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Tanja Carstensen: Social Media in der Arbeitswelt

Cover Tanja Carstensen: Social Media in der Arbeitswelt. Herausforderungen für Beschäftigte und Mitbestimmung. transcript (Bielefeld) 2016. 260 Seiten. ISBN 978-3-8376-3408-2. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 31,60 sFr.
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Thema

Im Buch werden Erkenntnisse eines Forschungsprojekts zu den Anforderungen durch die Implementierung von Social Media in berufliche Kontexte dargestellt. Das Forschungsprojekt hatte eine Laufzeit von 2013 bis 2015, wurde von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert und an der Uni Hamburg-Harburg durchgeführt. Ziel der Untersuchung, war es herauszufinden, wie

  1. Beschäftigte und
  2. Mitglieder von Interessenvertretungen (Personal-/Betriebsrat) den Einsatz von internen Social Media (sog. Enterprise 2.0) erleben.

Dazu wurden eine quantitative Onlineumfrage sowie Interviews geführt.

Aufbau und Inhalt

Einleitung. In der Einleitung stellt die Autorin zunächst die Relevanz des Themas heraus und steckt den thematischen Rahmen ab. Unter anderem erörtert sie in diesem Zusammenhang die verschiedenen Technologien, die unter Social Media zusammengefasst werden, deren Eigenschaften und die sich daraus ergebenden Handlungspraktiken. Des Weiteren erörtert sie die kulturellen und unternehmerischen Entwicklungen um Enterprise 2.0 sowie die Folgen des technischen Wandels für die Arbeit(swelt).

In Kapitel 2 „Technik als materielle Seite des Wandels der Erwerbsarbeit“ wirft Carstensen zunächst einen historischen Blick auf die Veränderungen der Arbeit durch Technik. Daran schließt sie Überlegungen zur Technik als Symbol gesellschaftlicher Verhältnisse und Diskurse. Es folgen Ausführungen zu Handlungs-/Nutzungspraktiken der NutzerInnen als relevante Größe. Anschließend ergänzt sie ihre o.g. Erörterungen zum Technikverständnis und dessen symbolischen Gehalt um den handlungsnormierenden Faktor von Technik (Latour). Das Kapitel schließt mit der Darstellung der veränderten Arbeitswelt und einer Klärung damit zusammenhängender Begriffe (Entgrenzung, Flexibilität, Subjektivierung etc.). Die Autorin kommt zu dem Zwischenfazit, dass sich der Typus der Arbeitskraft verändert und Social Media in engem Wechselverhältnis dazu stehen.

Die dem Forschungsprojekt zu Grunde liegende Forschungsfrage und -ziele erörtert die Autorin ausführlich in Kapitel 3 „Zur Anlage der Studie, Vorgehen und Methode“. Die Darstellung des Forschungsdesigns umfasst in diesem Zusammenhang auch Hinweise auf einige Besonderheiten bei der Datenerhebung sowie Hinweise auf die Aussagekraft der Daten.

In Kapitel 4 „Enterprise 2.0 und Social Collaboration“ stellt die Autorin ihre gewonnenen Erkenntnisse bezüglich der Motivation der so genannten TreiberInnen der Einführungen (d.h. in der vorliegenden Arbeit i.d.R. der Unternehmensleitungen) vor. Zunächst fasst Carstensen die häufigsten Tools/Funktionen zusammen. Als Motive für die Einführung von Social Media erörtert sie u.a. neue Ideenentwicklungsprozesse, von der klassischen Hierarchie gelöste Interaktionen und eine Umwandlung der Kommunikationskultur. Ein weiteres Motiv ist die Verabschiedung von so genannter „Schatten-IT“, d.h. der Nutzung von externen Plattformen, wie Doodle zur Terminfindung, Facebook zum Chatten und Dropbox für Dateiaustausch. Als Herausforderungen beleuchtet sie die damit einhergehenden Appelle an die MitarbeiterInnen zu mehr Eigenverantwortung und Selbstorganisation sowie abschließend das Problem der MitarbeiterInnenmotivation.

Um die Erfahrungen von InteressenvertreterInnen als Betriebs- und Personalratsmitgliedern bezüglich der Mitbestimmung beim Einführungsprozess von Enterprise 2.0 geht es in Kapitel 5 „Zwischen Wildwuchs und geregelter Mitbestimmung“. Die Darstellung der diesbezüglichen Ergebnisse umfasst: den geringen Mitbestimmungsgrad, den Einfluss der persönlichen Haltung gegenüber Social Media, den Grad der Zufriedenheit mit dem Einsatz von Social Media im Unternehmen, das Vorhandensein von Social Media Guidelines sowie so genannte umkämpfte Themen (z.B. die technische Gestaltung, eine mögliche Verhaltenskontrolle oder die Freiwilligkeit der Nutzung). Des Weiteren betrachtet Carstensen die Nutzung von Social Media durch die Mitglieder von Personal-/Betriebsratsmitgliedern, deren Einschätzung bezüglich des Potenzials von Social Media für den Betrieb sowie Gründe für die Nichtnutzung (z.B. fehlende Zeit, keine Notwendigkeit oder kein sichtbarer Nutzen).

In Kapitel 6 „Arbeiten mit Social Media“ werden die Ergebnisse zur Perspektive der Beschäftigten auf die Social Media-Nutzung im beruflichen Kontext vorgestellt. Anhand von acht Ebenen stellt die Autorin die aufgedeckten ambivalenten Haltungen vor. In „Arbeitserleichterung oder Zusatzbelastung?“ kommt sie zu dem Fazit, dass die versprochene Arbeitsersparnis aus Sicht der Beschäftigten nicht eingelöst wird. Es folgen auf Ebene 2 „Mehrwert oder Nutzlosigkeit“ und auf Ebene 3 „Freiwilligkeit und Offenheit oder Unklarheit?“ Freiwilligkeit, so eine Erkenntnis, ist für das Funktionieren der Implementierung von Enterprise 2.0 zentral; dennoch prognostiziert die Autorin, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis die berufliche Nutzung von Social Media verpflichtend ist. In „Transparenz und Selbstpräsentation oder Überwachung, Kontrolle und Datenschutzbedenken?“ stellt Carstensen fest, dass der Diskurs um Transparenz vs. Überwachung die MitarbeiterInnen besonders stark spaltet, dass dieser Diskurs aber andererseits praktisch keinerlei Verhaltensänderungen bewirkt habe. Ebene 5 behandelt „Wissen teilen oder Wissen schützen?“. Bei Ebene 6 „Wertschätzung oder Konflikte“ stellt die Autorin fest, dass die Erfahrungen mit der Kommunikationskultur innerhalb von Unternehmen „weniger dramatisch“ (S. 134) sind als in externen Social Media. Es folgen „Willkommene Abwechslung oder Veränderungsmüdigkeit“ und als letzte Ebene „Flache Hierarchien und Netzwerkkultur oder Zweiklassengesellschaft?“. Bei letzterem geht es um, diejenigen MitarbeiterInnen, die im Unternehmen schwer Zugang zu den internen Social Media haben und somit benachteiligt sind. Carstensen stellt in einem Zwischenfazit fest, dass die von den Unternehmen/InitiatorInnen benannten Hoffnungen bislang nicht eingelöst werden. Die erhofften Effekte sind nur teilweise zu finden und stünden diversen Problemlagen gegenüber (z.B. werden zu viele Medien parallel genutzt).

Im 7. Kapitel „Neue Anforderungen“ beschreibt die Autorin vier von ihr aufgedeckte notwendige Kompetenzen/Anforderungen im Umgang mit der beruflichen Nutzung von Social Media. „Selbstmanagement, Selbstdisziplin und Selbstkontrolle“ stellen Carstensen zufolge die Basis für weitere Kompetenzen wie Informationsmanagement, Zeitmanagement und den Umgang mit zunehmender Entgrenzung dar. Unter dem Punkt „Offenheit für Wandel“ kommt die Autorin zu der Erkenntnis, dass sich die bereits vorhandenen Anforderungen durch Enterprise 2.0 potenzieren und ein stärkeres Maß an Flexibilität und Offenheit erfordern. Argumente, warum technische Kompetenzen für die sinnvolle und effektive Bedienung von Social Media weniger wichtig sind als soziale Kompetenzen bringt Carstensen in „Entwicklung eines Verständnisses für die Logik sozialer Medien“ vor. Als Zwischenfazit hält sie fest, dass Social Media über Medienkompetenzen hinaus vor allem die Bereitschaft „sich auf die Logik von Posten, Sharen und Liken einzulassen“ (S. 158) erfordert. Unter „Öffentliche Selbstdarstellung“ geht es um die professionelle Selbstrepräsentation und das Managen von Grenzen. An die Darstellung dieser vier Kompetenzebenen schließt die Autorin Regeln für Beschäftigte bei der Gestaltung von digitaler Arbeit unter Bezugnahme auf Bitkom und anderer Autoren. Das Kapitel schließt mit der Darstellung individueller („eigensinniger“ S. 163) Nutzungsweisen von Social Media: „Darüber, wie Social Media genutzt werden, entscheiden neben betrieblichen Rahmenbedingungen auch die diskursiven Deutungsmuster, die Social Media rahmen, und individuelle Kompetenzen und Haltungen.“ (S. 169).

Im „Fazit und Ausblick“ stellt Carstensen fest, dass die Diskurse auf ambivalente betriebliche Realitäten treffen. Dabei basieren der Autorin zufolge viele positive wie negative Erfahrungen vielmehr auf der vorhandenen Unternehmenskultur als auf der Implementierung von Enterprise 2.0. Letztere spiegele und intensiviere diese lediglich (z.B. bzgl. Führungsstil, Arbeitszeitregelungen etc.). Die Anforderungen durch Enterprise 2.0 seien außerdem vor allem dadurch herausfordernd, dass sie informell also implizit von den MitarbeiterInnen wahrgenommen werden. Anforderungen werden nicht explizit formuliert und entsprechende Qualifizierungen folglich nicht angeboten. Des Weiteren fände die Implementierung von Enterprise 2.0 teilweise unter kontraproduktiven Rahmenbedingungen statt. Carstensen appelliert für klare Leitlinien zu z.B. Datenschutz, Arbeitszeitregelungen und Netiquette. Als abschließende Perspektive zur Digitalisierung der Erwerbsarbeit stellt sie vier Trends vor, deren Bearbeitung durch die Unternehmensleitungen die Voraussetzungen für Enterprise 2.0 schaffen sollen: Erschöpfung, Crowdwork, Big Data und Digital Divide. Diese diskutiert sie kritisch („düster“ S. 186) und schließt mit der Feststellung, der Mensch sei nach wie vor der Schlüssel zu erfolgreichen Nutzung / Implementierung von Enterprise 2.0. (vgl. S. 186).

Das Buch enthält in Kapitel 9 das Literaturverzeichnis sowie in Kapitel 10 ein Glossar und in Kapitel 11 den Onlinefragebogen und die Interviewleitfäden.

Diskussion

Mit dem vorliegenden Buch verfolgt die Autorin ihr Anliegen herauszufinden, wie Beschäftigte und Mitglieder von Interessenvertretungen den Einsatz von Enterprise 2.0 erleben. Die Erkenntnisse ihres Forschungsprojekts stellt sie unter den genannten Perspektiven sowie zusätzlich einleitend aus der Perspektive der UnternehmerInnen vor. Dabei ist es den AutorInnen in der Regel gut gelungen, die Erkenntnisse so aufzubereiten, dass sie auch mit geringen entsprechenden Vorkenntnissen gut zu verstehen waren. Dazu trugen auch die in großer Menge eingebauten Zitate bei. Bei der Darstellung der Ergebnisse wäre ein Hinweis auf die entsprechend gestellten Fragen im Fragebogen hilfreich gewesen. Inhaltlich ergänzen die Erkenntnisse gut die Dissertationserkenntnisse des Forschungsprojekts von René Sternberg (www.ezweinull.de). Ein Bezug der beiden Arbeiten aufeinander blieb jedoch aus.

Fazit

„Social Media in der Arbeitswelt“ richtet sich vorwiegend an Menschen, die sich mit dem Thema Enterprise 2.0 in einem theoretischen Kontext auseinander setzen wollen. Es zeigt neben den Chancen überwiegend die vielfältigen Probleme und Herausforderungen auf, die für eine effiziente Nutzung noch bewältigt werden müssen.

Summary

„Social Media in der Arbeitswelt“ is primarily intended for people who want to learn more about the effect of Enterprise 2.0. It shows both the opportunities but primarily the many problems and challenges that still need to be addressed for an efficient use.


Rezensentin
Dipl.-Soz.päd./arb. (FH) Daniela Cornelia Stix
Diplom-Sozialpäd./-arb. (FH), Medienwissenschaftlerin (Master of Arts), Lehrkraft für besondere Aufgaben mit dem Schwerpunkt Medienkompetenz und Gestaltung digitaler Medien in der Sozialen Arbeit an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) Hildesheim/Holzminden/Göttingen. Sie promoviert zum pädagogischen Einsatz von Sozialen Onlinenetzwerken in der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit
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Zitiervorschlag
Daniela Cornelia Stix. Rezension vom 23.05.2016 zu: Tanja Carstensen: Social Media in der Arbeitswelt. Herausforderungen für Beschäftigte und Mitbestimmung. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3408-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20751.php, Datum des Zugriffs 22.11.2019.


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