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Thomas Bock, Andreas Heinz: Psychosen. Ringen um Selbst­verständlichkeit

Rezensiert von Prof.em Dr. Alexa Köhler-Offierski, 26.08.2016

Cover Thomas Bock, Andreas Heinz: Psychosen. Ringen um Selbst­verständlichkeit ISBN 978-3-88414-602-6

Thomas Bock, Andreas Heinz: Psychosen. Ringen um Selbstverständlichkeit. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2016. 335 Seiten. ISBN 978-3-88414-602-6. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR.

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Thema

Der Begriff der Psychose gehört zu den zentralen Begriffen der Psychiatrie – aber was bezeichnet er eigentlich, von außen und vom Erleben des/der Betroffenen her betrachtet? Die beiden Autoren legen ein Buch vor, welches sich mit Grundfragen des Faches, bezogen auf Psychosen, auf einer anthropologischen Grundlage auseinandersetzt.

Autoren

Die beiden Autoren sind für das oben genannte Vorhaben bestens qualifiziert:

  • Thomas Bock, Professor für klinische Psychologie und Sozialpsychiatrie an der Universität Hamburg und langjähriger Leiter der Psychosenambulanz der Universität Hamburg-Eppendorf, gehört zu denjenigen, die Psychoseseminare und andere trialogische Projekte über Jahrzehnte vorangetrieben hat und zwar sowohl für schizophren wie bipolar erkrankte Menschen und ihre Angehörigen.
  • Prof. Andreas Heinz, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, neben der Medizin auch qualifiziert durch ein Studium der Philosophie und Anthropologie, ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte reichen von biologischen Grundlagen bis hin zu philosophischen Fragestellungen der Psychiatrie.

Aufbau

Das Buch ist in folgende Abschnitte gegliedert:

  • ‚Einleitung: Spurensuche‘ mit der Erläuterung des ‚Kontextes des Ringens um Selbstverständlichkeit‘, Klärung der anthropologischen Traditionen, an die die Autoren anknüpfen und Begründung des anthropologischen Blicks auf Psychosen.
  • ‚Grundsätzliches‘, in dem Aspekte des Krankheitsverständnisses und unterschiedlicher Krankheitsbegriffe, die Rolle der Sprache und Menschen- und Krankheitsbilder erörtert werden.
  • ‚Wenn wir um uns selbst ringen – kulturhistorische Hintergründe‘ greift Themen wie Identität, Selbstsystem, Traumata, Kohärenz, Resilienz und Vulnerabilität, Angst und Scham, Sinnsuche und Recovery und Empowerment auf, kurzum alle derzeit besonders thematisierte Aspekte.
  • Unter ‚Veranschaulichung – die Vielfalt der psychotischen Wahrnehmung‘ werden diese eher unter einer symptombezogenen Perspektive betrachtet. Hier sind ein Gastbeitrag von Gwen Schulz integriert, betitelt: ‚Auf der Suche nach dem Sinn meiner Psychose‘ und zehn Thesen zum subjektiven Verständnis von Psychosen von Dorothea Buck, beides psychoseerfahren.
  • Der nächste Abschnitt wendet sich den ‚Entstehungsbedingungen‘ zu: ‚wie werden wir psychotisch‘, darauf folgen die Abschnitte zu ‚therapeutischen Handlungskonsequenzen: Menschen gerecht werden‘ und ‚Nötige Strukturveränderungen im psychiatrischen Hilfesystem‘.
  • Den Abschluss bildet der ‚Ausblick‘, der ‚Dilemmata der Psychosenbehandlung und ihrer Potentiale‘, ‚Individualisiert – personenzentriert – einzigartig‘, ‚Brüchige Vielfalt – die Notwendigkeit von Metaphern‘ und schließlich ‚Merkmale und Konsequenzen einer anthropologischen Psychiatrie‘ zusammenführt.

Nach der Danksagung folgt das umfangreiche Literaturverzeichnis.

Inhalt

Der Begriff der Psychose ist ein übergreifender, es gibt organisch bedingte, drogeninduzierte Psychosen neben den schizophrenen und affektiven Psychosen. Dennoch scheint es phänomenologisch auch Gemeinsamkeiten zu geben, auch wenn der Schwerpunkt der Ausführungen bei den Psychosen des schizophrenen Formenkreises liegt.

In der Einleitung formulieren Bock und Heinz ihr Grundverständnis und ihr Ziel, welches sie mit der Publikation verbinden: „In einer Psychose steht unsere Selbstverständlichkeit sehr grundlegend infrage; das Dasein bekommt eine andere Bedeutung, eine andere Konnotation. Das birgt das Risiko tiefer und nachhaltiger Verunsicherung, aber auch die Chance einer neuen Sicht auf uns und die Welt. Alle Beteiligten werden in und durch Psychosen mit zutiefst menschlichen und uns alle im Kern berührenden Themen konfrontiert.“ (S. 12) Nach einem Hinweis auf die soziokulturellen Praktiken, die Selbst-Verstehen mitbestimmen, heißt es: „Wir wollen mit diesem Buch die vorsichtige Hoffnung ausdrücken, dass sich die menschliche Sicht auf Psychosen, die Kultur der Psychiatrie sowie die Sensibilität und Toleranz in der Gesellschaft so weiterentwickeln, dass auch ein Mensch mit Psychoseerfahrung Selbstverständlichkeit finden kann. Wir möchten mit diesem Buch also bei aller Vorsicht die Koordinaten erweitern, die unsere Selbstverständlichkeit bestimmen.“ (S. 13f) Bock und Heinz streben eine Erweiterung des Verständnis darüber an, was Menschen in einer Psychose erleben und wollen das zutiefst Menschliche in einem solchen Ausnahmezustand herausarbeiten. Sie positionieren sich damit bezüglich ihrer therapeutischen Haltung in Abgrenzung zu einer reduktiven Diagnosestellung, die den Menschen und das jeweilige kulturelle Umfeld nicht im Zentrum hält.

In dem nächsten Abschnitt „Grundsätzliches“ werden die eben erwähnten Fragen nach Krankheitsverständnis, Stigmatisierungsprozessen und Selbstbehauptung wieder aufgegriffen und für einen veränderten, nämlich philosophisch informierten Krankheitsbegriff plädiert, denn in jedem Krankheits- bzw. Gesundheitsbegriff ist immer ein bestimmtes Bild vom Menschen enthalten.

Der mit 68 Seiten längste Abschnitt steht unter der Überschrift ‚Veranschaulichung – die Vielfalt der psychotischen Weltwahrnehmung‘. Es geht um die Frage, wie sich Psychosen verstehen lassen, verdeutlicht an den Positionen Emil Kraepelins und Eugen Bleulers aus der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts, mit der Schlussfolgerung: „Hier wird deutlich, wie sehr unser Verständnis der schizophrenen Psychosen, ja unsere ganze Konstruktion psychischer Erkrankungen von den Urteilen und Vorurteilen unserer Zeit und ihrer Konflikte herrühren. Und es zeigt sich, wie wichtig es ist, sorgfältig mit den Krankheitskonzepten umzugehen und sie immer im fachlichen Dialog und Trialog zur Diskussion zu stellen.“ (S. 101) Im Folgenden gehen die Autoren den vorgenannten Konstruktionen von Psychose nach und erarbeiten die Bedeutung der Sprache, des metaphorischen Sprechens. Sie weisen auf die Gefahren hin, wenn man sich der Übertragung eines Bildes in einen anderen Kontext nicht bewusst ist: „Metaphorisches Sprechen benutzt also Begriffe, die in einem bestimmten Kontext sinnvoll verwendet werden, um sie auf einen neuen, bisher unbekannten und noch nicht benannten Bereich zu übertragen. Dies birgt aber immer die Gefahr, die in diesem Übertragungsprozess inspirierenden Ähnlichkeiten nachträglich zu konkretisieren, sie allzu wörtlich zu nehmen, in der Ähnlichkeit der Ausdrücke nach Ähnlichkeiten der Dinge zu suchen, also über den kreativen Versuch hinauszugehen, ein bereits bestehendes Wort in einem neuen Kontext zu verwenden.“ (S. 102f)

Mit dieser Warnung vorab werden heutige Vorstellungen von Reizüberflutung, Mitwelt und Eigenwelt, Innen- und Außenwelt, Empfindlichkeit und Dünnhäutigkeit, Bedeutung des Stresserlebens vorgestellt und die anthropologische Sichtweise auf Stimmenhören, Wahn, Negativsymptomatik, veränderte Raum- und Zeitwahrnehmung erläutert. Bedeutsam sind die beiden Gastbeiträge, die aus ihrer subjektiven Erfahrung heraus psychotisches Erleben darstellen und Forderungen nach einer menschlichen Haltung für den Umgang.

Auch im folgenden Abschnitt zu den ‚Entstehungsbedingungen‘ werden vielfältige Erkenntnisse zusammengeführt, von der Genetik in Interaktion mit Umwelteinflüssen einschließlich der gesellschaftlichen, familiären Ebene über das Vulnerabilitäts-Stress-Bewältigungsmodell und einmündend in ein erneutes Plädoyer ‚wider die Eindimensionalität‘.

Basis aller Therapie ist ‚wahrnehmen, wundern, würdigen‘, ‚mitfühlen und Dabeisein‘ und immer wieder das Primat der Beziehung. Erst vor diesem Hintergrund und im Nachspüren machen die Erkenntnisse und Methoden einzelner psychotherapeutischen Verfahren Sinn. Und dieser Grundsatz ist auch hinsichtlich der Neuroleptika-Behandlung zu beachten. Zwangsmaßnahmen werden ebenso angesprochen, das ‚Ringen um Kooperation‘ und der ‚Respekt vor Eigensinn‘. Ein Abschnitt zu Selbsthilfe und der Bedeutung der Peerarbeit – wiederum von Gwen Schulz – runden diesen Abschnitt zu den ‚therapeutischen Handlungskonsequenzen‘ ab.

Den erforderlichen Strukturveränderungen ist ein eigener Abschnitt gewidmet. In dem diesbezüglichen Fazit formulieren Bock und Heinz: „Entscheidend ist also, ob es gelingt, die Lebenssituation psychisch beeinträchtigter und erkrankter Menschen im Kontext des Sozialraums, der Kommunal-, Schul- und Arbeitsmarktpolitik sowie der allgemeinen Lebensqualität zu diskutieren, anstatt sie als Problem einer Randgruppe oder als Steckenpferd zunehmend spezialisierter Dienstleister zu betrachten. …Gerade bei Menschen, bei denen Denken, Fühlen und Handeln zeitweilig auseinanderfallen, hat es wenig Sinn, dass die jeweiligen Spezialisten nebeneinanderher oder sogar gegeneinander arbeiten. Und doch ist das leider oft der Fall.“ (S. 281f)

Der abschließende ‚Ausblick‘ bündelt die Erkenntnisse unter dem Stichwort Herausforderungen und bezieht diese wieder zurück auf die anthropologische Position des Menschen, der immer zugleich aktiv handelnd wie sich selber reflektierend eine doppelte Positionalität einnimmt, mit Helmuth Plessner zu sprechen. Merkmale einer anthropologischen Psychiatrie werden abschließend in 19 Leitsätzen zusammengefasst.

Diskussion und Fazit

Man könnte den Verdacht haben, ein Grundlagentext wie der vorgelegte sei schwer zu lesen, gar unverständlich. Das ist definitiv nicht der Fall. Bock und Heinz haben ein Buch vorgelegt, das sich sehr differenziert und facettenreich dem Phänomen Psychose und Psychoseerleben widmet. Dabei ist die durchgehende Haltung getragen von Respekt und um Verständnis ringend. Das spiegelt sich auch in der Sprache wider, die durchgehend um Verständlichkeit und Lesbarkeit bemüht ist. Darüber hinaus greifen Bock und Heinz auf die langjährige eher kultur- und geisteswissenschaftliche Tradition der Psychiatrie zurück und zeigen auf, welcher Verlust hinsichtlich des Verstehens durch eine Reduktion auf normierte und von Erleben abstrahierende Diagnosen eintritt und damit zutiefst Menschliches verfehlt. Schließlich realisieren sie durch die Gastbeiträge das trialogische Prinzip in der Publikation zumindest ansatzweise. Damit bieten sie zugleich eine gute Vorlage hinsichtlich der wissenschaftlichen Fundierung der Sozialpsychiatrie. Kurzum: die Lektüre ist eine Herausforderung, aber eine durch und durch lohnende! Sie wird daher trotz des Preises dringend empfohlen.

Rezension von
Prof.em Dr. Alexa Köhler-Offierski
Seniorprofessorin Evangelische Hochschule Darmstadt

Es gibt 26 Rezensionen von Alexa Köhler-Offierski.

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ISSN 2190-9245