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Sefik Tagay, Ellen Schlottbohm et al.: Posttraumatische Belastungsstörung

Rezensiert von Prof. Dr. med. Gertraud Müller, 05.05.2016

Cover Sefik Tagay, Ellen Schlottbohm et al.: Posttraumatische Belastungsstörung ISBN 978-3-17-026068-9

Sefik Tagay, Ellen Schlottbohm, Marion Lindner: Posttraumatische Belastungsstörung. Diagnostik, Therapie und Prävention. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. 210 Seiten. ISBN 978-3-17-026068-9. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.

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AutorInnen

Die PsychologInnen arbeiten im wissenschaftlichen Bereich der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Duisburg-Essen (S. Tagay, M. Lindner) bzw. als niedergelassene Psychotherapeutin (E. Schlottbohm).

Thema

Da Traumatisierungen im Leben eines Menschen häufig sind, ihre Folgen aber des öfteren nicht als traumabedingt erkannt werden – dabei aber gerade mit Hilfe der Psychotherapie gelindert werden können – soll dieses Buch eine wissenschaftlich fundierte systematische Einführung in das Thema „Posttraumatische Belastungsstörung“ geben und Studierende und Professionelle im Bereich Psychologie und Medizin, aber auch alle anderen Fachkräfte, ansprechen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gibt zunächst einen Überblick über die Historie der Psychotraumatologie, hier wird auch auf die geschichtliche Entwicklung der Traumafolgestörungen in den Klassifikationssystemen hingewiesen.

Jetzt werden die Begriffe „Belastung“,Stress“ und „kritische Lebensereignisse“ definiert, um sich dann dem Traumabegriff innerhalb der internationalen Klassifikationssysteme ICD 10; DSM-IV und DSM-5 ebenso zuzuwenden, wie der Epidemiologie traumatischer Ereignisse und der Klassifikation von Traumatisierung.

Nun werden die Traumafolgestörungen (Posttraumatische Belastungsstörung =PTBS, komplexe PTBS= kPTBS/Disorders of Extreme Stress Not Otherwise Spezified=DESNOS, akute Belastungsstörungen, andauernde Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung) entsprechend der internationalen Klassifikationssysteme vorgestellt.

Das folgende Kapitel befasst sich mit neun unterschiedlichen Modellen der Ätiologie der Traumafolgestörungen (kognitive, psychodynamische, multifaktorielle, integrative und neurobiologische) z. T. vergleichend und kritisch hinterfragend, was denn nun empirisch belegt sei.

Im Kapitel zur Diagnostik setzen sich die AutorInnen ausführlich mit unterschiedlichsten Erhebungsinstrumenten auseinander, was ja einem der Hauptanliegen des Buches, nämlich die Traumafolgestörung auch als solche zu erkennen, entspricht.

Im folgenden Kapitel geht es um therapeutische Interventionen bei Traumafolgestörungen, wobei der Schwerpunkt auf psychotherapeutischen Verfahren und deren Absicherung durch Studien liegt, Entspannungsverfahren und Körpertherapien sowie die Pharmakotherapie werden skizziert.

Im folgenden 4-seitigen Kapitel werden auch die Ressourcen betroffener PatientInnen angesprochen: Resilienz, Salutogenese, protektive Faktoren wie soziale Unterstützung, Mentalisierungsfähigkeit und soziale Kompetenz, Bindung und Selbstwirksamkeit finden Erwähnung.

Zuletzt wenden sich die AutorInnen noch der Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention auch im Lichte von Großschadensfällen zu.
Einen Abschluss findet das Buch mit einem Kapitel spezieller Psychotraumatologie, in dem die Besonderheiten bei den folgenden Personengruppen dargelegt werden:

  • Kinder und Jugendliche,
  • ältere Menschen,
  • Menschen in helfenden Berufen,
  • Menschen mit Migrationshintergrund,
  • Menschen mit Essstörungen.

Ein ausführliches Literaturverzeichnis, sowie ein Stichwortverzeichnis schließen das Buch ab.

Diskussion

Das vorliegende Lehrbuch besticht durch seine wissenschaftliche Fundierung und hervorragende Literaturarbeit. Es ist dabei sehr verständlich und klar geschrieben; auch das übersichtliche Layout und die vielen Tabellen und graphischen Darstellungen sowie die Zusammenfassungen am Ende der Kapitel unterstützen die gute Lesbarkeit.
Das Kapitel „therapeutische Interventionen bei Traumafolgestörungen“ bezieht sich – was aus der Überschrift nicht klar hervorgeht- fast ausschließlich auf das Trauma bearbeitende (konfrontative) Verfahren für PatientInnen, die von einer PTBS betroffen sind, nicht jedoch auf die komplexeren Störungsbilder – diese schwerer kranken Menschen fallen zum Teil durchs Raster, da sie durch Kontraindikationen von der dargestellten konfrontativen Psychotherapie (zu recht!) ausgeschlossen sind, wenn z. B. gefordert wird, dass eine halbwegs sichere finanzielle und berufliche Situation ebenso bestehen sollte, wie die äußere Sicherheit. Was aber nun (psychotherapeutisch) mit diesem aus dem therapeutischen Setting ausgeschlossenen Personenkreis geschehen sollte, darüber schweigt sich das Buch aus.
Hierzu passt auch, dass die Soziotherapie im Gegensatz zur Pharmakotherapie keinerlei Erwähnung findet, obwohl sie doch oft erst das gewünschte Setting (sicheres Wohnen, berufliche Wiedereingliederung etc.) ermöglicht. Weiterhin vermisst man ein kritisches Wort zur Versorgungsrealität von Menschen mit Traumafolgestörungen in Deutschland – wie z. B. eine zeitgerechte Sekundärprävention vollziehen, wenn die Wartezeit auf einen Therapieplatz bei einer psychotraumatologisch weitergebildeten PsychotherapeutIn nicht selten Monate beträgt?
Warum im ganzen Buch nicht ein einziges Mal das im Bereich des praktischen Umganges mit traumatisierten PatientInnen so wichtige Phänomen der Übertragung/Gegenübetragung/Reinszenierung oder auch der (Täter-)introjektion angesprochen wird, erschließt sich nicht.

Fazit

Beim vorliegende Buch handelt es sich um ein wissenschaftlich exzellent fundiertes, aktuelles, dabei gut lesbares und verständliches Lehrbuch, das eine sehr gute Einführung aus einem insbesondere psychotherapeutisch-individualistischen Blickwinkel heraus in die Geschichte, Ätiologie, Diagnostik und insbesondere Psychotherapie der Posttraumtischen Belastungsstörung gibt. Es kann Studierenden und Professionellen daher als fundierter Einstieg in die Thematik empfohlen werden. Für eine intensivere Auseinandersetzung mit komplexeren Traumafolgestörungen (z. B. kPTBS), einen systemischen oder soziotherapeutischen Blick auf die Thematik ist es dagegen nicht geeignet.

Rezension von
Prof. Dr. med. Gertraud Müller
Internistin, Psychotherapie; KIP-Therapeutin; Emerita, ehemals Fachbereich Sozialwesen der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg
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Es gibt 13 Rezensionen von Gertraud Müller.

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Zitiervorschlag
Gertraud Müller. Rezension vom 05.05.2016 zu: Sefik Tagay, Ellen Schlottbohm, Marion Lindner: Posttraumatische Belastungsstörung. Diagnostik, Therapie und Prävention. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-026068-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20785.php, Datum des Zugriffs 21.05.2024.


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