Tania Meyer: Gegenstimmbildung (rassismuskritische Theaterarbeit)
Rezensiert von F. Sigrid Grün, 29.03.2017
Tania Meyer: Gegenstimmbildung. Strategien rassismuskritischer Theaterarbeit.
transcript
(Bielefeld) 2016.
414 Seiten.
ISBN 978-3-8376-3520-1.
D: 39,99 EUR,
A: 41,20 EUR,
CH: 48,70 sFr.
Reihe Theater, Band 87.
Autorin
Dr. Tania Meyer studierte Bildende Kunst/Visuelle Kommunikation und Geschichte an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg. Sie absolvierte ihr 2. Staatsexamen am Landesschulamt Berlin und arbeitete anschließend an mehreren Theatern als Theaterpädagogin.
Die Autorin war u.a. Vorstandsmitglied und Sprecherin des Ausschusses Internationales/Interkulturelles beim Bundesverband Theaterpädagogik e.V. (BuT) und ist Gründungsmitglied des Berliner Arbeitskreises für Kritische Theaterpädagogik. Derzeit lehrt sie ästhetische Bildung an der Universität Potsdam.
2015 promovierte sie im Kolleg Kulturwissenschaftliche Geschlechterstudien der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg. Beim vorliegenden Werk handelt es sich um die Publikation der Dissertation zum Thema „Gegenstimmbildung: Aufklärungskonstruktionen in interkulturellen theaterpädagogischen Projekten gegen Kulturellen Rassismus“.
Thema
In der Theaterpädagogik wird – im Gegensatz zur Schauspielsparte – überwiegend mit Laiendarstellern gearbeitet. Sehr beliebt sind interkulturelle Theaterprojekte, die Differenz und Integration in den Mittelpunkt stellen. Dass diese Theaterarbeit mitunter auch selbst rassistisch eingefärbt ist, weil gar keine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus stattfindet, wird dabei oftmals ignoriert. Die Autorin zeigt auf, inwiefern dies der Fall ist und erläutert anhand von Beispielen, wie es anders geht.
Aufbau
Das Buch ist sehr klar strukturiert, was bei einer Dissertation auch eine Selbstverständlichkeit ist.
Nach einer Einleitung, in der der Rahmen definiert wird, wendet sich Tania Meyer „Standorten“ zu, d.h., sie analysiert die geläufigen „Diskurse des Interkulturellen“ und beschränkt sich dabei nicht allein auf Theaterpädagogik, sondern widmet sich auch professionellen Theaterproduktionen, etwa wenn es um das Blackfacing geht.
Anschließend beschäftigt sich die Autorin mit der Definition von Rassismus, um dann alternative Herangehensweisen an die Darstellung des Fremden und Anderen aufzuzeigen. Anhand zweier ausführlicher Stückanalysen wird verdeutlicht, wie ein Zugang zum Thema erfolgen kann, ohne auf aktuelle rassistische Theaterpraxen zurückzugreifen.
Im Abschnitt „Gegenstimmbildung“ wird zusammengefasst, welcher Mittel sich dieser neue Ansatz bedient.
Inhalt
Zunächst wird der Diskurs um das
„Interkulturelle“ in der Theaterarbeit diskutiert und
problematisiert. Die Autorin widmet sich dabei vertieft Begriffen wie
„Fremdheit“, „Alterität“, „Differenz“ und
„Interkulturalität“. Es wird die berechtigte Frage aufgeworfen,
wie Theaterpädagogik sich gegen Rassismus aussprechen kann, wenn sie
selbst rassistische Züge aufweist.
Anhand von zwei Stücken – „Amo – eine dramatische Spurensuche“
und „Bombenwetter. Das Kopftuch hält“ – wird demonstriert, wie
Erzählungen (Amo) und Bilder (Bombenwetter) nicht nur den Rassismus
in den gezeigten Geschichten, sondern auch den der Aufklärung
innewohnenden Rassismus, entlarven können.
In „Amo“ wird der Werdegang des „ersten deutschen Schwarzen Akademikers Anton Wilhelm Amo Afer im 18. Jahrhundert“ nachgezeichnet. Dabei kommt allerdings auch eine Metaebene ins Spiel: Erzählt wird nämlich nicht nur Amos Geschichte, sondern wie Amos Geschichte erzählt, das Stück über Amo geprobt wird. Dabei wird deutlich, dass schwarze Schauspieler heute noch Rassismus erleben, wie ihn Amo zur Zeit der Frühaufklärung erfahren hat. An dieser Stelle geht die Autorin auch auf die Kontroverse zum „Blackfacing“ an vielen deutschen Theatern ein. Re-Signifizieren, Re-Konstruieren und Re-Vidieren sind beim Theaterprojekt „Amo“ Methoden der Gegenstimmbildung.
„Bombenwetter. Das Kopftuch hält“ ist eine szenische Collage, die eine Schultheatergruppe entwickelt hat. Darin wird auf Lessings „Nathan der Weise“, insbesondere auf die Ringparabel, die auch im Wortlaut vorkommt, Bezug genommen. Es handelt sich nicht um eine durchgängige Geschichte, sondern um Textfragmente, Bilder, die die Aufklärungsparabel Gegenwartstexten gegenüberstellen und auf diese Weise enthüllen, dass das von Lessing proklamierte humanistische Ideal und heutige Nachrichten nicht viel miteinander zu tun haben. Re-Orientieren, Re-Polemisieren und Re-Arrangieren sind die Mittel, derer sich das Stück bedient, um auf Intoleranz und Rassismus aufmerksam zu machen und neue Wege der Darstellung zu finden.
Im abschließenden Kapitel „Gegenstimmbildung“ geht es um Strategien, die Theatermacher dazu befähigen, den Widerspruch nicht nur zu erkennen, sondern auch darstellen zu können. Die Autorin spricht sich darin für eine Repolitisierung des Theaters und der Theaterpädagogik aus.
Diskussion
Als Schauspielerin wurde mir einmal ein
Engagement angeboten, das ich ablehnte. Aufgrund meiner Herkunft und
meines Typs (ich komme aus Osteuropa), sollte ich als Romafrau
verkleidet Passanten um Hilfe bitten und damit den in deutschen
Fußgängerzonen vorherrschenden Rassismus entlarven. Dass diese
Herangehensweise selbst zutiefst rassistisch war, kam den
Verantwortlichen dabei nicht in den Sinn. Aus eigener Erfahrung weiß
ich, dass solche Theaterprojekte keine Seltenheit sind.
Tania
Meyer macht in ihrer Dissertation auf gängige Theaterpraxen
aufmerksam, denen das dominanzgesellschaftliche Narrativ vom
aufgeklärten und damit überlegenen Europäer zu Grunde liegt.
Diesen Praxen stellt sie Gegenentwürfe gegenüber, die eindrucksvoll
demonstrieren, wie es anders geht. Die Re-s (Re-Signifizieren,
Re-Konstruieren, Re-Vidieren, Re-Orientieren, Re-Polemisieren und
Re-Arrangieren), das sind Elemente der Gegenstimmbildung, die etwas
nicht einfach nur wiederholen, sondern erneuern.
Auf einleuchtende Weise wird hier der
Zusammenhang zwischen Aufklärung und Rassismus beleuchtet und
aufgezeigt, wie Aufklärung uns dazu dient, uns unserer Toleranz,
Offenheit und Vernunftorientierung zu vergewissern, und dadurch
gleichzeitig unsere Herrschaft zu legitimieren.
Gerade das
Theater und die sogenannte „Interkulturelle Theaterpädagogik“,
die besonders humanistische Werte für sich beanspruchen, bedienen
sich fast schon automatisch rassistischer Mittel (etwa des
„Blackfacings“), ohne diese wirklich zu hinterfragen. Auf diesen
Umstand und auf Strategien der Gegenstimmbildung macht Tania Meyer
aufmerksam. Ihre fundierte Analyse ist rundum gelungen und ihr
Plädoyer für eine Repolitisierung des Theaters nur folgerichtig.
Für mich war „Gegenstimmbildung“ eine sehr bereichernde Lektüre.
Fazit
Eine kritische Auseinandersetzung mit
dem Interkulturellen Theater, wie wir es kennen, war längst
überfällig. Tania Meyer bearbeitet das Thema äußerst
fundiert und gut nachvollziehbar.
Theaterpädagogen und
Theaterwissenschaftlern, die sich vertieft mit rassismuskritischer
Theaterarbeit auseinandersetzen und die übliche Herangehensweisen an
das Thema hinterfragen möchten und keine Scheu vor theoretischen
Ansätzen haben, kann ich das Buch nur ans Herz legen.
Rezension von
F. Sigrid Grün
Sigrid Grün, M.A., freischaffende Künstlerin und Lehrbeauftragte, www.kultur-ostbayern.de
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