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Klaus Zierer: Conditio Humana (... pädagogisches Denken und Handeln)

Cover Klaus Zierer: Conditio Humana. Eine Einführung in pädagogisches Denken und Handeln. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2016. 4., überarbeitete Auflage. 156 Seiten. ISBN 978-3-8340-1565-5. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR.
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Thema

Das Buch „Conditio Humana“ von Klaus Zierer ist angelegt als eine Einführung für Studierende der Erziehungswissenschaft. Als solche versammelt es mehrere, als Studien bezeichnete, Artikel/Kapitel, welche in das Denken und die Praxis der Erziehung einführen sollen.

Theoretisch ist das Werk an ein klassisches Aufklärungsverständnis angelehnt. Im Gegensatz zu den zahlreichen Einführungen in Teilbereiche der Pädagogik – etwa Medienpädagogik, Erwachsenenpädagogik, Migrationspädagogik etc. – intendiert das Buch eine allgemeine Einführung zu leisten. Die Auswahl der verwendeten Literatur ist dabei eklektisch und wird von der begrifflichen Klammer der conditio humana – die Bedingungen des Menschseins also – zusammengehalten. Pädagogik wird damit an anthropologische Vorstellungen des menschlichen Seins geknüpft.

Autor

Der Autor Klaus Zierer ist seit 2015 Ordinarius für Schulpädagogik an der philosophisch-sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg. Davor war er ab 2011 Professor für Erziehungswissenschaft an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg. Er erlangte einen höheren Bekanntheitsgrad über die Übersetzungen und Weiterentwicklung der Schriften des neuseeländischen Pädagogen John Hattie, der ein Vertreter einer so genannten evidenzbasierten, quantitativen pädagogischen Forschung ist, die auch im deutschsprachigen Raum vermehrt Rezeption findet. Die bekannte Hattie-Studie wurde von Zierer im Auftrag des Schweriner Bildungsministeriums als Kurzfassung an alle Lehrer_innen Mecklenburg-Vorpommerns ausgegeben und erschien unter dem Titel: „Hattie für gestresste Lehrer“. Die Hattie-Meta-Analyse wurde einerseits, insbesondere von Verfechter_innen einer klassisch empirischen Bildungsforschung, begeistert aufgenommen. Anderseits wurde viel Kritik geäußert. Neben einer allgemeinen Kritik an pädagogischen Meta-Analysen dieser Art, wurden Hattie sachliche wie auch statistische Fehler nachgewiesen (etwa Brügelmann 2013). Affektive und soziale Seiten des Lernens werden bei Hattie, so wird darüber hinausgehend problematisiert (siehe de Florio 2016), in gewagter Weise vernachlässigt. Dies setzt sich leider auch in Zierers Schriften fort.

Entstehungshintergrund

„Conditio Humana“, ist im Schneider Verlag Hohengehren bereits in der 4. Auflage erschienen (die erste Auflage erschien in 2007) und vereint mehrere Studien, die zwischen 2003 und 2007 entstanden. Einige wurden bereits vorab in pädagogischen Zeitschriften veröffentlicht und für das Buch nachgedruckt.

Dem Autor folgend wird der Kern der verschiedenen Studien von den Bedingungen des Menschseins selbst repräsentiert. Diese, so der Autor, rahmen das pädagogische Denken und Handeln. Die im Buch versammelten Texte wurden zum Teil in Seminaren zur Einführung in die Pädagogik eingesetzt. Sie sind entsprechend als Studientexte zu verstehen, die die pädagogische Theorie und Praxis auch für diejenigen verständlich machen sollen, die sich neu in das Feld einarbeiten möchten oder müssen: Studierende der Bildungs- und Erziehungswissenschaft, Lehramtsstudierende etc.

Aufbau

Insgesamt werden elf Studien präsentiert, die in zwei Kapitel aufgeteilt werden.

Das erste Kapitel ist den Grundlagen des pädagogischen Denken und Handelns gewidmet. Es beginnt mit einem Aufsatz zur Frage nach dem Menschen, gefolgt von Studien zur Erziehung als Lebenshilfe, Unterricht als Sonderform der Erziehung, Bildung im Spannungsfeld zwischen Mensch und Individuum und endet schließlich mit einem Text zum Verhältnis von Bildung, Erziehung und Unterricht. Es wird mithin ein Bogen geschlagen zwischen der Idee des Menschseins und den differenten erziehungswissenschaftlichen Grundpraxen.

Im zweiten Kapitel, welches mit „Grundkategorien pädagogischen Denkens und Handelns“ überschrieben ist, finden sich Studien zu Auswahl und Integration, Erziehung in und zum Vertrauen und zu 'Schule als Lebensraum', allesamt, so der Autor, Grundkategorien menschlicher Bildung und Heimat. Abgerundet wird dieser zweite Teil mit einer Studie, die über die pädagogische Parteilichkeit Auskunft gibt.

Inhalt

Das Buch, das die Grundlagen der Pädagogik vermitteln möchte, präsentiert dabei eine nach wie vor hegemoniale Idee universal gültiger Erziehungswissenschaft, die sich an anthropologische Vorstellungen anlehnt. Es wird dem nachgegangen, was Erziehung und auch Menschsein im Kern ausmacht. Dabei werden die Felder, die die Erziehungswissenschaften ausmachen, skizziert und etwa der Unterschied zwischen Unterricht, Bildung und Erziehung beschrieben. Zahlreiche wichtige Werke der Erziehungswissenschaft finden kurz Erwähnung, so dass sich bei aufmerksamer Lektüre die Möglichkeit eröffnet, wichtige Fragen der Disziplin vertieft zu erörtern. Auch aufgrund des Aufbaus und des Entstehungshintergrunds handelt es sich dabei weniger um eine systematische Darstellung des Feldes (weder chronologisch noch theoretisch strukturiert) und auch nicht um eine kritische Auseinandersetzung mit der Disziplin. Viel eher verfolgt die Sammlung, eine neo-humanistische Idee von Pädagogik zu präsentieren und als allgemeingültig festzuschreiben.

Systematisch ist lediglich die Vorgehensweise der Analyse der einzelnen Studien: Im ersten Teil des Buches wird jeweils ein zentraler Begriff, etwa „Unterricht“ definiert, expliziert und gegenüber einem alltagsprachlichen Gebrauch abgrenzt und damit geschärft. Damit soll unter anderem das „Begriffswirrwarr“ (S. 16) innerhalb der Pädagogik aufgelöst werden. Der zweite Teil widmet sich dann den sogenannten Grundkategorien pädagogischen Denkens und Handelns. Angelehnt an Wolfgang Klafki und Eugen Fink werden diese vorgestellt und besprochen. Klafki zufolge offenbaren Kategorien den Wesenskern der Bildung (S. 16), während Fink Bildung an die Grundphänomene des menschlichen Daseins knüpft – etwa „Tod, Arbeit, Spiel, Herrschaft und Liebe“ (S. 17).

Diskussion

Zierers Buch ist im Grunde ein Phänomen und Ärgernis zugleich. Jahrzehntelange Kritik an einer hegemonialen, normativen, (neo-)humanistischen Bildungsidee, die von anthropologischen Konstanten ausgeht, werden hier schlichtweg ignoriert. So ist es wohl kaum ein Zufall, dass mehrheitlich weiße, männliche europäische Philosophen und Erziehungswissenschaftler zitiert werden und dass die verwendete Literatur zum Teil hoffnungslos veraltet und an keiner Stelle einer Kritik unterzogen wird. Als systematisch kann damit insbesondere die Auslassungsstrategie des Einführungsbandes bezeichnet werden.

Erziehungswissenschaft ist aber mehr als die Wissenschaft, die der Frage nachgeht, wie der Lehrer dem Schüler (beide in Zierers Buch immer männlich) die Welt vermittelt und wie Mütter ihren Kindern (innerhalb der Familie geht Erziehung bei Zierer nur von Müttern aus) Disziplin nahe bringen. Kritische Erziehungs- und Bildungswissenschaft setzt sich auch damit auseinander, wie Bildung und Schule bestimmte Schüler_innen ausgegrenzt und andere privilegiert; wie diese soziale Ungleichheit nicht nur stabilisiert, sondern auch produziert. Ein Buch, welches in das pädagogische Denken und Handeln einführt und dabei etwa Bollnow, Nietzsche und Ballauff nebeneinander aufreiht, ohne die Vorstellungen dieser sehr unterschiedlichen Denker zu verdeutlichen und gleichzeitig die Ansätze etwa aus den Cultural Studies und der Kritischen Pädagogik komplett ignoriert, erscheint mir eine kaum empfehlenswerte Lektüre für Studierende, die sich im 21. Jahrhundert an ein pädagogisches Denken und Handeln annähern möchten. Was lernen Studierende, müssen wir uns fragen, die Pädagogik unkritisch als eine segensbringende Disziplin vermittelt bekommen? Welche pädagogischen Praxen werden hervorgebracht und privilegiert, wenn keine Kritik an einer andro- und eurozentrischen Erziehungswissenschaft vermittelt wird?

Eine postkoloniale Welt (siehe Castro Varela/Dhawan 2015), die mehr und mehr von Migrations- und Fluchtphänomenen geprägt ist, benötigt kein pädagogisches Denken und Handeln, welches alle kritische Intervention innerhalb derselben vernachlässigt, ja, gewissermaßen unterbindet. Die Überforderung der Lehrer_innen im deutschen Schulsystem, das ist nun geradezu common sense, liegt unter anderem darin begründet, dass die Tatsache einer deutschen Migrationsgesellschaft so lange ignoriert wurde (vgl. etwa Mecheril u.a. 2010; Castro Varela 2015). Lehrer_innen werden ausgebildet, die Unterricht nach dem Motto „one fits all“ gestalten; die Verständnis für die Verhältnisse von Gewalt, Armut und Diskriminierungen, unter denen so viele ihre Schüler_innen leiden, nicht als Teil ihrer Profession begreifen,; die nicht um ein mehrsprachiges Lernen wissen und auch die sozialen Kämpfe um Zugehörigkeit und Anerkennung ignorieren. Pädagog_innen, die unkritisch mit Begriffen wie „Menschsein“ hantieren und für die Migration und Armut gewissermaßen „Störungen“ darstellen, werden nicht adäquat auf wichtige Herausforderungen des 21. Jahrhunderts reagieren.

Zierers Buch ist eine dominanzkulturelle Einführung in die Pädagogik. Es verwundert deswegen kaum, wenn der Begriff des „Lebensraums“ , welcher einer der Säulen nationalsozialistischer Ideologie darstellt und zur Legitimierung einer imperialen und genozidalen Herrschaft instrumentalisiert wurde, nur kurz in einer Fußnote problematisiert, dann aber im Text kritiklos weiter verwendet wird. Und es erstaunt dann auch nicht, dass christliche Vorstellungen vermittelt werden, ohne den Einfluss von Religion in den europäischen Erziehungswissenschaften zu hinterfragen. Es ist schon irritierend, wenn beim Thema „Vertrauen“ dann auch noch Bismarck, der „Eiserne Kanzler“ und Begründer des deutschen Kolonialreichs affirmativ zitiert wird (S. 84), der unter anderem eine Obrigkeitshörigkeit durchsetzte, die in Romanen wie „Der Untertan“ von Heinrich Mann verewigt wurden und mitverantwortlich zeichnet für die Genozide an den Herero und Nama (im heutigen Namibia). Diese kämpfen noch heute vor Gericht um Reparation und Anerkennung der Gräueltaten, die an ihnen verübt wurden.

(Bildungs-)politisch ist es geradezu empörend, wenn eine Einführung in das pädagogische Denken und Handeln vernachlässigt, wie exklusiv die eurozentrische Idee des Menschseins immer war. So galten weder Sklav_innen, noch die kolonial unterworfene Bevölkerungen als Menschen, wie im Nationalsozialismus auch Juden und Jüdinnen, Homosexuellen und Menschen mit Behinderungen ein Menschsein abgesprochen wurde. Das unkritische Festhalten an essentialistischen Vorstellungen von Menschsein, verspricht damit ein pädagogisches Denken und Tun hervorzubringen, welches, euphemistisch gesprochen, problematisch ist.

Fazit

„Conditio Humana“ von Klaus Zierer ist bemerkenswert einseitig und irritierend unkritisch. Es führt bruchlos die Widersprüche einer (neo-)humanistischen Pädagogik weiter. Eine Pädagogik, von der nur jene profitieren, die sich kritiklos in eine eurozentrische, bürgerliche Welt einfügen wollen und können. Eine Welt, in der Migration und Flucht keine Rolle spielen, eine Welt in der Männer die Theorie schreiben und Frauen als Mütter versuchen in der „heilen Welt der Kleinfamilie“, den Kleinen Disziplin und Ordnung beizubringen, „Heimaterziehung“ als etwas Positives (S. 129ff.) dargestellt wird und „populäre Kultur“ (etwa Comics und Fernsehen) nur negativ im Zusammenhang mit einem „Zerfall der Kultur“ repräsentiert wird (S. 139ff.).

Es bleibt zu hoffen, dass die Studierenden in den Seminaren, in denen dieses Buch verwendet wird, die Inhalte nicht kritiklos hinnehmen, sondern unter Beweis stellen, dass Pädagogik seit den 1970er Jahren, auch im deutschsprachigen Raum, mehr zu bieten hat.

Quellen

  • Brügelmann, Hans (2013): „Die Hattie-Studie: Der heilige Gral der Didaktik? Metaanalysen: Nutzen und Grenzen von Allgemeinaussagen in der Bildungsforschung“, in: Grundschule aktuell, H. 121, S. 25-26.
  • Castro Varela, María do Mar (2015): „Migration als Chance“, in: Pädagogische Rundschau, 69/6, S. 657-670.
  • Castro Varela, María do Mar/Dhawan, Nikita (2015): Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. 2. komplett überarbeitete und ergänzte Auflage. Bielefeld: transcript.
  • de Florio, Inez (2016): Effective Teaching and Successful Learning. Bridging the Gap between Research and Practice. New York: Cambridge University Press.
  • Mecheril, Paul/Castro Varela, María do Mar/Dirim, Inci/Kalpaka, Annita/Melter, Claus (2010): Bachelor /Master: Migrationspädagogik, Weinheim: Beltz.

Rezensentin
Prof. Dr. María do Mar Castro Varela
Professorin für Allgemeine Pädagogik und Soziale Arbeit, Alice Salomon Hochschule Berlin
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Zitiervorschlag
María do Mar Castro Varela. Rezension vom 20.04.2017 zu: Klaus Zierer: Conditio Humana. Eine Einführung in pädagogisches Denken und Handeln. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2016. 4., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-8340-1565-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20791.php, Datum des Zugriffs 20.09.2017.


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