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Manfred Kühn: Peripherisierung und Stadt

Cover Manfred Kühn: Peripherisierung und Stadt. Städtische Planungspolitiken gegen den Abstieg. transcript (Bielefeld) 2016. 198 Seiten. ISBN 978-3-8376-3491-4. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Thema

Die vorliegende Monografie befasst sich aus planungswissenschaftlicher Perspektive mit der Peripherisierung von Städten. In diesem Kontext sind Peripherie und Peripherisierung die prägenden Begriffe mit denen sich das Werk auseinandersetzt. Peripherien werden vordergründig mit ländlichen Regionen assoziiert, die von einer vielschichtigen Problemlage betroffen sind: Demografische Schrumpfung, ökonomische Strukturschwäche, Abbau von Infrastruktur und monetärer Knappheit. Städte hingegen verkörpern ein konträres Bild. Sie sind wachstumsstarke und innovative Zentren, die einen stabilisierenden Effekt auf periphere Räume haben. Dabei beschreibt Peripherie eine geographische Randlage. Sie wird durch die räumliche Distanz zum Zentrum bestimmt. Peripherisierung erklärt sozialräumliche Prozesse wie Abwanderung, Abkopplung oder Abhängigkeiten. Derartige Schrumpfungs- und Abwanderungsprozesse sind keine den rein ländlichen Räumen betreffenden Phänomene. Peripherisierungsprozesse vollziehen sich gleichermaßen in Städten. Diese Beobachtung rückt zunehmend in den deutschlandweit geführten planungspolitischen Diskurs und erfordert ein neues Denken und Handeln. Wie sich Akteure der Planungspolitik hierzu positionieren und welche Auswege sie einschlagen können, veranschaulicht der Verfasser Manfred Kühn anhand von Raumtheorien zur Peripherisierung von Städten und durchgeführten Fallstudien.

Autor

Der Stadt- und Landschaftsplaner Manfred Kühn (Dr. rer. pol.) geb. 1960, ist Senior Researcher am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) in Erkner. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Klein- und Mittelstädten sowie dem Umgang der Planungspolitik mit Schrumpfung und Peripherisierung. Ferner ist er Mitglied der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL).

Entstehungshintergrund

Die Forschungsabteilung Regenerierung von Städten des Leibniz-Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) befasste sich innerhalb von sechs Jahren im Rahmen von zwei Forschungsprogrammen einerseits mit theoretisch-konzeptionellen Erklärungsansätzen von Peripherie und Peripherisierung. Anderseits wurden praxisbezogene Erfahrungswerte im Zuge von deutschlandweiten empirischen Fallstudien bezüglich des Umganges mit Peripherisierung generiert. Untersucht wurden Klein- und Mittelstädte in

  • Hessen (Eschwege),
  • Niedersachsen (Osterode),
  • Sachsen-Anhalt (Sangerhausen, Eisleben und Stendal),
  • Reinhald-Pfalz (Pirmasens) und
  • Saarland (Völklingen).

Zur Veranschaulichung der internationalen Dimension von Peripherisierungsprozessen von Städten wird eine Fallstudie zur ehemaligen Auto-Metropole Detroit herangezogen.

Aufbau

Die Monografie gliedert sich in drei Forschungsblöcke.

  1. Der erste Teil mit seinen vier Kapiteln umfasst eine hypothetische Auseinandersetzung mit dem Begriff Peripherie, den theoretischen Raumkonzepten und deren praktische Anwendung in der Raumplanung. Im ersten Kapitel werden verschiedene Begriffsverwendungen aus Sicht der sozialwissenschaftlichen Raumforschung erläutert. Hierfür werden mitunter historische, wirtschaftsgeografische sowie planungs- und politikwissenschaftliche Annahmen herangezogen. Das zweite Kapitel betrachtet Peripherien aus dem Blickwinkel von Zentren, welche als Maßstab zur räumlichen Bestimmung von Randlagen gelten. Kapitel 3 demonstriert, welche Konzepte von Peripherien in der Raumplanungspraxis angewandt werden. Das abschließende Kapitel beleuchtet ausgewählte theoretische Ansätze, die Peripherien beschreiben oder erklären.
  2. Der zweite Teil befasst sich mit dem Untersuchungsgegenstand Peripehrisierung von Städten und nährt sich diesem Inhalt im Rahmen von sechs Kapiteln an. Das fünfte Kapitel skizziert das Untersuchungskonzept für die Peripherisierung von Städten sowie das Forschungsdesign für die Durchführung der Fallstudien. Diesbezüglich wird zwischen den Prozessen der Abwanderung, Abkopplung, Abhängigkeit und Stigmatisierung differenziert. In den aufbauenden Kapiteln sechs bis neun werden exemplarisch anhand der Fallstudien zu Detroit, Pirmasens, Eschwege und Sangerhausen einzelne Abstiegsprozesse von Städten sowie der Umgang der Stadtpolitik mit den resultierenden Problematiken analysiert. Kapitel zehn widmet sich der vergleichenden Auswertung der Fallstudien. Ferner behandelt es die Frage, inwiefern es sich bei Peripherisierungsprozessen um Abwärtsspiralen des Niedergangs von Städten handelt. Auch werden die verschiedenen Umgangsmöglichkeiten seitens der Stadtpolitik mit Peripherisierung untersucht.
  3. Eine theoretische Gegenüberstellung der Raumkonzepte von Peripherie und Peripherisierung erfolgt im dritten Abschnitt. Kapitel elf veranschaulicht die konzeptionellen Unterschiede zwischen dem raumordnungspolitisch angewandten Peripherie-Konzept und den Peripherisierungskonzepten der sozialwissenschaftlichen Raumforschung. Im nachstehenden Kapitel wird der Forschungsgegenstand Peripherisierung als mehrdimensionaler Erklärungsansatz von städtischen und regionalen Schrumpfungsprozessen dargestellt. Abschließend werden im letzten Kapitel konzeptionelle Strategien zum Verhältnis von Peripherisierung und Macht entwickelt, die Bezug auf die Community Power-Debatte nehmen.

Inhalt

Nach der Zentrale-Orte-Theorie von Walter Christaller, die maßgebend für die Raumordnung in Deutschland und weiteren europäischen Ländern ist, haben Städte die Funktion von Zentren, da sie sogenannte Bedeutungsüberschüsse aufweisen. Gemäß dieser Denktradition sind ländliche Räume Peripherien mit Bedeutungsdefiziten. Infolgedessen können nach der Ansicht von Walter Christaller Städte keine Peripherien sein. Manfred Kühn skizziert eine andere raumplanerische Realität ab, mit folgender Erkenntnis: Es werden nicht nur ländliche, sondern auch städtische Räume und Metropolen peripherisiert, die gemäß der Raumordnung als Zentren deklariert sind. „Abstiegsprozesse von Städten und Metropolen entstehend durch Abwanderung, Abkopplung und/oder Stigmatisierung.“ (Kühn 2016: 17).

Im Zuge der Peripherisierung erfahren Städte und Metropolen einen Bedeutungs- und Funktionsverlust und werden zu einem strukturschwachen Randgebiet, einer Peripherie. Dieser werden negative Eigenschaften wie beispielsweise Rückständigkeit, Machtlosigkeit, Unterentwicklung oder Benachteiligung zugeschrieben, welche vor allem den begrenzten Handlungsspielraum der Akteure zum Ausdruck bringen. Eine Peripherie ist aber mehr als ein Raumbegriff, dessen geografischer Fixpunkt sich anhand seiner Distanz zum Zentrum definiert. Peripherie ist das Ergebnis von sozialräumlichen Abstiegsprozessen, die durch lokale Akteure bedingt steuerbar sind. Derartige Peripherisierungsprozesse resultieren aus dem Verlust von Entscheidungs-, Kontroll- und Ressourcenmacht.

Besonders problematisch ist, dass Entscheidungen, die sich maßgebend auf die Peripherisierung von Städten auswirken durch staatliche Stellen oder private Unternehmenszentralen getroffen werden, die nicht vor Ort ansässig sind, wie die Fallstudien untermauern. Als Referenz ist die Entscheidung der US-Army zu nennen, die Garnisonen aus der Stadt Pirmasens komplett abzuziehen, in Eschwege die Schließung der Karstadt-Zentrale, trotz guter Geschäftslage oder die Entscheidung der Treuhandanstalt in Sangerhausen den gesamten Kupferbergbau einzustellen.

Nach dem Abstieg einer Stadt und Region als Zentrum ist eine Revitalisierung bzw. „Entperipherisierung“, wie es der Verfasser formuliert, kein unmögliches Unterfangen. Diesbezüglich gibt es drei strategische Ansätze:

  1. Bildung von Govrnance-Netzwerken zwischen öffentlichen und privaten Akteuren, um die Handlungs- und Durchsetzungsfähigkeit gegenüber höheren staatlichen Ebenen zu erhöhen.
  2. Aufbau von politischen Mehrebenen-Beziehungen (Multilevel-Governance) zu staatlichen Ministerien für die Mobilisierung von Fördermitteln auf föderaler, nationaler und europäischer Ebene.
  3. Bildung und Qualifizierung der ortsansässigen Bewohnerschaft in Mittelstädten durch die Ansiedlung von Fach- und Hochschulen, um das Qualifikationsniveau zu sichern und potentielle Studierende anzuziehen. In Kleinstädten sollte der Fokus auf der Qualifizierung des Personals in Politik und Verwaltung liegen.

Diskussion und Fazit

Die Monografie gibt Experten aus Bereichen der Raum,- Stadt- und Regionalplanung, der angewandten Geografie sowie lokalen Politikforschung einen vertieften und differenzierten Einblick aus planungswissenschaftlicher Perspektive zur Kernthematik dieses Werkes, der Peripherisierung von Städten. Anhand von Raumtheorien zur Peripherisierung von Städten und bundesweit durchgeführten Fallstudien werden die Ursachen von Abstiegs- und Schrumpfungsprozessen von Städten analysiert und Handlungsansätze für Akteure der Planungspolitik formuliert. Die zentrale Erkenntnis lautet: Peripherisierte Städte beruhen auf dem Verlust von Entscheidungs-, Kontroll- und Ressourcenmacht. Relevante Entscheidungen werden nicht durch ansässige lokale Akteure getroffen, sondern durch staatliche Stellen oder private Unternehmenszentralen mit externem Sitz. Um die Handelnden vor Ort in ihren Handlungsoptionen zu stärken und den Wiederaufstieg der verfallen Städte zu ermöglichen, ist eine Vernetzung zwischen den öffentlichen und privaten Akteuren unerlässlich. Ebenso sind die Bildung und Qualifizierung der Bevölkerung elementare strategische Ansatzpunkte, um den Anschluss an die Wissensgesellschaft zu sichern.

Für ein weiterführendes Verständnis der Thematik sind weitere Untersuchungen erforderlich. Forschungsbedarf besteht vor allem darin, Formen der Macht, Ohnmacht und Gegenmacht von peripherisierten Städten und Regionen in demokratischen Staatssystemen zu ergründen. Besonders spannend wäre ein internationaler Vergleich zwischen unterschiedlich stark zentralisierten europäischen Staaten. Hierdurch ließe sich die Machtverteilung zwischen den politischen Ebenen herausarbeiten und ihr Einfluss auf die Herausbildung von Peripherien definieren.


Rezensentin
Elma Delkic
M. Sc. Stadtplanung, Quartiersentwicklerin bei der Johann Daniel Lawaetz-Stiftung in der Abteilung Soziale Stadtteilentwicklung und Bürgerbeteiligung
Homepage www.lawaetz.de
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Zitiervorschlag
Elma Delkic. Rezension vom 22.08.2016 zu: Manfred Kühn: Peripherisierung und Stadt. Städtische Planungspolitiken gegen den Abstieg. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3491-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20744.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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