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Michael Opoczynski: Aussortiert und abkassiert

Cover Michael Opoczynski: Aussortiert und abkassiert. Altwerden in Deutschland. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2016. 255 Seiten. ISBN 978-3-579-08630-9. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Thema


Alt, arm, allein: Dieses traurige Schicksal widerfährt am Lebensende immer mehr Menschen. Es gibt sie zwar, die Gegenkräfte für solches Abschieben: Wohngemeinschaften, intergenerative Lebenszusammenhänge, dritte Wege, ehrenamtliches Ausschöpfen der Alterspotenziale. Doch erhellen solche Lichtblicke die Altenszenerie nicht genügend. Fernsehjournalist Michael Opoczynski, der vor Jahresfrist in seinem „Krieg der Generationen“ noch die Versäumnisse der Alten beklagte, macht sich jetzt in seiner neuen, im Gütersloher Verlagshaus erschienen Schilderung der Situation der Alten „Aussortiert und Abkassiert. Altwerden in Deutschland“ zum Parteigänger der Alten. Er fordert für sie mehr menschliche Zuwendung und politischen Schutz ein.


Autor


Fernsehjournalist und Autor Michael Opoczynski war als studierter Politikwissenschaftler in der gewerkschaftlichen und Partei-Medienarbeit und als Wirtschaftsredakteur beim ZDF tätig.


Aufbau und Inhalt


Der neue Aufruf Michael Opoczynskis zum Schutz der Alten vor Benachteiligung und Missachtung listet viele Ungerechtigkeiten auf, die den Alten derzeit widerfahren: Altersarmut, inhumane gesundheitliche und pflegerische Behandlung, Abzocke, alten-unfreundliche Produktgestaltung, Diskriminierung und Mangel an Zuwendung. Die Alten geraten in viele Fallen. So wird eine auf einer Mausefalle vor dem Zuschnappen sitzende alte Frau zum wiederkehrenden Bildmotiv am Anfang der zehn Kapitel des Buchs.

Eingangs beklagt Opoczynski die ganz alltägliche Altersdiskriminierung bei Altersgrenzen in Verbänden, Sozialversicherung, Gewerkschaften und Kirche sowie die Ablehnung einer Kreditgewährung an solvente Bankkunden von einem bestimmten Lebensalter an.

Aufs Korn werden dann die Trickbetrüger genommen, die alte Menschen herein legen. Auch das Gesundheitswesen tut sich Alten gegenüber mit dem ihm innewohnenden Konflikt zwischen Ökonomie und Heilung nicht rühmlich hervor: Für Gespräche ist keine Zeit vorhanden, die Behandlungen arten oftmals ins Gefährliche aus. Das Personal wird dabei notgedrungen zum Täter und Mitwisser. Auch beim Thema Rente geißelt Opoczynski das Wegsehen vor der sich ausbreitenden Altersarmut und kritisiert das nach der seiner Meinung nach richtigen Erhöhung des Rentenzugangs auf 67 Jahre erfolgte Zurückrudern zur abschlagsfreien Lebensleistungsrente mit 63 Jahren.

Im ökonomischen Bereich werden Beispiele dafür gebracht, dass ältere Arbeitnehmer in der Wirtschaft trotz entgegen stehender Lippenbekenntnisse gar nicht mehr gewollt werden. Auch als Kunden geraten Alte angesichts benutzerunfreundlicher und kompliziert handhabbarer Produkte ins Hintertreffen. Unrühmlich bis skandalös gehen Finanzinstitute bei Geldanlagen Alter mit ihren Kunden um. Besonders diejenigen, die nicht viel haben, verlieren durch überhöhte Abschlussgebühren, riskante Anlagen und unangemessen hohe Boni noch das Wenige. In der Wohnungswirtschaft können sich auf Grundsicherungs-Niveau lebende Alte wegen zu hoher Mieten keine seniorengrecht barrierefreien Wohnungen leisten.

Im hohen Alter bleiben erhebliche Anteile Alter noch selbstständig und relativ zufrieden. Am Lebensende fehlt aber eine von Fachleuten begleitete, ergebnisoffene Auseinandersetzung zwischen Lebensqualität und dem Aushalten-Müssen von Schmerzen, Beeinträchtigungen und Abhängigkeit. So plädiert Opoczynski am Ende für mehr persönliche Begleitung und menschliche Nähe gegenüber den sehr Alten. Dazu müssten politische Kontrolle und Überwachung von Übervorteilung kommen. Humane Zuwendung sei wichtiger, als die Altenhilfe den Kräften des Marktes zu überlassen.


Diskussion


Michael Opoczynskis neues Buch „Aussortiert und Abkassiert“ leuchtet in viele dunkle Ecken. Der Umgang mit alten Menschen ist oftmals nicht nur nicht liebevoll und unwürdig, sondern zuweilen auch unverantwortlich und skandalös. Diskriminierungsverbote, wie sie dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgestz AGG vorschweben, werden immer wieder rechtswidrig missachtet oder sogar schlau-rechtmäßig umgangen. Dies zählt Opoczynski an vielen Beispielen auf.

Sein Buch liest sich phasenweise wie eine Sammlung von Skandalen, die der Fernsehjournalist den Medien entnommen hat. Das gibt seiner Schrift einen alarmistischen Charakter, hinter dem aber eine ehrliche Empörung über die Missstände durchschimmert, unter denen Alte leiden.

Andererseits ist das Anklage-Buch durch die vielen Einzelvorkommnisse etwas volatil. Mit gut gemeinten humanen Appellen und politischen Forderungen allein kommt man nicht immer weiter. Gerontologisch ist die Schrift etwas unterbelichtet. Tiefer gehende Theoreme hätten diskutiert werden können. So vermisst man ein Eingehen auf die Kompensationstheorie, die Interventionsgerontologie, den Dritten Weg Klaus Dörners, das Dual von Alters-Potenzialen und Vulnerabilität, die Gerotranszendenz und den Vorschlag der intragenerationellen Umverteilung unter den Alten selbst. Wo Opoczynski wissensbasiert arbeitet wie bei den kognitiven Kompetenzen alter Menschen, fußt er auf der älteren Berliner Altersstudie von Paul Baltes, anstatt die neueren Erkenntnisse Andreas Kruses zur Plastizität und zu den Potenzialen im Alter zu berücksichtigen. Unzutreffend ist auch der auf Seite 216 für das intergenerationelle Miteinander-Leben und -Wohnen gebrauchte Begriff Mehrgenerationenhaus, weil dieser lediglich für eine Beheimatung von haupt- und ehrenamtlichen Diensten und Tagestreffs gebraucht wird.

Für Opoczynskis Appelle für einen fairen und humanen Umgang mit alten Menschen in Medizin, Pflege, Ökonomie, Kommune und im Alltag sollte man aber dankbar sein. Sein neues Buch ist hilfreicher und wichtiger als sein die Gleichgültigkeit der Alten anprangernder „Krieg der Generationen“. Insofern sind bei ihm die Alten nun von Tätern zu Opfern geworden.


Fazit


Die Alten werden in Deutschland bei ihrer im Allgemeinen noch zufriedenstellenden sozioökonomischen Lage leider in vielen Fällen aus Absicht oder Gedankenlosigkeit ausgegrenzt und benachteiligt. Michael Opoczynski ruft dagegen zu Hinschauen, Einschreiten und Kontrolle auf und präferiert humane Zuwendung vor blinder Befolgung ökonomischer Sachzwänge.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 25.05.2016 zu: Michael Opoczynski: Aussortiert und abkassiert. Altwerden in Deutschland. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2016. ISBN 978-3-579-08630-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20774.php, Datum des Zugriffs 20.11.2019.


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