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Michael Ermann: Psychotherapie und Psychosomatik

Cover Michael Ermann: Psychotherapie und Psychosomatik. Ein Lehrbuch auf psychoanalytischer Grundlage. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. 6., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. 644 Seiten. ISBN 978-3-17-021570-2. 42,00 EUR.
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Thema

Dieses Lehrbuch gibt eine Einführung in das psychoanalytische Denken, erläutert die Theorie der Behandlungslehre sowie die Behandlungspraxis in der Psychoanalyse. Zudem veranschaulicht es die psychodynamischen Verfahren.

Autor

Prof. Dr. med. Michael Ermann ist Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytiker. Er war als Professor für Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximillians-Universität in München tätig und Leiter der Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie im zugehörigen Universitätsklinikum. Zur Zeit betreibt er eine Privatpraxis für psychoanalytische Psychotherapie
und psychosomatische Medizin in der er Supervision, Coaching und Beratung in München anbietet.

Entstehungshintergrund

Bereits 1994 entstand die erste Ausgabe dieses Lehrbuches, welches zunächst für Medizinstudenten des damals neuen Fachgebiets Psychotherapeutische Medizin verfasst wurde. Inzwischen ist es von einem breiten Leserkreis entdeckt worden und wurde diesem durch Erweiterungen sowie Überarbeitungen zugänglich gemacht und angepasst. Die aktuelle Auflage trägt den internationalen Entwicklungen und der Ausrichtung des Autors Rechnung, indem der intersubjektive Ansatz verstärkt dargestellt wird. Zudem wird verstärkt Fokus auf den strukturdiagnostischen Ansatz gelegt.

Aufbau

Dem Vorwort zur Entstehungsgeschichte und einer anschließenden, zur psychodynamischen Sichtweise hinführenden Einleitung, folgen die vier Hauptkapitel des Buches. Krankheit und Krankheitsentstehung mit den Unterkapiteln: Psychosoziale Aspekte des Krankseins, Erleben und Entwicklung aus psychoanalytischer Sicht sowie die Entstehung der psychogenen Störungen. Das Kapitel der Diagnostik mit den Schwerpunkten psychoanalytische Entwicklungs- und Strukturdiagnostik sowie der klinischen Diagnostik. Abschließend die Kapitel zu den diversen Krankheitsbildern sowie ihrer Behandlung.

Einleitend beginnt jedes Kapitel und jedes Unterkapitel mit einer Begriffsdefinition. Die wichtigsten Inhalte werden in anschaulichen Grafiken zusammen gefasst. Am Ende jedes Unterkapitels werden vertiefende Literaturhinweise gegeben. Glossar, Literatur- und Stichwortverzeichnis bilden den Anhang.

Inhalt

Das erste Kapitel Krankheit und Krankheitsentstehung vertieft zunächst die psychosozialen Aspekte des Krankseins und bildet die Grundlage für ein psychoanalytisches Krankheitsverständnis. Der Autor beginnt mit einer Definition des Krankheitsbegriffs und stellt anschließend die Risikofaktoren und das Konzept der psychosozialen Risikofaktoren zum Verständnis der Entstehungsursachen von Krankheiten dar. Im Weiteren wird das Coping-Konzept als Bewältigungsstrategie der erkrankten Menschen erklärt. Durch die Darstellung der therapeutischen Beziehung wird die Bedeutung der Arzt-Patienten-Interaktionen für die Behandlung und den Genesungsprozess verdeutlicht. Hier werden vor allem Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse, welche die Interaktionen maßgeblich beeinflussen, dargestellt. Der darauf folgende Abschnitt gibt einen Einblick in das Erleben und die Entwicklung des Menschen aus psychoanalytischer Sicht. Eingeleitet wird dies mit dem zentralen Aspekt des psychodynamischen Ansatzes, den Repräsentanzen. Es werden Entstehung und Bedeutung von innerseelischen, zwischenmenschlichen und sozialen Konflikten vertieft sowie die möglichen Abwehrmechanismen. Es folgt eine Darstellung des Strukturmodells der Psychoanalyse und der Bedeutung von Struktur als Regulator. Im Weiteren werden die Entwicklungspsychologischen Grundlagen bis zur vollständigen Entwicklung des Selbst vertieft. Die verschiedenen Bindungstypen und ihre Entstehung finden Beachtung. Deutlich werden hier die Entwicklungsschritte derer es bedarf, damit ein Mensch sich als Teil eines sozialen Gefüges versteht und sich erfolgreich in Beziehungsnetze einfügen kann. Abschließend wird die Entstehung der psychogenen Störungen thematisiert. Beginnend mit den ätiopathogenetischen Grundlagen, welche in psychosoziale, biologisch-genetische und sozioökonomische Faktoren eingeordnet werden wird dem Leser die Komplexität der Störungsentstehung verdeutlicht. Im weiteren Verlauf werden die verschiedenen Störungstypen aus ätiologischer Sicht dargestellt.

Im zweiten Kapitel wird die Diagnostik erläutert. Es werden hier zunächst die verschiedenen Strukturniveaus des Menschen vom niedrigen Strukturniveau bis zur reifen Persönlichkeitsorganisation vertieft. Deutlich wird hier der Zusammenhang zwischen Defiziten im Strukturniveau und der Entwicklung bestimmter Krankheitsbilder. Nachfolgend wird die Klinische Diagnostik mit ihrer historischen Entwicklung, der Untersuchung und den verschiedenen Patienteninterviews sowie den daraus resultierenden Diagnosen dargestellt.

Das umfangreichste dritte Kapitel stellt die Krankheitsbilder der Reaktiven Störungen, der Posttraumatischen Störungen, der Persönlichkeitsstörungen, der Psychischen Störungen, der Somatoformen Störungen, der Verhaltensstörungen, der Psychosomatosen, der Nichtorganischen Psychosen und der Psychosomatik in somatischen Fachgebieten dar. Zu jedem Krankheitsbild wird zunächst eine einführende Zusammenfassung gegeben, anschließend die ICD-10 Klassifikation und die Erscheinungsformen, sowie die Hauptmerkmale der Erkrankung, dargestellt. Die Psychodynamik der Erkrankung wird vertieft und das Krankheitskapitel mit einem Ausblick auf Diagnostik und Behandlung abgeschlossen.

Das vierte Kapitel stellt die Behandlung dar. Zu Beginn werden die Grundlagen der Psychotherapie und der Psychoanalyse erläutert. Anschließend werden verschiedene psychoanalytische Behandlungsverfahren wie die Gruppenpsychotherapie, die Paar- und Familientherapie und unterstützende Verfahren vorgestellt. Zusätzlich wird den neueren Entwicklungen der Psychoanalyse wie der Humanistische Psychotherapie ein Unterkapitel gewidmet. Abschließend wird die medikamentöse Therapie in der Psychotherapie und Psychosomatik und ihre Einbettung in die therapeutische Behandlung. Es wird eine Einführung in die gebräuchlichsten Medikamente gegeben, der Fokus liegt jedoch darauf Medikamente als Unterstützung der Behandlung zu betrachten und nicht als zwangsläufige Notwendigkeit.

Fazit

Das Lehrbuch stellt ein äußerst umfangreiches Einführungswerk der Psychoanalyse und Psychotherapie dar. Und beginnt meiner Ansicht nach auffallend gut. Im allgemeinen lese ich Vorwörter und Einführungen im besten Fall quer. Bei diesem Buch hat mich die Einleitung dabei unterstützt den analytischen Blickwinkel besser zu verstehen und damit das Gesamtverständnis des Buches erleichtert. Das Ziel des Autors die Beziehungserfahrungen des Menschen in den Fokus der Betrachtung zu setzen ist für mich gelungen. Die Bedeutung der Beziehungserfahrungen und Lebensumstände in Kindheit und Jugend für die Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit wird deutlich und nachvollziehbar. Und hierdurch auch die Krankheitsentstehung. Lediglich bei einem Punkt kann ich dem Autor bei seinen Ausführungen nicht folgen. In seinen Ausführungen zum Alter werden leider den Themenbereichen der Altersarmut und Isolation kaum Beachtung geschenkt, obwohl sie für einen Großteil der älteren Bevölkerung bittere Realität sind. Die verschiedenen psychischen Erkrankungen werden in ihrer Entstehung, ihren Merkmalen und den möglichen Behandlungsformen verständlich dargestellt. Die zusammenfassenden, anschaulichen Grafiken und einführenden Kurzfassungen vor den Kapiteln ermöglichen einen schnellen thematischen Einstieg. Und ebenso ein schnelles Nachschlagen der einzelnen Themenbereiche. Für mich ein gelungenes Lehrbuch, dass einen ersten, umfassenden und verständlichen Einblick in die Thematik ermöglicht. Die Literaturhinweise am Ende jedes Abschnitts erleichtern das Vertiefen der Inhalte. Der positive Eindruck der Einleitung wurde durchgehend bestätigt.

Summary

The textbook provides an extremely comprehensive introduction work over psychoanalyses and psychotherapie. It begins in my view remarkably well. Generally I read forewords and introductions across at best. In this book the Introduction has supported a better understanding of the analytical point of view. This facilitating the overall understanding of the book. The aim of the author, to put the relationship experiences of the people in the focus of attention is well done. The importance of the relationship experiences and living conditions in childhood and youth for the development of a stable personality is clear and understandable. And also the understanding of the pathogenesis. Only in one point I can not follow the author, in his remarks to the age. Here, unfortunately, the topics of age poverty and isolation get not much attention. Even though they are a bitter reality for a large proportion of the elderly population. The various mental illnesses are clearly displayed in their genesis, their characteristics and the possible forms of treatment. The clear graphics and introductory abstracts before the chapters provide a quick thematic introduction. For me, a successful textbook that allows a first, clearer focus on the subject. The references at the end of each section facilitate the deepening of the content.


Rezension von
Anna-Lena Mädge
M. A. Soz.Päd./Soz.Arb.
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Zitiervorschlag
Anna-Lena Mädge. Rezension vom 08.08.2016 zu: Michael Ermann: Psychotherapie und Psychosomatik. Ein Lehrbuch auf psychoanalytischer Grundlage. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. 6., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-17-021570-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20783.php, Datum des Zugriffs 26.11.2020.


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ISSN 2190-9245

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