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Anke Redecker, Volker Ladenthin (Hrsg.): Reformpädagogik weitergedacht

Cover Anke Redecker, Volker Ladenthin (Hrsg.): Reformpädagogik weitergedacht. Ergon Verlag (Würzburg) 2016. 218 Seiten. ISBN 978-3-95650-144-9. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.
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Thema

Reformpädagogik als Begriff eröffnet einen weiten Raum an Assoziationen. Die einen mögen an Kulturkritik denken, an die Verbindung von Kopf, Herz und Hand. Andere denken an Jugendbewegungen, Landerziehungsheime und Skandale. Wiederum andere denken an Maria Montessori und kleine Möbel. Studierende mögen sich daran erinnern, dass ihnen Reformpädagogik irgendwann in einer Einführungsvorlesung als Epoche oder als Ansammlung von pädagogischen Ideen vorgestellt wurde – Steiner, Dewey, Kerschensteiner. Waldorf, Demokratie und Arbeitsschule. Diese Ideen werden zumeist der Vergangenheit zugeordnet, die Geschichte der Pädagogik wird zur bloßen Ergänzung der Vermessung, Optimierung und Zurichtung des Subjekts. Reformpädagogik – wie man sie nun auch begreifen mag – ist aber nicht nur Gegenstand historischer Betrachtung und Untersuchungsgegenstand für die Nerds der Pädagogik die gerne monatelang in Archiven abtauchen und sich durch Akten wühlen. Reformpädagogik hat uns auch heute etwas zu sagen. Sie ist fruchtbar und anschlussfähig für heutige Diskussionen.

Herausgeberin und Herausgeber

  • Dr. Anke Redecker ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bonn. Ihre Dissertationsschrift verfasste sie zur Entstehung und Kritik der Erkenntnispsychologie Richard Hönigwalds.
  • Prof. Dr. Volker Ladenthin hat eine Professur für Historische und Systematische Erziehungswissenschaft inne und ist ebenfalls an der Universität Bonn tätig. Er arbeitet zu zahlreichen Themen, von Ästhetik und Ethik bis hin zu Wissenschaft und Bildung. Gemeinsam arbeiten sie am Bonner Zentrum für Lehrerbildung.

Aufbau und Inhalt

Es handelt sich bei dem Werk um einen Sammelband, der verschiedene Zugänge zum Gegenstand der Reformpädagogik ermöglicht und diesen zuallererst konstituiert. Den Anfang macht dabei der sprachgewaltige Artikel von Anke Redecker. Sie führt in den Problemhorizont ein, stellt die einzelnen Artikel kurz vor und setzt – stellvertretend für die AutorInnen des Bandes – eine grundlegende Prämisse: „Eine pauschale Reformpädagogik-Schelte ist […] nicht hilfreich.“ (S. 11) Es geht ihr aber nicht darum, die Reformpädagogik grundlegend positiv zu bewerten. Stattdessen gehe es neben der Suche nach Problemen auch darum, die Mannigfaltigkeit und den Variantenreichtum im Hinblick auf die heutige Relevanz zu analysieren. Nicht Reimplementation der Reformpädagogik sondern „die kritische Reflexion dieser Konzepte vor dem Hintergrund aktueller Fragestellungen im Blick auf eine Reform, die bereit ist, sich selbst zu reformieren“ (S. 17), sei als Ziel festzuhalten. Anke Redecker steuert neben den rahmenden Worten auch noch einen weiteren Beitrag bei. Sie widmet sich dem selten aus erziehungstheoretischer Warte in den Blick genommenen Pädagogen Hugo Gaudig zu und arbeitet sein Verständnis von Selbsttätigkeit und die systematische Stellung von dialogorientierten Praktiken und das in seinen Arbeiten thematisierte diffizile Verhältnis von Nähe und Distanz heraus.

Volker Ladenthin thematisiert in seinem Beitrag den Bedarf von Reform und auch an Reformschulen – Reformpädagogik ist hier ein kritischer Hebel um gesellschaftliche und auch pädagogische Normen zu hinterfragen und dann auch möglicherweise begründet zu ändern. Die Frage, die letztendlich zu stellen sei, ist nach Ladenthin die nach Bildung. Reformpädagogik ist so eine Pädagogik im Werden. Stets Fragen formulierend, Antworten generierend und diese dann auch erneut hinterfragend.

Harald Ludwig – wohl einer der einschlägigen Experten für die Reformpädagogik Maria Montessoris und Herausgeber der Werke von Montessori – fragt in seinem Artikel nach der Aktualität ebendieser Pädagogik. Nach Rekonstruktion und Bedeutung von Montessoris Pädagogik stellt er einen beeindruckenden Aktualitätsbezug in Form von Thesen her. Schulen sollten sich öffnen, eine globale Perspektive sollte eingenommen werden und der Frieden sollte Richtwert der Erziehung sein. Der Artikel bietet so auf der einen Seite eine kompakte Einführung in das Denken Montessoris und auf der anderen Seite Anregungen für die weitere Arbeit. Für meine Studierenden in einem Seminar zu Reformpädagogik war der Text sehr diskussionsanregend.

Jost Schieren ist ebenfalls ausgewiesener Experte auf seinem Gebiet: Waldorfpädagogik. Ausgehend von der Diagnose, Waldorfpädagogik würde in der akademischen Diskussion hauptsächlich kritisiert und kaum mit wohlwollendem Blick gelesen, verweist er darauf, dass gerade zur Praxis der Waldorfpädagogik eine Vielzahl an empirischen Forschungsarbeiten existiere. Der Text von Schieren hat „im Wesentlichen programmatischen Charakter“ (S. 99). Er fordert eine neue Waldorfpädagogik und einen selbstreflexiven Standpunkt. Der Text liefert einen Einstieg in das komplexe Feld der Waldorfpädagogik und räumt mit vielen Vorurteilen auf.

Andreas Lischewski setzt sich in seinem Beitrag mit der Pädagogik von Georg Kerschensteiner auseinander. Kerschensteiner liest er nicht nur als Vertreter der Idee der Arbeitsschule oder gar absolut reduziert als den Begründer der Idee der Arbeitsschule, sondern auch als Verfechter einer fast schon demokratischen Sittlichkeit. Hier schreibt er gegen das Bild von Kerschensteiner als autoritären Pädagogen an. Diese „banalisierende Einordnung sollte aus wissenschaftlichen Lehrbüchern endlich verschwinden.“ (S. 122)

Thomas Mikhail schreibt über Alfred Petzelts Verständnis einer Pädagogik vom Kinde aus. Pädagogik vom Kinde aus ist ein gerne genutzter Terminus um eine der Grundfiguren der Reformpädagogik zu beschreiben. Mikhail nähert sich der Reflexion dieser Figur mit und über Petzelt und arbeitet heraus, dass es nicht der Maßstab der Erwachsenen sei – der einer Normalpädagogik – sondern die Aktivität des Kindes und die angenommene Möglichkeit, dass durch diese Aktivität Bildungsprozesse initiiert werden können, die eine Pädagogik vom Kinde aus auszeichnet. Der Leitspruch liefert nach Mikhail einen kritischen Zugang dazu, wie Pädagogik abseits von Normalitätsvorstellungen von Erwachsenen gedacht werden könne, und sei somit ein stetiger Appell zur Reflexion des pädagogischen Handelns.

Svea Cichy setzt sich in ihrem Aufsatz mit dem Verhältnis von Montessori-Pädagogik und der tatsächlichen Praxis in Schulen auseinander. Mit diesem Fokus kann die Autorin die Frage beantworten, ob und wie die Ideen Maria Montessoris in der Schule realisiert werden. Auf Grundlage einer Schulerkundung kann sie ausweisen, dass auch in den Ideen Montessoris sich die Appellstruktur der Reformpädagogik ausweisen lässt: Reformpädagogik sei eine zielführende Möglichkeit der Kritik am Bestehenden.

Der Band schließt mit einem Beitrag von Sidonie Engels, die sich näher mit der Kunsterziehungsbewegung und der Kunstdidaktik befasst. Sie begreift Kunstpädagogik als ein noch immer entstehendes Forschungsgebiet in dem noch viel zu verhandeln sein (vgl. S. 214). Die Frage mit der sich Kunstdidaktik auch heute konfrontiert sehe sei, wie „Kunstunterricht in einer demokratisch legitimierten Institution gestaltet werden [kann, S.E.]?“ (S. 214) Diese Frage eröffnet den großen Raum der Diskussion und eint auf ein abstrakteres Level gehoben die verschiedenen Beiträge im Sammelband.

Diskussion

Reformpädagogik weiterdenken bedeutet vor allem weiter denken. „Weiter“ bedeutet hier sowohl den Horizont der Möglichkeiten zu erweitern, wie Texte gelesen und verstanden werden können. „Weiter“ bedeutet aber auch in einer zeitlichen Perspektive die Reformpädagogik oder das was mit ihr assoziiert wird nicht auf dem Trümmerhaufen der Geschichte zurückzulassen und den Blick stur nach vorne zu richten. Im Dialog von Vergangenheit und Gegenwart entwickeln die durchweg anregenden und auf extrem hohen Niveau geschriebenen Artikel genau dies. Die Stärke des Bandes, aus dem für den Rezensenten aus persönlichem Interesse besonders die Artikel von Lischewski und Redecker hervorstechen, liegt in der Vermittlung von theoretisch-abstrakter Arbeit und stetiger Rückbindung an die aktuelle Diskussion. Einzige Schwäche mag die Komplexität des Themas selbst sein. Diese wird von den AutorInnen aber eingeholt und in allen Fällen gewinnbringend aufgearbeitet.

Fazit

Der vorliegende Band macht nicht nur Spaß, sondern ist auch ein relevanter Beitrag zur aktuellen Diskussion über Reformpädagogik. Der Old-Timer Reformpädagogik wird hier nicht nur entstaubt und für eine letzte Fahrt auf abgelegene Landstraßen gefahren. Reformpädagogik wird mit aktueller Pädagogik verknüpft und wirkt so als Korrektiv für die oft nicht hinterfragten Zustände angeführt. Der Band ist jeder Leserin zu empfehlen, die sich weiter mit Reformpädagogik beschäftigen will und vor akademischer Sprache nicht zurückschreckt. Für Seminare an Universitäten sind die Texte sehr gut geeignet – sie liefern Anregungen für Diskussionen, Informationen und den aktuellen Forschungsstand. Es handelt sich somit um ein uneingeschränkt zu empfehlendes Buch!


Rezensent
Sebastian Engelmann
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Historische Pädagogik und Erziehungsforschung an der Universität Jena
Homepage www.erziehungsforschung.uni-jena.de/Mitarbeiter/Seb ...
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Zitiervorschlag
Sebastian Engelmann. Rezension vom 13.05.2016 zu: Anke Redecker, Volker Ladenthin (Hrsg.): Reformpädagogik weitergedacht. Ergon Verlag (Würzburg) 2016. ISBN 978-3-95650-144-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20713.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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