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Inge Jens: Langsames Entschwinden

Cover Inge Jens: Langsames Entschwinden. Vom Leben mit einem Demenzkranken. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2016. 112 Seiten. ISBN 978-3-498-03344-6. D: 12,95 EUR, A: 13,40 EUR, CH: 16,90 sFr.
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Thema

Das vorliegende Buch von Inge Jens dokumentiert in ausgewählten Briefen an Freunde, Bekannte und einzelne unbekannte Ratsuchende wie ihr Mann Walter Jens, der wortgewaltige Gelehrte sich durch eine fortschreitende Demenz im Verlauf eines Jahrzehntes verändert und in eine Welt jenseits der Sprache und des rationalen Denkens entschwindet. In den Briefen beschreibt und reflektiert Inge Jens zugleich ihre eigene Unsicherheit, ihr Erleben im Umgang mit ihrem erkrankten Mann, mit dem sie über ein halbes Jahrhundert zusammenlebte und der ihr in seinem letzten Jahrzehnt zunehmend fremder wurde.

Autorin

Inge Jens, geb. 1927. Studium der Germanistik, Anglistik und Pädagogik. Promotion 1953. Herausgeberin der Tagebücher Thomas Manns, Mitarbeit an zahlreichen kulturhistorischen Projekten. Zusammen mit ihrem Mann Walter Jens schrieb sie die Besteller „Frau Thomas Mann“ (2003) und „Katjas Mutter“ (2005). 2009 erschienen ihre „Unvollständigen Erinnerungen“.

Entstehungshintergrund

Im Vorwort erwähnt Inge Jens, dass sie während der Begleitung ihres Mannes niemals daran gedacht hat, einige der Briefe, die sie an Freunde, Bekannte und auch unbekannte Ratsuchende in dieser Zeit schrieb, eines Tages zu veröffentlichen. Für sie waren sie eine auf dem Computer abgespeicherte Gedächtnisstütze.

Erst nach dem Tod von Walter Jens und nach ihrem Umzug in eine altersgerechte Wohnung in Tübingen hatte sie, wie sie schreibt, die Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen und die vergangenen Geschehnisse zu überdenken. Die Durchforstung alter Dateien, das Lesen der geschriebenen Briefe, die darin formulierten Fragen und Gedanken erschienen Inge Jens im Nachhinein von grundsätzlicher Bedeutung zu sein im Umgang und in der Begleitung von alten dementiell veränderten Menschen. Denn der allmähliche Verlust eines Partners, der zwar noch lebt, sich aber mit der Zeit immer mehr aus der „normalen Welt“, aus dem gemeinsamen Leben entfernt, verändert auch die begleitenden Angehörigen.

Aufbau und Inhalt

Im Vorwort reflektiert Inge Jens nicht nur die bedrückenden und belastenden Seiten der „Leidensgeschichte“ ihres Mannes sondern auch ihre Annäherung an eine Erkrankung, die nicht nur ihren Mann sondern auch ihre eigene Sicht auf die Menschen verändert, ihr eine Würdigung der Höhen und Tiefen des Lebens und einen Zugang zum „Wesen der Demut“ ermöglichte.

Der erste und Hauptteil des Buches mit ausgewählten Briefe aus den Jahren 2005 bis 2013 hat den Titel: „Er ist ein Mensch, und er bleibt ein Mensch“. In den Briefen der ersten zwei Jahre informiert Inge Jens die Empfänger über das allmählich sich veränderte Zusammenleben mit ihrem Mann. Sie schildert sachlich und mit einer zurückhaltenden emotionalen Betroffenheit die ersten auffälligen Veränderungen: die depressiven Zustände, die Verwirrtheit, die nachlassenden geistigen Fähigkeiten ihres Mannes. Sie klagt nicht, obgleich sie selbst leidet und mit leidet, wenn sie erlebt, dass ihrem Mann immer mehr schmerzlich bewusst wird, wie er sich selbst fremd wird. Indem sie das eigene Leiden im Vergleich zu Anderen relativiert – „Naja, andere sind schlimmer dran“ – wird erkennbar, wie sie sich von Beginn an bemüht sich diesen neuen Anforderungen des Älterwerdens zu stellen, mit ihnen leben zu lernen. Zugleich findet der Leser immer wieder Passagen, in denen erkennbar und nachvollziehbar wird, wie lange die erste Phase des nicht wahr haben Wollens dauert, wie Inge Jens zwischen Erschrecken und Hoffnung auf Besserung hin und her pendelt bis sie das Unabänderliche der fortschreitenden Erkrankung, den fortschreitenden Verlust fast aller erlernter Kulturtechniken und intellektueller Fähigkeiten ihres Mannes annehmen kann. Sie schildert eindrucksvoll, wie schwer es ihr fällt, zu begreifen, dass „der Mensch, der da um mich ist“ noch Ähnlichkeiten mit dem Menschen hat, der ihr Mann war und gleichzeitig für sie nicht mehr erreichbar ist, ihre Sprache nicht mehr spricht und versteht.

Noch Anfang 2008 informiert sie einen Kollegen, dass die seit 3 Jahren ungenau diagnostizierte Depression nun exakter als Angiopathie erkannt wurde, die entscheidende Funktionen des Gehirns weitgehend außer Kraft setzt. Sie vermeidet in fast allen veröffentlichten Briefen, den wenig aussagekräftigen und mehr stigmatisierenden Begriff der Demenz sondern beschreibt die im Verlauf der Jahre auftretenden Veränderungen bzw. Verluste von Fertigkeiten und Fähigkeiten bei ihrem Mann bis zu seinem fast völligen Verstummen. Dabei gelingt ihr eine außergewöhnliche anteilnehmende, empathische und zugleich sachlich-distanzierte Auseinandersetzung mit den Erscheinungsformen einer Erkrankung, die für die Betroffenen wie auch die Angehörigen eine hohe Belastung bedeutet, doch zugleich ihnen Erlebensräume eröffnet, die auch eine andere Seite dieser grundlegenden Veränderungen eines Menschen erfahrbar machen und insbesondere für Angehörige eine Lernerfahrung bieten, die eine Auseinandersetzung von Verlust und Gewinn des Altwerdens ermöglicht.

Da nicht mehrere Briefe an dieselbe Person adressiert sind, kommt es zwar stellenweise bei der informierenden Beschreibung des jeweiligen Ist-Zustand manchmal zu Redundanzen. Erkennbar wird jedoch in diesen Wiederholungen zugleich der Versuch der Annäherung, die ungewöhnlichen, oft fremden und beängstigenden Verhaltensweisen eines vertrauten Menschen verstehen zu lernen und Außenstehenden an diesen Lernprozess, den Inge Jens als Partnerin durchlebt, zu beteiligen. Damit wird auch die kaum auflösbare Spannung von all den Menschen, die einen demenzerkrankten Menschen begleiten, nachvollziehbar. Sie besteht darin, dass Menschen mit dementiellen Veränderung als zugleich dieselbe vertraute Person und auch nicht mehr dieselbe Person erlebt und wahrgenommen wird. Es ist diese Parallelität von Vertrautheit und Fremdheit zugleich, die insbesondere nahestehenden Menschen, Angehörigen, engen Freunden ein hohes Maß an Belastbarkeit und zugleich Offenheit gegenüber diesem befremdlich, irritierenden Verhalten eines Menschen mit Demenz abverlangt.

Erkennbar wird in den Briefen des Weiteren das Bemühen von Inge Jens, einen anderen Zugang zu den veränderten Verhalten ihres Mannes zu finden, indem sie lernt sich auf den augenblicklichen, den wechselnden Verfassungen ihres Mannes einzulassen und es aufgibt, ihn am Maßstab seines vergangenen Könnens als brillanten Rhetoriker, als rational denkenden Intellektuellen zu messen. Sie schildert die Situationen, in denen sie ihren Mann als einen frohen und zufriedenen Menschen erlebt. Auch setzt sie sich mit grundlegenden ethischen Fragen zur Existenz von Menschen, die ihre geistigen Fähigkeiten verloren haben, auseinander, zumal W. Jens zusammen mit W. Küng vehementer Befürworter eines selbstbestimmten Sterbens war. Deutlich wird an diesen Stellen der Unterschied zwischen den vorgestellten Befürchtungen einer scheinbar unglücklichen Existenz als Demenzkranker und dem tatsächlichen Erleben eines Demenzkranken, das nicht nur Leid sondern auch Wohlbefinden bedeuten kann. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass es Menschen um sie herum gibt, die sich an den Bedürfnissen des Erkrankten orientieren und sie in einer Umgebung leben können, die für ihr Wohlbefinden förderlich ist.

Damit wird in den Briefen ein weiterer Aspekt erkennbar. Inge Jens hat rechtzeitig erkannt, dass die Veränderung ihres Mannes sie zugleich zur Veränderung ihres eigenen Lebens auffordert, sie musste ein neues ausgewogenes Verhältnis von Nähe und Distanz finden. Sie beschreibt, wie ihre eigenen Arbeiten und besonders ihre Lesereisen ihr helfen, sowohl einen notwendigen Abstand als auch wieder Energie zu schöpfen, um die veränderte Lebenssituation gut bewältigen zu können. Aber auch eine verständnisvolle Helferin aus einem bäuerlichen Umfeld, die einen unverstellten, sehr „natürlichen“ Zugang zu W. Jens findet, haben ihr diese notwendige Distanz ermöglicht. Diese Situation, sich eine private Helferin leisten zu können, schildet Inge Jens als ein Privileg, das zwar auf den Erfolg ihrer und gemeinsamer Bücher mit W. Jens fußt, aber ohne das sie nach ihrem Verständnis und ihrer Erfahrung diese neue Herausforderung des Älterwerdens nicht so hätte meistern können, wie es ihr anscheinend gelungen ist.

Im zweiten Teil des Buches „Leben mit einem Demenzkranken“ findet sich der überarbeitete Text eines Vortrags, den Inge Jens 2012 bei einer Fachtagung des Caritasverbandes der Diözese Augsburg gehalten hat. Sie beschreibt darin die unzulängliche Betreuung, das mangelnde Verständnis von professionellen Kräften in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Denn W. Jens war im Verlauf seines letzten Lebensjahrzehnts wiederholt entweder in stationärer Behandlung oder kurzzeitig in einem Pflegeheim. Inge Jens plädiert dafür, dass professionelle Kräfte sich mehr auf die Eigenheiten, die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz einstellen sollten, anstatt sie den Regeln einer standardisierten Pflege zu unterwerfen; auch thematisiert sie die gesellschaftliche Verantwortung die für Menschen mit Demenz wie auch für ihre Angehörigen eine weiterhin notwendige Verbesserung von adäquaten Unterstützungshilfen erfordern.

Diskussion und Fazit

Das besondere und bemerkenswerte an dem Buch bzw. den veröffentlichen Briefen von I. Jens ist, dass aus der Sicht einer Angehörigen auf mehreren Ebenen erkennbar wird, was es für den Betroffenen, die Angehörigen, die Umgebung und auch für Helfer bedeuten kann, wenn ein Mensch der vielleicht mehr als viele andere in der Welt der Sprache, des intellektuellen Diskurses zu Hause war, über einen längeren Zeitraum nicht nur fast all das verliert was er erlernt, gekonnt und gelebt hat, damit sich von sich selbst als der früheren Person wie auch von der Welt entfernt und zugleich sich als eine andere Person erleben und im Hier und Jetzt gut leben kann. Denn insbesondere durch die Reflexion des Erlebten wird deutlich, welchen Zugang, welche Hilfen und Unterstützungen Menschen mit Demenz benötigen, um trotz ihrer Verluste, ihrer Veränderungen ein Leben führen zu können, dass das langsame Entschwinden des Intellektes nicht nur erträglicher sondern auch ein gutes Leben in der Gegenwart und ein friedliches Lebensende ermöglichen und gewährleisten kann.

Sehr zu empfehlen ist das Buch allen, die als Angehörige, Freunde oder als berufliche Helfer Menschen mit Demenz begleiten oder die sich mit dem Thema Altwerden und Demenz auseinandersetzen wollen.


Rezensentin
Dipl. Soziologin Angela M. Laußer
Dipl. Soziologin, Beraterin, Trainerin und Coach
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Zitiervorschlag
Angela M. Laußer. Rezension vom 13.03.2017 zu: Inge Jens: Langsames Entschwinden. Vom Leben mit einem Demenzkranken. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2016. ISBN 978-3-498-03344-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20764.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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