Albert Vollmer, Michael Dick et al. (Hrsg.): Konstruktive Kontroverse in Organisationen
Rezensiert von Prof. (i.R.) Dr. Hans-Jürgen Balz, 19.10.2016
Albert Vollmer, Michael Dick, Theo Wehner (Hrsg.): Konstruktive Kontroverse in Organisationen. Konflikte bearbeiten, Entscheidungen treffen, Innovationen fördern. Springer Gabler (Wiesbaden) 2015. 269 Seiten. ISBN 978-3-658-00262-6. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 53,00 sFr.
Thema
Innovationen prägen das Bild moderner Gesellschaften. In Institutionen treffen Innovationsziele bei den Mitarbeiter_innen auf gewohnte Abläufe, etablierte Arbeitsmethoden, vertraute Kommunikations- und Entscheidungsprozesse. Zukunft begegnet Tradition, Innovation stellt bekannte Routinen in Frage. Kontroversen über die Richtung, den Zweck, die Inhalte und die Wirksamkeit der anstehenden Innovation sind erwartbar und menschlich nachvollziehbar.
Als Einzelner den Innovationszielen und -vorgaben in seiner Organisation zu widersprechen ist in der Regel riskant. Negative Bewertung durch das Arbeitsumfeld, Konflikte mit Vorgesetzten bzw. Kolleg_innen und der Status-, Positionsverlust innerhalb der Organisation sind mögliche Folgen. Organisationen erwarten von ihren Mitgliedern eine positive Einstellung gegenüber den Innovationszielen und die Mitwirkung bei der Umsetzung von Veränderungsprozessen.
Diesem Spannungsfeld zwischen Innovation und Tradition wendet sich das vorliegende Buch zu. Es stellt die Frage wie der konstruktive Umgang mit den gegenüber Innovation bestehenden Vorbehalten, kritischen Einwänden und konträren Positionen in Organisationen gelingt und stellt die Methode der Konstruktiven Kontroverse (CC „constructive controversy“) vor.
Die Herausgeber gehen von einem dem Alltagsdenken konträren Standpunkt aus: Innovation braucht Kontroverse. Veränderung und Lernen setzt an einer Irritation bestehender Meinungen, Denk- und Handlungsweisen an, braucht den Widerspruch, um dauerhaft und gewinnbringend Innovationen in Organisationen zu etablieren.
In diesem Sinne führen die Herausgeber des Buches die beiden Themenbereiche Innovation und konstruktive Kontroversen zusammen. Sie zeigen auf, dass diese Verbindung der beiden Themen in vielen Organisationen (noch) nicht zusammengedacht wird. Es werden die theoretischen Quellen der Methode der Konstruktiven Kontroverse (CC) ausgeführt, die für den Einsatz der Methode notwendigen Handlungskompetenzen praxisorientiert beschrieben und die Ergebnisse des gemeinsamen Forschungsprojektes vorgestellt.
Entstehungshintergrund
Die Publikation ist ein organisationspsychologisches Fachbuch in der Publikationsreihe der Stiftung der Schweizerischen Gesellschaft für Organisation und Management (SGO). Es will einen Einblick in die Entwicklungs- und Forschungsarbeiten zur Methode der Konstruktiven Kontroverse geben, ihre Anwendbarkeit und Wirksamkeit für verschiedene Organisationstypen in Nonprofit- und Profit-Organisationen belegen und empirische Fallstudien zum Einsatz der Methode in Schweizer Unternehmen vorstellen.
Die in der Arbeits- und Organisationspsychologie ausgewiesenen Herausgeber haben hierzu zahlreiche renommierte Autoren aus den USA, aus China, der Schweiz und Deutschland für Beiträge gewonnen. So erfahren die Leser_innen aus erster Hand Basics zu den theoretischen Grundlagen und aktuellen Entwicklungsarbeiten der Methode der Konstruktiven Kontroverse im Kontext verschiedener Anwendungsfelder.
Aufbau
Die Herausgeber gliedern das Buch in zwei Teile.
- Im ersten Teil beschreiben sie und die von ihnen gewonnenen Autor_innen die theoretischen Grundlagen und vorliegenden empirischen Befunde zu Entwicklungsarbeiten, zur Umsetzung und zur Wirksamkeit der Methode der Konstruktiven Kontroverse für die Organisationskontexte Schule, Profit-Unternehmen und Hochschule.
- Im zweiten Teil werden methodische Fragen der Erforschung der Methode der Konstruktiven Kontroverse erörtert, Fallstudien, die im Kontext des Forschungsprojektes „Constructive Controverse for Innovation. Support von Innovationsprojekten durch Konfliktbearbeitung“ (CCI) entstanden, vorgestellt und zentrale Ergebnisse verschiedener Teilstudien gebündelt, Wirksamkeitsfragen und Möglichkeiten zur methodischen Umsetzung aufgezeigt und diskutiert.
Zum ersten Teil
Nach der Einleitung durch die Herausgeber führt Albert Vollmer in den Zusammenhang zwischen Konflikt und Wissen als Grundlage von Innovation ein (Kap. 2). Die gelungene Bearbeitung von konzeptionellen Konflikten wird dabei als zentraler Schlüssel für den Erfolg von Innovationen herausgearbeitet.
Davon ausgehend beschreibt im Kapitel 3 Michael Dick die konstruktive Bearbeitung von organisationalen Dilemmata insbesondere im Kontext von Verhandlung und Entscheidung als eine der Qualitäten der Methode der Konstruktiven Kontroverse.
In den Kapiteln 4 – 6 kommen in englischsprachigen Beiträgen Pioniere und Anwendungsforscher der Theorie, Entwicklung und Implementierung der Methode der Konstruktiven Kontroverse zu Wort.
Im ersten der drei Grundlagentexte (Kapitel 4) geben David W. Johnson und Roger T. Johnson einen Einblick in die Entwicklungsarbeiten der Konstruktiven Kontroverse für die Unterstützung von Lern-, Entscheidungs- und Problemlöseprozessen in der Schule. In zahlreichen Metastudien belegen sie die Wirksamkeit und erarbeiteten die Methodik zur praktischen Umsetzung.
Dean Tjosvold, Moureen Tang und Paulina Wan liefern in Kapitel 5 für den Profit-Bereich (Marketing, Finanzen, Leadership) den aktuellen Forschungsstand, Umsetzungsbeispiele und geben Anregungen für das Handeln der Unternehmensführung.
Kapitel 6 eröffnet den Leser_innen einen Zugang zur Anwendung der Methode im Hochschulbereich (Graduierten-, Master- und Promotionsstudium). Fallbeispiele illustrieren anschaulich die Umsetzungsmöglichkeiten und den Gewinn der Methode der Konstruktiven Kontroverse für Innovationen im Ingenieurwesen.
Zum zweiten Teil
Mit dem Kapitel 7 werden methodische Fragen der Erforschung und des Zugangs zum Forschungsfeld diskutiert. Albert Vollmer beschäftigt sich darin mit der konkreten Umsetzung der Methode und ihrer Evaluation in betrieblichen Innovationsprozessen.
Es folgt in Kapitel 8 die Projektbeschreibung und das Design des Forschungsprojektes „Constructive Controverse for Innovation. Support von Innovationsprojekten durch Konfliktbearbeitung“ (CCI). Albert Vollmer, Michael Dick und Sarah Seyr begründen die Zielsetzung, den Forschungsplan und stellen die fünf im Projekt beteiligten Wirtschaftspartner vor.
In Kapitel 9 werden die Ergebnisse einer Feldstudie vorgestellt bei der die Wirksamkeit der Konstruktiven Kontroverse zur Unterstützung von Methoden-Workshops bei Innovationsprojekten untersucht wurde (Autor_in: Sarah Seyr und Albert Vollmer).
Michael Dick, Philipp Schmid und Albert Vollmer führen in Kapitel 10 in die Fallstudien des Forschungsprojektes ein, geben einen Überblick über die untersuchten Unternehmen, die Prozesse der Implementierung und beschreiben die Potentiale der Methode für Innovations-, Entscheidungs- und organisationale Lernprozesse.
Die wissenschaftliche Analyse von Interaktions- und Kommunikationsprozessen mit Hilfe eines eigens entwickelten Kategoriensystems wendet sich Kapitel 11 zu. Claudia Schär, Albert Vollmer und Tanja Manser prüfen, inwiefern dieses Beobachtungsinstrument den Prozessverlauf in den Phasen der Konstruktiven Kontroverse adäquat beschreibt und führen empirische Befunde dazu aus.
Im Kapitel 12 erfolgt der Rückblick auf das Forschungsprojekt. Albert Vollmer, Michael Dick und Theo Wehner stellen die Ergebnisse im Überblick dar, betrachten sie in ihrer Relevanz für verschiedene Praxisfelder und schließen das Buch mit einem Ausblick auf weitere Anwendungsfelder für die Methode der Konstruktiven Kontroverse ab.
Zielgruppen
Die Publikation wendet sich an Organisationspsychologen in Forschung und Praxis und Organisationswissenschaftler angrenzender Fachgebiete. Sie gibt eine Einführung in das Spannungsfeld zwischen Innovation, Wissen, Lernen, Konflikt und Konfliktmanagement in Organisationen, im Zentrum die Methode der Konstruktiven Kontroverse. Insofern ist das Buch auch Studierenden aus BA- und MA-Studiengängen im Kontext der Arbeits- und Organisationspsychologie und der -soziologie bei Veranstaltungen und Projekten zu den genannten Themenbereichen zu empfehlen.
Diskussion
Es handelt sich bei dem organisationspsychologischen Fachbuch um eine gelungene Theorie-Praxis-Integration. Nach einer breiten thematischen Einführung, einer differenzierten Darstellung der theoretischen Grundlagen, Entwicklungsarbeiten und Anwendungsfelder der Methode der Konstruktiven Kontroverse erhalten die Leser_innen einen Einblick in die Arbeit des schweizerischen Forschungsprojekts „Constructive Controverse for Innovation. Support von Innovationsprojekten durch Konfliktbearbeitung“ (CCI) seine Zielsetzung, die methodische Ausgestaltung und zentrale Ergebnisse.
Die Autor_innen sind renommierte Wissenschaftler_innen in den Lehrgebieten der Arbeits- und Organisationspsychologie, der Betriebspädagogik und angrenzender Fachgebiete. Sie stellen den Leser_innen den aktuellen Forschungsstand zur Verfügung. Ihr Buch überzeugt durch seinen übersichtlichen und stringenten Aufbau, die praxisorientierten Beiträge von Pionieren der Methode der Konstruktiven Kontroverse und das innovative Forschungsdesign und die Ergebnisse aus den Feldstudien.
Um auch als Lehrbuch zu überzeugen wär die Angabe weiterführender Literatur und ein Glossar zu empfehlen.
Fazit
Es gelingt den Autor_innen eine wissenschaftlich fundierte Integration von Theorie und Praxis, d.h. nach der theoriebasierten Zusammenführung der Themenbereiche Innovation, Lernen, Konflikt mit dem Konzept der Konstruktiven Kontroverse, wird die Methode in verschiedenen Handlungsfeldern exemplarisch vorgestellt und durch das Forschungsprojekt in seiner Wirksamkeit bei Innovations-, Entscheidungs- und organisationalen Lernprozessen auf der Basis von quantitativen und qualitativen Methoden untersucht. Es liegt ein stringent aufgebautes, informationsreiches und methodisch fundiertes Fachbuch vor.
Rezension von
Prof. (i.R.) Dr. Hans-Jürgen Balz
von 2002 bis 2023 Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum. Supervisor, Coach und Weiterbildner im Institut für Lösungsfokussierte Kommunikation (ILK-Bielefeld).
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