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Christel Manske: [...] Lese- und Schreibunterricht für alle Kinder

Cover Christel Manske: Entwicklungsorientierter Lese- und Schreibunterricht für alle Kinder. Die nichtlineare Didaktik nach Vygotskij. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2004. 146 Seiten. ISBN 978-3-407-57211-0. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 46,10 sFr.

Reihe: Beltz Sonderpädagogik. Mit einem Beitrag von Ludmilla Filipovna Obuchova.
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Zum Thema des Buches

Geistige Behinderung ist keine Ursache, sondern vielmehr die Folge von Bildungs- und Entwicklungserschwernissen. Durch angemessene Unterrichtsangebote, die dem jeweiligen Lernniveau der Kinder und ihren syndromspezifischen Entwicklungsbedürfnissen gerecht werden, lassen sich schulische Probleme, die unter den Bedingungen bestimmter neuropsychologischer Syndrome wie Autismus, ADS/ADHS oder Trisomie 21 auftreten, prinzipiell überwinden und kompensieren. Dies setzt allerdings zumeist voraus, vom "geraden" Pfad der "Durchschnittspädagogik" abzuweichen und gemeinsam mit den Lernenden nach alternativen Wegen des Hineinwachsens in die Kultur zu suchen. Wie Gehörlose die Gebärdensprache als äquivalente Alternative zur Lautsprache verwenden und Blinde die Braille-Schrift als Alternative zur "Schwarzschrift", so bedürfen auch Menschen unter den Bedingungen von Syndromen wie Autismus, ADS/ADHS oder Trisomie 21 speziell auf ihre Ansprüche zugeschnittener kultureller Werkzeuge, die es ihnen ermöglichen, durch alternative Mittel dieselben funktionellen psychischen Systeme zu verwirklichen, die sie über den Weg der Normalkultur möglicherweise nur unvollkommen zu entwickeln vermögen.

Die Schaffung solcher kultureller "Umwege" wurde von dem russischen Psychologen Lev S. Vygtoskij bereits in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts als eine der wichtigsten Aufgaben der Sonderpädagogik beschrieben. Mit der von Vygotskij, Lurija und Leontjev begründeten kulturhistorischen Theorie geistiger Entwicklung verbindet sich die Perspektive, dass auch an der sogenannten Regelschule ein gemeinsames Lernen aller Kinder möglich sein sollte. Eine allgemeine integrative Didaktik, die diesen Anspruch einlösen könnte, hat sich in unserem bisherigen Schulsystem allerdings noch nicht durchsetzen können. Obwohl mit den Empfehlungen der Kultusministerkonferenz zur sonderpädagogischen Förderung von 1994 die Bildung behinderter Kinder und Jugendlicher, zumindest der Tendenz nach, verstärkt als gemeinsame Aufgabe für grundsätzlich alle Schulen angestrebt wird.

Überblick

In diesem Zusammenhang überzeugt das neueste Buch von Christel Manske zur entwicklungsorientierten Didaktik des Lesens und Schreibens durch die lebendige Darstellung einer erfolgreichen und theoretisch fundierten Unterrichtspraxis mit elf Kindern, bei denen eine Trisomie 21 diagnostiziert wurde. Das Buch, in dem Berichte eigener Lehrerfahrungen einen großen Raum einnehmen, gliedert sich in acht Kapitel, in denen die Autorin ihre Prinzipien eines handelnden Unterrichts und deren praktische Umsetzung erörtert. Ergänzend dazu findet sich im Anhang ein zwölfseitiger Artikel von Ludmilla F. Obuchova, der in das Problem der Entwicklungsaufgaben im Kontext der Theorie Vygotskijs einführt.

Christel Manske, die frühere Bücher auch unter dem Pseudonym Iris Mann publiziert hat, ist promovierte Psychologin und Sonderschullehrerin. Sie leitet in Hamburg ein eigenes Institut für den Aufbau funktioneller Hirnsysteme, in dem sie seit 1995 mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, die aufgrund bestimmter neuropsychologischer Syndrome in ihrer geistigen Entwicklung beeinträchtigt sind. Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Lern- und Lebenserfahrungen setzt sie sich in ihren zahlreichen Buchveröffentlichungen (u. a. Die Kraft geht von den Kindern aus. Weinheim; Basel 1994; Schlechte Schüler gibt es nicht. Weinheim; Basel 1994; Lernen können ja alle Leute. Weinheim Basel 1995) mit ihrer Rolle als Lehrerin und den Möglichkeiten von Bildung und Entwicklung unter erschwerten sozialen, psychischen und neurologischen Bedingungen auseinander. Zuletzt erschien anlässlich ihres 60. Geburtstages die von Wolfgang Jantzen herausgegebene Festschrift Jeder Mensch kann lernen - Perspektiven einer kulturhistorischen (Behinderten-) Pädagogik (Luchterhand; Berlin 2001).

Die von Christel Manske entworfene Lese- und Schreibdidaktik geht von zwei pädagogischen Kernideen aus:

  1. Trisomie 21 ist nicht die primäre Ursache geistiger Behinderung, sondern es ist die mit diesem Syndrom verbundene mangelnde Muskelpropriozeption, die es den Kindern erschwert, Zungen- und Lippenbewegungen zu imitieren und laut zu sprechen. Darüber hinaus erschweren Hörprobleme, die in der Regel noch zusätzlich auftreten, eine differenzierte Wahrnehmung der Lautsprache. Mit Hilfe von Handgebärden und einem speziell für sie entwickelten Leseunterricht, können die Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren lernen, trotz dieser Beeinträchtigungen ad­äquat zu kommunizieren und sich sprachlich zu entwickeln.
  2. Guter Unterricht läuft der Entwicklung nicht hinterher, sondern eilt ihr voraus. Deshalb ist es notwendig, die für verschiedene psychologische Altersstufen charakteristische Entwicklungslogik und Motivlage der Kinder zu berücksichtigen, damit ein gemeinsames Lernen in der Zone der nächsten Entwicklung stattfinden kann.

Lernen in der Zone der nächsten Entwicklung

Im Anschluss an das Einleitungskapitel, in dem die Autorin die für sie "epochale Frage" nach der Überwindung von Behinderung durch eine "Kultivierung der einzigartigen Vielfalt" der Kinder aufwirft, wendet sie sich im ersten Teil des Buches (S. 16-73) Vygotskijs zentralem Begriff der Zone der nächsten Entwicklung und den darauf von ihr abgeleiteten pädagogischen Konsequenzen zu. Was "Lernen in der Zone der nächsten Entwicklung" bedeuten kann, wird exemplarisch anhand von Erzählungen konkreter Lernsituationen beschrieben, die eindrucksvoll die Aktualität dieses Konzepts für ein dialogisches und kooperatives Unterrichtsverständnis aufzeigen. Kernstück dieses Teils ist das Kapitel über die "menschliche Metamorphose", in dem ausführlich auf die psychologischen Altersstufen des Säuglings ("gemeinsam geteiltes Empfinden und Wahrnehmen"), des Kleinkindes ("gemeinsam geteiltes Agieren mit Objekten"), des Vorschulkindes ("gemeinsam geteiltes Symbolisieren"), des Schulkindes ("gemeinsam geteiltes Denken") und des Jugendlichen ("gemeinsam geteiltes Bewerten") eingegangen wird.

Nach Vygotskij umschreibt die Zone der nächsten Entwicklung die Differenz zwischen dem, was ein Kind bereits selbständig kann (Zone der aktuellen Entwicklung) und dem, was es mit äußeren Hilfsmitteln und durch Unterstützung anderer zu leisten vermag. Wesentliche Quellen menschlicher Entwicklung sind das kulturelle Umfeld und die gemeinsam geteilte Tätigkeit, d.h. soziale Interaktionen. Nicht nur für die Gesamtperson, sondern für die kulturelle Entwicklung jeder einzelnen psychischen Funktion gilt, dass wir erst durch Andere wir selbst werden. Ein Unterricht, der die Schüler lediglich auf dem Niveau ihrer aktuellen Entwicklung anspricht, verfehlt daher seine eigentliche Aufgabe, die darin besteht, die bereits im Werden begriffenen Fähigkeiten und Funktionen auf ein nächst höheres Niveau zu heben. Die Rolle des Lehrers (dies können auch die Eltern oder andere Kinder sein) lässt sich demzufolge als die eines Schrittmachers von einer Entwicklungsstufe zur nächsthöheren bestimmen.

Entwicklungsorientierte Lesedidaktik

Im zweiten Teil des Buches (S. 74-125) beschreibt die Autorin konkrete Schritte der Erarbeitung des Lesens und Schreibens, die sie in ihrer pädagogischen Praxis mit Kindern mit Trisomie 21 erprobt hat. Ausgehend vom Wort, als kleinster sinngebenden Einheit der Sprache, werden die Buchstaben als geschriebenes Wort und die sinngebenden Laute als gesprochenes Wort eingeführt.  Als Worte symbolisieren die Buchstaben zunächst gegenständliche Tätigkeiten, wie z. B. "FF" das Ausblasen einer Kerze oder "MMM" den Genuss beim Essen (begleitet von einer streichelnden Handbewegung über den Bauch). Die Unterrichtsangebote, die den Kindern beim Erlernen der Buchstaben gemacht werden, richten sich nach deren individuellen Motiven und Entwicklungsbedürfnissen. Die Aneignung verläuft dabei von der äußeren Handlung, über die symbolisch materialisierte Handlung zur inneren, geistigen Operation. Den konzeptionellen Rahmen dieser Vorgehensweise liefert die Theorie der etappenweisen Bildung geistiger Handlungen nach Pjotr. J. Galperin. Beherrschen die Kinder bereits etwa die Hälfte der Buchstaben, lernen sie, ganze Wörter zu lesen. Lese-Memory, Lese-Dominos, Bildkarten etc. dienen der spielerischen Übung. Silbenkarten veranschaulichen die Betonung und die Silbenfolge eines Wortes. Die Unterstützung durch Handgebärden erleichtert das Zusammenziehen der Buchstaben zu Silben. In ihrem Resümee stellt die Autorin fest, dass diejenigen Kinder, die bereits ab dem ersten Lebensjahr an ihrem Institut gefördert wurden, zuerst mit Unterstützung von Handzeichen sprechen lernten. Diese halfen ihnen später dabei, ihre Lautsprache bewusst zu steuern und durch Hand- und Schriftzeichen weiter aufzubauen. Sie durchliefen dadurch keine "stumme Phase" und sind der lebende Beweis dafür, dass Kinder mit Trisomie 21 sich nicht zwangsläufig langsamer oder unvollkommener entwickeln als andere Kinder.

Fazit

Das Buch wendet sich an alle Eltern, Lehrer oder Erzieher, die interessiert sind an der Bildung und Entwicklung von Kindern, Jugendlichen oder auch Erwachsenen, deren kultureller Zugang zur Schrift und zur Sprache erschwert ist. Die darin aufgezeigten pädagogischen Ideen überzeugen durch die enge Verbindung von Praxisnähe und wissenschaftlich-theoretischer Reflexion, in der sich immer wieder die eigenen Lern- und Lebenserfahrungen der Autorin brechen. Am Beispiel des Lese- und Schreibunterrichts einer Gruppe von Kindern mit Trisomie 21 geht die Autorin exemplarisch der Frage nach, wie durch eine "Kultivierung der einzigartigen Vielfalt" unterschiedlicher Lern- und Entwicklungswege syndromspezifische Beeinträchtigungen und Behinderungen aufgehoben werden können. Ihre Ergebnisse lassen hoffen, dass über den eingeengten Kreis der Sonderschule und der Frühförderung hinaus, zukünftig auch in anderen Bildungseinrichtungen solche Beispiele "Schule machen".


Rezensent
Dipl.-Soz. Thomas Hoffmann
Universität zu Köln
Heilpädagogisch-Rehabilitationswissenschaftliche Fakultät
Seminar für Geistigbehindertenpädagogik


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Zitiervorschlag
Thomas Hoffmann. Rezension vom 25.01.2005 zu: Christel Manske: Entwicklungsorientierter Lese- und Schreibunterricht für alle Kinder. Die nichtlineare Didaktik nach Vygotskij. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2004. ISBN 978-3-407-57211-0. Reihe: Beltz Sonderpädagogik. Mit einem Beitrag von Ludmilla Filipovna Obuchova. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2077.php, Datum des Zugriffs 21.07.2019.


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