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John David Seidler: Die Verschwörung der Massenmedien

Cover John David Seidler: Die Verschwörung der Massenmedien. Eine Kulturgeschichte vom Buchhändler-Komplott bis zur Lügenpresse. transcript (Bielefeld) 2016. 368 Seiten. ISBN 978-3-8376-3406-8. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR, CH: 48,70 sFr.
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Thema

Verschwörungstheorien kommen gegenüber Machteliten, herrschender Politik und auch den Auswüchsen des Kapitalismus kritisch daher. Da sie auf allzu fantastische Elemente verzichten, schlagen sie die Töne einer Plausibilität an, die auf offene Ohren stößt, wo allenthalben Skepsis gegenüber vermitteltem, also nur mittelbarem Wissen und schlecht überprüfbaren Fakten waltet, vor allem gegenüber massenmedial verbreiteten, bezweifelbaren Erklärungen. Verschwörungstheorien, auch abstruse, sprießen heutzutage vornehmlich im Internet als „Distributionsmedium“ (S. 19), wo zumal die Botschaften der Massenmedien wie vor allem Fernsehen und Presse unter Verschwörungsverdacht genommen werden. Gerade „digital verfasste Verschwörungstheorien“ will der Verfasser „auch als intermediale Erzählungen verstanden“ wissen, „als vermeintlich objektive ‚Übersetzungsorgane“ für Medienereignisse.“ (S. 313) Das hat als Übersetzungsleistung bis zum Anspruch auf Aufklärung eine „Kulturgeschichte“, die laut Seidler vom so genannten „Buchhändler-Komplott“ bis zum lautstarken Vorwurf einer „Lügenpresse“ reicht. Verschwörungstheorien brauchen als Nährboden nicht „Wahnvorstellungen und Verfolgungsängste“ von Rezipienten massenmedialer Kommunikation (S. 21, Anm. 24), weil sie Erzählungen über vermeintlich verborgene Wahrheiten und somit ein geheimes oder unterdrücktes Wissen sind, über das die Medien als Medium einer verschwörerischen Macht den Schleier opportunen Wissens legen, eines Wissens eben aus interessierter zweiter Hand.

Als Narrative, so definiert der Autor, erzählen Verschwörungstheorien „immer von einem sichtbaren und einem unsichtbaren, geheimen Plot (…), wobei der unsichtbare Plot erst im sichtbaren Plot beziehungsweise dessen ‚Defekten‘ lesbar wird.“ (S. 48) Medien sind auch hier „zentraler Ausgangspunkt von ‚Deutungsproduktion‘“ (S. 76) und insofern fällt der „Medialisierungsprozess“ im deutschsprachigen Raum in den Jahren zwischen 1786 und 1804 mit der „Entstehung moderner Verschwörungstheorien“ zusammen. Seidler geht akribisch verschwörungstheoretischen Urschriften im Zusammenhang zunehmender Medialisierung von Öffentlichkeit nach, wobei auch technologische Innovationen thematisiert werden, um nicht erst, aber gerade am Beispiel des „11. September“ (u.a.) darauf hinzuweisen, dass mit Verschwörungstheorien nicht nur offizielle Darstellungen von Ereignissen kritisch beäugt werden, „sondern auch das den Text kolportierende Mediensystem.“ (S. 312)

Die Forschungsfrage lautet, „inwiefern die ‚Medialisierung unserer Gesellschaft‘, also die Zunahme von lediglich medial erfahrbarem Wissen, eine solche Bedingung der Möglichkeit von Verschwörungstheorie darstellt. Der Verdacht – und damit beginnt ja jede Forschung – lautet also, dass jener Verdacht, der sich in Verschwörungstheorien artikuliert, vor allem ein Verdacht gegenüber den Medien ist.“ (S. 9) Aus der Fülle des Materials wählt der Autor dann solche „verschwörungstheoretischen Textsorten“ aus, also Einzelfälle, die möglichst repräsentativ sind. Daher ist seine Arbeit an den „jeweiligen arche- und idealtypischen Texten der fraglichen Zeitspanne, also am Prototypenprinzip“ orientiert, „aber auch an der Reichweite jeweiliger Textsorten.“ Dabei sei diese Reichweite insofern von Belang, „als hier nicht die idealtypische Form der Verschwörungstheorie für sich selbst von Interesse ist, sondern der Faktor einer jeweiligen Konjunktur beziehungsweise Popularität. Im Idealfall existiert zu einer Verschwörungstheorie genau ein prototypischer Text und dieser erreicht gleichsam die nachgewiesenermaßen höchste Reichweite im Rahmen einer Konjunktur verschwörungstheoretischen Erzählens.“ (S. 111 f.)

Aufbau und Inhalt

Um seine Analysen theoretisch einzubetten, leitet der Autor seine Dissertation zunächst mit Bemerkungen zum Gegenstand und zum Ziel der Arbeit ein, d. h. er macht sein Erkenntnisinteresse deutlich, um danach eine Begriffsklärung vorzulegen, die sich an vorliegenden Definitionen abarbeitet. Er selbst begreift, und zwar in Anlehnung an David Kelman, einem Literaturwissenschaftler, „Verschwörungstheorien als Erzählform“ (S. 25), wobei „erstes Erkennungsmerkmal“ sei, dass die „Erzählform Verschwörungstheorie (…) immer eine Zustandsveränderung zum Schlechten hin thematisiert und diese Veränderung einer bösen wie mächtigen Verschwörung zurechnet.“ (S. 35) Im Überblick über den Forschungsstand werden Sichtweisen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen dokumentiert; selbstredend kommen auch medien- und kommunikationswissenschaftliche Erklärungsansätze zur Sprache. Dies gibt den – informativen und zugleich kritisch befragenden – Hintergrund für die spezielle Perspektive seiner Untersuchung ab, wobei er den theoretischen Rahmen absteckt, in dem seine anleitenden Thesen fundiert sind. Indem im Anschluss das methodische Vorgehen vor allem im Hinblick auf Erhebung und Auswertung des empirischen Materials dargelegt wird, macht der Verfasser zugleich deutlich, warum es notwendig ist, „die historische Genese und das spezifische Narrativ einer jeweiligen Verschwörungstheorie“ vorzustellen. (S. 112)

Im Hauptteil werden drei, vom Autor ‚populäre‘ genannte historische Fallbeispiele von Verschwörungstheorien untersucht, und zwar unter den Titeln

  1. „Aufklärung als Massenbetrug?“, was auf die Archetypen moderner Verschwörungstheorien abhebt, danach folgt die
  2. „Antisemitische Verschwörungstheorie im langen 19. Jahrhundert“, um schließlich unter „Quelle: Internet“ die
  3. „Verschwörungstheorie um 2000“ unter die Lupe zu nehmen, wobei der 11. September 2001 im Vordergrund steht.

Um 1800, innerhalb einer historischen Umbruchphase, seien jene „Textsorten“ entstanden, welche „die Erzählform moderner Verschwörungstheorien“ begründet hätten und bis heute als „Blaupausen und Prototyp“ fungierten. (S. 115) Das entfaltet der Verfasser an Geheimbund-Verschwörungen, deren Wirksamkeit er aus einem Medialisierungsprozess erklärt, der heute als „Initialpunkt einer permanenten Medienrevolution angenommen wird“. (S. 136) Dass konservative Kritik gegen immer auch transportierte Aufklärung laut wurde, insbesondere auch gegenüber ‚Büchertrödlern‘ als Mundwalten von Philosophen, die „das Gift ihrer Gottlosigkeit“ ausstreuen (so Barruel im Jahr 1800; zit. S. 163), nehme vorweg und zeige zugleich, „dass der Entstehung bürgerlicher Öffentlichkeit die moderne Idee einer politisch-pädagogischen ‚media-control‘ auf dem Fuß folgte.“ (S. 169) Dies belegt Seidler mit umfangreich dokumentierten Quellen, was auch für die antisemitische Verschwörungstheorie im 19. Jahrhundert gilt und von der traditionellen Judenfeindlichkeit zu unterscheiden sei.

Im Kontext eines bildungsbürgerlichen Mentalitätswandels und der technologischen Entwicklung und einer weiteren Verbreitung der Presse kommt der Autor im Hinblick auf den verschwörungstheoretischen Antisemitismus mit einem Sartre-Zitat auf den entscheidenden Punkt: „Nicht die Erfahrung schafft den Begriff des Juden, sondern das Vorurteil fälscht die Erfahrung“ (zit. S. 235), woran Seidler bündig anschließt, „nämlich dass es für den Antisemitismus keine echten Juden braucht, um Juden zu hassen“ (ebd.) – was sich auch und vor allem an Journalisten jüdischen Glaubens festmachte, die allerdings tradiert bildungsbürgerlich orientiert waren. Man kaprizierte sich auf die „Personalstruktur im Bereich der Massenmedien“ und nicht auf das nicht unerhebliche Gewerbe des Hopfenhandels, in dem Juden bis ins 20. Jahrhundert „zahlenmäßig überproportional vertreten“ waren. (S. 273, Anm. 93) Bereits hier kommt der Autor „hinsichtlich einer gesteigerten Selbstwahrnehmung des Verschwörungstheoretikers als eine nun endlich den effektstarken Medien überlegene, detektivische Aufklärungsinstanz“ (S. 241) mit Sloterdijk zu dem Schluss: „Ich werde getäuscht, also bin ich; und: Ich entlarve Täuschungen, ich täusche selbst, also erhalte ich mich. Auch so lässt sich das Cartesische cogito, ergo sum übersetzen.“ (zit. ebd.)

Vollends lässt sich die Rolle einer ‚detektivischen Aufklärungsinstanz‘ am Beispiel der Anschläge des 11. September 2001 ausweisen, die „nicht einfach ein Überraschungsangriff von Terroristen“ gewesen seien, sondern ein von westlichen Machteliten orchestrierter inside job“. (S. 243) Hier wie in seinen vorgängigen Beispielen dokumentiert Seidler umfangreich Vorstellungsbilder des Medialen in Verschwörungstheorien, wobei er aphoristisch mit Le Bon auf einen Punkt zu sprechen kommt, der in seiner schlussendlichen Einschätzung aufscheint und argumentativ eingeholt werden wird: „In der Masse sinkt der Verstand mit der Anzahl der Versammelten.“ (zit. S. 304) Damit rückt der Rezipient in den Blick, und zwar als zugleich Kommunikator, hier im nicht ganz unmodischen Gewand des Verschwörungstheoretikers, einer unschönen Verkleidung.

Mit seinen Schlusssätzen pointiert Seidler das Problem, welches auch manipulationstheoretisch von Belang ist: „Während sich die politische und mediale Welt, mit allem, was an ihr zu kritisieren wäre, Tag für Tag weiterdreht, verharren potenziell gesellschaftskritische Aktivisten vor ihren Monitoren, und verbeißen sich in die Imagination submedialer Räume und darin verborgener Wahrheiten. Diese Akteure wären dann also einem gigantischen Medienschwindel anheimgefallen, gebannt von einer durch Medien ermöglichten Autoillusion. Zu behaupten, dies sei der Plan irgendwelcher geheimen Mächte, verbietet sich hier natürlich von selbst. Die maßgebliche Macht, die hier wirklich am Werke ist, ist die des Rezipienten.“ (S. 325) Dass hier ‚geheime Mächte‘ obwalten und dies eine irrige Annahme ist, dazu kommt der Autor über andere verschwörungstheoretische Erklärungsansätze hinaus schon durch seine Fragestellung, „inwiefern Medien zu Genese, Glaubwürdigkeit und Konjunkturen moderner Verschwörungstheorien als Wahrheitserzählungen beitragen.“ (S. 318) Seine Ergebnisse nähren die „Verdachtstheorie“ von Groys, nach der Verschwörungstheorien das Verhältnis von Rezipient und Medien repräsentieren, was (neben klassischen Erklärungsmodellen) dem Hauptargument der Arbeit zuträgt: „Verschwörungstheorien haben dann Konjunktur, wenn die medialen Konstellationen in besonderer Weise dazu tendieren, einen medienontologischen Verdacht auszulösen, der sich dann in Verschwörungstheorien äußert.“ (S. 319) Man müsse also davon abrücken, sie „ausschließlich als Ideologie und Propaganda“ wahrzunehmen (S. 323), gleichwohl seien sie von Bedeutung: Zum einen überzeuge das „mittels paranoischer Decodierung hergestellte Wissen, weil es ein selbst erzeugtes Wissen“ sei, zum anderen, eine quantitativ nicht zu vernachlässigende Dimension, seien Verschwörungstheorien „heute ein Spielfeld von Millionen, die sich auf Plattformen wie Youtube mit eigenen Decodierungsvorschlägen einbringen, und mit ihren Erzählungen ebenfalls ‚aufklären‘ wollen.“ (S. 324)

Diskussion

Wie Manipulationstheorien, deren Erörterung und Kritik nicht Seidlers Gegenstand trotz möglicher Artverwandtschaft sind, von einem längst überholten ‚Gehirnwäsche-Paradigma‘ abgerückt sind, sind auch verschwörungstheoretischen Erklärungsansätzen um mehr oder minder versteckte priestertrugs- oder agententheoretische Implikationen zu bereinigen, was der Autor leistet und so (u.a.) jenen „medienontologischen Verdacht“ (s.o.) in den Vordergrund rückt, wo – in welcher kruden und verdrehten Weise auch immer – doch „viele Waffen der sozialen Kritik“ wiederzufinden sind, wie es bei Latour heißt (zit. S. 16), mit denen im Krieg um die Wahrheit wenig oder nichts und ggf. nur eine Irritation zu gewinnen ist, die als Waffen „der falschen Partei in die Hände“ geraten mögen, denen aber, so Latour, das „Warenzeichen“ eingeprägt ist: „Made in Criticalland“. (ebd.) Das ist als Kritik erbärmlich wenig, wo es doch darum geht, Macht und Herrschaft zu thematisieren entlang der Methoden, z.T. höchst perfider, mit denen sie sich Geltung auch über das Instrument der Medien verschaffen und so immer erneut auf Dauer stellen. Dann ist zwar der Verdacht gegenüber den Medien unter dem Aspekt berechtigt, als sie (in der Regel) die Sprache der Politik als Jargon der Herrschaft transportieren. Wenn man beklagt, dass sich unser Denken und Handeln nicht aus rationaler Beobachtung speist und nicht von objektiver Vernunft (im Kantischen Sinne) angeleitet wird, muss man auch analysieren und in Rechnung stellen, was heute unter ‚Frames‘ diskutiert wird: Deutungsrahmen, die sofort abgerufen werden, wenn sie durch ideologisch aufgeladene Begriffe, die als solche nicht kenntlich werden und als nüchterne Beschreibung daherkommen, und dann eben Sekundärwissen und darüber schließlich auch Bewusstsein im Sinne des Wortes ausrichten. Selbst das Vokabular der Kritik (in massenmedialen Formaten) zielt da noch auf Versöhnung, indem es suggeriert, Auswüchse seien heilbar, wo sie doch nur nicht intendierte Auffälligkeiten sind.

Die Rede vom Framing mag so klingen, als würde das gute alte ‚Reiz-Reaktions-Schema‘ aus der wissenschaftlichen Klamottenkiste geholt. Sie macht aber vielmehr deutlich, wie Wissensansprüche für den Zweck der Orientierung und um Reflexion verarmtes Bewusstsein, das schon durch das gesellschaftliche Sein „bestimmt“ (Marx) ist, genau mit dem ‚Leben‘ erfüllt werden, das nur unterhalb der Schwelle von tatsächlich kritischer, also „unversöhnlicher“ (Adorno), und auf die praktische Verwirklichung von Vernunft zielender Analyse sein dann kärgliches Dasein fristen darf. Zur Erklärung bliebe hier der Begriff der Manipulation zu schwach. Unter solchem Blickwinkel darf man auch die Arbeit von Seidler aufnehmen und diskutieren – und dann scheinen Verschwörungstheorien nur ‚made in criticalland‘, weil sie wörtlich genommen oberflächlich bleiben. Analyse verkommt zur Spekulation, Kritik zur Affirmation, weil sie die ganz normale gesellschaftliche Irrationalität von konkurrenzorientiertem egoistischem Denken wie nicht nur ökonomisch ‚täuschendem‘ Handeln und intendierten Vorteilsnahmen über vorgeschobene Gründe als schlecht durchschaubaren Lippenbekenntnissen nur reproduzieren. Da insbesondere moderne Verschwörungstheorien hier bis ins Karikatureske überzeichnen, sind sie für Bestandserhaltung höchstens eine Turbulenz, keine Bedrohung.

Erinnert man sich, dass nach der Erfindung des Buchdrucks geklagt wurde, er drohe zur Volksverderbnis zu führen, dann nimmt auch der ‚verschwörungstheoretische Verdacht‘ nicht wunder, den der Autor höchst genau und immens materialreich an seinen Beispielen entfaltet. Skepsis und Kritik gegenüber und an den Medien provozieren auch Überlegungen, wie sie anders denn als Instrumente der Herrschaft nutzbar zu machen wären auch da, wo sie als demokratische mit den Bannern von Information und Aufklärung ausgeflaggt sind. Der Netzwerkgedanke ist schon in Brechts Radiotheorie angelegt: „den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen“, heißt es da. So dachte auch Enzensberger in seinem Baukasten zu einer Theorie der Medien daran, dass dank der elektronischen Möglichkeit die Differenz von Sender und Empfänger aufgehoben werden könnte, sie ihrer „Struktur nach egalitär“ wären.

Man sollte meinen, das Internet resp. die sozialen Netzwerke würden diese missliche Differenz aufheben können, den Konsumenten nicht, so der lang anhaltende Vorwurf, wie vor allem das Fernsehen passivieren und entpolitisieren. Das ist auch so, der Möglichkeit nach, nur ist die Nutzung der Möglichkeit leider höchst fatal, jedenfalls aus Sicht vor allem der Kulturkritik und politischer Aktivisten (sieht man von der Rolle von Handys und Facebook im Arabischen Frühling einmal ab, was bekanntlich politisch nicht nur dort schnell in den Würgegriff genommen wurde). Das zeigt sich deutlich (auch) an Verschwörungstheorien, sicher ein „Spielfeld von Millionen“ (s.o.), aber keine Spielwiese, weil der Anspruch auf Aufklärung nur zu einem anderen Framing verkommt, mit dem, wie bemerkt, gleichermaßen Analyse und Erklärung vernebelt werden. Da kommt Le Bon in Erinnerung. Dem „mittels paranoischer Decodierung hergestellte Wissen“ (s.o.) ist durch die pathologisierende Etikettierung zu viel Entehrung angetan, weil es die ganz normale ‚Verblendung‘ lediglich in einer Weise überzieht, wo für die Glaubwürdigkeit noch mehr guter Wille abverlangt wird als für jene gegenüber den Medien, die sie unter Generalverdacht stellen, allerdings mit dem falschen Körnchen Wahrheit. Zumal angesichts der wissenssoziologischen Befunde zur gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit bleibt Sloterdijks recht eigenwillige, vielleicht ironisierende Interpretation von Descartes‘ „cogito, ergo sum“ (s.o.), entlang dem ganz anders über den philosophischen Begriff des Selbstbewusstseins zu handeln wäre, als Referenz für Seidlers Theorie über Verschwörungstheorien fragwürdig: Der „polemische Realismus“, den Sloterdijk „im Kern“ der Aufklärung testiert, der meint, dass die „Täuschungen, mit denen der Aufklärer rechnet, (…) als zwar raffinierte, aber doch durchschaubare, entlarvbare Manöver eingeschätzt“ werden und daher die „Täuschungen (…) durchschaubar (sind), weil sie selbstgemacht“ sind (zit. S. 323), bricht den Begriff der Aufklärung auf ein fast schon machiavellistisches Ränkespiel um Scheinwahrheit herunter. Es bleibt, und dies ist ebenso banal wie als Unterhaltung nutzbar, was ja u.a. auch Auftrag und Aufgabe der geziehenen Medien ist, dass die Macher von Verschwörungstheorien auf mögliche Richtigkeit und eben auch auf möglicherweise wahrscheinlicherer Wahrheit im allgemeinen Täuschungsgeschehen gegenüber denen optieren, die bestallte Verweser gesellschaftlicher Wirklichkeit sind.

Fazit

Die Arbeit von Seidler ist wissenschaftlich ebenso solide wie inhaltlich bemerkenswert und für wissenschaftlich nicht vorgebildete Laien durchaus verständlich gehalten. Bemerkenswert ist der Materialreichtum, auf dessen Basis er seine Thesen entwickelt und seine Theorie zum Gegenstand leistet. Das ist nicht nur auf seine historischen Quellen zu beziehen, sondern auch auf seine Aufnahme von Erklärungsansätzen zu Verschwörungstheorien, die er einer immanenten Kritik unterzieht, wodurch er seinen eigenen Ansatz überzeugend ausweisen kann. Dabei ist die Arbeit durchaus nicht ‚trocken‘ oder gar zu langatmig. Der Verfasser ist nicht zu „optimistisch“, wie er meint, wenn er beim Lesen ‚viel Spaß‘ zu wünschen wagt. Durchaus kann man „angesichts der wortgewaltigen Medienschelte der ‚Wutbürger‘ um 1800“ seine ‚diabolische Freude‘ nachvollziehen oder gar teilen. (S. 11) Das Lachen bleibt einem allerdings im Halse stecken, wenn man das Wort Sartres zu den Juden auf etwa Asylanten überträgt, wo ja bekanntlich auch gilt, dass nicht die Erfahrung den Begriff des Asylanten schafft, sondern das Vorurteil die Erfahrung fälscht – und auch da können Medien wie Verschwörungstheorien gleichermaßen ihre Hände nicht in Unschuld waschen. Insofern ist das Buch nicht nur Medien- und Sozialwissenschaftlern zu empfehlen und nicht nur in der Lehre bestens aufgehoben.


Rezensent
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 13.07.2016 zu: John David Seidler: Die Verschwörung der Massenmedien. Eine Kulturgeschichte vom Buchhändler-Komplott bis zur Lügenpresse. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3406-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20743.php, Datum des Zugriffs 08.12.2019.


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