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Helmut E. Lück: Die psychologische Hintertreppe

Cover Helmut E. Lück: Die psychologische Hintertreppe. Die bedeutenden Psychologinnen und Psychologen in Leben und Werk. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2016. 320 Seiten. ISBN 978-3-451-61381-4. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 32,50 sFr.
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Thema

Auch wenn in der populären Psychologie der Zugang oftmals über große Namen aus der Vergangenheit der Disziplin erfolgt, wie etwa Wundt oder Freud, ist die Geschichte der Psychologie kein prominentes Thema innerhalb der empirischen Psychologie selbst. Lück stellt sich mit der vorliegenden Veröffentlichung dieser Tendenz zum Vergessen der Disziplingeschichte entgegen, indem er 44 Portraits namhafter PsychologInnen vorlegt. Dabei war „[e]ine Anregung […] die Philosophische Hintertreppe von Wilhelm Weischedel (1973)“ (S. 10); nach dem Programm der Abhandlung Weischedels, die inzwischen in mehr als 40 Auflagen erschienen ist, trifft der Leser „die Philosophen selber so an, wie sie sind, wenn sie nicht gerade am oberen Ende der Vordertreppe einen respektablen Gast erwarten“ (Weischedel, 2014/1973: Die philosophische Hintertreppe. München, S. 9). Es handelt sich also um einen persönlichen, meist biographischen Zugang zu den Koryphäen der jeweiligen Disziplinen, um auf diesem Wege ihr Schaffen zu erschließen.

Autor

Helmut E. Lück wurde 1969 in Köln in Psychologie promoviert und folgte 1973 zunächst der Berufung nach Duisburg, dann 1978 nach Hagen, um dort das Fach Psychologie einzurichten. 1989 war er Mitgründer des Kurt Lewin Instituts für Psychologie und 1997 des Psychologiegeschichtlichen Forschungsarchivs. Zu seinen Fachgebieten gehören die Sozialpsychologie und die Geschichte der Psychologie.

Entstehungshintergrund

Die Monographie erscheint im Herder Verlag ohne bemerkenswerte Programmatik des Verlegers. Das Buch ist in der Kategorie „Lebensberatung & Psychologie“ neben unspezifischen weiteren Veröffentlichungen zu finden. Hier zeigt sich, dass es um die Lage des Faches Geschichte der Psychologie prekär bestellt ist. Wie auch für die theoretische Psychologie, gibt es für die Geschichte der Psychologie nur wenige Veröffentlichungsorgane. So schreibt Lück mit Kollegen im „Memorandum zur Lage und zur Zukunft des Faches Geschichte der Psychologie“: „Doch nach einem Jahrzehnt tief greifender Studienreformen enthalten die Lehrpläne kaum noch Veranstaltungen zur Geschichte der Psychologie. Studierende der Psychologie werden daher meist nicht mehr in die historisch fundierte Auseinandersetzung mit ihrem Fach eingeführt“ ((Psychologische Rundschau, 2015, 66(3), S. 176).

Aufbau

Die Arbeit gliedert sich in 44 Autorenprofile der Psychologiegeschichte. Dabei handelt es sich bei den AutorInnen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts vorwiegend um Deutsche, für die späteren Protagonisten kommen zusehends mehr US-Amerikaner hinzu. Jedes Profil enthält etwa fünf bis 20 Seiten Textes und ist durch Unterkapitel gegliedert. In seinen Quellen greift Lück sowohl auf die Primärliteratur wie auch auf Biographien der AutorInnen zurück. Gelegentlich lässt er zudem relevante Zeitgenossen zu Wort kommen. Darüber hinaus sind diverse Verweise zwischen den Autoren, in Biographie und Werk, eingepflegt.

Inhalt

Den Einstieg wählt Lück mit einigen der hervorstechenden Namen der Gründungsphase der akademischen empirischen Psychologie, wie Fechner, Wundt, Ebbinghaus und Freud. Nur an wenigen Stellen auf die philosophische Herkunft der Autoren eingehend betont der Autor dabei die innovativen Potenziale der Psychologen auf Basis ihrer zeitgeschichtlichen und persönlichen Hintergründe. Auf diese Weise wird der Blick auf den „ideengeschichtliche[n] rote[n] Faden“ (S. 12) eröffnet. Es handelt sich um die Begründer maßgeblicher schulischer Orientierungen in der Psychologie, deren Einfluss in den meisten folgenden Profilen der PsychologInnen erhalten bleibt.

Ohne dabei andere Entwicklungen der Disziplin zu vernachlässigen, wählt Lück die Autoren des beginnenden 20. Jahrhunderts mit einem Schwerpunkt auf Psychoanalyse und Gestaltpsychologie aus, wobei er seinem Anspruch folgt, dass so „Lehrer-Schüler-Beziehungen, Wissenschaftlergemeinschaften und auch gegensätzliche Richtungen der Psychologie deutlicher sichtbar“ (S. 12) werden.

Für die Autoren der Mitte des 20. Jahrhunderts skizziert Lück die Entwicklung des disziplinären Paradigmenwechsels mit dem andeutenden Verweis auf gesamtgesellschaftliche Strukturveränderungen. Die Kontroversen zwischen Psychoanalyse, Gestaltpsychologie, Behaviorismus und Kognitivismus treten dabei schlaglichthaft gelegentlich zum Vorschein. Aus den ausgewählten Profilen der PsychologInnen wird dabei insbesondere deutlich, dass sich die Teilgebiete der Disziplin in dieser Zeit kontinuierlich diversifiziert haben.

Die Autoren der jüngsten Phase der psychologischen Disziplin haben bisweilen ihre Wirkungsphasen noch nicht abgeschlossen, auch wenn sie bereits dank entscheidender Beiträge bereits als klassische AutorInnen der Disziplin gelten können. Die Protagonisten dieser Phase sind eindeutig an erster Stelle durch ihre experimentellen Leistungen qualifiziert und können oftmals durch bestimmte einzelne Experimente in ihrem Schaffen charakterisiert werden, etwa das Stanford-Prison-Experiment für Zimbardo oder der Effekt kognitiver Dissonanz für Festinger. Lücks Beschreibungen sind dabei durch seine persönliche Wahrnehmung angereichert: „Die Erinnerungen an die Personen sind in die Beschreibungen hier und da mit eingeflossen, sie stehen aber nicht im Vordergrund“ (S. 11).

Diskussion

Die Auswahl der Autoren für einen erschöpfenden Überblick über die Geschichte einer Disziplin, die – anders als die Philosophie – noch immer durch fundamentale Kontroversen ihrer Prinzipien charakterisiert werden kann, ist nicht trivial. Andere Autoren, die zur Geschichte der Psychologie in jüngerer Zeit geschrieben haben, setzen abweichende Schwerpunkte. Fahrenberg (www.socialnet.de/rezensionen/19581.php) nennt Brentano einen der drei Gründerväter der modernen Psychologie, während Lück die phänomenologische Psychologie nicht berücksichtigt. Galliker (www.socialnet.de/rezensionen/20430.php) lässt die Wurzeln der Disziplin bis in das 18. Jahrhundert zurückreichen, während sich Lück eher an dem klassischen Beginn der experimentellen Psychologie mit Wundts Gründung seines Leipziger Labors orientiert. Walach (www.socialnet.de/rezensionen/15964.php) wiederum lässt die Philosophie in seinem „Propädeutikum“ thematisch sukzessive in die Psychologie übergehen, erwähnt dabei etwa auch Helmholtz mit seinen Beiträgen zur Physiologie als Psychologen und des Weiteren diverse Autoren der klinischen Psychologie, auf die Lück nicht zu sprechen kommt.

Lücks Kriterium der Auswahl bleibt somit kontrovers, auch wenn dadurch in dessen offener Formulierung kein strukturelles Problem für die Veröffentlichung resultiert, denn es ging ihm „zunächst um wichtige Personen in der Psychologie. Sie haben ein nachhaltiges Lebenswerk geschaffen, sie werden viel zitiert und in Befragungen zur Bedeutung für das Fach nehmen sie hohe Ränge ein“ (S. 10.). Weiter: „Dieses Buch soll zeigen, dass die Geschichte des Faches reich an interessanten Wissenschaftlerpersönlichkeiten ist“ (S. 11). Der Anspruch auf eine erschöpfende Darstellung wird demnach nicht entwickelt, doch die Auswahl beschneidet an einigen Stellen die Komplexität der Disziplin und lässt sie in größerer Kontinuität und Kohärenz erscheinen, als die historischen Kontroversen es tatsächlich zulassen. Der Grund hierfür mag darin bestehen, dass das Werk zunächst einen allgemeinen Überblick zu verschaffen anstrebt. Spielerische Anmerkungen wie: „Wundts Werk ist allerdings riesig, wenn auch mühsam zu lesen“ (S. 40), deuten darauf hin, dass der Leser durch die beeindruckende historische Komplexität des Faches, die oft verkannt wird, nicht abgeschreckt werden soll. Dass Autoren wie Chomsky und Vygotskij keine Erwähnung finden, kann demnach darin begründet sein, dass ihr Beitrag wesentlich in der kontroversen Abgrenzung von anderen Positionen bestanden hat, die zu erwähnen die Komplexität der Lektüre gesteigert hätte.

Die Profile der PsychologInnen selbst sind oftmals an erster Stelle biographisch und auf die solitäre Leistung des jeweiligen Autors bezogen anstatt ihre Bedeutung im Kontext disziplinärer Kontroversen aufzuzeigen. Die Perspektive ist in erster Linie diejenige „große[r] wissenschaftliche[r] Leistung für die Psychologie“ (S. 23). Dabei profitieren die Texte von den oftmals detaillierten Kenntnissen des Autors, die ihm zu mehreren Gelegenheiten erlauben, die zeitgenössische Rezeption der Klassiker in die Kritik zu stellen (vgl. S. 172, S. 316). Darüber hinaus, wie etwa im Falle des „Lehrstuhlstreits“ (S. 36ff), nimmt Lück auf die kontroversen Positionen der Autoren Bezug.

Der Detailgrad der Darstellung ist allerdings nicht für alle Autoren homogen. Als Lewin-Spezialist (vgl. S. 194) und Sozialpsychologe kann Lück in einigen Kapiteln ausführlich auf Bestandteile von Theorien und Biographien eingehen, etwa im Falle Heiders (vgl. S. 232), während andere Profile rudimentär bleiben. Die Tendenz zu einer Übervorteilung der Sozialpsychologie lässt sich somit nicht leugnen, denn insbesondere in der zweiten Hälfte des Werkes ist der Anteil sozialpsychologischer Klassiker überproportional groß. Neben dieser Bevorzugung von Sozialpsychologie ist auch eine Inklination zu deutschen Autoren zu bemerken, so ist die Erwähnung von Sodhi etwa dadurch motiviert dass ihm „die westdeutsche Psychologie wichtige Impulse verdankt“ (S. 325).

Ein exegetisches Anliegen des Verfassers ist es, die Biographien der Autoren spekulativ und dezidiert hypothetisch in Bezug zu ihrem Schaffen zu setzen. So mag Tajfels Auseinandersetzung mit sozialer Identität durch seine Erfahrungen mit der Judenverfolgung motiviert worden sein (vgl. S. 352), oder Aschs Interesse an sozialem Einfluss durch eine Anekdote aus seiner Kindheit (vgl. S. 311f). Lück sagt, dass das Werk der PsychologInnen „natürlich in Zusammenhang mit den zeitlichen Umständen, manchmal mit Moden und natürlich auch mit den Personen selbst, die Forschung betrieben“ (S. 10) stand, und somit die Auseinandersetzung mit den Biographien nicht nur eine Einführung erlaubt, sondern letztlich einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis von Inhalten leistet.

Der Vergleich mit Weischedels Einführung in die Philosophie, der sich durch den Titel aufdrängt, erfordert zuletzt eine differenzierte Betrachtung. Sog. große Psychologen des späten 19. und 20. Jahrhunderts können nicht ohne weiteres mit Klassikern der Philosophie aus drei Jahrtausenden Geistesgeschichte verglichen werden, denn die Struktur der modernen Wissenschaft hat einen maßgeblichen Einfluss auf das Wirken der Protagonisten. Weischedel ist in der Lage, ein abgeschlossenes Bild von „Thales oder Die Geburt der Philosophie“ bis „Wittgenstein oder Der Untergang der Philosophie“ zu zeichnen, während in der vorliegenden Darstellung der Psychologie keine intrinsische Struktur oder ein übergeordneter Zusammenhang hervorgehoben wird. Hier bieten die Begriffe der „Kontroverse“ und der „Krise“ für Fahrenberg und Galliker Ansatzpunkte, doch letztlich bleibt das psychologische Schaffen grundverschieden vom philosophischen, weil es sich im ersten Fall um (Spezial-)Wissenschaft handelt, die immer an ihren Prinzipien zu messen ist, im zweiten hingegen um die Gesamtheit des Denkens der Kulturgeschichte, das tatsächlich den Anspruch auf Abgeschlossenheit erheben kann.

Aus diesem fundamentalen Unterschied zwischen beiden Gegenständen ergibt sich, dass die Profile der PsychologInnen tendenziell durch weniger Theorie und weniger Selbstreferenzialität gegenüber der eigenen Disziplin ausgezeichnet sind als es für die Philosophen gilt. Es ist somit durchaus gerechtfertigt, dass sich Lück für eine Abgrenzung im Titel entscheidet. Wo Weischedel von „Alltag und Denken“ spricht, schreibt er „Leben und Werk“.

Fazit

Für Leser mit und ohne disziplinäres Vorwissen bietet Lück eine ausführliche Einführung in Leben und Werk einer großen Zahl wichtiger AutorInnen der Psychologiegeschichte. Die Profile erlauben einen skizzenhaften Einblick in den Ansatz und die Wirkung großer Protagonisten der jungen Wissenschaft. Der Autor konzentriert sich dabei wesentlich auf die auszeichnenden Leistungen und Entstehungshintergründe der einzelnen Psychologinnen und deutet die kontroversen Kontexte nur an. Das Werk erlaubt den Zugang zu den einflussreichsten Formen psychologischen Forschens und lässt den Leser die historische Entwicklung der Disziplin aus den persönlichen Perspektiven ihrer Koryphäen nachvollziehen.

Summary

For readers with or without previous knowledge of the discipline, Lück offers an exhaustive introduction into the life and work of a great number of important authors throughout psychology´s history. The author profiles grant sketchy insights into the great protagonists´ approaches and impacts within the young science. Lück focusses on the singular psychologists´ main achievements and developmental backgrounds, and solely adumbrates the controversial contexts. The book grants access to the most influential forms of psychological research and facilitates the comprehension of the discipline´s historical development by its luminaries´ personal perspectives.


Rezensent
Alexander N. Wendt
M.Sc. (Psychologie), M.A. (Philosophie)
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Zitiervorschlag
Alexander N. Wendt. Rezension vom 01.12.2016 zu: Helmut E. Lück: Die psychologische Hintertreppe. Die bedeutenden Psychologinnen und Psychologen in Leben und Werk. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2016. ISBN 978-3-451-61381-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20753.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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