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Stefan Trobisch-Lütge: Folgen politischer Traumatisierung in der DDR [...]

Cover Stefan Trobisch-Lütge: Das späte Gift. Folgen politischer Traumatisierung in der DDR und ihre Behandlung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2004. 180 Seiten. ISBN 978-3-89806-301-2. 19,90 EUR, CH: 34,90 sFr.

Reihe: Psyche und Gesellschaft. Vorwort von Marianne Birthler.
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Anliegen der Veröffentlichung

Nach über 10 Jahren deutscher Einheit haben noch immer die Opfer politischer Verfolgung an den psychischen Folgen zu leiden. Das Ausmaß dieser Folgen, der Grat der heutigen gesellschaftlichen Beachtung, ihre psychotherapeutische Behandlung und die von den Verfolgten ausgehenden Bewältigungsstrategien, sowie mögliche Wege aus einer damit verbundenen Isolation werden eindringlich und kritisch zum Thema gemacht.

Hintergrund bildeten gleichermaßen das Anliegen, eine innere Haltung zu entwickeln, die sowohl für Betroffene als auch für den Berater/Therapeuten Anleitung und Hilfe bieten und die Beantwortung einer Reihe von Fragen, z.B. nach den psychologischen Folgen des DDR-Unrechts für die heutige Gesellschaft oder die nach dem Verhältnis von persönlicher Verarbeitung von Unrechtserfahrungen und/ oder der Chance und Pflicht der Gesellschaft zu lernen statt "der Verdrängung von Schuld anheim zu fallen." Dabei ist der Autor in seiner täglichen Arbeit mit Traumatisierten mit diesen Anliegen und Fragestellungen konfrontiert. Aus seinen Begegnungen mit den Betroffenen speist sich letztlich das Bedürfnis, Antworten zu finden und gemachte Erfahrungen zur Diskussion zu stellen.

Aufbau und Inhalt

Es lassen sich fünf große Themenkomplexe ausmachen:

  1. Ein von verschiedenen Positionen aus betrachtender Blick auf die Betroffenen,
  2. Die verschiedenen Dimensionen psychischer Schädigung,
  3. Die daraus resultierenden Folgen für die Helfer-Klientenbeziehung,
  4. Konsequenzen für den Behandlungsprozess,
  5. Wege aus der Isolation durch Versöhnung.

Dabei werden die Positionen der heutigen Gesellschaft, aus dem Blickwinkel der Versorgungsleistenden (Bedeutung von Nachweiserbringung und Begutachtungen), der Mediziner (Psychiater), Therapeuten und Psychologen kritisch und tiefgründig aufgezeigt und das Dilemma der Betroffenen, aber auch der Helfer verdeutlicht. Die verschiedenen Dimensionen psychischer Schädigung betreffen die strukturellen Bedingungen in der DDR, die unmittelbaren und langfristigen seelischen Folgen für die Betroffenen und die posttraumatischen Folgen im wiedervereinigten Deutschland. Dies erschwere die Arbeit mit den Betroffenen durch verschiedene Probleme wie z.B. verborgene, z.T. destruktive Beziehungsmuster oder Täterintrojekte. Dabei entstünden Gegenübertragungsphänome, die selbst einen Helfer traumatisieren oder in den Rückzug treiben könnten. Dies äußere sich in Helferbeschuldigungen, im Hilflosmachen dieser durch Abwerten, Ängstigen und Bezichtigen oder im Gegenteil, der Beschämung. Es werden auf Seiten der Betroffenen vor dem Hintergrund ihres Erlebens die unbewussten Anteile an der Beziehung beschrieben. Auf Seiten der Helfer wird auf mögliche Fallen in der Arbeit aufmerksam gemacht. Die für beide Seiten daraus resultierenden Folgen für die Beziehung werden verdeutlicht. Daraus resultierten Voraussetzungen für den Helfer, wie z.B. permanente Selbstreflexion, Supervision, Bewusstsein von den eigenen und der Institution gegebenen Grenzen etc. Außerdem finde dies Niederschlag in der Arbeitsweise und der Strukturierung seines Herangehens. Aus der Isolation führe die zu erarbeitende Möglichkeit der inneren Versöhnung mit sich, durch z.B. die Mobilisierung innerer Ressourcen.

Zielgruppe

Das Buch wendet sich an Betroffene und ihre Angehörigen, an Helfer und Interessierte.

Diskussion

Der Autor geht sehr behutsam und empathisch mit den erkannten Leiden der Betroffenen um. Sie erfahren Anerkennung und Beistand zugleich, indem auf die anhaltenden Schwierigkeiten, auch durch den Umgang der Gesellschaft mit diesem sensiblen Thema kritisch aufmerksam und das Ausmaß für die Betroffenen in bisher nicht dargestellter Weise deutlich gemacht wird. Helfer finden Hinweise auf Fallen und begehbare Lösungswege vor. Etwaige Fremdwörter werden in gut verständlicher Art definiert. Ihr Gebrauch ist begrenzt, so dass auch ein Laie gute Lesbarkeit vorfinden müsste, und der Fachlichkeit zugleich kein Abbruch geschieht. Es sind einige Fallbeispiele genannt. Erwartet der Leser konkrete und ausgefeilte Interventionstechniken so wird er diese, wie ich finde angemessen, nicht vorfinden. Erstens gäbe es keine einheitlichen Möglichkeiten und zweitens sieht der Autor andere Schwerpunkte, die eine Behandlung ermöglichen (z.B. die Haltung des Helfers, aber auch in den wieder zu erweckenden Bewältigungsstrategien der Betroffenen). Daraus kann Mut und Hoffnung für beide Seiten geschöpft werden. Kritisch ist anzumerken, dass der Autor sich zwar gegen Stigmatisierungen wendet, es jedoch mitunter den Anschein hat, als unterliege er ihnen auch, nämlich , an der Stelle, wo man ein Bild von Opfern, Tätern und Angepassten in der ehemaligen DDR bekommt. Diese minimalistische Möglichkeit könnte Skepsis bei jenen erzeugen, die sich keiner dieser Gruppen zugehörig fühlen.

Fazit

Das vorliegende Buch gewährt sehr konkrete und kritische Einblicke in die Situation Verfolgter des DDR-Regimes, macht auf die Schwierigkeiten des Umgangs mit begangenem Unrecht aufmerksam und spendet Mut und Hoffnung, sowohl den Betroffenen, als auch jenen, die sie in ihrer Bewältigung begleiten.


Rezensentin
Dr. phil. Oda Baldauf-Himmelmann
Ausgebildete systemische Therapeutin / Familientherapeutin, Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin und Kulturwissenschaftlerin. Arbeitet als Akademische MA an der Brandenburgisch-Technischen Universität Cottbus/Senftenberg (BTU CS)
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Zitiervorschlag
Oda Baldauf-Himmelmann. Rezension vom 16.11.2004 zu: Stefan Trobisch-Lütge: Das späte Gift. Folgen politischer Traumatisierung in der DDR und ihre Behandlung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2004. ISBN 978-3-89806-301-2. Reihe: Psyche und Gesellschaft. Vorwort von Marianne Birthler. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2079.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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