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Manuel Barthelmess: Die systemische Haltung

Cover Manuel Barthelmess: Die systemische Haltung. Was systemisches Arbeiten im Kern ausmacht. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. 208 Seiten. ISBN 978-3-525-49161-4. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Thema

Systemisches Arbeiten lässt sich hinsichtlich von Kopf, Hand und Herz reflektieren. Das heißt, dass wir untersuchen können, welche Theorien (Kopf-Metapher), welche Methoden (Hand-Metapher) und welche Haltungen (Herz-Metapher) mit diesem Arbeiten einhergehen. [1] Der bekannte Systemiker Fritz B. Simon jedoch betont, dass er das Haltungs-Konzept problematisch finde und dazu neige, es als „‚orthopädisches Modell der Beratung/Therapie‘ zu disqualifizieren“. [2] Die Haltung basiere auf etwas, das nicht beobachtet werden kann, sondern verweise auf innere Zustände und Einstellungen. Vielmehr komme es darauf an, Verhalten und seine Effekte zu beobachten. Dem könnten wir jedoch entgegenhalten, dass mit dem gleichen (positivistischen) Argument nicht nur der Bezug auf Haltung, sondern auch die Referenz auf Theorie abgelehnt werden kann. Denn auch diese lässt sich nicht – im Gegensatz zu sichtbaren Verhaltensweisen – direkt beobachten, sondern entfaltet ihre Dynamik im Denken und Sprechen.

Mit dem Autor des vorliegenden Buches können wir eine andere Position vertreten. Erst die Einheit der Differenz von Denken (Theorie), Handeln (Methodik) und Fühlen (Haltung) macht systemisches Arbeiten aus und hat Einfluss auf seine Wirkungen. Gerade die Haltung, die innere Einstellung, das eigene Fühlen in sozialen Kontexten „wirkt im Hintergrund unseres Handelns und gibt eine Orientierung für das, was in einer bestimmtem Beratungssituation konkret zu tun ist“ (S. 244), was also methodisch sinnvoll ist und bestenfalls auch theoretisch transparent gemacht werden kann. Daher ist Manuel Barthelmess zu danken, dass er eine Lücke in der systemischen Literatur schließt, dass er mit seinem Buch ein Thema vertieft, das in dieser Weise und unter diesem Label noch nicht bearbeitet wurde.

Autor

Dr. phil. Manuel Barthelmess ist Diplom-Pädagoge und -Sozialpädagoge sowie Systemischer Therapeut mit staatlicher Psychotherapeutenzulassung nach dem Heilpraktikergesetz (HPG). Zudem leitet er das Institut für Systemische Beratung und Bildung (INSYS) in Regensburg und arbeitet als Ausbilder, Therapeut, Coach und Organisationsberater. Bekannt geworden ist Barthelmess bereits mit einem Buch zur Einführung in die Systemische Beratung, das inzwischen in der vierten Auflage vorliegt. [3]

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Buch ist mit knapp 250 Seiten umfangreich. Es gliedert sich in drei Teile:

Im ersten Teil wird die systemische Beratungskompetenz vertieft. So werden etwa klassische Haltungen des Beratens und Therapierens (u.a. der vermeintliche Wissensvorsprung der Professionellen, die zu verstehen glauben und sich misstrauisch von ihrer Klientel zu distanzieren versuchen) systemischen Haltungsexpertisen gegenübergestellt: die Expertisen des Nichtwissen, des Nichtverstehens, des Eingebundenseins und des Vertrauens. Zudem wird das systemische Rollenverständnis vertieft, die Kontextabhängigkeit von Methoden und Theorien veranschaulicht.

Im zweiten Teil präsentiert der Autor die bereits im ersten Teil benannten Aspekte Nichtwissen, Nichtverstehen, Eingebundensein und Vertrauen als Grundhaltungen und verknüpft diese mit den notwendigen theoretischen Begründungen und möglichen methodischen Ausgestaltungsformen.

Im dritten Teil werden Orientierungen auf dem Weg zum Erfolg beschrieben, etwa der Ausgangspunkt jedweden systemischen Arbeitens: die Auftragsklärung. Des Weiteren stellt Barthelmess das systemische Hypothesenbilden sowie die Reflexion der Zirkularität systemischer Prozesse dar. Ergänzend werden weitere Haltungen präsentiert, etwa Neutralität und Allparteilichkeit.

Diskussion, Zielgruppe und Fazit

Es handelt sich zwar um ein Buch, das das Thema der systemischen Haltung reflektiert. Dabei wird aber auch systemische Theorie und Methodik vermittelt. Ähnlich wie das Dreieck der Werte bzw. der so genannten Glaubenspolaritäten (Pol der Erkenntnis, Einsicht, Theorie u. ä.; Pol der Liebe, des Mitgefühls, der Haltung u. ä.; Pol der Ordnung, des Handels, der Methode u. ä.) als Haus mit drei Türen verstanden werden kann, hinter denen sich jeweils auch die anderen Werte bzw. Pole eröffnen, [4] kann das Buch von Barthelmess gelesen werden. Wir steigen zwar über die Haltung in das systemische Arbeiten ein, kommen dann aber auch zu methodischen und theoretischen Kontexten, die die Haltung einbetten. Wenn wir mit dem Buch von Barthelmess durch die Tür der Haltung gehen, finden wir dahinter ebenfalls Theoretisches und Methodisches. Damit bietet die Lektüre eine grundsätzliche Einführung in das systemische Arbeiten. Allerdings präsentiert das Buch lediglich eine kleine Auswahl systemischer Literatur. Die gerade in den letzten Jahren zahlreich erschienene Literatur zur systemischen Sozialen Arbeit wird gänzlich außen vor gelassen.

Möglicherweise fällt es gerade Praktikerinnen und Praktikern leichter, sich über die Haltung das systemischen Denken, Handeln und Fühlen zu erschließen, eben weniger über komplexe Theorie und über die breite Darstellung unterschiedlicher methodischer Techniken, sondern über einen eher emotionalen Zugang. Denn die „systemische Haltung ist die Basis einer wirklichen, innerlich gereiften persönlichen Beratungskompetenz“ (S. 9). Dieser „inneren Haltung“ kommt, und da können wir Barthelmess vollständig zustimmen, „eine Schlüsselrolle zu, und jede systemische Aus- und Weiterbildung, jede persönliche Professionalisierung und jede Reflexion über die eigene Beraterrolle sollte (auch) auf die innere Haltung fokussieren“ (ebd.). Deshalb bietet sich das Buch speziell auch für die Aus- und Weiterbildung an, kann sehr gut die eigenen Erfahrungen mit dem systemischen Arbeiten ergänzen und reflektieren helfen.


[1]  Vgl. ausführlicher zu diesen Metaphern Heiko Kleve: Komplexität gestalten. Soziale Arbeit und Case-Management mit unsicheren Systemen. Carl-Auer (Heidelberg) 2016.

[2]  Fritz B. Simon: Haltung, abrufbar unter: http://www.carl-auer.de/blogs/kehrwoche/haltung [28.05.2016].

[3]  Manuel Barthelmess: Systemische Beratung. Eine Einführung für psychosoziale Berufe. Beltz Juventa (Weinheim) 2014 (4. Auflage).

[4]  Vgl. Matthias Varga von Kibéd/Insa Sparrer: Ganz im Gegenteil. Tetralemmaarbeit und andere Grundformen Systemischer Strukturaufstellungen – für Querdenker und solche, die es werden wollen. Carl-Auer (Heidelberg), 2009 (6. Auflage), S. 134 ff.

Rezensent
Prof. Dr. Heiko Kleve
Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
Homepage http://www.heiko-kleve.de
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Rezensent
Prof. Dr. Heiko Kleve
Sozialarbeiter (Dipl. FH) und Soziologe (Dr. phil.), systemischer Berater (DGSF), Supervisor (DGSv)/Systemischer Supervisor (SG), Mediator und Case Management-Ausbilder (DGCC). Professor für soziologische und sozialpsychologische Grundlagen sowie Fachwissenschaft Sozialer Arbeit an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozialwesen; dort auch Initiator und Leiter des Weiterbildungsangebotes „Systemische Aufstellungen – Werkstatt für systemische Lösungen"
Homepage sozialwesen.fh-potsdam.de/heikokleve.html
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Zitiervorschlag
Heiko Kleve. Rezension vom 09.06.2016 zu: Manuel Barthelmess: Die systemische Haltung. Was systemisches Arbeiten im Kern ausmacht. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. ISBN 978-3-525-49161-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20784.php, Datum des Zugriffs 12.12.2019.


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