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Christina Archonti, Eckhard Roediger u.a. (Hrsg.): Schematherapie bei Essstörungen

Cover Christina Archonti, Eckhard Roediger, Martina de Zwaan (Hrsg.): Schematherapie bei Essstörungen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 240 Seiten. ISBN 978-3-621-28268-0. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.

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Thema

Schematherapie (ST) ist eine Weiterentwicklung der Kognitiven Verhaltenstherapie. Sie geht davon aus, dass Menschen im Lauf Ihrer Kindheit und in Abhängigkeit von der Befriedigung/Frustration zentraler menschlicher Bedürfnisse ein Konzept ihrer selbst und der Welt entwickeln. Solche Schemata und hieraus abgeleitete sog. Modi (aktuelle Erlebensweisen) sind Ansatzpunkte für Veränderungen. Das vorliegende Buch stellt die Anwendung des eigentlich störungsunspezifischen Ansatzes der ST bei Essstörungen unter verschiedener Autorenschaft detailliert vor.

Herausgeberinnen und Herausgeber

  • Dr. Christina Archonti ist approbierte Psychotherapeutin in Frankfurt,
  • Dr. Eckhard Roedinger ist Arzt und Psychotherapeut und leitet das Institut für Schematherapie in Frankfurt,
  • Prof. Dr. Martina de Zwan ist Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie, Hannover, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie.

Diese sind Herausgeber und Autoren des Buches und ihre Beiträge werden ergänzt von weiteren vier Autoren aus dem In- und Ausland. Ein Überblick über die Inhalte findet sich auf der Verlagshomepage.

Entstehungshintergrund

Die Autoren sind bestrebt, Erkenntnisse der Schematherapie störungsspezifische auf den Bereich der Essstörungen entsprechend der Klassifikation des DSM5 anzuwenden und zeigen die praktische Umsetzung in unterschiedlichen Therapiekontexten.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Buch umfasst neun Kapitel mit anschließendem Autoren- und Literaturverzeichnis und zusätzlichen Arbeitsmaterialien. Der Verlag bietet über einen Download-Code ein e-book an.

Kap. 1 stellt knapp aber dennoch verständlich die Grundlagen der ST dar und verweist auf vertiefende Literatur für eine intensivere Auseinandersetzung.

Kap. 2 stellt den aktuellen Stand der Klassifikation und Diagnose der Essstörungen vor und nimmt hierbei z.B. auch Stellung zu Fragen der Komorbidität und der Abgrenzung zu Adipositas.

In den folgenden beiden Kapiteln stellen Archonti und drei weitere Autorinnen zunächst allgemein derzeitig übliche Therapieansätze vor, um dann im 4. Kapitel auf ST-Ansätze zu fokussieren. Hierbei werden frühe maladaptive Schemata, die Schemabewältigung und aktuelle ST-Modi als Erlebens- und Verhaltensweisen der Betroffenen schematisch vorgestellt. So grundgelegt kann dann in den weiteren Kapiteln differenzierter auf Behandlungsbesonderheiten bei essgestörten Menschen eingegangen werden.

Kap 5 stellt typische ST-Modi und deren Dynamik dar, wobei hier „selbstverachtende, strafende und fordernde Modi“ besondere Erwähnung verdienen.

Bezugnehmend auf eigene Praxiserfahrungen stellt dann Archonti die Anwendung in der ambulanten Essgestörten-Behandlung im 6. Kapitel vor. Gerade die Verbindung von kognitiven, emotionsorientierten und erlebnisaktivierenden sowie entspannenden Methoden wird hier auch anhand von Therapiebeispielen das Vorgehen der ST veranschaulicht.

Im 7. Kapitel werden erlebnisaktivierende Methoden besonders in den Vordergrund gestellt: Stühlearbeit und Imaginationsübungen (das sog. Imagery Rescripting) werden veranschaulicht z.B. auch zur Veränderung des (gestörten) Körperschemas.

Im 8. Kapitel wird quasi als Therapiescript die Behandlung einer essgestörten Klientin über > als 30 Sitzungen nachgezeichnet und kommentiert.

Roedinger stellt im letzten und 9. Kapitel seine Ideen zu einer „anthropologisch erweiterten Perspektive“ Essstörungen betreffend vor. Er sieht insbesondere in der Chronifizierung der Störung eine Zurücktreten individueller Besonderheiten und eine zunehmende Uniformierung der Störung, bei der der Körper bspw. immer mehr zu einem eher mechanisch benutzten und ungeliebten „Werkzeug“ wird. Er verdeutlicht dies anhand der Erfahrungen aus einem von ihm früher entwickelten und begleiteten Therapiekonzeptes im Klinikkontext.

Ein Anhang (s.o.) schließt das Buch ab.

Diskussion

Man spürt dem vorgestellten Buch an, dass die Autorinnen von reichhaltiger eigener

Therapie- Erfahrung profitieren und zudem verschiedene Methoden aus anderen Verfahren im schematherapeutischen Kontext kennen. So ist die Anwendung der ST nicht theorielastig und abgrenzend vorgestellt, sondern zeigt die Berücksichtigung auch individueller Bedingungen – insofern handelt es sich hier nicht um ein Therapiemanual, dem in der Behandlung zu folgen ist. Vielmehr wird plädiert, die relevanten Schemata und Modi für jeden Klienten gesondert herauszuarbeiten und einer Veränderung zuzuführen. Hierbei ist eine wohlwollend-verstehende Haltung der Therapeuten wesentlich – genauso wie die Motivation des Patienten, zur aktiven Mitarbeit auch und gerade zwischen den Sitzungen. Die dabei praktizierte teilweise pädagogisch-menschliche Unterstützung wird i.S. einer „Nachbeelterung“ begründet und bewährt sich- z.B. auch ersichtlich aus Hinweisen geringerer Abbruchzahlen bei entsprechend strukturierten Therapieangeboten ggü. anderen Therapieansätzen. In der ST bringen dien Therapeuten sich ein und „verzichten“ auf dogmatische Abstinenz: sie unterstützen emotional und scheuen auch nicht den Körperkontakt … sie sind ggf. auch zwischen den Sitzungen erreichbar und ansprechbar und sind Partner in einem Veränderungsprozess; sie respektieren und stützen die Autonomie und den Selbstwert ihrer Klienten- ein emanzipatorisch-humanistisches Menschenbild wird so praktiziert.

Fazit

Ein gründliches, gut lesbares und durch Beispiele und Arbeitsmaterialien anschauliches und anregendes Buch. Für Novizen der ST sollte der Besuch von Grund-Schulungen und das Studium der auch in deutschsprachigen Raum mittlerweile reichhaltigen Literatur zur Schematherapie selbstverständlich sein- für Therapeuten, die in der Behandlung von Essstörungen tätig sind, eine Bereicherung und eine Gelegenheit, eigene Ansätze zu überprüfen und zu erweitern. Schön, dass der Verlag schon fast selbstverständlich ein e-book als Dreingabe anbietet!


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
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Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 05.12.2016 zu: Christina Archonti, Eckhard Roediger, Martina de Zwaan (Hrsg.): Schematherapie bei Essstörungen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. ISBN 978-3-621-28268-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20737.php, Datum des Zugriffs 17.11.2019.


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