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Laurenz Wilken: Die virtuelle Mitglieder­versammlung

Cover Laurenz Wilken: Die virtuelle Mitgliederversammlung. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. 258 Seiten. ISBN 978-3-8309-3387-8. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
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Die digital natives erobern die Vereine

In Deutschland gibt es nicht grundlos den Begriff des Vereinsmeiers. Daran erkennt man zum einen, dass in der deutschen Geschichte die Organisation in Vereinen eine große und lange Tradition hat, zum anderen aber auch, dass Menschen, die sich in Vereinen ehrenamtlich engagieren, oft als ein wenig verschroben, eigenwillig, widerständig und schwierig gelten. Einher mit diesen Charaktereigenschaften gehen in vielen Fällen ein signifikante Aversion gegen Veränderungen und technische Neuerungen. Auf der anderen Seite ist aber zu konstatieren, dass selbst Vereine mit einer überaus langen Tradition sich immer weniger Innovationen verschließen können, wollen sie nicht als rückständig und verkrustet gelten. Attraktivität erlangt man auf dem „Markt der Mitglieder“ auch und gerade durch die satzungsrechtliche Inkorporation neuer technischer Möglichkeiten, zumal in der heutigen Zeit, die durch ein Höchstmaß an Kommunikation und Partizipation – das Stichwort social media mag hier genügen – gekennzeichnet ist.

Entstehungshintergrund

Daher verwundert es nicht, dass mit der hier zu besprechenden Arbeit Fragen der sog. virtuellen Mitgliederversammlung in Vereinen behandelt werden. Bei dem Werk handelt es sich um die Dissertation, die der Verfasser im Jahr 2016 vorgelegt hat. Erstgutachter war Professor Dr. Andreas Bergmann von der Fern-Universität Hagen. Das Zweitgutachten erstellte Professor Dr. Ulrich Wackerbarth.

Aufbau

Das Buch ist insgesamt neun große Abschnitte gegliedert, bei denen es sich um die Folgenden handelt:

  1. Einführung
  2. Die Entwicklung der Mitgliederversammlung im 19. Jahrhundert
  3. Die virtuelle Mitgliederversammlung in anderen Gesellschaftsformen
  4. Die Einführung der virtuellen Versammlung
  5. Ablauf und Durchführung der virtuellen Versammlung
  6. Inhaltliche Einschränkung der virtuellen Versammlung
  7. Politische Parteien
  8. Zusammenfassung und abschließendes Fazit
  9. Vorschläge für gesetzgeberisches Handeln

Wie üblich bei Dissertationen, schließt ein umfassendes Literaturverzeichnis das Werk ab.

Ausgewählte Inhalte und Diskussion

Da Wilken der Möglichkeit virtueller Mitgliederversammlung positiv gegenübersteht und dafür auch durchweg überzeugende Argumente liefert (S. 232 ff.), ist es von besonderem Reiz, den Gegenargumenten nachzuspüren, die von dem Verfasser der Arbeit selbstverständlich im Einzelnen angeführt, erläutert und kritisch beleuchtet werden (S. 196 ff.).

Das OLG Hamm hat in seinem Urteil vom 20.06.2001 (8 U 77/01) ausgeführt, dass nur eine Präsenzveranstaltung gewährleiste, dass der Versammlungsleiter die Wortmeldungen der Mitglieder wahr- und entgegennehmen könne. Ebenso sei nur auf diesem Wege festzustellen, ob die Mitglieder frei und unbeeinflusst ihre Stimme abgeben. Auch die Mitglieder könnten nach dieser Ansicht nur im Rahmen einer physischen Mitgliederversammlung überprüfen und feststellen, ob der Versammlungsleiter seinerseits das Abstimmungsergebnis zutreffend feststellt. Außerdem könne nur so eine geheime Wahl durchgeführt werden (S. 196).

Allen diesen Argumenten begegnet Wilken mit überzeugenden Gegenargumenten, die vor allem technischer Natur sind. So können die Diskussionsbeiträge der Mitglieder gespeichert werden und sind somit reproduzierbar. Darüber hinaus gibt es auch keinen vereinsrechtlichen Anspruch auf die Durchführung einer geheimen Wahl. Aber selbst solche geheimen Abstimmungen sind mit der heutigen modernen IT-Technik ohne weiteres möglich.

Besonders spannend und erhellend sind die Ausführungen des Autors, die dieser den psychologischen Argumenten, die gegen virtuelle Mitgliederversammlungen vorgebracht werden, entgegenhält. So wird vorgebracht, dass das Internet das Phänomen abweichenden Verhaltens im Vergleich zum Verhalten in der realen Welt mit sich bringt. Dieses abweichende Verhalten sei durch eine Abnahme von Verhaltenshemmungen gekennzeichnet. In der angelsächsischen Literatur werden die insofern zu konstatierenden Verhaltensweisen mit folgenden Termini beschrieben:

  • dissociative anonymity,
  • invisibility,
  • asynchronity,
  • solipsistic introjection,
  • dissociative imagination,
  • minimization of authority.

Diese Begriffe beschreiben u.a. die Tatsache, dass Gestik, Mimik, Zwischenrufe und das äußere Erscheinungsbild der Teilnehmer bei einer virtuellen Mitgliederversammlung wegfallen und somit ein Enthemmungsprozess festzustellen ist, der sich u.a. in einer raueren Sprache und einem Mangel an Rücksichtnahme ausdrückt (S. 200). Wilken weist jedoch richtigerweise darauf hin, dass eine mittels IT-Technik vermittelte Kommunikation zum einen nicht zwangsläufig zu diesen negativen Begleiterscheinungen führen muss. Man denke insofern nur an einige physische Mitgliederversammlungen von Fußballvereinen des Ruhrgebiets in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts, die sich auch nicht durch feinziselierte Argumentationsstränge, distinkte und gewählte Sprache der Redner oder fairer Reaktion auf einzelne Redebeiträge durch die Mitglieder auszeichneten. Zum anderen erinnert Wilken daran, dass durch die Nutzung von IT-Technik, mit der z.B. die sog. invisibility einhergeht, gerade schüchterne Mitglieder eher in der Lage sind, ihre Ideen, Positionen und Vorschläge in den Meinungsbildungsprozess des Vereins einzubringen (S. 200).

Der Autor sieht folgende Vorteile von virtuellen Mitgliederversammlungen (S. 210 ff.) u.a.:

  • Einsparpotentiale,
  • gesteigerte Teilnahmequote,
  • flexiblere Abstimmung,
  • bessere Zusammenstellung der Beschlussvorlagen.

Insgesamt kommt daher der daher Autor zu dem Ergebnis, dass die Vorteile die Nachteile überwiegen bzw. die vorgebrachten Gegenargumente letztlich nicht überzeugen (S. 221).

Fazit

Da die Arbeit gleichwohl einige Lücken bzw. Unklarheiten in der aktuellen Fassung des BGB mit Blick auf virtuelle Mitgliederversammlungen offenlegt, ist der Intention des Verfassers zuzustimmen, wonach das Gesetz präzisiert werden sollte, um die gesetzliche Grundlage für dieses neue Instrument der Mitgliederversammlung zu verbessern. Die Vorschläge zu Gesetzesänderungen sollte der Gesetzgeber alsbald aufgreifen. Der technische Fortschritt ist nicht aufzuhalten, so dass auch Vereine von den Segnungen des Internets bei der Durchführung der Mitgliederversammlungen als dem höchsten Organ des Vereins profitieren können. Die Dissertation liefert dafür wichtige Anregungen und entkräftet dagegen vorgebrachte Argumente vorbildlich und sehr überzeugend.


Rezensent
Dr. iur. Marcus Kreutz
LL.M., Rechtsanwalt. Justiziar des Bundesverbandes Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland e.V. in Köln
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Zitiervorschlag
Marcus Kreutz. Rezension vom 28.06.2017 zu: Laurenz Wilken: Die virtuelle Mitgliederversammlung. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. ISBN 978-3-8309-3387-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20725.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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