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Priscilla Alderson: The Politics of Childhoods Real and Imagined. Vol. 2

Cover Priscilla Alderson: The Politics of Childhoods Real and Imagined. Vol. 2. Practical Application of Critical Realism and Childhood Studies. Routledge (New York) 2016. 212 Seiten. ISBN 978-0-415-81820-9. 135,50 EUR.
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Thema

Politische Handlungsansätze, die die Interessen der Kinder zu vertreten beanspruchen, werden fast immer pragmatisch konzipiert. Zu Ihrer Begründung berufen sie sich heute meist auf die in der UN-Kinderrechtskonvention kodifizierten Menschenrechte von Kindern oder sie behaupten schlicht, dem Kindeswohl zu dienen. Neben dem Bezug auf heute lebende Kinder wird in jüngster Zeit auch auf die Interessen zukünftiger Generationen verwiesen, vor allem mit Blick auf die langfristigen ökologischen Konsequenzen gegenwärtiger politischer Entscheidungen. Nur selten wird darüber reflektiert, welches Kindheits- oder Generationenkonzept der jeweiligen Politik zugrunde liegt. Auf Erkenntnisse der Kindheitsforschung wird bestenfalls in der Sozialberichterstattung, aber fast nie bei politischen Entscheidungen oder der Formulierung von Gesetzen zurückgegriffen. Die Kindheitsforschung greift ihrerseits soziologische, psychologische, biologische Theorien und Forschungen oder solche aus anderen Disziplinen meist nur implizit und selektiv auf, ohne sich in der Regel mit ihnen auseinandersetzen. So wird etwa die Agency von Kindern oft losgelöst von Theorien zur Sozialstruktur betrachtet.

In dem hier zu besprechenden Buch ist das anders. Es basiert ausdrücklich auf einer vorwiegend im angelsächsischen Raum verbreiteten philosophischen Konzeption, die „Critical Realism“ oder „Dialectical Critical Realism“ genannt wird. Die Grundlagen und ihre Relevanz für die Kindheitsforschung werden von der Autorin im ersten Band („Childhoods Real and Imagined. Volume 1: An introduction to critical realism and childhood studies“; vgl. die Rezension) entfaltet.

Aufbau und Inhalt

In dem hier zu besprechenden Band wird der Versuch unternommen, die im ersten Band dargelegten philosophischen und theoretischen Überlegungen für die Analyse von Kinderpolitik in verschiedenen Teilen der Welt nutzbar zu machen.

Die Darstellung steht unter dem Motto „Childhoods in the ‚real‘ adult world“. Damit will die Autorin zum Ausdruck bringen, dass sich Kinderpolitik nicht von fiktiven Wunschvorstellungen über eine ideale Kindheit leiten lassen, sondern auf einer Analyse ihrer tatsächlichen Situation in einer von Ungleichheit geprägten und von Erwachsenen dominierten Welt basieren sollte. Ihre Leitfragen formuliert die Autorin so: „Where are the missing children in public debate? How might they be affected? How do they react and contribute? How can diverse childhoods inform debates about present and future societies? The concern from a childhood perspective is not only what changes might be made, but how changes are made, why they are resisted and how resistance might be overcome.“ (S. 13; kursiv im Orig.)

Nach Bekunden der Autorin wäre es ein Missverständnis, wenn der Eindruck entstünde, sie lege nur das Gewicht auf die Probleme von Kindern und unglückliche Kindheiten. Mit ihrer Darstellung der Probleme wolle sie vielmehr einen Ausgleich dafür schaffen, dass die feindseligen Lebensumstände von Millionen Kindern selten beachtet werden. Ihre hauptsächliche Absicht sei, zu erkennen, wie Protest und Veränderung aus der Erfahrung und Erkenntnis der feindseligen Umstände hervorgehen können und wie oft Kinder daran beteiligt sind. Mit dem Buch wolle sie auch mögliche Alternativen, Potentiale und Utopien sichtbar machen, die insbesondere die jüngsten Generationen betreffen.

Der Aufbau orientiert sich an dem des ersten Bandes und stützt sich auf die dort ausgearbeiteten theoretischen Kategorien.

Das erste Kapitel des Hauptteils („Ecology: Human relations with the nature“) setzt sich mit den Folgen der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen und des Klimawandels auf Kinder und Jugendliche auseinander. Es begründet insbesondere die Verpflichtung der Staaten, die künftigen ebenso wie die gegenwärtigen Interessen von Kindern zu beachten, die ökologischen Zerstörungen zu beenden und den daraus resultierenden gewaltsamen Konflikten und Vertreibungen entgegen zu wirken.

Das zweite Kapitel („Economics: Interpersonal, intergenerational and international relations“) konzentriert sich auf die ökonomischen Aspekte von Gesundheitspolitik. Während ökonomische Theorien und Forschungen bisher die Kinder weitgehend ignoriert hätten, habe die Kindheitsforschung ökonomische Fragen vernachlässigt. Indem Krankheit und Gesundheit zu einem kommerziellen Geschäftszweig gemacht worden sei, kämen Gesundheitssysteme nur noch zahlungskräftigen Eliten zugute und die Interessen der Kinder und künftiger Generationen fielen unter den Tisch. Die internationale Hilfe im Bereich der Gesundheitsvorsorge sei einigen privaten Mäzenen und Konzernen überantwortet worden. Gesundheitssysteme und internationale Gesundheitsprogramme müssten grundlegend reformiert und von den Staaten und der internationalen Staatengemeinschaft in die Hände genommen werden.

Im dritten Kapitel („Emergence: Social structures“) werden die tiefergehenden, strukturellen Ursachen für die Vernachlässigung der Interessen der jungen Generationen beleuchtet und an der Ausbreitung von Gewalt in den Städten und der Kinderarmut veranschaulicht. Diese stünden in Zusammenhang mit der dominanten Ideologie, dass das menschliche Leben durch Märkte gesteuert und alle Lebensprozesse, selbst ethische Fragen, nach Kostengesichtspunkten beurteilt und entschieden werden müssten. Politisches Handeln stehe vor der Herausforderung, neue Prioritäten jenseits der Marktdynamik und des Preiskalküls zu wählen.

Im vierten Kapitel („Ethics and emancipation: Reimagining the politics of childhood“) wird dafür plädiert, Utopien einer gerechteren Zukunft auf der Basis ethischer Kriterien zu entwerfen. Als zentrale Herausforderungen einer entsprechenden Kinderpolitik werden Ökologie, Bildung, solidarische Beziehungen, eine an Gebrauchs- statt Tauschwerten bzw. dem „Gabentausch“ orientierte Ökonomie (gift economy), eine Versöhnung von Arbeit und Spiel sowie eine grundlegende Demokratisierung aller gesellschaftlichen Sphären unter Mitwirkung der jungen Generation genannt.

Patricia Alderson fasst die wichtigsten Themen und Perspektiven ihres Buches (unter Einschluss des ersten Bandes) mit folgenden Worten zusammen: „Two themes through this book have been connections and openings. On connections, there is the importance of seeing how global matters such as ecology, economics, politics, essential services, urban and rural areas, society and nature, and all related topics studied by separate disciplines interact and constantly influence and change one another in cause-time-space structure-agency. Another main connection is between generations, to show how children and adults have so much in common in relation to these global matters and to good societies, which need to be understood trough a life-course perspective instead of the usual adult view that sets aside childhood. A third connection in the two volumes is the interdependence between social research theory and method, and ways in which DCR [Dialectical Critical Realism] can aid and clarify them.“ (S. 164)

Diskussion und Fazit

An den von Patricia Alderson präsentierten Überlegungen zu einer Neukonzipierung von Kinderpolitik wird deutlich, wie schwierig es ist, diese in hinreichend konkreter Weise aus einer übergreifenden Theorie abzuleiten. Die Art und Weise, in der die Autorin die politisch zu lösenden Probleme benennt und begründet, ist bestechend und hat große Überzeugungskraft. Allerdings bleiben die von ihr skizzierten Handlungsperspektiven weitgehend darauf beschränkt, an die Verantwortung staatlicher und zwischenstaatlicher Autoritäten zu appellieren, ihr Handeln an einer anderen, ethisch begründeten Zukunftsvision auszurichten. Im Zuge der Analyse wird deutlich, worin die Interessen von Kindern und künftigen Generationen bestehen und was es bedeutet, aus deren Perspektive zu denken. Aber in den im Buch präsentierten Vorschlägen für eine andere Kinderpolitik kommen die Kinder und Jugendlichen selbst als handelnde Subjekte kaum vor. Hierzu hätte es ergänzender subjekttheoretischer Überlegungen und vielleicht auch eines genaueren Studiums sozialer Bewegungen bedurft, in denen Kinder und Jugendliche maßgebliche Akteure sind.

Discussion and Summary

In Patricia Alderson´s thoughts on a new conception of children´s politics, it becomes clear that a deduction from an overarching theory bears difficulties. The way in which the author names and justifies problems that require political solutions is poignant and bears a great power for conviction. However, the perspectives for action she sketches out stay in large parts limited to appealing governmental and international authorities to orient their actions towards a different, ethically justified vision of the future. In the course of the analysis, it becomes clear what the interests of children or future generations can be and what it means to think from their perspective. Nevertheless, in the book, children and young people themselves hardly appear as acting subjects in the stimuli for different children‘s politics. In order to include this aspect and their voices it may have been necessary to give subject-theoretical thoughts more weight as well as to do research on social movements, in which children and young people are the main actors.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children‘s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
Homepage www.fh-potsdam.de/person/person-action/manfred-lieb ...
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 18.07.2016 zu: Priscilla Alderson: The Politics of Childhoods Real and Imagined. Vol. 2. Practical Application of Critical Realism and Childhood Studies. Routledge (New York) 2016. ISBN 978-0-415-81820-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20729.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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