohl dem zugehört, was gehört wird, als auch dem, was selbst gesprochen wird. Zudem wird den inneren Stimmen zugehört“ (S. 68). Zuhören ist der Überzeugung der Autorin nach immer selektiv. Aus den Geräuschen und den Worten wird automatisch das ausgewählt, was am Wichtigsten erscheint, und es kommt darauf an, dass „die Zuhörabsicht ganz auf die Ressourcen, das Können und die Antworten hin ausgerichtet“ ist (S. 252). Um das eigene Zuhörenwollen zu aktivieren, empfiehlt die Autorin das innere Schweigen: „In der stimmigen Verbindung mit sich selbst und dem Aufgehobensein im inneren Schweigen, in dem Wissen, dass jetzt alles zusammenklingt, entsteht ein Gefühl von Verbundenheit mit sich selbst, während das, was außen geschieht, von der Person in vollkommener Konzentration wahrgenommen wird“ (S. 283). Das innere Schweigen kann das Zuhörenwollen aktivieren.

Diskussion

Das Buch enthält eine Fülle sinnvoller und hilfreicher Anregungen für ressourcenorientierte Kommunikation, die in professioneller Gesprächsführung in Schule und in Beratungsprozessen genutzt werden können. Der Zuhörprozess wird ausführlich und hoch differenziert beschrieben, wie das sonst selten zu finden ist. Der Zuhörprozess umfasst bei Cornelia Schinziarz das empathische Zuhören des Gegenübers, das Hören auf die eigenen Gefühle und Ideen, auf die inneren Selbstgespräche und er beinhaltet auch das innere Schweigen.

Gerechtigkeitsbezogene gesellschaftliche Bezüge werden in dem Buch nur in Ansätzen populärwissenschaftlich erkennbar. In den Abschnitten zum kultur-, geschlechter- und lebensformgerechten Sprechen (S. 204-238) wird erläutert, dass die eigenen Sprachbilder, mit denen Kulturen, Geschlechter und Lebensformen bezeichnet werden, Gleichwertigkeit ausdrücken oder aber zur Diskriminierung beitragen können. Ansonsten wird aus Sicht des Rezensenten der Gerechtigkeitsbegriff inflationär benutzt (gefühlsgerecht, rhythmusgerecht, situationsgerecht, verantwortungsgerecht usw.) und zu schwach theoretisch rückgebunden. Deutlich wird dies zum Beispiel, wenn die Autorin schreibt: „Wenn Menschen beschließen, ihr Leben miteinander zu gestalten, geschieht dies für alle an der Gemeinschaft Beteiligten in einem ausgewogenen Verhältnis. Alle haben die gleichen Rechte, und alle haben Pflichten. Das nennen wir Gerechtigkeit“ (S. 331).

Insgesamt wäre ein Hinweis auf die Grenzen des Kommunikationsmodells „Gerechtes Sprechen“ wünschenswert, was am Beispiel eines Klienten deutlich wird, der von seinen Eltern geschlagen wurde und dann sagt, dass er daran zerbrochen sei (S. 187). Die Autorin weist ihn (S. 187) auf seine Fähigkeiten hin („Sie haben einen Leitungsjob, eine Familie und kommen in die Supervision. Ich kann mehr Ganzes als Zerbrochenes entdecken“). Dann erläutert sie dem Klienten, „dass er sein Gewordensein, seine Prägung aus dem Schlägen selbst gewählt hat. Und er jetzt Umprägungen vornehmen kann, wenn er will“ (S. 188).

Hier kommt möglicher Weise der Ansatz der Autorin an seine Grenzen, denn Traumatisierungen sind eben nicht frei gewählte Prägungen. Ein traumatisierter Mensch kann nicht einfach davon ausgehen, dass er durch klares Wollen seine Prägungen überwindet. Er / sie kann nur hoffen und sich selbst darum bitten, dass sich traumatische Muster nach und nach – auch durch Gefühlsarbeit – auflösen; wenn dies dann wirklich geschieht, erleben die Traumatisierten das oft als Geschenk.

Zwei Fehler im Buch müssen benannt werden: Beim kulturgerechten Sprechen kann nicht neben antirassistischer Sprache und inter- bzw. transkultureller Kommunikation die „antisemitische Sprache“ stehen; es geht um die Sprache gegen Antisemitismus (S. 206). Auf Seite 207 wird in einer Reihe mit dem Rassismus und Kulturzentrismus der Katholizismus aufgeführt, weil die katholische Kirche „ihre Religion als die allein heiligmachende“ darstelle. Die Begründung, es gelte immer noch der Grundsatz, dass außerhalb der katholische Kirche kein Heil zu finden sei, ist falsch. Mit den Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils hat sich die katholische Kirche von dieser Vorstellung endgültig getrennt.

Fazit

Aufbau und Struktur des Buches erschließen sich den Leser*innen nicht immer sofort und sind manchmal verwirrend, aber in den verschiedenen Abschnitten findet sich eine Fülle von Anregungen für professionelle Kommunikationsprozesse. Es braucht allerdings ein gehöriges Stück Muße und Zeit, sich in das Buch einzulesen. Wer sie mitbringt, wird von dem ressourcenorientierten Ansatz im Buch zum Gerechten Sprechen profitieren.


Rezensent
Prof. Dr. Josef Freise
Homepage www.Josef-Freise.de
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Zitiervorschlag
Josef Freise. Rezension vom 25.08.2016 zu: Cornelia Schinzilarz: Gerechtes Sprechen. Ich sage, was ich meine. Das Kommunikationsmodell in der Anwendung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-407-36583-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20706.php, Datum des Zugriffs 18.08.2019.


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