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Winfried Noack: Ethische Grundlagen der Sozialen Arbeit

Cover Winfried Noack: Ethische Grundlagen der Sozialen Arbeit. Frank & Timme (Berlin) 2016. 192 Seiten. ISBN 978-3-7329-0209-5. D: 24,80 EUR, A: 24,80 EUR, CH: 37,20 sFr.
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Thema

Der Titel gibt den Anspruch des Buches prägnant vor. Dargelegt werden sollen die ethischen Grundlagen der Sozialen Arbeit. Dabei handelt es sich um einen Bereich der Sozialen Arbeit, der im Zuge der Professionalisierung der Sozialen Arbeit, der Entwicklung der Sozialarbeitswissenschaft sowohl an Bedeutung wie an Kontur gewonnen hat.

Autor

Der Autor ist 1928 in Breslau geboren und unterrichtete von 1992 bis zu seiner Emeritierung an der Theologischen Hochschule Friedensau als Professor für Sozialwesen und angewandte Theologie. Er leitete dort das Institut für Integrative Kinder- Jugend- und Erwachsenenarbeit. Er hat eine Fülle von Publikationen zu vielfältigen Aspekten der Philosophie, Religion und Sozialarbeit vorzuweisen.

Aufbau

Das Buch, das insgesamt 187 Seiten umfasst ist, ist in sieben Kapitel unterteilt, mit gänzlich unterschiedlichem Umfang.

Nach einer knappen Einleitung (S. 11 – 24) wird im 2. Kapitel die Geschichte des ethischen Denkens von den Vorsokratikern Schritt um Schritt bis in die Neuzeit mit Kant und Husserl als Geschichtsüberblick kurz und knapp dargestellt. Dem folgen Anmerkungen zu der vieldiskutierten Frage, ist die Ethik universal oder relativ. (S. 77 – 80).

Im 3. Kapitel, Ethik der Sozialen Arbeit, geht der Autor auf die Ausprägungen unterschiedlicher Ethikansätze in der Sozialen Arbeit ein (S. 81 – 94). Das 4. Kapitel behandelt das Thema Menschenwürde und Menschenrechte als elementare Grundlage der Sozialen Arbeit (S. 95-), dem sich das 5. Kapitel (S. 121 – 124) mit dem Thema der Gerechtigkeit anschließt. Grundprobleme der Ethik mit Bezug auf die Soziale Arbeit werden im 6. Kapitel aufgegriffen (125 -174).

Das 7. Kapitel beendet das Buch mit einer „Konklusion“, die noch einmal den Gang der Darstellung wiedergibt und deren Anliegen, zu zeigen, dass die Werte nach denen wir leben universal sind.

Inhalt

In der Einleitung wird die Unterscheidung von Ethik und Moral, als der Unterschied von Werten und Normen vorangestellt. Den grundlegenden Unterschied sieht der Autor in der zeitgebundenen Relativität von Moral und Normen, was er an Beispielen erläutert. Während er in den Werten und dem Wertbegriff, der an die Stelle des Guten tritt universale, „menschheitsübergreifende“ und auf das Gute orientierte Verhaltensweisen sieht. Das Problem aus seiner Sicht; dass das Gute inhaltlich nicht beschreibbar ist (22).

Die Ethischen Grundlagen der sozialen Arbeit, so der Anspruch des Titels, werden im 2. Kapitel in einem Geschichtsüberblick über ethische Positionen dargestellt. Das beginnt mit den Vorsokratikern,den Sophisten, ihnen nachfolgend Sokrates, Platon und Aristoteles. Der Geschichtsüberblick führt bis zum Deutschen Idealismus in der Gestalt von Kant. Insgesamt werden 28 Denker vorgestellt. Die Ritterkultur, die Kirche, die Scholastik und die Städte, werden als Spezifika des Denkens im Mittelalter behandelt.

In dem abschließenden Unterabschnitt „Ethik universal oder relativ“ belegt der Autor seine Position Universaler Werte mit den Ausführungen von Jaspers zur Achsenzeit (500 v. Christus), die in den Kulturräumen von Indien, China und Griechenland, übereinstimmende Werte mit denen des Abendlandes hervorgebracht haben sollen. „Die Werte der Achsenzeit sind also universal“ (7).

Unter dem Titel des 3. Kapitels „Ethik der Sozialen Arbeit“, stellt der Autor vor dem Hintergrund der Unterscheidung von sekundären (etwa Ordnung) und primären Werten (etwa Toleranz) verschiedene Ethikkonzeptionen der Neuzeit vor, die in der Sozialarbeit diskutiert werden oder für diese Bedeutung haben, etwa die Pflicht- oder Verantwortungsethik, die Medizin oder Pflegeethik.

Das Herzstück einer Ethik der Sozialen Arbeit sieht der Autor in dem unlösbaren Zusammenhang von Menschenwürde und Menschenrechte, den er im 4. Kapitel thematisiert. Er entfaltet dieses Thema an dem Buch von Peter Bieri über die Menschenwürde, das er durch eigene Beiträge ergänzt. Anerkennung mit Bezug zu Axel Honneth und Gleichberechtigung, Achtung von Intimität und Selbstachtung sind ihm dabei zentrale Elemente der Menschenwürde. Menschenwürde und Menschenrechte sieht er in einer funktionale differenzierten Gesellschaft -wie die Gesellschaft der Gegenwart-, als Grundlage einer alle Funktionssysteme übergreifenden Ethik (110).

Daran anschließend folgen Ausführungen zu der verfassungsrechtlichen Normierung der Menschenwürde im Grundgesetz und ihrer Ausprägung in den nachfolgenden Freiheitsrechten. Soziale Gerechtigkeit (5. Kapitel) wird dabei als ein grundlegender Wert für die Soziale Arbeit, für die Arbeit mit hilfsbedürftigen Personen eingeführt.

Ein Grundproblem der Ethik, das auch die soziale Arbeit berührt, ist für den Autor der Unterschied von formaler Ethik, wie etwa die Ethikkonzeption von Kant und materialer Ethik, wie die Wertethik von Max Scheler (6. Kapitel).

An der formalen Ethik, etwa an der von Kant, sieht er als Nachteil, dass der Handelnde letztlich alleine gelassen wird, da ihm keine Werte angeboten werden, zudem sieht er die Gefahr des Überhandnehmens von Sekundärtugenden als Folge der Pflichtethik. Daraus leidet er die Gefahr oder Möglichkeit ab, dass die formale Ethik zu einer fremdbestimmten Ethik entarten könne, weiß niemand wie er handeln soll, suche er nach der Autorität (128).

Auch der Konstruktivismus, in welchem der Einzelne seine Wirklichkeit entwirft, könne mit seiner relativistischen Philosophie das Handeln nicht an Werte binden. Vor diesem Hintergrund begründet der Autor seine Forderung nach einer materialen, einer beschreibenden Wertethik (129). Eine solche materiale Wertethik stellt der Autor in der Aufgliederung eines „Wertereiches“ dar. Zu allen Werten tritt dabei das Gute hinzu und macht alle Werte erst sittlich. Gibt es eine Vielzahl von Werten, so sind Wertekonflikte möglich, zudem benötigt werde eine Rangordnung der Werte. Hier nimmt er Bezug auf die materiale Wertethik von Max Scheler und dessen Unterscheidung von Primär- und Sekundärwerten. In diesem Zusammenhang wird auch auf die Gefahr des Wertrigorismus hingewiesen, eines religiösen Fanatismus, (185)

Die Konklusion, das 7. Kapitel, fasst zunächst noch einmal den Gang durch die Geschichte der Ethik zusammen um dann die Menschenwürde und die Menschenrechte, mit der Aufgabe diese zu Menschenwürde zu schützen als Grundlage einer Ethik der Sozialen Arbeit hervorzuheben.

Diskussion und Fazit

Als Fazit ist zunächst festzuhalten, dass das Buch ein engagiertes Plädoyer für eine Sozialarbeit ist, die sich in ihren ethischen Grundlagen an der Menschenwürde und den Menschenrechten orientiert, ein Plädoyer für eine Position, die auf der Universalität dieser Werte und auf einer materialen Wertethik besteht. Ob die Universalität der Ethik durch Jaspers Hervorhebung der Achsenzeit so unterstellt werden kann, wäre eine eigene Diskussion wert. In jedem Fall ist dies aber ein Hinweis, der Gewicht hat.

Weniger ist mehr dachte der Rezensent, als im Geschichtsüberblick von rund 50 Seiten 28 Denker mal kürzer (etwa Anaximandros) mal länger (etwa Platon) vorgestellt wurden. Aber immerhin wird dadurch deutlich, dass der ethische oder moralische Diskurs seit mehr als 2000 Jahre das Denken der Philosophen bewegt, welche Bedeutung er für die Soziale Arbeit haben kann. Das ist eine, etwa für Studierende der Sozialen Arbeit, wichtige Einsicht. Gerade deshalb wäre es auch gut gewesen, der Autor, der klare Position für eine materiale Ethik bezieht, wäre in diesem Geschichtsüberblick nicht bei Kant stehen geblieben. So wären etwa Hinweise auf die Diskursethik, gerade da Sozialarbeit weitgehend dialogische Spracharbeit ist, angemessen gewesen. Überlegenswert ist auch, ob ein geschichtlicher Überblick über ethische oder philosophische Positionen der letzten 2000 Jahre nicht verknüpft sein sollte, mit einem Überblick über die Geschichte der Sozialen Arbeit, der Hilfe und Fürsorge in dieser Zeit. Aber zugegeben, das wäre dann ein anderes Buch.


Rezensent
Prof. Dr. Eckart Riehle
em. Professor für öffentliches Recht und Sozialrecht an der Fachhochschule Erfurt. Rechtsanwalt, Karlsruhe
Homepage www.rechtsanwalt-riehle.de
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Zitiervorschlag
Eckart Riehle. Rezension vom 17.06.2016 zu: Winfried Noack: Ethische Grundlagen der Sozialen Arbeit. Frank & Timme (Berlin) 2016. ISBN 978-3-7329-0209-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20776.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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