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Andrea Querfurt: Mittlersubjekte der Migration

Cover Andrea Querfurt: Mittlersubjekte der Migration. Eine Praxeographie der Selbstbildung von Integrationslotsen. transcript (Bielefeld) 2016. 378 Seiten. ISBN 978-3-8376-3260-6. D: 44,99 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 54,90 sFr.
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Thema

Sie bezeichnen sich Helfer/innen, Vermittler/innen oder Organisator/innen, andere bezeichnen sie als Mittler/innen zwischen Einheimischen und Migranten/innen und/oder Vorbilder für andere Migrant/innen. Sie bauen durch ihr Engagement wichtige Brücken, um eine bessere Integration zu ermöglichen.

Gemeint sind Integrationslotsinnen und Integrationslotsen. Einige Bundesländer und zahlreiche Kommunen haben sie inzwischen „entdeckt“ und für sie Qualifizierungsprogramme bzw. Projekte entwickelt.

In dem vorliegenden Buch wird diese Gruppe als „Mittlersubjekte“ aufgegriffen und aufgezeigt, wie sie als Mittler/innen zwischen Einheimischen und Migranten sich in dynamischen Beziehungsgeflechten selbst bilden. Die Arbeit soll zum einen Beitrag zur Migrationsforschung als auch zur Erarbeitung einer Forschungsanalytik praktischer Subjektivierung leisten und will folgenden Fragen nachgehen: „Wie findet jemand einen Weg in eine Lotsenausbildung – und wie findet ein Lehrgang neue Lotsenanwärter? Welche ‚langjährigen Erfahrungen und spezifischen Kenntnisse‘ müssen Integrationslotsenanwärter für die ‚verantwortungsvolle Aufgabe‘ des Lotsens mitbringen, welche müssen sie erst noch erwerben – und wie spielt sich diese Vermittlung und Herstellung von Wissen ab? Wie wird schließlich der Übergang in die Lotsenpraxis vorbereitet?“ (S. 18f.)

Entstehungshintergrund

Bei der Publikation handelt es sich um die Dissertation der Autorin, die an der Universität Oldenburg angenommen wurde.

Autorin

Andrea Querfurt war von 2006 bis 2010 Forschungsassistentin am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung (ZiF) in Bielefeld. 2015 hat sie im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs mit dem Thema „Selbst-Bildungen. Praktiken der Subjektivierung in historischer und interdisziplinärer Perspektive“ an der Universität Oldenburg promoviert. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Praxis- und Subjektivierungsforschung, politische Soziologie sowie Konflikt- und Gewaltforschung.

Aufbau und Inhalt

Neben dem Vorwort und der Einleitung besteht die Arbeit aus drei Teilen und Schlussbetrachtungen.

Im ersten Teil geht es um Bestandsaufnahmen. Die Autorin befasst sich hierbei mit den migrationswissenschaftlichen Forschungsparadigmen, mit den praxeologischen Spuren in der Migrationsforschung sowie mit den „Migranten als Mittlersubjekte“. Sie gibt einen selektiven Überblick über die Migrationsforschung und zeigt die Stellung und damit verbundene Konzeptionalisierung von Subjekten und Mittlersubjekten in der Migrationsforschung auf.

Der zweite Teil ist der Forschungsoptik gewidmet. Die Autorin konturiert hierbei eine eigene Analytik zur Erforschung von Selbstbildungspraktiken („praktische Subjektivierung und ihr szenischer Charakter“) und beschäftigt sich mit der Heuristik („Begegnungsraum der Migration“) und Praxeologie („Forschungsstrategie und Subjektivierungstechnik“) eingehend.

Im nachfolgenden Teil geht es um empirische Analysen unter vier Überschriften: „Die Akquierung von Alltagshelfern“, „Ausbildung“, „Übergänge“ und „Gestaltungsarbeit“ der Lotsen. Die Arbeit schließt dann mit Schlussbetrachtungen. Es folgt abschließend ein umfangreiches Literaturverzeichnis.

Diskussion und Fazit

Das vorliegende Buch widmet sich einem aktuellen Thema der Gegenwart „Mittlersubjekte der Migration“ aus einer ungewöhnlichen Perspektive. Der Autorin erweitert gekonnt die praxeologische Subjektivierungsforschung theoretisch und methodisch. Sie baut Ansätze aus der Ethnomethodologie, Sozialphilosophie und den Theaterwissenschaften in ihre Untersuchung mit ein. Daraus resultiert eine multiperspektivische Herangehensweise, die die Erlebnisse und Sichtweisen der Teilnehmenden in den Blick nimmt, und zwar im Rahmen von teilnehmenden Beobachtungen und begleitenden Interviews in zwei Basislehrgängen und zwei Spezialisierungsmodulen für Eltern- bzw. Hochschullotsen mit jeweils ca. zwölf Lotsenanwärter/innen in einer rund einjährigen Forschungsphase.

Andrea Querfurt geht in ihrer Analyse ihren empirischen Fragestellungen (siehe oben) sehr akribisch nach und zeigt eindrucksvoll, wie Fremdheit im Bemühen um Integration im Alltag der Betroffenen und kontextabhängig produziert und gestaltet wird.

Personen, die an dem Thema theoretisch und migrationswissenschaftlich interessiert sind, kann das Buch uneingeschränkt empfohlen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 05.08.2016 zu: Andrea Querfurt: Mittlersubjekte der Migration. Eine Praxeographie der Selbstbildung von Integrationslotsen. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3260-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20771.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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