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Paul T. M. Smith: Stressreduzierende Pflege von Menschen mit Demenz

Cover Paul T. M. Smith: Stressreduzierende Pflege von Menschen mit Demenz. Der Stress–Coping–Ansatz. Hogrefe (Bern) 2016. 244 Seiten. ISBN 978-3-456-85545-5. 29,95 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Thema

Die Pflege und Betreuung Demenzkranker im fortgeschrittenen Stadium befindet sich in konzeptioneller Hinsicht immer noch in der Entwicklung. Viele Modelle und Konzepte konkurrieren gegenwärtig in den Fachkreisen. Grob lassen sich zwei Hauptrichtungen hierbei unterscheiden. Eine Position versucht das Verhalten der Demenzkranken und den Umgang mit ihnen in der Pflege und Betreuung aus neurowissenschaftlichen Erkenntnissen u. a. in Gestalt einer Ableitung aus neuropathologischen Abbauprozessen und parallel hierzu aus erfolgreich praktizierten Umgangsformen zu erklären. Die konträre Richtung hingegen entzieht sich bewusst einer neurobiologischen Deutung und konstituiert ein Demenzpflegemodell allein beruhend auf einer normativ-ethischen Sichtweise in Verbindung mit eklektizistischen Theoriekonzepten jedoch ohne Wirksamkeits- und Praktikabilitätsnachweis. Die vorliegende Publikation aus Großbritannien kann vom Inhalt her in gewisser Hinsicht als der Versuch einer Mischung verschiedener teils konträrer Ansätze verstanden werden.

Autor

Paul T. M. Smith ist Krankenpfleger für u. a. psychiatrische Pflege mit langjähriger Berufserfahrung. Gegenwärtig ist er in leitender Funktion bei einem großen Träger von Pflegeeinrichtungen in Großbritannien tätig.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in acht Kapitel untergliedert.

Kapitel 1 (Was ist Demenz? Die biologische Domäne: Seite 21 – 49) erläutert die biologischen und physiologischen Aspekte der Demenz. Zu Beginn wird die wissenschaftlich nicht haltbare These aufgestellt, dass jeder Krankheitsverlauf einer Demenz „einzigartig“ wäre (Seite 23) ohne auf die Erkenntnisse über den strikten in Stadien verlaufenden Abbauprozess einzugehen. Es folgen Ausführungen u. a. über die Diagnostik, die Epidemiologie, die Symptome und die unterschiedlichen Demenztypen. Es schließt eine knappe Beschreibung der Hirnstrukturen und deren Auswirkungen auf die Demenz mitsamt einer Darstellung des Krankheitsverlaufs in ihrer Progredienz an.

In Kapitel 2 (Was ist Demenz? Die psychologischen und sozialen Bereich: Seite 51 – 76) wechselt der Autor den Bezugsrahmen und die Terminologie bezüglich demenzieller Symptome, indem er nun mit den Ideen von Tom Kitwood das Verhalten und die Reaktionen der Demenzkranken zu erklären versucht. Hierbei wird u. a. auch das Modell des Abbaus in bestimmten Stadien abgelehnt, da es nicht die Milieufaktoren („Systemtheorie“) angemessen berücksichtigt. Dabei werden die gegenwärtig gängigen Modelle des Abbaus, der Ansatz der Retrogenese und die Braak-Stadien, weder inhaltlich angeführt noch erläutert.

Kapitel 3 (Moderne Pflege- und Versorgungsrahmen bei Demenz: Seite 77 – 89) befasst sich mit den geläufigen Umgangsformen in der Demenzpflege. Genannt werden u. a. der Ansatz der Realitätsorientierung (ROT), das Konzept der Validation, eine „lösungsorientierte Therapie“, die so genannte „Prä-Therapie“ und die kognitive Stimulationstherapie. Des Weiteren werden kurz das Modell der „Eden Alternative“ und „Gentlecare“ angeführt. Aussagen über die Wirksamkeit und Praktikabilität der verschiedenen Konzepte werden nicht gemacht.

Kapitel 4 (Stress und Anpassungsreaktion: Seite 91 – 99) enthält in knapper Form die Darstellung der folgenden Pflegemodelle: die „Theorie des einheitlichen Menschen“ von Martha E. Rogers, das „Systemmodell“ von Betty Neuman und das „Psychodynamische Modell“ von Hildegard Peplau. Anschließend beschreibt der Autor auf wenigen Seiten einführend auf das folgende Kapitel Aspekte von Stress und Anpassung im Kontext der Pflege.

Kapitel 5 (Anpassungsreaktion – die Originalarbeit: Seite 101 – 123) thematisiert den Stress in verschiedenen Dimensionen. So wird z. B. auf die inneren Befindlichkeiten (u. a. „zirkadiane Rhythmen“), das Sundowning-Symptom und auch auf den Schlaf eingegangen. Auch die Ernährung und das „Management von innerem Stress“ werden angeführt. Zwei recht ausführliche Falldarstellungen bezüglich des Umganges mit verschiedenen demenzspezifischen Krankheitssymptomen als Beispiele zur Veranschaulichung des Praxisbezuges des Stressmodells ergänzen das Kapitel.

In Kapitel 6 (Stress: Konzepte, Betrachtungen, Einschätzung und Stressschwellen: Seite 125 – 145) vertieft der Autor seine Ausführungen über die verschiedenen Aspekte des Stresses. So wird zu Beginn das Modell der sich allmählich verringernden Stresstoleranz bei Demenzkranken von Hall und Buckwalter (1987) angeführt, einem in Fachkreisen allseits bekannten Konzept. Es folgt das wissenschaftlich nicht anerkannte Konzept der so genannten „Remenz“ von Kitwood, das von Verbesserung einiger Kompetenzen ähnlich einer Rehabilitation auch bei fortgeschrittener Erkrankung ausgeht. Darüber hinaus stellt der Autor Überlegungen bezüglich eines systemischen Denkens im Bereich der Demenzpflege an.

In Kapitel 7 (Gestalten des sozialen Umfelds: Seite 147 – 170) wird recht ausführlich das Modell der Stadien der kognitiven Entwicklung des Menschen von Jean Piaget beschrieben, ohne jedoch dieses Modell im Anschluss hinsichtlich seiner Übertragbarkeit auf die Demenzpflege und das Demenzmilieu zu erörtern. Unvermittelt folgt die Darstellung der erlernten Hilflosigkeit von Martin Seligman aus dem Jahr 1967 ebenfalls ohne Bezug auf demenzielle Fragestellungen. Des Weiteren werden der „24-Stunden-Assessment-Ansatz“ einer Fremdbeobachtung und das neurolinguistische Programmieren (NLP) beschrieben. Den Abschluss des Kapitels bildet u. a. die Abbildung des Erfassungsbogens des 24-Stunden-Assessments.

Kapitel 8 (Gestalten der baulichen Umgebung: Seite 171 – 190) beinhaltet die räumlich-architektonischen Facetten des Demenzwelt in Pflegeheimen. Der Autor führt die diesbezügliche Fachliteratur an, die von einer kompensatorischen Raum- und auch Milieugestaltung für Demenzkranke in den fortgeschrittenen Stadien der Erkrankung ausgeht. Entsprechend des Abbauprozesses werden parallel hierzu Raumkonzepte für die frühe, mittlere und späte Phase der Erkrankung vorgestellt. Zentral hierbei sind die Faktoren Lebensqualität und Sicherheit für die Bewohner und zugleich auch Stressminderung für die Mitarbeiter.

Diskussion

Eine recht umfangreiche Publikation mit einem immensen Fundus an Modellen und Konzepten liegt vor. Das Kernthema Stress wird in mehreren Kapiteln abgehandelt, doch meist nur fragmentarisch. Der Umfang und die Bandbreite der weiteren Themenbereiche wie Pflegemodelle und anderer Verhaltenskonzepte bleiben in der Darstellung auf der Ebene des bloßen Nebeneinanders und damit ohne Verflechtung hinsichtlich der Demenz-Stress-Thematik. Es wird darüber hinaus auch kein verbindliches Bezugssystem herausgearbeitet, um das weite Spektrum an teils widersprüchlichem Faktenmaterial kohärent und konsistent im Kontext eines demenzbezogenen Theoriekonzeptes zu erschließen. So hat das Ganze einen Hauch von Eklektizismus und theoretischer Hilflosigkeit. Ein weiterführendes „Stress-Coping-Adaption-Ansatz“ als ein neues theoretisches und praktisches Modell, das über die bisherigen Wissensstände hinausgehen und Anregungen für die Demenzpflege bieten könnte, ist somit den vorliegenden Ausführungen nicht zu entnehmen.

Fazit

Der Autor weist in der Einleitung darauf hin, dass es sich nicht um ein „wissenschaftliches Lehrbuch“ handelt (Seite 18). Dieser Einschätzung kann man nur beipflichten. Der Rezensent geht jedoch noch einen Schritt weiter und konstatiert, dass hier auch kein Fachbuch mit neuen Impulsen für die Praxis der Pflege und Betreuung Demenzkranker vorliegt.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 14.12.2016 zu: Paul T. M. Smith: Stressreduzierende Pflege von Menschen mit Demenz. Der Stress–Coping–Ansatz. Hogrefe (Bern) 2016. ISBN 978-3-456-85545-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20735.php, Datum des Zugriffs 21.09.2017.


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