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Albert Krölls: Kritik der Psychologie

Cover Albert Krölls: Kritik der Psychologie. Das moderne Opium des Volkes. VSA-Verlag (Hamburg) 2016. 3. aktualisierte und erweiterte Neu Auflage. 232 Seiten. ISBN 978-3-89965-690-9. D: 17,80 EUR, A: 16,30 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Der Autor des Buches, Hochschullehrer i. R. für Rechts- und Sozialwissenschaften, einem breiteren Publikum bekannt durch seine Schriften zum Verhältnis von Recht, Staat und kapitalistischer Konkurrenzgesellschaft (Das Grundgesetz – Ein Grund zum Feiern, VSA 2009, Kapitalismus – Rechtsstaat- Menschenrechte VSA 2013) hat die 3. aktualisierte und erweiterte Auflage seiner erstmals 2006 veröffentlichten Streitschrift gegen die psychologische Weltanschauung vorgelegt. Seine Schrift stellt nicht nur die Erklärungsleistungen einer ganzen wissenschaftlichen Disziplin in Frage, sondern beinhaltet zugleich auch eine Generalpolemik gegen das therapeutische Hilfsangebot der angewandten Psychologie. Titel und Untertitel des Buches sind Programm: „Auf welchen systematischen Fehlern gründet die Theoriebildung einer Wissenschaft namens Psychologie, worin besteht der ideologische Gehalt psychologischer Erklärungen, welche Beiträge leistet die psychologische Lebenshilfe für das (praktische) Bedürfnis bürgerlicher Subjekte, die Konkurrenzgesellschaft als ihre Heimat begreifen zu wollen?“ (Klappentext)

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel und eine Schlussbetrachtung. Ein zusätzlicher breit angelegter und in der Neuauflage noch einmal erheblich erweiterter Diskussionsteil dokumentiert den lebhaften Diskurs, den der Autor seit dem Erscheinen seiner Streitschrift mit den Verfechtern der psychologischen Weltanschauung geführt hat.

Gegenstand des grundlegenden 1. Kapitels ist unter dem Titel „Psychologie als Menschenbildpflege“ die Auseinandersetzung mit dem „deterministischen Menschenbild“ der Psychologie, das – so Krölls – im Rahmen dieser Wissenschaft als schulenübergreifendes allgemeines Erklärungsprinzip fungiert. Der Mensch wird dem Autor zufolge von der Psychologie präsentiert als ein widersprüchlich konstruiertes Doppelwesen, dessen Denken und Handeln einerseits bestimmt oder gesteuert wird durch ein Ensemble von inneren und äußeren Einflussfaktoren und das andererseits zugleich mit der Fähigkeit begabt sein soll, die Kontrolle über die inneren Kräfte zu erringen, die den Inhalt seiner Bewusstseinsakte determinieren. Um auf diese Weise ein seelisches Gleichgewicht zu erlangen, das ihn in Einklang bringt mit den realen Umständen, die sein Leben beherrschen.

Ihr theoretisches Vorurteil der Determination oder Bewirktheit von Bewusstseinsakten hat die Disziplin Krölls zufolge bereits in ihre Ausgangsfrage hineingelegt, die sie an die Gesamtheit ihrer Erkenntnisgegenstände richtet, ganz gleichgültig, ob Psychologen die Erklärung des Suizids eines Fußball-Nationaltorhüters, die Entstehung ausländerfeindlicher Gesinnungen, die Teilnahme an Kriegen oder den Schüleramoklauf von Winneden zu ihrem Thema machen. Mit der psychologischen Generalfrage nämlich nach den „Ursachen“ des Denkens und Handelns ist die Frage aufgeworfen, auf welche inneren und/oder äußeren Umstände jenseits von Wille und Bewusstsein die Aktionen der Subjekte zurückzuführen sind. Welche Bedingungen oder Faktoren haben die Subjekte so handeln lassen, wie sie handeln, der Wirkkraft welcher (unentdeckter) Steuerungsmächte verdanken sich ihre Urteile über die Welt, ihre Beschlüsse und ihre praktischen Werke? Das ist der Inhalt der Warum-Frage der Psychologie, die in den Augen des Autors zielstrebig weg vom Erklärungsgegenstand und Ausgangspunkt der Betrachtung führt: den zweckbestimmten Handlungen der Subjekte in die psychologische Hinterwelt der „eigentlich“ maßgeblichen Bestimmungsgründe des Denkens und Handelns (S. 18).

Damit ist bereits die zentrale Leistung des Erklärungsprinzips des Determinismus angesprochen: die systematische Leugnung der eigenständigen Existenz von Wille und Bewusstsein. Albert Krölls insistiert darauf, dass seine Kritik nicht etwa auf die ein oder andere fehlerhafte Erklärung zielt, die psychologische Theorien liefern, sondern das „Konstruktionsprinzip“ der psychologischen Erklärungslogik selber im Auge hat. Das „deterministische Dogma“ der Psychologie, die das Denken und Handelns des Subjekts schlechthin als Resultat des Wirkens innerer seelischer Kräfte oder Dispositionen und verhaltensauslösender Situationen auffasst, beraubt – so seine zentrale Aussage – jede menschliche Tat ihrer entscheidenden Bestimmung: die subjektiven Handlungsgründe der Akteure bilden gemäß der psychologischen Sichtweise lediglich die Oberfläche oder Ausdrucksform sich „dahinter“ abspielender psychischer Prozesse: „Die Menschen mögen sich noch so sehr einbilden, die Herren ihrer Zwecke zu sein und ihre eigenen – richtigen oder auch falschen – Gründe dafür haben, warum sie arbeiten gehen, Morde oder Diebstähle begehen, Asylbewerberheime anzünden (…) Das psychologische Dogma des Waltens hintergründiger seelischer Kräfte belehrt sie eines Besseren. Letztlich führt wahlweise ein „mysteriöser Seelenapparat“, der Aggressionstrieb, die Motivationsstruktur, das Ensemble der Einflüsse von Anlage und Umwelt oder neuerdings die Physiologie ihres Hirns Regie bei allem, was der Mensch denkt und treibt.“ (20)

Ihr Wissen um die geheimen Kräfte der Seele – jener geheimnisvollen black box, in die niemand hineinsehen kann – gewinnen – so der Autor – Psychologen auf eine höchst eigentümliche Weise. Sie reflektieren die Handlungen der Subjekte in deren „seelisches Innenleben“ und bestimmen das praktische Tun als Äußerung der inneren Möglichkeit dazu. Auf „mustergültig tautologische Weise“ erklären sie die Welt der Handlungen durch ebenso viele Triebe, Neigungen, Fähigkeiten, Dispositionen oder Tendenzen. Den Krieg erklären sie aus einem Aggressionstrieb, die Liebe aus einem Liebes-, Zerstörungswerk aus einem Todestrieb, das Lernen aus der in verschiedenen Quantitäten auf die Menschen verteilten Lernfähigkeit, die Ausübung von Macht aus einem Machtstreben, den Alkoholismus aus einem Hang zur Trunkenheit. Sie führen die Ausländerfeindlichkeit auf eine dementsprechende xenophobe Veranlagung zurück und bringen es sogar fertig, Verkehrsunfälle aus einer »Unfallneigung« der Beteiligten abzuleiten (S. 21).

Im weiteren Fortgang des Kapitels wird der Determinismus als eben dieses universelle Erklärungsprinzip der Psychologie an verschiedenen repräsentativen Ansätzen (Frustrations- Aggressions-Theorie, Hirnforschung; Motivationspsychologie, kognitive Psychologie) aufgezeigt und zusammenfassend festgehalten, dass eine Ausnahme vom Erklärungsmodus des Determinismus schlichtweg nicht existiert. Diese Feststellung leitet über zum nächsten Abschnitt, der dieses allgemeine Erklärungsmuster als „Produkt des psychologischen Steuerungsideals“ vorstellig macht (S. 39). Eine Wissenschaft nämlich, welche die Ermittlung der Steuerungsmechanismen menschlichen Handelns zu ihrer Sache erklärt, welche systematisch nach den verantwortlichen inneren und äußeren Determinanten des Handelns sucht, gibt – so Krölls - ihre Zielsetzung kund, getrennt vom Willen des Menschen Einfluss auf ihn zu nehmen, sein Verhalten steuern zu wollen. Das instrumentelle Interesse an der Herbeiführung von Verhaltensänderungen führt beispielsweise zur behavioristischen Konstruktion des Menschen als Reiz-Reaktions-Mechanismus, der sich durch die Anordnung äußerer Reizkonstellationen in beliebige Reaktionsbahnen lenken lassen soll. Demselben Steuerungsideal würden sich triebtheoretische Erklärungen verdanken, die nach dem Muster konzipiert seien, dass die „Erkenntnis“ der Palette verhaltenssteuernder Antriebe zugleich die Handhabe zur (selbst)kontrollierten Domestizierung der destruktiva-aggressiven Triebkräfte eröffnen soll.

Kapitel 2 des Buches befasst sich mit dem Kategoriensystem der Psychoanalyse, die mit ihrer Universalerklärung des Inhaltes von Willen und Bewusstsein aus dem Wirken der angeblichen Macht des Unbewussten das klassische Paradebeispiel psychologischer Theoriebildung darstellt: Im Rahmen dieser Theorie wird das Subjekt einerseits als Spielball des Waltens nur dem Sachverstand des Psychologen erschließbarer (unbewusst-sexueller) Triebregungen definiert. Dasselbe Subjekt soll anderseits zugleich dazu berufen sein, sich zum selbst kontrollierenden Herren über seinen chaotischen, als Kampf dreier miteinander konkurrierender seelischer Kräfte (Es, Ich und ÜberIch) konstruierten, Seelenhaushalt aufzuschwingen und damit an sich selbst ein seelisches Gleichgewicht herzustellen. Die ideologische Leistung des Konstrukts besteht in Krölls Auffassung darin, sämtliche Konflikte des Menschen in und mit der äußeren Welt in sein seelisches Innenleben zu verlegen. Die realen Probleme, die das (bürgerliche) Subjekt hat, weil es bei der Verfolgung seiner Interessen in der hiesigen Gesellschaft andauernd auf politökonomisch gesetzte Schranken stößt, welche ihm Verzicht und Selbstbeherrschung aufnötigen, werden auf psychische Funktionsdefizite zurückgeführt, die auf einem gestörten Verhältnis der seelischen Instanzen des ES, Ich und ÜberIch beruhen, beispielsweise weil das Ich zu schwach oder das ÜberIch zu stark ausgeprägt ist. An der Beschaffenheit der Gesellschaft jedenfalls kann es nicht liegen, wenn der Mensch in ihr nicht zurechtkommt (S. 69).

Kapitel 3 des Buches widmet sich anknüpfend an die zuvor geleistete Generalkritik der psychoanalytischen Erklärungsweise der kritischen Theorie des Subjekts, die Krölls provozierend als „triebökonomisches Produkt des Frankfurter Psychomarxismus“ bezeichnet (S. 95). Bezug nimmt er dabei auf die bis auf den heutigen Tag beliebten Forschungen des Frankfurter Instituts für Sozialforschung zum „autoritären Charakter“, welche beanspruchten, die Antwort auf die Frage zu geben, warum sich große Teile der Bevölkerung freiwillig in den Dienst des Faschismus gestellt haben. Die von Adorno & Horkheimer für notwendig erachtete Ergänzung der als deterministisch bzw. objektivistisch missverstandenen Politischen Ökonomie, wonach das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimme, um einen »subjektiven Faktor« endet in den Augen von Krölls in der Konstruktion eines idealen Entsprechungsverhältnisses zwischen Untertan und Herrschaft: staatsbürgerlicher Gehorsam als Naturbestimmung des Willens oder in einer anderen Wendung: die politische Herrschaft stellt eine einzige Erfüllung der tiefenpsychologischen Sehnsüchte der Untertanenseele dar. Unter Rezeption von Freuds zentraler Kategorie des „Unbewussten“ entdecken sie in den Abgründen des sadomasochistischen Selenlebens die Wurzeln des autoritären Charakters, den sie für die Bildung des faschistischen Massenbewusstseins verantwortlich machen. Damit emanzipieren sie sich zielstrebig – so die Argumentation des Buches - von der Frage, was die Menschen sich vom Faschismus erhofft haben und welche Interessen für ihre Zustimmung zum Faschismus maßgeblich waren und behandeln diese als Ausdruck eines „inneren Determinismus“, einer Irrationalität des triebgesteuerten Bewusstseins. Mit dieser Ableitung des faschistoiden Bewusstseins aus den unbewussten Abgründen der menschlichen Psyche erübrigt sich für Adorno & Co jede nähere Befassung mit dem Inhalt der politischen Gedankenwelt der Bürgerinnen und Bürger oder gar eine kritische Würdigung der politischen Gedankenleistungen faschistisch gesinnter Staatsbürger als „falsches Bewusstsein“. Die theoretische und praktische Parteinahme der Menschen für die nationalsozialistische Herrschaft und deren politische Zielsetzungen ist nicht die Konsequenz von nationalistischen Berechnungen der Bürger, welche die staatliche Herrschaft als positive Bedingungen für ihre eigenen Zwecke begreifen und sich deswegen erfolgreich für das im Faschismus regierende Staatsprogramm deutscher Weltherrschaft mobilisieren lassen. Die Praktizierung staatsbürgerlicher Loyalität gründet – den Vertretern der Theorie des autoritären Charakters zufolge – vielmehr auf der erfolgreichen herrschaftlichen Befriedigung eines psychologischen Urbedürfnisses des Subjektes, das „an Gehorsam und Unterdrückung Gefallen findet“. In seiner „autoritären Unterwürfigkeit“ verwirkliche sich die „masochistische Komponente des Autoritarismus“ (Originalzitat Adorno) Auch die Erklärung des Antisemitismus folgt dieser Logik, weil der angeblich „weitgehend unbewusste Judenhass“ als „Ersatzhandlung“ zur Vermeidung des Eintrittes einer psychischen Störung dargestellt wird (sehr einleuchtend hier die Kritik der Zitate auf den Seiten 91f.).

Kapitel 4 des Buches setzt sich in Gestalt von Skinners Theorie des Verhaltens mit dem Behaviorismus auseinander, der bekanntlich durch die Konstruktion eines Reiz-Reaktions-Mechanismus wissenschaftliche Aufmerksamkeit erregt hat und offen das Steuerungsprogramm der Anpassung des Subjektes an die Erfordernisse der Gesellschaft propagiert. Das theoretische Konstruktionsprinzip des Reiz-Reaktions-Schemas beruht nach Krölls auf folgender Logik: „Entsprechend seinem vorausgesetzten Interesse der Herstellung kausaler Zusammenhänge zwischen Umwelteinflüssen und menschlichen Aktivitäten bestimmt Skinner – unter Ausschaltung der störenden Dazwischenkunft von Wille und Bewusstsein – jedwedes Handeln als „abhängige Variable“, d. h. als zwangsläufiges Resultat der Wirkung äußerer Bedingungen: Mittels dieses Definitionsaktes sind Umwelt und Verhalten als Verhältnis von Ursache und Wirkung, von Reiz und Reaktion in eine tautologisch-zirkuläre Beziehung miteinander gesetzt, in welcher sich die beiden Seiten wechselseitig durcheinander bestimmen. Die Eigenschaftsbestimmung des Verhaltens besteht darin, durch die Umwelt hervorgebracht zu sein, während umgekehrt die Umwelt dadurch gekennzeichnet ist, dass sie das Verhalten erzeugt.“ (S. 98)

Nicht von ungefähr – so Krölls - würden die von verhaltenswissenschaftlich orientierten Psychologen für den Beleg des Reiz-Reaktions-Automatismus angeführten einschlägigen Beispiele für das glatte Gegenteil ihres Beweisanliegens streiten. Wenn Skinner & Co auf jedermann bekannte Zusammenhänge zwischen äußeren Bedingungen und spezifischen Reaktionsweisen Bezug nehmen wie auf das Beispiel der angeblich „verhaltensauslösenden“ roten Ampel, so rekurrieren sie bei Licht betrachtet auf Zusammenhänge, die im Widerspruch zu ihrer Behauptung gestiftet werden durch Wille und Bewusstsein gestiftet werden, d. h. durch den berechnenden Bezug des Menschen auf die ihm vorausgesetzten äußeren Bedingungen. Dass sich die Verkehrsteilnehmer in aller Regel an Verkehrzeichen halten, setzt nämlich erstens voraus, dass sie um deren Bedeutung wissen und sie zweitens die Befolgung der Verkehrsregeln für einen Akt der Vernunft halten oder aber der drohenden Konsequenz der Ahndung von Zuwiderhandlungen durch die Hüter von Gesetz und Ordnung entgehen wollen. (S. 99)

Kapitel 5 des Buches ist der Auseinandersetzung mit sozialpsychologischen Fehlerklärungen der Ausländerfeindlichkeit gewidmet. Am Beispiel der Erklärung der in Ostdeutschland auffälligen Ausländerfeindlichkeit aus den repressiven Verhältnissen der Ex-DDR versucht Krölls nachzuweisen, dass auch hier das psychologische Prinzip der Nichtbefassung mit den Gründen und Inhalten der Ausländerfeindlichkeit waltet. Nicht der beobachtbare Nationalismus und die daraus abgeleitete Feindschaft gegen Mitglieder der Völkerschaft anderer Nationen ist Gegenstand der Erklärung der Ausländerfeindschaft, sondern die in der DDR erlebte politische Unterdrückung und Stasi-Mentalität. Ob es die autoritäre DDR-Erziehung oder ein unbefriedigt gebliebenes Bedürfnis der Jugend nach Strenge (so einst Biedenkopf) ist, das die Ausbildung ausländerfeindlicher Einstellungen befördert – auf jeden Fall soll das einstige feindliche Regime und nicht das nationale Selbstbewusstsein eingemeindeter Deutscher verantwortlich für die ausländerfeindlichen Einstellungen und Verhaltensweisen sein. Dieses Urteil gilt auch für die Vorurteilsforschung und ihre Resultate, die sich nicht mit den politischen Auffassungen rechtsradikaler Gewalttäter befasst, sondern diese auf Vorurteile, Unsicherheiten und Angstzustände zurück führt, also auf das Konstrukt eines orientierungslosen Menschen, dem die Ausländerfeindlichkeit Halt und Identität gibt. Albert Krölls erweitert seine Kritik auch auf kritische sozialpsychologische Ansätze, die – wie bei Holzkamp - Ausländerfeindlichkeit als „staatlich provozierten Sündenfall des eigentlich revolutionär-antirassistischen Subjekts“ (v)erklären. (S. 120) In dieser Theorie, so Krölls, geht es um die die Konstruktion eines modernen Staatsrassismus, der mittels Bestechung und Bedrohung für die Sicherung der Staatsbürgerloyalität sorgt. Der Staat nutzt damit die Diskriminierung von Bevölkerungsgruppen dazu aus, um eine Opposition gegen herrschende Verhältnisse zu unterminieren und die Bevölkerung in unterschiedliche Gruppen zu „fragmentieren“. Die Kritik an derartigen Überlegungen, die ihren historischen Charakter nicht verleugnen können, fasst Krölls in einem Unterabschnitt dieses Kapitels, in dem er die Ausländerfeindlichkeit als eine staatsbürgerliche Eigenleistung auf der Grundlage staatlicher Menschensortierung bestimmt, zusammen.

In Kapitel 6 stehen die praktischen Leistungen verschiedener Therapieformen wie namentlich der klassischen Psychotherapie und der Gesprächstherapie zur Diskussion. Folgende Fragen sollen beantwortet werden: Mit welchen Verfahren setzt die Psychotherapie ihr jeweiliges Erklärungsmodell in die Praxis psychologischer Lebensberatung um, worin bestehen ihre ebenso unzweifelhaften wie fragwürdigen Erfolge? Welche geistigen Interessen des bürgerlichen Menschen werden so erfolgreich bedient, dass in den USA der Gang zum Psychiater zur national durchgesetzten Seelenhygiene gehört und auch hierzulande die Pflege des Selbstwertes zum ersten Lebensbedürfnis geworden ist?

Die Beweisführung dieses Kapitels ist gemäß seiner Überschrift darauf gerichtet, die Psychotherapie als Angebot an den Willen des Patienten dazustellen, im Weg geistiger Selbstmanipulation den seelischen Frieden mit sich selbst und damit mit der Gesellschaft zu finden. Dieser Weg verläuft in der klassischen Therapie Freuds durch die willentliche Übernahme der Deutungsangebote der Psychoanalyse im Hinblick auf die angebliche Herkunft seelischer Leiden aus der Geisterwelt verdrängter, ins Unbewusste abgeschobener Triebregungen. In der Gesprächstherapie nach Rogers, die das Verhältnis zwischen Erfolgsansprüchen und Selbstzweifeln des Individuums neu auszutarieren versucht, indem sie Negativerlebnisse als Teil des wahren Selbst zu integrieren versucht, gehe es darum, dass die Realität akzeptiert und hingenommen werden soll. Der „affirmative Endpunkt“ (S. 159) des psychologischen Bemühens ist die geistige Hilfestellung für die Mitglieder einer Konkurrenzgesellschaft, die diese Gesellschaftsform und deren Funktionsprinzipien als unverrückbare Bedingung ihres Daseins akzeptieren und sich darum bemühen. sich als konkurrierende Subjekte in dieser Gesellschaft so zurecht zu finden, indem sie ein neues Verhältnis zu sich selbst gewinnen, sich überzogene Erfolgsansprüche abschminken, in der Bewältigung der Niederlagen im Lebenskampf die Stärke der eigenen Persönlichkeit entdecken und dergleichen mehr.

Die Leistungsschau der Gesprächstherapie – so Krölls eingangs seiner Schlussbetrachtung „Vom Nutzen der psychologischen Weltanschauung für die herrschenden Verhältnisse oder Psychologie: das moderne Opium des Volkes“ – zeigt exemplarisch auf, worin der Nutzen der psychologischen Anschauung der Welt besteht. Deren Nützlichkeit beruht darauf, dass die Psychologie einschließlich ihrer vulgärwissenschaftlichen Verlängerungen und praktischen Abteilungen mit ihren Hilfsangeboten erfolgreich ein grundlegend falsches geistiges Bedürfnis des Konkurrenzsubjekts bedient: Das Bedürfnis nämlich, die gesellschaftlichen Verhältnisse des Kapitalismus als seine Heimat, ihre Einrichtungen von der Schule über die Lohnarbeit bis hin zur Familie als Mittel zur Beförderung seiner Lebensinteressen und die Bewältigung der gesellschaftlichen Anforderungen als Bewährungsprobe für die Erfolgstüchtigkeit und Leistungsfähigkeit ihrer werten Persönlichkeit zu betrachten. Wer die kapitalistische Welt als ein Reich von Möglichkeiten und Chancen für sich ansieht, die man nur wahrnehmen wollen muss, um Erfolg zu haben, wer sich dementsprechend selber als das Erfolgsmittel begreift, der interpretiert ganz nach dem Vorbild der wissenschaftlichen Psychologie in streng zirkulärer Manier seine Misserfolge in Ausbildung und Beruf als Konsequenz seiner eigenen Erfolgsunfähigkeit. Den Beweis für seine Auffassung von sich als Verlierer-Typ sieht er folgerichtig darin, dass andere doch den Erfolg haben, der ihm versagt ist. Die Gewinner pflegen gemäß derselben Logik unter umgekehrten Vorzeichen ihre Erfolge in Schule, Beruf und Privatleben auf eine ihrer Individualität eingeschriebene Erfolgsfähigkeit zurück zu führen. Für diesen elementaren Fehlschuss, aus dem Umstand, dass bei allen Konkurrenzanstrengungen das Ich am Werk ist, folgern zu wollen, dass deswegen auch im Subjekt der tiefere Grund für dessen Erfolg oder Scheitern angesiedelt sei, bedarf es mitnichten der Lektüre eines psychologischen Traktates. Ebensowenig wie für sein Urteil, dass die Verteilung der Bürger auf die Hierarchie der Berufe ein mehr oder minder gerechtes Spiegelbild des unterschiedlich ausgeprägten individuellen Leistungsvermögens darstelle. (S. 162)

Für dieses ohnehin bereits vorhandene elementare Bedürfnis des freiheitlich-demokratischen Konkurrenzbürgers liefert die psychologische Denkweise, liefert das psychologische Menschenbild das ideologische Belegmaterial im Sinne einer bestätigenden, bekräftigenden oder entschuldigenden Rechtfertigung des Willens zum Funktionieren.

So wimmelt es – und welches Mitglied akademischer Bildungsanstalten kann das nicht unmittelbar nachvollziehen – vor lauter Persönlichkeiten, die stolz auf ihre Leistungen sind und Verlierern der Konkurrenzgesellschaft, die selbst noch ihre Trinkgewohnheiten auf die Umstände zurück führen, die ihnen übel mitgespielt haben. Die Psychologisierung des Selbst und die Wissenschaft der Psychologie haben – so Krölls – der Heilsbotschaft der Religion den Rang abgelaufen und liefern mit ihrer Botschaft der personalen Befriedigung und Selbstverwirklichung die angemessene Droge für Individuen des 20. Jahrhunderts, die nicht mehr auf ein Himmelreich verwiesen werden wollen, in dem sie Erlösung finden, sondern im Diesseits die Versöhnung suchen, die es einer widrigen Welt abzuringen gilt.

Im Rahmen des lesenswerten Diskussionsteils im Anhang des Buches sei exemplarisch auf zwei lehrreiche jüngere Beiträge von Krölls hingewiesen, mit denen er auf Einwände seiner Leserschaft entgegnet. Zum einen auf die Auseinandersetzung, die der Autor unter den Titel „Die geheime Macht des Unbewussten – Ein untauglicher Rettungsversuch der Psychoanalyse“ mit einem bekennenden Anhänger Freuds geführt hat. Die Antwort auf einen weiteren Leserbrief beinhaltet vertiefte Ausführungen zur Kritik der ebenso beliebten wie falschen Fragestellung „Freiheit versus Determination des Willens?“

Diskussion und Fazit

Der Rezensent ist kein Fachvertreter der Wissenschaft der Psychologie, aber als Hochschullehrer häufig mit den im Buch von Krölls abgehandelten psychologischen Theorien und Deutungen (Rogers!) konfrontiert. Die Lektüre des logisch aufgebauten und stets klar und überzeugend argumentierenden Buches von Albert Krölls wirkt dabei in jeder Hinsicht erhellend. Vieles, was man bereits vermutet hat, wird in einen begründeten Zusammenhang gestellt und Krölls gelingt es, die verschiedenen Stränge und Abteilungen des psychologischen Denkens zu sortieren und ihre gemeinsamen Grundlagen heraus zu arbeiten.

Die Kritik von Krölls ist fundamental und lässt der psychologischen Wissenschaft kein Hintertürchen offen. Gerade aber das macht sie so spannend und für die Lektüre empfehlenswert. Albert Krölls hat mit diesem Buch einen Standard gesetzt, der die psychologische Wissenschaft zur Antwort herausfordert. Man darf auf Reaktionen gespannt sein. Auf jeden Fall lohnt sich der Kauf dieses Buches auch für Studierende und (fachfremde) Lehrende, die – nicht nur bei Prüfungen – mit den Psychotouren konfrontiert werden, in denen die Versagensangst eingedämmt und der Erfolg als Produkt der individuellen Könnerschaft bejubelt wird. Nach der Lektüre begreift man besser, warum dies so ist.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Wohlfahrt
Jg. 1952, Professor i.R. für Sozialmanagement, Verwaltung und Organisation am Fachbereich Sozialarbeit der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe Bochum
Forschungsschwerpunkte: Entwicklung sozialer Dienste, Wohlfahrtsverbände, Sozialpolitik und Sozialstaat
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Zitiervorschlag
Norbert Wohlfahrt. Rezension vom 03.06.2016 zu: Albert Krölls: Kritik der Psychologie. Das moderne Opium des Volkes. VSA-Verlag (Hamburg) 2016. 3. aktualisierte und erweiterte Neu Auflage. ISBN 978-3-89965-690-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20727.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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