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Ulrike Kändler: Entdeckung des Urbanen

Cover Ulrike Kändler: Entdeckung des Urbanen. Die Sozialforschungsstelle Dortmund und die soziologische Stadtforschung in Deutschland, 1930 bis 1960. transcript (Bielefeld) 2016. 412 Seiten. ISBN 978-3-8376-2676-6. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR, CH: 52,00 sFr.
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Thema

In die Zeit nach dem Krieg und der nationalsozialistischen Ära und der Gründung der Bundesrepublik Deutschland formierten sich die Sozialwissenschaften neu. An den Universitäten entstanden neue Lehrstühle für Soziologie und Sozialwissenschaften und es entstand die Dortmunder Sozialforschungsstelle, die an der Universität Münster angesiedelt war und die ihren Sitz in Dortmund hatte. Aus ihr gingen später die Protagonisten der deutschen Soziologie als Wissenschaft hervor, die die deutsche Soziologie entscheidend geprägt haben.

Die Städte haben sich im Zuge der industriellen Verstädterung z. T. entscheidend verändert; nach dem Krieg waren sie größtenteils zerstört und um Wiederaufbau bemüht. Sollte man sie wieder so aufbauen, wie sie als Städte vor dem Krieg aussahen und funktionierten oder bestand die Chance einer städtebaulichen Neugestaltung im Zuge einer neuen Gesellschaft, die sich durch eine demokratische politische Kultur auszeichnete und die auf der Basis einer Sozialen Marktwirtschaft mit einem neuen Verständnis wohlfahrtsstaatlicher Politik die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu integrieren versuchte?

Was hat also die Stadt als soziale Daseinsform damals bedeutet? Stand sie überhaupt im Fokus des Forschungsinteresses und konnte sie sich auf die europäische Stadt als Bezugspunkt überhaupt beziehen?

Autorin

Dr. Ulrike Kändler ist Historikerin und war an der Universitätsbibliothek Gießen tätig. Derzeit ist sie an der Technischen Informationsbibliothek und Universitätsbibliothek Hannover beschäftigt.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in neun Kapitel:

  1. Einleitung
  2. Volk, Raum und Großstadt – Wissenschaft und „Drittes Reich“
  3. Demokratisierung und Wissenschaftstransfer
  4. Die Sozialforschungsstelle in Dortmund
  5. Ein goldenes Jahrzehnt
  6. Die Soziologie der industriellen Großstadt
  7. Gunther Ipsen und die Logik des Leistungsgefüges
  8. Der Stadtplan geht Euch gar nichts an
  9. Schluss

Im Anhang befindet sich neben einem Abkürzungsverzeichnis ein Verzeichnis der gedruckten und ungedruckten Quellen, ein Literaturverzeichnis und ein Orts- und Personenregister.

Zu 1. Einleitung

In ihrer Einleitung formuliert U. Kändler die Intention ihrer Forschung. Es geht um die stadtsoziologische Forschung in Deutschland zwischen 1930 und 1960, also in der Zeit zwischen dem Ende der Weimarer Republik, dem Nationalsozialismus bis zur konsolidierten Phase der Bundesrepublik Deutschland. Unter welchen Bedingungen wurde die Stadt Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung? Waren es die tiefgreifenden Veränderungen der Lebensumstände, die mit der industriellen Verstädterung und der Großstadtbildung am Ende des 19. Jahrhunderts in den Kernländern Europas und speziell in Deutschland zu diesem Forschungsinteresse führten, oder waren es die mit der Nachkriegszeit verbundenen Umbrüche und Modernisierungsschübe, die mit dem Wideraufbau der zerstörten Städte verbunden waren und die die moderne Großstadt entstehen ließen?

Sicher war auch die Neuausrichtung der Soziologie in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg von entscheidender Bedeutung für dieses Fach, hat sich doch der Nationalsozialismus ihr in anderer Weise bedient, sie instrumentalisiert.

Im Mittelpunkt steht die soziologische Stadtforschung, die nach den Lebensverhältnissen in der Stadt fragt. Gleichwohl geht es um die Veränderungen der Forschungsperspektiven und -praktiken in der Epoche zwischen 1930 und 1960, wobei ein besonderes Augenmerk in der Nachkriegszeit auf die Sozialforschungsstelle Dortmund gelegt wird, die ja letztlich auch den Lehr- und Forschungskanon der Disziplin Soziologie an den deutschen Universität mit bestimmt hat. Und es geht schließlich um die Verbindungslinien zu Politik, Staat und Planung.

Dies wird ausführlich begründet; weiter geht die Autorin auf die Frage ein, welche Quellen sie benutzt hat. Schließlich geht U. Kändler kurz auf die einzelnen Kapitel ihres Buches ein.

Zu 2. Volk, Raum und Großstadt – Wissenschaft und „Drittes Reich“

In diesem Kapitel geht es zunächst um das Verhältnis der nationalsozialistischen Führung zur Wissenschaft, das sich inzwischen differenzierter darstellt: einerseits eine Art „Verachtung“ des Intellektuellen und des Wissenschaftlichen, andererseits eine Reihe von Aktivitäten der Wissenschaften zur Begründung von Ideologie, Politik und gesellschaftlicher Praxis. Dies wird ausführlich analysiert, auch wie die bekanntesten Protagonisten der deutschen Gesellschaftswissenschaften wie beispielsweise Theodor Geiger, Karl Mannheim und Max Horkheimer Opfer des Systems wurden und warum sich die deutsche Professorenschaft mit der Kritik an dem Vorgehen der Politik eher zurückhielt, um es vornehm zu formulieren. Auch analysiert die Autorin, wie es dazu kam, dass es zu einen breiten Konsens zwischen dem, was die Nationalsozialisten an Auffassungen tolerieren konnten und dem, was die Wissenschaft als nationalsozialistisch begreifen wollte.

Die Autorin geht dann auf einen prominenten Hamburger Stadtforscher dieser Zeit ein, auf Andreas Walther. Walther hat in Hamburg eine Studie vorgelegt, wonach es den Behörden möglich war, gegen unerwünschte, asoziale und minderwertige Bürger der Stadt vorzugehen. Und Hamburg war seinerzeit bereits eine Metropole, die auch von großer Heterogenität der Bevölkerung gekennzeichnet war. Walther stützte sich auf die von Charles Booth vorgelegte Poverty Enquete „Life and Labour of the People in London“, die 40 Jahre zuvor erschien und als die Geburtsstunde der organisieren Sozialforschung bezeichnet werden kann. Die Autorin beschreibt dabei die Hamburger Situation ausführlich und detailliert und setzt sich dann mit der Person und der Vita von Walther ausführlich auseinander.

Anschließend bettet die Autorin die Stadtforschung in Hamburg in die berühmteste stadtsoziologische Schule – in die Chicagoer Schule – ein. Sozialforscher entdeckten seinerzeit die Großstadt als soziales Phänomen und als Herausforderung. Die Autorin zeichnet kurz diese Geschichte nach, um dann festzustellen, dass sich in Deutschland niemand für die Großstadt interessierte. Zwar fand die industrielle Verstädterung Interesse und die romantizierende Großstadtkritik im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde schon zu Kenntnis genommen; aber ein analytisches Interesse fehlte. Nur in Hamburg war es anders, wo die Erkenntnisse und Forschungsansätze der Chicago School aufgenommen wurden.

Die Autorin geht dann auf Anwendungszusammenhänge im Dritten Reich wie die Raumordnung und Raumforschung ein, die in ihrer Differenzierung auch institutionalisiert ist. Dafür wird eine Reihe von Belegen angeführt und Institutionen benannt. Dabei spielte die „volkgemäße Ordnung des Raumes“ (Konrad Mayer) eine zentrale Rolle und Begriffe wie völkische Lebensordnung und Raum waren durchaus gängig. Die Autorin stellt dann ausführlich die Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung vor und geht dann auf die Notstandsgebiete und Ballungsräume ein, die „Horte der Dekadenz, Belanglosigkeit und Vermassung“ waren und die dem bodenständigen Bauerntum gegenüber gestellt wurden. Die Nationalsozialisten waren keine Freunde der Großstadt und schließen im Grunde an die konservative Großstadtkritik des ausgehenden 19. Jahrhunderts an. Sie wollten, wenn überhaupt, eine andere Stadt, eine Führerstadt. Was die Wohnungspolitik betraf, schlossen die Nationalsozialisten direkt an die öffentliche Wohnraumversorgungspolitik der Weimarer Republik an. Auch ging es um „Entballung“ und um „Gesundung“ in den Ballungsgebieten. Diese Diskussion wird ausführlich geführt.

Zu 3. Demokratisierung und Wissenschaftstransfer

Amerika hat uns nach dem Krieg nicht nur den mit politischer Demokratisierung möglichen fordistischen Wohlfahrtsstaat gebracht. Auch die Sozialwissenschaften haben sehr viel an Ansätzen und Forschungsmethoden von den Vereinigten Staaten nach Deutschland übernommen. Schließlich ging es um mehr als um die Einführung der Demokratie und einer politischen Kultur des gegenseitigen Respektierens. Es ging den Amerikanern auch um eine demokratische Erziehung der jungen Generation, was zu einer Reihe von Austauschprogrammen führte.

Die Autorin beschäftigt sich mit diesen Fragen in diesem Kapitel und zunächst geht es ihr unter dem Stichwort Partizipation und Reform um Aspekte der Sozialforschung in den Vereinigten Staaten, um das Praxisverständnis und um neue Forschungsmethoden wie den survey research approach. U. Kändler erörtert ausführlich diesen Ansatz und nennt beispielhaft Studien, auch Studien, die sich mit Fragen der Sozialforschung in der Sozialen Arbeit beschäftigen, deren Anfänge in der Settlement-Bewegung zu sehen ist. Die Autorin geht dann auf die Rockefeller Foundation ein, die Deutschland erkundet, ein Land das unter anderem nach der nationalsozialistischen Epoche unter einer gewissen geistigen Verarmung litt, wie der damalige Berichterstatter Havighurst der Foudation berichtete.

Wie sehen die Wissenschaftsgeschichte und die empirische Sozialforschung nach 1945 aus? fragt dann die Autorin weiter. Einmal berichtet sie über den teilweise erbitterten Streit um den Beginn der Soziologie in Deutschland und dann aber auch das, was wir mit der Stunde 0 verbinden. War der Neuanfang in den Sozialwissenschaften mit den bestehenden personellen Ressourcen der scientific community überhaupt denkbar? Unter den gegebenen Umständen, dass einige der Wissenschaftler im nationalsozialistischen Deutschland blieben und die anderen gehen mussten oder gingen, aber jetzt zurückkehrten, schien dies ein schweres Unterfangen zu sein. Dies wird ausführlich diskutiert.

Zu 4. Die Sozialforschungsstelle in Dortmund

Die Autorin beschreibt in diesem Kapitel den Aufbau und die Weiterentwicklung der Sozialforschungsstelle Dortmund, die in den 50er und 60er Jahren die größte sozialwissenschaftliche Forschungseinrichtung war. E ist zunächst eine übliche Institutsgeschichte und im Prinzip die Geschichte der Institutionalisierung der wissenschaftlichen Forschung an der Universität Münster. Auf den Gründungstermin 1946 macht Kändler speziell aufmerksam, weil er im Kontrast zur gesamtwirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Entwicklung eines in Trümmern liegenden besetzten Landes stand. Sie nennt dann Otto Neuloh als einen der ersten Promovenden; mit dessen Arbeiten beschäftigt sich die Autorin dann. Es gab dann noch andere Einrichtungen, die dem Institut zugeordnet wurden wie die „Forschungsstelle für das Volkstum im Ruhrgebiet“ oder das „Harkort-Institut für westfälische Industrieforschung“.

Weiter diskutiert die Autorin die Beziehung der Forschungsstelle zur Stadt Dortmund, die diese Forschungsstelle für sehr bedeutsam für die Stadt hielt und sie deshalb auch in infrastrukturellen Fragen unterstützte.

Auch wenn die Besatzungsmächte bei der Gründung der Forschungsstelle kaum eine Rolle spielten – die Beziehung zu den USA gewann einen besonderen Stellenwert für das Institut. Die Rockefeller Foundation hatte ja zunächst einen reservierten Standpunkt zu dem Wissenschaftsstandort Deutschland; der Gutachter Robert Havighurst war dann 1947 in Dortmund und konnte anderes berichten. Über diese Beziehung und ihre Entwicklung berichtet Kändler ausführlich und detailliert.

Kändler diskutiert dann den Kern eines Forschungsinstituts: das Erkenntnisinteresse. Und das schien ambivalent genug: einerseits verstanden sich seine Angehörigen als Praktiker mit dem Ansatz einer angewandten Forschung mit dem Willen der Gestaltung von Politik und Praxis, andererseits wollten sie auch Grundlagenforschung machen. Man wollte eine Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis schlagen und Praxis war auch Politik. Positivismus und Reformwissenschaft prägten die Formulierung von Forschungsfragen und das Erkenntnisinteresse.

Weiter stellte die Autorin die Gründergeneration vor, und damit die Protagonisten und Wegweiser einer zukünftigen Soziologie als Wissenschaft und universitäre Disziplin.

Zu 5. Ein goldenes Jahrzehnt

Mit dem goldenen Jahrzehnt der Sozialforschungsstelle ist das Jahrzehnt gemeint, in dem sich die Gemeindeforschung etablierte. In Anschluss an die amerikanischen community studies, die seinerzeit auch dort zu den wichtigsten Erkenntnisinstrumenten gehörten und klassischen Rang im Lauf der Zeit einnahmen, nahmen die Mitarbeiter des Instituts die Gemeindeforschung auf. Ein neues Methodenset hielt in die deutsche Sozialforschung Einzug, das in den USA schon weiterentwickelt war. Es kam in dieser Zeit zu einer Reihe von Gemeindestudien, die wegweisend waren. René König hat den theoretischen Rahmen vorgegeben. Weder Stadt noch Dorf seien der Gegenstand soziologischer Forschung, sondern die Gemeinde als soziale Wirklichkeit. Die Autorin berichtet darüber ausführlich, zitiert sowohl amerikanische wie deutsche Gemeindestudien und leitet daraus einige wichtige Forschungslinien für die deutsche Soziologie ab.

Eine dieser Studien diskutiert die Autorin in besonderer Weise: die 1950 begonnene und 1958 abgeschlossene Studie „Zeche und Gemeinde“. Kändler diskutiert den sozialgeschichtlichen Hintergrund dieser Studie und die politischen Probleme, die mit dieser Studie analysiert und einer Lösung zugeführt werden sollten. Für das Ruhrgebiet sind die Kohle nicht wegzudenken und auch sein Schicksal. In der Besatzungszeit nach dem Krieg kam es deshalb auch zu krisenhaften Prozessen, die die Bevölkerung unruhig werden ließen. Die Autorin erörtert dann auch den Zusammenhang mit der Rockefeller Stiftung, die auf der Grundlage einer anderen Studie „Bergmann und Zeche“ die drängenden Probleme der Ruhrkohle analysieren wollte.

Weiter diskutiert die Autorin an Hand einer Teilstudie zur Studie „Zeche und Gemeinde“ in Datteln eine andere Ausrichtung der Forschung mit Hilfe der Anthropologie, wie sie in Amerika bereits praktiziert wurde. Dazu werden wichtige Namen genannt und Studien vorgestellt.

Weiter werden auch für die heutige Zeit interessante Ergebnisse der Studie „Zeche und Gemeinde“ vorgestellt und diskutiert. Sozialräumliche Bedingungen des Lebens und Arbeitens, räumliche Distanzen, die irgendwann zu kulturellen und sozialen Distanzen werden, die Veränderung dörflicher Strukturen – alles Themen, die auch heute noch virulent sind. Gleichzeitig wird Königs analytischer Gemeindebegriff kritisch zu überdenken sein, der die sozialstrukturellen und sozialhistorischen Prozesse vielleicht doch nicht realitätsgerecht erfasst hat und von einem Integrationsbegriff ausging, der unterstellte, dass die Gemeinde nach einer gewissen Anpassungsperiode die unterschiedlichen Gruppen – die Alteingesessenen und die Zugezogenen – unkompliziert zu integrieren vermag.

In ähnlicher Weise stellt die Autorin dann noch eine andere Studie vor, die in Anschluss an die prominenten amerikanischen Studien „Middletown – A Study in American Culture“, die 1929 erschien, und die 1937 erschienene Studie „Middletown in Transition“ von Robert und Helen Lynd, die Mittelstadt im Ruhrgebiet erforschen wollten. Auch hier diskutiert und analysiert die Autorin ausführlich den Kontext.

Zu 6. Die Soziologie der industriellen Großstadt

Einleitend geht die Autorin kritisch und analytisch mit der ersten Studie zur industriellen Großstadt – der Dortmund Studie – ins Gericht, die in der Tat den Erwartungen nicht entsprach und vieles offen ließ. Selbst wenn man den zeitgenössischen Kontext mit einbezieht, ist sie zwar wissenschafts- und forschungsgeschichtlich durchaus reizvoll und interessant, aber letztlich wird sie auch den damaligen Ansprüchen nur teilweise gerecht.

Kändler geht dann auf dem Weg zur Erforschung der industriellen Großstadt zunächst von den Städtemonographien aus. Wie sollte die ideale Struktur und Größe der deutschen Städte aussehen? – eine Frage die bereits 1944 von der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung Priorität hatte und nach 1945 wieder aufgegriffen wurde. Schließlich hatte man die Chance erkannt, die zerstörten Städte der Gründerzeit anders zu gestalten – eine Frage, die bereits während der letzten Kriegsphase die Reichsarbeitsgemeinschaft beschäftigte.

Die Autorin berichtet von der Absicht der Sozialforschungsstelle, eine Serie von Sozialmonographien deutscher Städte zu erstellen, vor allem von den Städten, die am meisten zerstört waren: Witten, Hannover, Bremen, Hamburg und Dortmund. Aber auch die Städte fingen an, zu dokumentieren und aufzuarbeiten und städtebauliche Richtlinien zu erlassen. Es war insgesamt eine Aufbruchstimmung. Es galt zu beschreiben, wie das Leben in den Städten des Mittelalters und des Absolutismus waren, weil die Menschen die gleichen waren und auch die Umweltbedingungen einigermaßen gleich blieben. Weiter ging es um die Wirtschafts- und Sozialstruktur, die sich aus dieser Entwicklung ergeben hatte. Und schließlich sollte eruiert werden, welche Auswirkung der Krieg hatte und in welche Ausmaß das Wirtschafts- und Sozialleben neben der zerstörten Infrastruktur und der Gebäude beeinträchtigt waren.

Den Städtemonographien war kein Erfolg beschieden; nur wenige wurden begonnen.

Die Großstadt-Forschung der Forschungsstelle wurde 1951 durch einen Göttinger Architekten Wolfgang Schütte angestoßen, der eine Städtemonographie über die Entwicklung der Stadt Hannover erstellen wollte, um daraus planerische Konsequenzen zu ziehen. Auch Otto Neuloh war dabei, der die Städtemonographien noch nicht abgeschrieben hatte, und zusammen mit Wolfgang Köllmann und Werner Conze wollte man dann Bochum untersuchen. Dies beschreibt die Autorin detailliert auch in den nachfolgenden Aspekten, die Gegenstand der Analyse sein sollten. Schließlich ging es auch um die Widerlegung der Großstadtkritik, wie sie im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert von Protagonisten der Soziologie gesellschaftskritisch thematisiert wurde und die meist in eine romantisierende Stilisierung des Landlebens mündete.

Untersucht werden sollte die Sozialstruktur durch eine soziologische Strukturanalyse mit den Schwerpunkten Mobilität und Schichtung und Sozialraumanalyse. Dazu hat Rainer Mackensen in den „Daseinsformen der Großstadt“ für die Stadt Dortmund einen Gliederungsmodell vorgelegt, das die Stadt in zehn Teilgebiete aufteilt. Mit einer Reihe von Sozialindikatoren sollten diese Teilgebiete untersucht werden. Dies wird ausführlich erörtert. R. Mackensen hat damit die Stadtentwicklung um eine differenzierte sozialraumorientierte Perspektive erweitert. Ein weiterer Aspekt war die Untersuchung von Verwaltungsräumen, die sich durch Eingemeindungen verändert hatten und die auch eine Besonderheit industrieller Verstädterung im Ruhrgebiet waren. Eine besondere Bedeutung hatte in der Forschung die aus der Chicagoer Schule übernommenen Aspekte der Zentralität und der Citybildung. Zentralität entsteht ja auch dadurch, dass ein Überschuss an Versorgungs-, Dienstleistungs- und Verwaltungsfunktionen dafür sorgt, dass andere mit versorgt werden und damit auf diese Funktionen angewiesen sind. Es geht also um die Zentralität durch Funktionen. Citybildung hat etwas mit der Frage zu tun, welche Bedeutung die Stadtmitte als Handlungs-, Erlebnis- und Funktionsraum hat.

Weiter wurde das Pendlerwesen untersucht und die Zusammenhänge zwischen Verstädterung und Mobilität diskutiert.

Einen großen Teil des Kapitels widmet die Autorin dem Wohnen in der Großstadt. Gunther Ipsen hat sich mit seiner Abteilung in der Sozialforschungsstelle diesem Thema verschrieben. Schließlich hatte die industrielle Verstädterung zu einer Bewegung von Massen von Arbeitern in die Großstädte geführt, was zu Wohnungsnot und Wohnungselend der proletarischen Bevölkerung in der Stadt führte. Die Antwort war der Massenwohnungsbau. Die Autorin berichtet von einer Reihe von Studien, die in der Forschungsstelle gemacht wurden, die erheblichen Einfluss auf die Wohnungsfrage in der Politik hatten, aber auch Forschungsperspektiven erweiterten.

Nach dem Krieg gab es eine neue Wohnungsfrage; ein Viertel allen Wohnraums war zerstört, vor allem in den Großstädten. Diese Wohnungsfrage verschärfte sich durch zuziehende Flüchtlinge, was dann ja auch zur Wohnungszwangsbewirtschaftung führte. Die zerstörte Infrastruktur und die beeinträchtigen städtischen Funktionen taten ihr Übriges, so dass das Leben in den Städten wenig mit Urbanität zu tun hatte.

Die daraus erwachsenen strukturellen Entwicklungen und die politischen Herausforderungen und pragmatischen Lösungsvorschläge werden von der Autorin gründlich diskutiert und vorgestellt. Dazu gehört der einsetzende Suburbanisierungsprozess; bereits zu Beginn der 50er Jahre setzt dieser Prozess ein, was an Untersuchungen nachzuweisen ist, von denen die Autorin berichtet. Gleichwohl prägen die innerstädtischen Mietskasernen weiterhin die innerstädtischen Wohnverhältnisse. Während sich W. Schütte den Siedlungen am Stadtrand widmete, interessierte sich Elisabeth Pfeil eher für die Beziehungsgeflechte in der Mietskaserne. Die Autorin setzt sich etwas ausführlicher mit den Arbeiten von Elisabeth Pfeil auseinander, die sich bereits in den 30erJahren der Großstadt verpflichtet fühlte und die mit der Sozialforschungsstelle auch die Frage erforschte, wie sich abseits der Großstadt ein ganz neues Quartier allmählich herausbildet: die Dortmunder Nordstadt, ein Viertel, das traditionell ein Arbeiterquartier mit einem fragwürdigen Ruf war. Es ging auch um die sozialen Beziehungen und Nachbarschaften im Quartier, die soziale Verortung erlaubten und die E. Pfeil untersuchte.

Worin bestand die Forschung? fragt die Autorin in ihrem Zwischenfazit.

Es ging um Strukturuntersuchungen von Wanderungsbewegungen und um die Integrationsmodi der Großstadt; es ging um den historischen Ansatz der Städtemonographien; es ging weiter um die Wohnungsfrage als soziale Frage und wie man in der Großstadt wohnt, wie man sich dort verortet und zugehörig fühlt.

Zu 7. Gunther Ipsen und die Logik des Leistungsgefüges

Die Autorin zeichnet in diesem Kapitel das Leben und die Karriere des Gunther Ipsen nach, der die Sozialforschungsstelle in besonderer Weise prägte. Er war kein Freund der Großstadt, und er hatte einen kritisch-analytischen Blick für diese. Verstädterung und Integrationsgefährdung, ja sogar Desintegration wurden bei ihm zu Argumentationsmodi für eine neue soziale Ordnung. In der Nähe zur Riehl´schen Großstadtkritik sieht er die Stadt zwar nicht als Ort der Verwerfungen, der moralischen Verfehlungen und als alles verschlingenden Moloch, aber doch als eine neue soziale Realität mit anderen Ordnungsvorstellungen und Formen des Zusammenlebens – anders als der integrationssichernden und identitätsstiftenden Dorfgemeinschaft zu Grunde lagen.

Die Autorin beschreibt die Karriere Gunther Ipsens an Hand der Orte Leipzig, Königsberg und Dortmund und geht anschließend auf seine Stadttheorie ein. Was macht die sachliche Ordnung der Großstadt aus; ist sie eher ein Standort oder ein Wohnort? Seine Stadttheorie bezieht sich auf Werner Sombarts ökonomische Theorie der Stadt, wenn er die Stadtentwicklungsprozesse oder die Verteilung der Bevölkerung im Sozialraum einer Stadt beschreibt. Die ökonomische Kerndynamik der Stadt und ihre Bevölkerungsentwicklung waren der Dreh- und Angelpunkt seiner theoretischen Überlegungen und Ipsen fragt nach dem Verhältnis der ökonomischen und demographischen Entwicklung. Der Kerngedanke Sombarts war ja auch, dass Konsum und Produktion die Kerndynamik der ökonomischen Entwicklung und damit auch der sozialen Gestaltung der Stadt ausmachen. Die Dialektik von Standort (als Ort der Produktion) und Wohnort (als Ort der Reproduktion, des Konsums) bestimmen die Entwicklung der Stadt.

Die Autorin berichtet, wie sich Ipsen mit den sozialen Beziehungen in der Stadt und im Dorf auseinandersetzte. Die in der Stadt vorherrschende marktförmige Ökonomie bestimmt eine eher rational-sachliche Beziehung zum jeweils anderen; die Interaktionspartner sind nur mit dem Ausschnitt ihrer Persönlichkeit in diese Beziehungen involviert – das, was Bahrdt irgendwann als unvollständige Integration bezeichnet. Im Dorf ist man vollständig integriert, die Beziehungen sind affektiv-emotional und umfassend.

Die Trennung von Wohnen und Arbeit, von Produktion und Reproduktion und die Auslagerung von Produktionsfunktionen aus dem Haushalt bestimmen auch die Dualität von Standort und Wohnort – so Ipsen. Und in der Folge lässt sich die Großstadt aus der Ökonomie und der distinkten Organisation der menschlichen Arbeit erklären.

Und die industrielle Verstädterung ist irreversibel. Die Großstadt ist ein soziales Phänomen, was dem Volk nicht gut tut – aber die Entwicklung ist nicht zu stoppen. Diese programmatischen Prämissen werden von der Autorin diskutiert und analysiert und in einen sozialhistorischen Kontext gestellt. Dabei geht sie auf Ipsens Bevölkerungslehre ein und diskutiert unter dem Stichwort Strukturgenetik des 20. Jahrhunderts Ipsens Idee und Geschichtsbild. Die Entstehung der modernen Gesellschaft und des bürgerlichen Staates sind Ausdruck des Bevölkerungsdrucks, der gesteuert, eingedämmt und sich in neue soziale Formen ergießen muss. Die Großstadt bedroht das Volk und das Volkstum!

Weiter geht die Autorin auf Gutachten Ipsens für Eschweiler und Wulfen ein, in der es im Kern um die Stadt als Ballungsraum ging. Kändler diskutiert diese Gutachten und ihren Hintergrund gründlich und ausführlich und diskutiert anschließend einige methodischen Grundsätze und Leitlinien Ipsens.

In ihrem Zwischenfazit macht die die Autorin auf vier Aspekte aufmerksam.

  • Ipsen gehörte zu den bekanntesten Vertretern der dem Nationalsozialismus nahestehenden Volkstumssoziologie.
  • Sein Stadtbegriff kreist um die Begriffe Bevölkerung, Produktion und Versorgung und die Stadt als industriell bevölkerten Raum.
  • In seiner Soziologie des deutschen Volkstums war die historische Analyse von Volk und Raum ein zentrales Erkenntnisinteresse.
  • Trotz der schwindenden Legitimation dieser Argumentationslinien nach 1945 spielte Ipsens Bevölkerungslehre und die Sozialgeschichte immer noch eine unerschütterliche Rolle.

Zu 8. Der Stadtplan geht euch gar nichts an

Auf das Ansinnen der Vertreter der Sozialforschungsstelle, der Dortmunder Oberbürgermeister möge einen Beitrag zu einer Tagung mit dem Titel „Der Stadtplan geht uns alle an“, hat dieser wohl geantwortet: „Der Stadtplan geht gar niemanden was an“.

Diese Anekdote – verbürgt oder nicht – ist der Aufhänger für dieses Kapitel. Es geht in der Tat um die Beziehungen der Sozialforschungsstelle zur Planung und zum Städtebau.

Die Autorin zeichnet die Geschichte dieser Beziehungen zur Stadt Dortmund nach, die ja die Forschungsstelle finanziell unterstützt hatte, aber einen praktischen Nutzen konnte die Stadt in den Forschungen und ihren Resultaten wohl nicht erkennen. Auf die Ambivalenz einer anwendungsbezogen Grundlagenforschung hatte Kändler bereits hingewiesen und möglicherweise war dies auch das Dilemma. Schließlich stand jetzt auch die Großstadtentwicklung auf der Agenda, nachdem die industrielle Verstädterung in ihrer Entwicklung weit voran geschritten war und die Probleme dieser Entwicklung offensichtlich wurden.

Die Forschungsstelle wurde schließlich von den Amerikanern mit einer vorbereitenden Untersuchung betraut. Es ging darum, dass in acht Orten des Ruhrgebietes Neubausiedlungen geplant werden sollten, die im Rahmen des Marshall-Planes finanziert werden sollten. Ergebnisse einer Befragung wurde vorgestellt. Befragt wurden Bergleute nach ihren Vorstellungen, was eine gute Wohnung sei. Die Antwort: ein Einfamilienhaus mit einer modernen funktionalen Küche und mit der Möglichkeit der Viehhaltung. Die Studie hatte alle Schwierigkeiten, akzeptiert zu werden; die Urteile fielen vernichtend aus. Die Autorin sucht nach Gründen für das Scheitern und beschreibt ausführlich, was das Scheitern verursachte. Es gab strukturelle Gründe, vielleicht Gründe in der unzureichenden theoretischen Durchdringung, auch Gründe, die in den Verfahren, den Planungsprämissen und in den gesellschaftspolitischen Zielsetzungen der Amerikaner lagen. Und schließlich hatte man nicht erwartet, dass Bergleute ein Schwein halten wollten und dafür Raum brauchten! Ein für Stadtplaner nicht vorhandener Gedanke.

Nach der ausführlichen Analyse des Scheiterns kommt die Autorin zu einer neuen Form der Begegnung zwischen Sozialforschungsstelle und Stadtverwaltung: die Expertenrunden oder Runden Tische. Hier wurde auch noch einmal die Studie diskutiert und von Seiten der Stadt wurde deutlich: die Studie ist irrelevant, methodisch falsch angelegt und habe den Ablauf des Projektes gestört und seinen Erfolg gefährdet.

Der Gedanke, dass der Stadtplan alle was anginge, wurde von Seiten des Instituts nicht aufgeben – es kam zu einer weiteren Tagung mit einer Reihe renommierter Experten. Es ging jetzt auch um demokratische Planung und um Partizipationsansprüche der Bürger. Schweizer Tagungsteilnehmer haben sich diesen Themen gewidmet, die ein Umdenken einforderten. Man muss den Bürgern ihre Kompetenz in Sachen Planung bewusst machen und die Planung sollte sich ihre politische Aufgabe ins Bewusstsein rufen, die Zukunft zu gestalten.

Kändler setzt sich nun noch mit Gunther Ipsen und Hans Paul Bahrdt und mit ihrem Verständnis von Öffentlichkeit auseinander. Während für Ipsen die Frage des öffentlichen Diskurses keine entscheidende Rolle spielt, wird der Begriff der Öffentlichkeit bei Bahrdt zu einer für die Stadt zentralen Kategorie. Bei Ipsen drückt sich das auch in seinem Planungsverständnis aus und in dem was, er mit einer Stadt meint.

Bei Bahrdt wird das Spannungsverhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit zum Gradmesser der Urbanität; der öffentliche Raum integriert Menschen immer nur unvollständig und die Privatheit ist der Raum der vollkommenen Integration, der von der Öffentlichkeit getrennt ist. Dass sich dann quasi-öffentliche Räume ausbilden, Räume, die eigentlich privat sind, aber ein Verhalten wie im öffentlichen Raum erlauben, ja sogar fordern – das hat Bahrdt später dann auch an Hand der Bürokratie des Großunternehmens nachgewiesen.

Diese Auseinandersetzung sowohl mit Ipsen als auch mit Bahrdt ist natürlich viel tiefergehend und komplexer, als sie hier wiedergegeben werden kann und der Autorin ist es gelungen, dies differenziert zu tun.

Zu 9. Schluss

Kann man Entwicklungslinien finden, die das zusammenfassen, was hier sehr differenziert und komplex verhandelt wurde?

Dreißig Jahre Stadtforschung aus der Zeit der Weimarer Republik kommend über den Nationalsozialismus in die Bundesrepublik Deutschland mündend, stand am Ende dieses Prozesses die Sozialforschungsstelle Dortmund.

Schließlich ist die Geschichte der soziologischen Stadtforschung eng mit der Geschichte des Fachs Soziologie verbunden und die Geschichte der Sozialforschungsstelle Dortmund ist auch eine Geschichte eines neuen und zugleich drängenden Erkenntnisinteresses: das Interesse an der modernen Großstadt.

Die Autorin zeichnet noch einmal ihre Argumentationslinie nach: von dem Verständnis der Stadt im Zeichen industrieller Verstädterung in der Weimarer Republik, über das Großstadtverständnis der Nationalsozialisten bis zu den ersten Versuchen, zu begreifen, was eine Großstadt ist und wie sie – auch im Zeichen ihrer Kriegsschäden – weiter entwickelt werden kann. Dabei wird deutlich, wie vor allem das amerikanische Verständnis von Community und amerikanische Forschungsansätze und -methoden die Soziologie und die empirische Sozialforschung in Deutschland geprägt haben.

Diskussion

Eigentlich ist es verwunderlich, dass die Großstadt relativ spät das soziologische Forschungsinteresse geweckt hat. Einmal deshalb, weil die prominenten Protagonisten einer sich entwickelnden kritischen Gesellschaftswissenschaft in Deutschland wie Georg Simmel, Ferdinand Tönnies, Max Weber, ja sogar Émile Durkheim in der Großstadt die Anzeichen eines Umbruchs in die Moderne entdeckt haben, die neue Ordnungsmuster hervorbringt und die alte Gesellschaft ablöst. Städte waren ohnehin schon immer ein Bedrohung der beharrenden traditionalen Gesellschaft und mit der Entwicklung der bürgerlichen Stadt verbinden wir ja auch die Emanzipationsgeschichte des Bürgertums, die ohne Stadt nicht stattgefunden hätte.

Und die industrielle Verstädterung wäre ohne die Geschichte der Stadt überhaupt nicht so weit gekommen. Ihre Probleme, haben sich schließlich auch in der Sozialen Frage des 19. Jahrhunderts verdichtet, auch wenn die Soziale Frage zunächst eine Frage eines ländlichen Pauperismus war. Warum also wurde die Großstadt so spät erst zum Gegenstand der Forschung. U. Kändler hat hier implizit auch einige Antworten. Die Weimarer Republik hat mit ihrer Wohnraumversorgungspolitik die Probleme der proletarischen Elendsquartiere erkannt und eine Antwort auf die Wohnungsfrage der Industriestadt versucht. Der Nationalsozialismus hatte in der Stadt in Anschluss an die Großstadtkritik des 19. Jahrhunderts eine andere Vorstellung von Stadt im Kontext von Volk und Raum und schließlich hat die Zerstörung der Städte nach dem Krieg die Frage virulent werden lassen, wie das Weiterleben in der Stadt und vor allem das Zusammenleben neue organisiert werden kann.

Als die Sozialforschungsstelle in Dortmund gegründet wurde, hatten sich die Städte und vor allem die Städter ganz andere Sorgen. Aber schnell wurde deutlich, dass die Erforschung der Stadt notwendige planerische und städtebauliche Entscheidungen provoziert hat; denn geplant und gebaut werden musste ohnehin angesichts der Zerstörungen. Der wichtige Impuls war sicher eine soziologische Forschungsstelle zu gründen, die auch andere Fragen an die Stadt hatte als die Planer und Städtebauer der damaligen Zeit.

Wer mit den im Buch zitierten Namen und Arbeiten groß geworden ist, ist auf der einen Seite an weiteren Details ihrer Lebens- und Berufsgeschichte interessiert und dann aber auch zum Teil irritiert angesichts der noch auftauchenden Erkenntnisse über die Personen, die man bislang nicht hatte und jetzt ein anderes Bild dieser Personen entstehen lässt.

Fazit

Das Buch ist mehr als nur eine Geschichte der Sozialforschungsstelle und der soziologischen Stadtforschung von 1930 bis 1960. Es ist ein äußerst differenziertes Bild eines Forschungsgegenstandes und derer, die sich aus welchen Gründen auch immer für ihn interessierten. Und es ist zugleich auch eine einfühlsame, den jeweiligen historischen Kontext berücksichtigende Analyse komplexer Sachverhalte und Argumentationsstränge. In seinen acht größeren Kapiteln zeichnet die Autorin nach, wie das Urbane (wieder)entdeckt wurde und wie die moderne Großstadt noch einmal in die Tradition der Stadtgeschichte eingeordnet werden könnte, aus der sie durch ihre Entwicklung als Industriestadt und durch die Kritik an ihr aus dem Bild herausfiel, wirklich mit der Geschichte der Urbanität verbunden zu sein, vom Land geschieden zu sein, einen eigenen anderen Lebensstil zu entwickeln.

Summery

The author describes and analyses the history of the Urban Research tradition in Germany between 1930 and 1960.

The focus of the book lies in the development after the Second World War. In 1947 was an institute founded, the so called Sozialforschungsstelle Dortmund, an institute at the University of Munster, but established in Dortmund. This institute was the beginning and a new start of sociology as a scientific discipline at the German universities.

In eight chapters describes the author, how the researchers in this institute step by step discover the big city as research subject. This was possible, because the German sociology was orientated to the American sociology, especially to the Chicago School of Urban Research with its urban studies and its tradition of community studies.

The main research question was how the destroyed cities can be renewed and must they renewed in a new urban building shape.

The book gives an interesting overview about the urban research discussion in Germany before the background of an new orientation of the sociology on the one hand and of the understanding of the big city as research subject in the time after the World War on the other hand.

The history of the Sozialforschungsstelle Dortmund is the mirror of the history of the development of the understanding of the German cities in the science, the policy and the urban planning after the war.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 21.06.2016 zu: Ulrike Kändler: Entdeckung des Urbanen. Die Sozialforschungsstelle Dortmund und die soziologische Stadtforschung in Deutschland, 1930 bis 1960. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-2676-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20769.php, Datum des Zugriffs 20.06.2018.


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