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Andrea Trenkwalder-Egger: Sharing & Caring

Cover Andrea Trenkwalder-Egger: Sharing & Caring. Das Phänomen der Gabe in der Sozialen Arbeit. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 204 Seiten. ISBN 978-3-86388-711-7. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR, CH: 36,50 sFr.
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Thema

Gabe (Teilen ohne Gegenleistung), Tauschen(„Fördern durch Fordern“) und Almosen (z. B. Tafeln) sind fixe Bestandteile sozialarbeiterischer Interventionen, wobei Tausch und Almosen gegenwärtig immer mehr an Bedeutung zu gewinnen scheinen. Andrea Trenkwalder-Egger analysiert die jeweiligen Formen ausgehend von ihren theoretischen Bezügen ausführlich und stellt deren Stärken und Schwächen dar. Im Zentrum ihres Interesses steht dabei die Beschreibung einer bedürfnis- und gabenorientierten Sozialen Arbeit. Anhand eines innovativen Projektes zur Bildungs- und Arbeitsmarktintegration von Jugendlichen („Rückenwind“), das überwiegend an der Gabenökonomie orientiert ist, wird die Umsetzbarkeit dieser Form der sozialarbeiterischen Hilfeleistung diskutiert. Handlungsempfehlungen für die Praxis Sozialer Arbeit runden das Buch ab.

Autorin

Dr. Andrea Trenkwalder-Egger ist Professorin am Studiengang Soziale Arbeit am Management Center Innsbruck (MCI).

Entstehungshintergrund

Das Buch ist die gekürzte Fassung der Dissertation von Andrea Trenkwalder-Egger.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Teil der Arbeit beschäftigt sich die Autorin mit den theoretischen Grundlagen zu Gabe und Tausch in der Sozialen Arbeit, der zweite Teil umfasst die Darstellung der empirischen Forschung.

Nachdem im 1. Kapitel die Fragestellung in den größeren Kontext der Diskussion um eine Ökonomie des Teilens und der Fürsorge (Sharing und Caring) einbettet, skizziert Trenkwalder-Egger im 2. Kapitel den größeren Rahmen der Arbeit. Dabei nähert sie sich zunächst der Sozialen Arbeit über den Begriff des „Sozialen“, wie es unterschiedliche Theorietraditionen zu fassen versucht haben, um dann auf Menschenbilder in der Sozialen Arbeit einzugehen. Da Trenkwalder-Eggers Interesse an dem Thema u. a. aus der Beobachtung der zunehmenden Ökonomisierung der Sozialen Arbeit entstanden ist, wird auch der aktuellen Situation der Sozialen Arbeit Raum gegeben.

Da eine grundlegende Prämisse der gabenorientierten Sozialer Arbeit das Ausgehen von menschlicher Bedürftigkeit ist, beleuchtet das 3. Kapitel Theorien zu Bedürfnissen in unterschiedlichen Disziplinen wie Ökonomie, Psychologie und Soziologie, um dann auf bedürfnisorientierte Ansätze in der Sozialen Arbeit einzugehen. Dabei werden die Arbeiten von Ilse Arlt, der Capability Approach nach Martha Nussbaum sowie der Bedürfnisansatz im Systemtheoretischen Paradigma der Disziplin und Profession Sozialer Arbeit (SPSA) nach Werner Obrecht und Silvia Staub-Bernasconi besonders hervorgehoben.

Im 4. Kapitel wird das „Phänomen der Gabe“ (S. 53) ausführlich behandelt. Nach der Beschäftigung mit den etymologischen Wurzeln des Begriffs, vertieft sich Trenkwalder-Egger in die begriffliche Abgrenzung zwischen Gabe und Tausch. Sie entwickelt dabei ein eigenes Modell, das von einem Kontinuum zwischen Gabe und Tausch ausgeht und entlang von unterschiedlichen Formen von Reziprozität zwischen „Geschenk, Opfer, Almosen, Diebstahl, Mundraub, Raub, Warentausch und Kauf“ (S. 61) differenziert. Anschließend wird das Phänomen der Gabe aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen dargestellt, wobei neben Marcel Mauss, George Bataille, Jacques Derrida, Pierre Bourdieu und Genevieve Vaughan als Bezugsgrößen dienen. Darauf aufbauend entwickelt Trenkwalder-Egger „eine Systematik der Gabe in Abgrenzung zu Tausch und Almosen“ (S. 73), wobei sie der ethischen Dimension besonderes Gewicht gibt und Fürsorge – bzw. Gerechtigkeitsethik Gabe bzw. Tausch zuordnet. Im abschließenden Abschnitt des Kapitels werden die Stärken und Schwächen von Gabe und Tausch reflektiert. Die größte Stärke der Gabe ist der beziehungsstiftende Aspekt, der Menschen zu Anerkennung verhilft, diese Stärke ist jedoch auch eine Schwäche, da entlang der Frage, wer Teil der gabenteilenden Gemeinschaft ist, Machtmechanismen wirken und Ausschlussprozesse stattfinden können. Wenn Menschen Gaben nicht erwidern können, werden Gaben zu Almosen, die wiederum mit Beschämung verbunden sind. Die Stärke des Tausches liegt in der Möglichkeit zu Geschäften unabhängig vom Vorliegen von Beziehungen, um Bedürfnisse zu befriedigen. Es können aber nicht alle Bedürfnisse marktvermittelt befriedigt werden, darüber hinaus liegt eine Gefahr im Machtungleichgewicht von Tauschpartner_innen.

Ausgehend von diesen grundlegenden Überlegungen fragt Trenkwalder-Egger im 5. Kapitel, wie vergangene und aktuelle Praktiken Sozialer Arbeit unter der Perspektive der Gabe- bzw. Tauschorientierung analysiert werden können. Dabei stellt sie zunächst die Männern zugeordnete „tauschorientierte öffentliche Sphäre“ der Frauen zugeordneten „gabenorientierten Privatsphäre“ (S. 97) gegenüber. Bürgerliche Frauen konnten mithilfe der Fürsorgetätigkeit aus der privaten Sphäre ausbrechen, und übertrugen so Fürsorgeethik und Gabenorientierung in den öffentlichen Bereich, wo sie eigentlich nicht vorgesehen sind. Dies sieht die Autorin als einen wesentlichen Grund für die anhaltenden Probleme bei der Professionalisierung Sozialer Arbeit, da die Abwertung der den Frauen zugeordneten privaten Sphäre und der dort wirksamen Logik weiterwirkt. Bei der Analyse der gegenwärtigen Praktiken wendet Trenkwalder-Egger das von ihr entwickelte Analyseraster auf unterschiedliche sozialarbeiterische Methoden und Zugänge wie ressourcenorientierte bzw. lösungsorientierte systemische Soziale Arbeit, Case Management, persönliche Budgets der Sozialen Arbeit an, vertiefend werden dabei auch aktuelle Formen des Almosens wie Tafeln, Sozialmärkte etc. beleuchtet.

Im 6. Kapitel untersucht Trenkwalder-Egger das innovative Projekt „Rückenwind“ der Arbeiterkammer Tirol, das benachteiligten erwerbslosen Jugendlichen Auslandsauferfahrungen ermöglicht. Die mehrwöchigen bis mehrmonatigen Aufenthalte sind kostenlos, die Jugendlichen leisten aber Arbeiten, die den lokalen Gemeinschaften von Nutzen sind, z. B. Wegerestaurierung. In ihrer Analyse des Projektes, das als empirische Basis ein Experteninterview, teilnehmende Beobachtung und Gruppendiskussionen kombiniert, kommt die Autorin zu dem Schluss, dass in diesem Projekt fast ausschließlich Elemente gabenorientierter Sozialer Arbeit zu finden sind, was positive Effekte auf die Bedürfnisbefriedigung der Teilnehmer_innen hat und sie dabei unterstützt, Kompetenzen und Perspektiven zur eigenen Lebensgestaltung zu entwickeln.

Das 7. Kapitel gibt „Handlungsempfehlungen für die Praxis Sozialer Arbeit“ (S. 173) in Form von Fragen zur „Bedürfnislage“ von Klient_innen und „dazugehörigen Befriedigungsmitteln“, zu Angebotsformen von sozialen Institutionen sowie rund um „Formen der Distribution (Gabe, Tausch und Almosen)“ (ebd.), die zur Reflexion anregen sollen.

Diskussion

Die Arbeit liefert einen innovativen Beitrag zur aktuellen Theoriediskussion in der Sozialen Arbeit, die gefordert ist, die Ausbreitung von almosenbasierten Hilfeleistungen in Form von Tafeln und Sozialmärkten und tauschbasierten Dienstleistungen (Stichwort Fördern durch Fordern) nicht nur zu analysieren, sondern auch Modelle jenseits dieser zwei Distributionsformen anzudenken. Das Buch liefert einen weitgespannten Bogen an theoretischen Bezügen, die über die Sozialarbeitswissenschaft in anregender Weise hinausreichen. Die entwickelte Systematik zur Abgrenzung von Gabe, Tausch und Almosen bündelt diese Bezüge in anschaulicher Weise. Die Umlegung auf die sozialarbeiterische Praxis wird mit einer Fülle von Beispielen unterlegt, die an manchen Stellen aber auch etwas holzschnittartig geraten, wenn z. B. die Entstehung von Case Management allein auf Einsparungsgründe zurückgeführt wird.

Das vorgestellte empirische Beispiel zeigt eindrücklich, dass dieses Modell durchaus auch in der Praxis umsetzbar ist. Trenkwalder-Egger macht allerdings immer wieder deutlich, dass gabenorientierte Soziale Arbeit nicht als Allheilmittel für alle sozialen Problemlagen zu sehen ist und dass alle drei vorgestellten Formen der Distribution ihre Stärken und Schwächen haben.

Die Autorin hebt zwar hervor, dass sie sich mit Gabe, Tausch und Almosen als sozialarbeiterischen Orientierungen beschäftigt, in der Arbeit wird aber immer wieder auf sozialpolitische Rahmenbedingungen Bezug genommen, ohne dies in den entsprechenden disziplinären Rahmen zu stellen, wenn z. B. über Transferzahlungen gesprochen wird. Hier wäre eine Anbindung an die theoretischen Begriffe der sozialstaatlichen Systeme (Versicherung, Versorgung, Fürsorge und Bürger_innenversicherung) wünschenswert gewesen. Auch in der Diskussion um Bedürfnisse wäre der Bezug zur Sozialpolitik hilfreich gewesen, da die Definition von Grundbedürfnissen und deren Operationalisierung in Regelsätzen und Warenkörben gerade im Zusammenhang mit Armut von essentieller Bedeutung ist.

An manchen Stellen würde eine klarere Strukturierung bzw. unterstützendes Material die Lesbarkeit erleichtern, insbesondere in Kapitel 3. So wird die Bedürfnisliste nach Obrecht im Kapitel 3 nicht annähernd so umfangreich dargestellt wie die anderer Autor_innen, obwohl diese die zentrale Grundlage der Analyse im empirischen Teil ist, hier hätte die Aufnahme dieser Liste in den Anhang auch die Lesbarkeit erleichtert.

Fazit

Insgesamt bietet das Buch eine innovative Perspektive für Theorie und Praxis. Auf theoretischer Ebene gibt die Arbeit Impulse, um aktuelle Entwicklungen zu analysieren und einzuordnen, wobei durch die kreative Verbindung unterschiedlichster Zugänge und Disziplinen spannende Analyseansätze entstanden sind, die hilfreich sind, wenn z. B. darum geht, die Sharing Ökonomie aus Sicht der Sozialen Arbeit zu bewerten. Für die Praxis bieten die Fragen am Ende des Buches Anstöße, um institutionelle Praxen im Umgang mit Klient_innen und Mitarbeiter_innen zu reflektieren.


Rezensentin
Prof. Mag. Dr. Eva Fleischer
Professorin am Studiengang für Soziale Arbeit, Management Center Innsbruck
Homepage www.mci.edu/faculty/eva.fleischer.html
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Zitiervorschlag
Eva Fleischer. Rezension vom 16.12.2016 zu: Andrea Trenkwalder-Egger: Sharing & Caring. Das Phänomen der Gabe in der Sozialen Arbeit. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-86388-711-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20778.php, Datum des Zugriffs 20.08.2017.


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