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Eva Brockmann, Albert Lenz: Schüler mit psychisch kranken Eltern

Cover Eva Brockmann, Albert Lenz: Schüler mit psychisch kranken Eltern. Auswirkungen und Unterstützungsmöglichkeiten im schulischen Kontext. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. 176 Seiten. ISBN 978-3-525-40225-2. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 33,90 sFr.
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Thema

Die psychische Erkrankung eines Elternteiles hat für Kinder in hohem Maße Auswirkungen auf ihren Alltag, ihr eigenes Leben, ihr emotionales Empfinden und ihre soziale Eingliederung in die Gruppe der Gleichaltrigen. Die Autoren Brockmann und Lenz zeigen die Auswirkungen der subjektiven Belastungen für die betroffenen Kinder und Jugendlichen auf. Es wird die Frage gestellt, welche Aufgabe der Lehrern und der Institution Schule hier zukommen kann. Wie kann ein Netzwerk von Schülern, Lehrern, pädagogischem Fachpersonal und Eltern gebildet werden, das eine Unterstützung für Kinder mit einem belasteten Lebenshintergrund darstellen kann?

Autorin und Autor

Dr. phil. Eva Brockmann ist Leiterin der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Paderborn, Schloss Neuhaus und Büren, Caritasverband Paderborn e.V. und Lehrbeauftragte an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Paderborn. Dort ist sie Referentin der Fortbildung »Präventionsmaßnahmen für Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil« am Institut für Gesundheitsforschung und Soziale Psychiatrie.

Dr. phil. Albert Lenz, Diplom-Psychologe, ist Professor für Klinische Psychologie und Sozialpsychologie an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Paderborn, und Leiter des Instituts für Gesundheitsforschung und Soziale Psychiatrie (igsp).

Entstehungshintergrund

Etwa 2 Millionen Schüler in Deutschland haben ein Elternteil mit einer psychischen Störung. Diese Kinder und Jugendlichen erleben einen Alltag, der geprägt ist von der Tabuisierung der elterlichen Erkrankung, Rollenumkehrungen, sozialer Isolation, starker emotionaler Belastung und einer Ent-Normalisierung des familiären Lebens.

Die Autoren haben es sich zur Aufgabe gemacht, eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen in das Bewusstsein der Fachwissenschaften und der Öffentlichkeit zu bringen, die dort bislang zu wenig Beachtung gefunden hat.

Zu den bereits in der Familie vorhandenen Problematiken kommen weitere Stressoren aus dem schulischen Umfeld für die Kinder hinzu, die es individuell zu bewältigen gilt. Nicht alle Kinder entwickeln in diesem Kontext eigene psychische Störungen, doch ist ihr Risiko diesbezüglich deutlich erhöht.

Auf Grundlage einer ausführlichen Darstellung der bisherigen Forschungslage, der daraus folgenden Erkenntnisse und unter Berücksichtigung der subjektiven Sicht der Schüler, erkrankten Eltern und Lehrer, ist es Ziel der Autoren, Konsequenzen für das Handeln der interagierenden Personen im Kontext der Schule aufzuzeigen und insbesondere Lehrkräften konkrete Handlungsempfehlungen für ihre schulische Praxis aufzuzeigen.

Aufbau

Das genau 200 Seiten umfassende Buch besteht aus zehn Unterkapiteln. Nach einem Vorwort von Frank Nestmann erfolgen einführende Worte der Autoren, die darin folgende beiden Zielfragen entwickeln:

  • Wie kann es Lehrern gelingen, eine vertrauensvolle Beziehung zu den betroffenen Kindern aufzubauen, um für sie Ansprechpartner und Unterstützer zu sein?
  • Wie wird es Eltern und Kindern erleichtert, offen über die psychische Erkrankung zu sprechen?

In den folgenden Kapiteln werden jeweils aktuelle Forschungsergebnisse dargestellt und es erfolgt eine Zusammenschau vorliegender empirischer Studien:

  • „Ausgangslage“,
  • „Belastungen der Kinder psychisch kranker Eltern“,
  • „Risikofaktoren“,
  • „Resilienz“ und
  • „Schutzfaktoren“

Die darauf folgenden Kapitel richten den Fokus dann auf den Kontext von Schule:

  • „Schule und Lehrer als Schutzfaktoren“,
  • „Lehrer als Berater“, und
  • „Subjektive Sichtweisen von Schüler, Eltern und Lehrern“

Abschließend werden

  • „Konsequenzen für das Handeln im schulischen Kontext“ und
  • „Konkrete Handlungsempfehlungen für die schulische Praxis“

aufgezeigt.

Die Kapitel im Einzelnen:

Ausgangslage. Eingangs wird die Schwierigkeit aufgezeigt, statistisch genaue Zahlen zu ermitteln. Zusammenfassend ist jedoch anzunehmen, dass eine sehr große Gruppe von Kindern in deutschen Schulen von der psychischen Erkrankung eines Elternteiles betroffen und belastet ist. Am Schulgesetz Nordrhein-Westfalens wird beispielhaft die gesetzlich verankerte Zuständigkeit von Lehrern für Kinder psychisch kranker Eltern in den Bereichen individuelle Unterstützung und Berücksichtigung der individuellen Lebenslagen, Beratung und Betreuung des einzelnen Schülers durch den Lehrer, Zusammenarbeit mit den Eltern, Förderung der Gesundheit der Schüler und Zusammenarbeit mit unterstützenden Diensten aufgezeigt.

Belastungen der Kinder psychisch kranker Eltern. Objektive und subjektive Belastungsfaktoren der Kinder psychisch kranker Eltern werden hier differenziert dargestellt. Literaturbasiert und unter Bezug auf wissenschaftliche Studien und statistische Erhebungen wird erläutert, dass die psychische Erkrankung eines Elternteiles insbesondere dann eine Gefährdung für das Kind darstellt, wenn eine Kumulation der Belastungsfaktoren besteht. Die Gliederung des Kapitels umfasst:

1. Objektive Belastungsfaktoren:

  • psychosoziale Belastungsfaktoren,
  • mangelnde Inanspruchnahme professioneller Unterstützung

2. Subjektive Belastungsfaktoren:

  • Tabuisierung der elterlichen Erkrankung,
  • soziale Isolation,
  • Parentifizierung,
  • emotionale Nicht-Verfügbarkeit des erkrankten Elternteils,
  • Ent-Normalisierung des familiären Alltags
  • erhöhtes Risiko für eine Kindeswohlgefährdung

Es wird in den Ausführungen deutlich aufgezeigt, dass das Zusammenwirken mehrerer Belastungsfaktoren, also eine Kumulation der Belastung, eine gegenseitige Verstärkung der negative Auswirkungen der einzelnen Belastungsfaktoren zur Folge hat.

Risikofaktoren. In diesem Kapitel wird das Erkrankungsrisiko, verstanden als die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind an der gleichen psychischen Störung wie der betroffene Elternteil erkrankt, erläutert. Der Unterschied zwischen einem diagnosespezifischen und einem generellen Erkrankungsrisiko wird heruasgearbeitet. Weiterhin stellen die Autoren die Frage nach der Vererbbarkeit (genetischer Disposition) psychischer Erkrankungen.

Resilienz. Resilienz wird beruhend auf internalen Kriterien (Eigenaktivität der Betroffenen) definiert und als eine Wechselwirkung zwischen internalen und externalen Ressourcen verstanden. Mit der Erläuterung des Copings wird die Bedeutsamkeit von Schutzfaktoren von den Autoren thematisiert. Es wird betont, dass die Copingforschung im Bereich von Kindern psychisch kranker Eltern noch am Anfang steht.

Schutzfaktoren. Es wird festgestellt, dass auch Kinder, die unter schwierigen Lebensbedingungen aufwachsen, dann multiple Problemlagen bewältigen und eine gesunde Entwicklung vorweisen können, wenn individuelle, familiäre und soziale Schutzfaktoren identifiziert werden können. In einer differenzierten Abhandlung werden spezifische Schutzfaktoren als auch generelle Schutzfaktoren identifiziert und deren Bedeutung für eine positive kindliche Entwicklung dargestellt.

Schule und Lehrer als Schutzfaktoren. Es wird herausgearbeitet, dass insbesondere Lehrkräfte neben den familiären Bezugspersonen für Kinder und Jugendliche in erschwerten Lebens- und Erziehungsbedingungen Schlüsselfiguren für die weitere Entwicklung der betroffenen Kinder darstellen können. Damit dies gelingen kann, so die Feststellung der Autoren, ist eine positive und vertrauensvolle Beziehung zwischen Schülern und Lehrern notwendig. Diese wird im Einzelnen dargestellt. Die Autoren umreißen eine adäquate Beziehung zwischen Schülern und Lehrern und arbeiten die Rollen von Lehrkräften als Vertrauenspersonen und Kompensatoren heraus.

Lehrer als Berater. Lehrkräfte stehen grundsätzlich in einem ambivalenten Verhältnis zu ihren Schülern und können ihnen gegenüber nicht ausschließlich als Berater fungieren, sondern müssen sich auch ihrer Rolle als Beurteiler bewusst sein. Beratung durch Lehrkräfte wird von den Autoren als kontextgebunden beschrieben und unter dem Aspekt zeitlich begrenzter Ressourcen und Möglichkeiten dargestellt. Zusammenfassend wird festgehalten, dass Lehrer sich ihrer Position innerhalb eines Unterstützungsnetzwerkes bewusst sein sollten. So kann es ihnen gelingen, die Kooperationsbeziehungen zwischen verschiedenen Diensten adäquat und für Kinder und Familien stützend zu gestalten.

Subjektive Sichtweisen von Schülern, Eltern und Lehrern. In diesem sehr umfangreichen und zentralen Kapitel beziehen sich die Autoren auf die Ergebnisse der qualitativen, leitfadengestützten Interviewstudie der Dissertation von Dr. phil. Eva Brockmann. Interviewausschnitte von betroffenen Schülern, deren psychisch erkranktem Elternteil und deren Lehrern veranschaulichen die Darlegungen und machen die Aussagen der Autoren evident. Die subjektiven Sichtweisen von Schülern, Eltern und Lehrern werden in einem Ergebnisüberblick am Ende der jeweiligen Unterkapitel für den Leser nochmals klar und aussagekräftig zusammengefasst.

Konsequenzen für das Handeln im schulischen Kontext. Die zuvor erarbeiteten Erkenntnisse werden in diesem Kapitel hinsichtlich ihrer Umsetzungsmöglichkeiten im schulischen Kontext ausgewertet. Es wird sowohl die handlungsbezogene Ebene der betroffenen Interaktionspartner, als auch die institutionelle Ebene in den Blick genommen. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die offene Kommunikation aller Beteiligten und deren Vertrauen zueinander als besonders bedeutend und entsprechend als hilfreich und unterstützend anzusehen sind.

Konkrete Handlungsempfehlungen für die schulische Praxis. Den Abschluss des Buches bilden konkrete Handlungsempfehlungen, die sich an Lehrkräfte von Kindern mit einem psychisch erkrankten Elternteil richten. Ihnen wird aufgezeigt, welche Möglichkeiten sie im Sinne eines erkennenden, intervenierenden und unterstützenden Vorgehens haben.

Diskussion und Fazit

Die Autoren leisten zunächst im Sinne einer differenzierten Analyse einen Überblick über die Herausforderungen und möglichen individuellen Belastungen von Kindern und Jugendlichen mit einem psychisch erkrankten Elternteil. Dabei wird aufgezeigt, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen stets als Handlende zu begreifen sind, die mit Unterstützung professioneller Pädagogen und Betreuer Einfluss auf ihre Situation erlangen können. Der Blick dieses Buches richtet sich auf die Möglichkeiten von Lehrkräften, ihre Schülerinnen und Schüler entlasten und unterstützen zu können. Das besondere Augenmerk gilt der Netzwerkarbeit und es wird aufgezeigt, dass die Bemühungen der Lehrkräfte insbesondere ein stützendes Umfeld nicht vernachlässigen sollten. Aufgabe von Pädagogen kann es in diesem Kontext sein, die Veränderungen ihrer Schülerinnen und Schüler im Verhalten und deren Gefühlsänderungen sensibel wahrzunehmen, diese vorsichtig zu thematisieren, die Eltern frühzeitig miteinzubeziehen und sich wiederum selbst um fachliche Unterstützung zu bemühen, eine Arbeit im Netzwerk anzuregen und zu leiten.

Das Buch kann Lehrkräften in seinen Ausführungen nicht nur ein Verstehen der individuellen Situation von betroffenen Kindern und Jugendlichen ermöglichen, sondern zeigt darüber hinaus Ansatzpunkte in der Arbeit und Betreuung dieser auf. Lehrkräfte, die neben Informationen zur Thematik auch nach Hilfsmöglichkeiten und adäquaten Ansätzen zur Unterstützung suchen, erhalten sehr gute und differenzierte Anregungen für ihre pädagogische Arbeit. Ihnen wird verdeutlicht, wie es gelingen kann, die Situation der betroffenen Schülerinnen und Schüler zu verbessern, ohne Gefahr zu laufen, sich in ihren Hilfsangeboten selbst zu überfordern.


Rezensentin
StRin FöSch Stephanie Blatz
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
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Zitiervorschlag
Stephanie Blatz. Rezension vom 02.01.2018 zu: Eva Brockmann, Albert Lenz: Schüler mit psychisch kranken Eltern. Auswirkungen und Unterstützungsmöglichkeiten im schulischen Kontext. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. ISBN 978-3-525-40225-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20789.php, Datum des Zugriffs 20.04.2018.


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