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Sandra Matthäus, Daniel Kubiak (Hrsg.): Der Osten. Neue sozial­wissenschaftliche Perspektiven

Cover Sandra Matthäus, Daniel Kubiak (Hrsg.): Der Osten. Neue sozialwissenschaftliche Perspektiven auf einen komplexen Gegenstand jenseits von Verurteilung und Verklärung. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2016. 223 Seiten. ISBN 978-3-658-06400-6. 39,99 EUR.
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Thema

Der Osten Deutschlands im sozialwissenschaftlichen Diskurs wird in diesem Sammelband thematisiert. Die Autoren begeben sich auf eine persönliche und wissenschaftliche Identitätssuche. Das Buch versucht eine neue Perspektive auf den „Osten“ Deutschlands, jenseits von Mythen und Fiktionen der Nachwendezeit zu finden und gibt Impulse zu einem immer noch hochaktuellen innerdeutschen Forschungsthema.

Aufbau und Inhalt

Die Einleitung der Herausgeber Sandra Matthäus und Daniel Kubiak ermutigt nach 25 Jahren der Transformationsforschung zu neuen theoretischen Ansätzen, die jenseits von Verurteilung und Verklärung in politischen Ost- West- Debatten, sich die einzelnen Beiträgen als Diskussionsinitial verstanden wissen wollen.

Andreas Klärner und Andre´ Knabe befassen sich mit der tradierten Entkopplung von Ehe- und Familien In Ostdeutschland und kommen zu der These, dass die Institution Ehe eher pragmatisch auf ihre Nützlichkeit gesehen wird und als moralisches Lebenskonzept in Ostdeutschland an Bedeutung verliert.

Mit den Lebensläufen hauptamtlicher Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR setzen sich in einer intensiven Sozialanalyse Uwe Kränke, Anja Zschirpe, Matthias Finster und Phillipp Reimann ins Bild. Sie unterstreichen dabei, die besondere Verstrickung von Berufs- und Privatleben, welche in der Verlaufskurve durch die Wende ausgelöst, eine besondere Qualität des Sinnverlustes darstellen könnte.

Pamela Heß findet in Ihrem Beitrag zum öffentlichen Erinnern an die DDR eine eher politisierte auf dem Diktaturcharakter gekürzte Erinnerungskultur. Diese verläuft jedoch asynchron zu dem persönlichen, differenzierteren Erinnern von ehemaligen DDR-Bürgern. Sie mahnt an, dass sich die Mehrheit der Ostdeutschen mit ihren vielfältigen Erfahrungen, im öffentlichen Erinnern nicht wiederfinden. Sie schlägt eine intensivere Zeitzeugenarbeit vor, die die öffentliche Würdigung und Anerkennung der Lebensgeschichten aufgreift ohne mit Beliebigkeit den Grundkonsens, des diktatorischen Charakters der DDR aufzugeben.

Melanie Lorek stellt sich in ihrem Beitrag der Frage nach der Rolle der Wende in biographischen Konstruktionen. Sie entdeckt eine Dissonanz zwischen den Symbolereignis im kollektiven Gedächtnis und der persönlichen Besetzung des Wendebegriffes.

Christiane Wilke beschreibt die Stigmatisierung der DDR als „Unrechtsstaat“ im Diskurs der bundesdeutschen Justiz. Sie stellt detailliert am Beispiel der Übertragung des bundesdeutschen Rechtssystems auf die Neuen Bundesländer, die Semi- Kolonialisierung und die damit verbundenen hierarchischen identitätsstiftenden Selbstverständnisse der westlichen Kultur, als Ausdruck von Vorurteilsgewissheit einer Gesellschaft, die das Fremde dazu stilisiert als Gegensatz zu einer gewohnten und demokratischen Zivilisation sich selbst zu referieren.

Letztendlich vermittelt J.B. Straughn am Hintergrund der symbolischen Biographie, die Rekonstruktion des „Ostens“ in einer räumlichen und zeitlichen Dimension. Er resümiert, dass eine selbstgenannte Ost- Sozialisation eine Art identitätsstiftende Verortung ist.

Diskussion

Das Buch vermittelt neue sozialwissenschaftliche Perspektiven auf das Leben und die Entwicklung der Menschen in Ostdeutschland. Dabei versuchen die Autoren gerade nicht die gängigen Argumente der Transformationsforschung zu verifizieren. Sie stellen eigene kritische Fragestellungen und lassen Ergebnisse verhandelbar. Forschungslogisch sind die Beiträge qualitativ ausgerichtet und haben keinen Anspruch auf empirische Dominanz. Trotzdem leiten sie interessante Gedanken, die die Eindimensionalität der wissenschaftlichen Diskurse über den Osten Deutschlands kritisch hinterfragen. Auch die Beiträge von Karstein/Wohlrab-Sahr sowie Felix Ringel tragen durch ihren perspektivischen Focus zu einem besseren Verständnis der Handlungsmöglichkeiten einer noch immer nicht gut verstandenen Gesellschaft.

Fazit

Ein interessantes Fachbuch mit innovativen Beiträgen, die unter Kultur- und Sozialwissenschaften sicher Beachtung finden werden. Dabei wirken die Beiträge nicht vollendet, sondern lassen den Leser mit den interessanten Ansätzen spannungsgeladen auf mehr hoffen.


Rezensent
Dipl. Sozpäd./Sozialarb. Harald A. F. Kunz
Gerontologe (M.A.)/
Wissenschaftlicher Mitarbeiter Brandenburgische Technische Universität Cottbus - Senftenberg Campus Cottbus Sachsendorf
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Zitiervorschlag
Harald A. F. Kunz. Rezension vom 12.05.2016 zu: Sandra Matthäus, Daniel Kubiak (Hrsg.): Der Osten. Neue sozialwissenschaftliche Perspektiven auf einen komplexen Gegenstand jenseits von Verurteilung und Verklärung. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-06400-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20721.php, Datum des Zugriffs 10.12.2019.


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