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Christoph Steinebach, Daniel Süss u.a.: Basiswissen Pädagogische Psychologie

Cover Christoph Steinebach, Daniel Süss, Jutta Kienbaum, Mechthild Kiegelmann: Basiswissen Pädagogische Psychologie. Die psychologischen Grundlagen von Lehren und Lernen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 192 Seiten. ISBN 978-3-407-34217-1. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Ein Mehr an unterschiedlichen Publikationen hat sich – zum Teil in mannigfach überarbeiteten Auflagen – der Idee verschrieben, Themenfelder der Pädagogischen Psychologie als wichtige Bezugsdisziplin der Erziehungs- oder Bildungswissenschaften aufzubereiten. Resultierend hieraus ergibt sich eine Bandbreite an Standardwerken, die nebst Grundlagen für entsprechende Lehrveranstaltungen Studierenden überdies einen tieferen Einblick in die Themenfelder des Fachgebietes gewähren. So bieten die Werke von Wild und Möller (2009, vgl. die Rezension) oder Seidel und Krapp (2014) umfassende Darstellungen, welche in diesem Band gleichermaßen berücksichtigt wurden. In dieser Folge wird der Inhalt von keinerlei Konkurrenzimperativ begleitet, wenn sogleich mit Beginn auf wesentliche Werke – so auch die eben genannten – verwiesen wird. Dennoch fordert im Besonderen die in der Natur jüngerer empirischer Resultate und Anforderungs- sowie Problembereichen haftende Aktualisierungstendenz einen ständigen Ausbau oder neue Übersichtsformen ein, was die AutorInnen mit dieser kurzen Grundlegung zu skizzieren versuchen. Dabei lohnt ein Blick auf die Forschungsschwerpunkte derselben, da sie deutlicher noch als in anderen Einführungswerken die vorliegende Abhandlung rahmen.

AutorInnen

Christoph Steinebach ist Professor für Angewandte Entwicklungspsychologie und zugleich Direktor des Departements Angewandte Psychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. An ebendieser Hochschule verortet ist auch Daniel Süss, dessen Aufgabengebiet neben der Leitung des Psychologischen Institutes ebenso die Denomination für Medienpsychologie umfasst. Jutta Kienbaum und Mechthild Kiegelmann sind beide als Professorinnen an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe tätig. Kienbaum hat die Professur für Entwicklungspsychologie, Kiegelmann jene für Sozialpsychologie und Sozialpädagogik inne.

Aufbau und Inhalt

Mit vier größeren Abschnitten gliedern die AutorInnen das Werk, wobei primär die Teile III und IV in die Besprechung einfließen sollen.

  1. Grundfragen
  2. Praxis
  3. Brennpunkte
  4. Ausblick

Allgemein erfolgt ein Aufbau, der beginnend mit theoretischen Vorüberlegungen – häufig zudem der Betrachtung von Theorien in ihren Ursprüngen und ihrer jüngeren Geschichte – nächstfolgend eine meist eigenständig abgeleitete Definition vorschlägt. Abschließend erfolgt die weitere Problematisierung, ehe einzelne Kapitel mit dem Aufzeigen möglicher Perspektiven enden. Struktur und inhaltlicher Aufbau folgen in diesem Zusammenhang dem typischen Sanduhr-Prinzip, das im Wesentlichen dem empirischer (Fach-)Beiträge gleicht.

Nach einer dezidierten Einführung in alle Grundlagen und dem Verweis auf weitere Fachmedien (Kapitel 1 & 2) stellen Steinebach und KollegInnen hieraus resultierende Praxisimplikationen und Ausblicke in den Kapiteln 3-5 des zweiten Abschnittes vor. Ersteres mündet in den charakteristischen Schlagwörtern Diagnostik, Beratung, Förderung und Training (Kapitel 3). Die weiteren Kapitel projizieren dies in der Folge einerseits auf die Lebensspanne (Kapitel 4), andererseits auf die diesbezüglichen Lernkontexte (Kapitel 5).

Können Brennpunkte vielerlei umfassen und eröffnet dieser inhaltlich größte Gliederungspunkt ohne vorherigem Lektürestudium zunächst nebulös die Frage nach etwaigen (empirischen) Spannungsfeldern, so geschieht zweierlei: Zum einen wird die Perspektive auf eine mögliche Einbettung pädagogisch-psychologischer Themengebiete in der Breite pädagogischer Prozesse gelenkt und zum anderen auf teilweise jüngere Forschungsfelder verwiesen. Während die Crux also im 6. Kapitel zunächst lautet, eine probate Definitionskette für das Feld der Migration herzustellen (vgl. S. 81ff.), also auch die Frage danach, „ob […] Migrant_innen notwendigerweise selbst gewandert sein müssen oder nur ihre Vorfahren […]“ (S. 83), zeigen sich Zankäpfel auf, die im Weiteren ausschnittweise mit der Rechtslage verzahnt werden. Dabei wird ein Verbund präsentiert, der Migration und Lernen mit den Aspekten Sprache und Entwicklung von Identitäten darstellt. Problematisch erscheint den AutorInnen die rechtliche Situation des Bundelandes Baden-Württemberg, in welchem Förderbedarf alleinig ob der Tatsache konstatiert werden kann, dass Kinder eine andere Muttersprache als Deutsch sprechen (vgl. S. 85). Eindrücklich wurde dies zunächst mit vier Fallbeispielen skizziert (vgl. S. 84). Der Terminus „Defizitorientierung“ (S. 86) anstelle einer Ausrichtung an hierin verankert liegenden Ressourcen wird aufgegriffen, um die Beispiele zudem mit fehlerhaften Eindrücken des pädagogischen Alltages im Spiegelbild der Mehrsprachigkeit zu verbinden. Abschließend werden Perspektiven sozialer Integration sowie die Dichotomie Diskriminierung und Chancengleichheit eröffnet, um pointiert auch – oder besser: insbesondere – den Nutzen informeller Lernsettings zu akzentuieren (vgl. S. 89f.).

Die folgenden beiden Kapitel liefern Einsichten, die mit jeder weiteren Anforderungsdimension den Blick für die Spannungsfelder der folgenden Inhalte schärfen.

  • Diskrepanzen zwischen Intention und Verhalten hinsichtlich der Gesundheit im 7. Kapitel bieten einen ökosystemischen Blick auf die Entstehung von Problemen (vgl. S. 96). Mithilfe des „Setting Approach“ (S. 98) werden dabei analog Schwierigkeiten, aber auch Lösungen und Strategien geliefert, die im jeweiligen Kontext verortet schlummern. Resilienz wird einerseits zu einem auserkorenen Zielbereich (vgl. S. 94), der andererseits unter dem Dogma Intention – Verhalten eine Handlungsdimension zu eröffnen vermag (vgl. S. 97).
  • Als Unterstützung können hierbei auch neue Medien fungieren, die sodann den Querverweis auf das 8. Kapitel liefern. Der Umgang hiermit avanciert zu einem weiteren erklärten Ziel der pädagogisch-psychologischen Praxis, wobei ebenso Videospiele oder die omnipräsente Nutzung von Social Media fokussiert werden (S. 105ff.). In diesem Gedankengang wird die Förderung von Medienkompetenz aufgeführt, ehe medienbezogene Süchte, Cybermobbing, -grooming und Sexting als problematische Tendenzen erläutert werden (vgl. S. 114ff.). Als Desiderat verbleibt die Förderung hochwertiger Medienprogramme, in welcher ebenso viele Möglichkeiten gesucht werden könnten wie in der Prävention und Intervention; bislang zu wenig gefördert wird das positive, auch „didaktische Potenzial“ (S. 116) ebendieser neuen Medien.

Kapitel 9 verschreibt sich geradezu philosophisch Fragen der Moral, nutzt zunächst die Klassiker von Piaget und Kohlberg, entschlüsselt diese mit jüngeren empirischen Resultaten und stellt einen praktikablen Bezug für einen demokratischen Schulalltag und folglich der gerechten Schulgemeinschaft als „just community“ (S. 131) her.

Die inhaltlichen Ausführungen des 10. Kapitels beginnen mit der notwendigen Differenzierung von Empathie als globales „Sich-Einfühlen“ und Mitgefühl als „eine motivationale Folge der Einfühlung in das Leid eines Anderen“ (S. 134; Hervorh. im Orig.), was etwa Verhaltensmuster wie das Spenden von Trost hervorrufen kann. Wesentlicher noch als das einleitende Darstellen entwicklungspsychologischer Grundlagen und die Diskussion einer möglichen Alterskorrelation in der Entwicklung (vgl. S. 137) erscheint die induktive Förderung von Mitgefühl in jenen Situationen, in welchen generell eher auf Bestrafung zurückgegriffen wird (vgl. S. 143).

Im 11. Kapitel wird die allgegenwärtige Betrachtung von Gender in den Blick genommen; es geschieht hierbei sowohl eine begriffliche Sortierung der Geschlechtervielfalt (vgl. S. 145f.) als auch der Rückbezug auf schulische Lernsettings und die – aus psychologischer Sicht besonders – relevante Untersuchung der MINT-Fächer hinsichtlich des biologischen und sozialen Geschlechtes (vgl. S. 148ff.). Neben der häufig genannten aktiven und zugleich an Lebenswelten anknüpfenden, reproduzierenden Erschließung im Rahmen des Doing Gender (vgl. S. 151) wird vor allem die essentialistische Betrachtung der Kategorien männlich/weiblich in Lehr- und Lernsituationen diskutiert – dies begleitet nicht zuletzt auch die pädagogisch-psychologische Forschung (vgl. S. 154). Treffend greifen die AutorInnen die thematische Brisanz auf, indem „die Reflexion von Geschlechtervielfalt […] sich als wichtige Kompetenz für die pädagogisch-psychologische Praxis [erweist]“ (S. 145).

Final werden – gerade unter Rückkoppelung zu häufig erfolgten Hinweisen ob der beidseitigen Arbeits-/Lernrelevanz, also für Professionelle und Lernende – im 12. Kapitel Offerten für den Praxistransfer präsentiert. Der Alltag wird dabei verstanden als ein Bildungs- und Selbstbildungsprozess, dessen Grundlage das Ableiten von Hypothesen in der Phase von Planung und Evaluation (vgl. S. 162) und eine kybernetisch-systemtheoretische Herangehensweise als Arbeitsmodell nutzen kann (vgl. S. 165ff.). Zum Abschluss des Werkes erfolgt ein erneuter Rückbezug auf das Thema Resilienz, wobei die arbeitsseitige Verknüpfung des Themas auf personaler und organisationaler Ebene bedeutsam wird (vgl. S. 172). Denn: „Nicht nur Individuen, sondern auch Organisationen sind in der Lage, ihre Resilienz zu fördern“ (S. 173).

Diskussion

Während die ersten Abschnitte deutlicher an klassischen Vorlesungsinhalten der Pädagogischen Psychologie orientiert sind, gelingt in den Kapiteln der Abschnitte III und IV eine interessante Vertiefung; Brennpunkte bieten hierbei einen Verweis auf omnipräsente Themen, welche u. a. mit veränderten gesellschaftlichen Anforderungen und folglich auch der pädagogischen Praxis verknüpft sind. Nicht nur die Darbietung von (angeregten) Prozessen auf Seite der Lernenden, sondern gleichwohl auch die Verzahnung mit grundsätzlichen Gedanken zum Thema Gesundheit oder Bildung und Selbstbildung für PädagogInnen (vgl. Kapitel 12) kann eine Reflexion für zwei oder mehrere Dimensionen anregen. Es gelingt allgemein eine Betrachtung, deren Inhalt ebenso die personale, organisationale und berufspraktische Ebene integriert. Indes mündet die Darstellung des kybernetischen Entwicklungsmodells im Kapitelabschnitt 12.4 nach gelungener Einleitung leider in einer in sich zu verschränkten Abstraktion, als dass eine konkrete Übertragung möglich wäre (vgl. S. 167). Dies hingegen ändert schlussendlich nicht, dass gerade die hier gesondert dargestellten Abschnitte deutlich für das Werk sprechen – vor allem das letzte Kapitel kann Räume für eigene Reflexionsprozesse bieten, ja sollte.

Deutlicher noch werden im Kern jene Diskurse einem Re-Aging unterzogen, die, wenn auf ältere Publikationen Bezug genommen wird, bereits seit Langem prägend sind. So problematisieren die AutorInnen mit einer „monolingualen Kultur“ (S. 84) hinsichtlich der Sprache an multilingualen Schulen einen Umstand, den Ingrid Gogolin bereits 1994 in ihrer Habilitationsschrift in aller Deutlichkeit monierte. In diesem Werk gelingt es – nicht nur in dieser Folge –, durch die Bezugnahme zu aktuellen Themen und der Verknüpfung mit Modellen den Horizont für die Progression innerhalb der Disziplin zu eröffnen. Interessant gestaltet sich das Werk vor allem durch den an vielen Stellen eindeutigen Bezug auf die je-persönlichen Forschungsschwerpunkte der AutorInnen, was eine spannende Lektüre hervorbringt.

Fazit

Gerade wenn nach einer kurzen und kompakten Einführung in die Themenfelder der Pädagogischen Psychologie gesucht wird, die nicht nur Studierende, sondern weitere in pädagogischen Settings verankerte Professionals mit jüngeren Resultaten und der Theorieherkunft versorgt, kann die Publikation von Steinebach und KollegInnen eine hilfreiche Übersicht liefern. Die Struktur erlaubt es, neue Ideen zu sammeln und gegebenenfalls weitere Werke hinzuzuziehen.

Literatur

  • Gogolin, I. (1994). Der monolinguale Habitus der multilingualen Schule. Münster: Waxmann.
  • Seidel, T. & Krapp, A. (Hrsg.). (2014). Pädagogische Psychologie (6., vollst. überarb. Aufl.). Weinheim: Beltz.
  • Wild, E. & Möller, J. (Hrsg.). (2009). Pädagogische Psychologie. Berlin: Springer.

Rezensent
Mathias Dehne
Student an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Studentische Hilfskraft und Tutor am Institut für Erziehungswissenschaft
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Zitiervorschlag
Mathias Dehne. Rezension vom 08.08.2016 zu: Christoph Steinebach, Daniel Süss, Jutta Kienbaum, Mechthild Kiegelmann: Basiswissen Pädagogische Psychologie. Die psychologischen Grundlagen von Lehren und Lernen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. ISBN 978-3-407-34217-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20707.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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