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Marlind Bischkopf, Jeannette Bischkopf: Diagnose ADHS

Cover Marlind Bischkopf, Jeannette Bischkopf: Diagnose ADHS. Alternativen für eine Schulzeit ohne Psychopharmaka. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2016. 213 Seiten. ISBN 978-3-86739-066-8. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,90 sFr.
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Thema

„Diagnose ADHS. Alternativen für eine Schulzeit ohne Psychopharmaka“ ist eine Mischung aus programmatischer Kritik am Störungsbild ADHS und pädagogischem Ratgeber insbesondere für Lehrer und Erzieher. Das Buch reiht sich ein in die Fülle von Publikationen, die in den letzten Jahren zur ADHS erschienen sind, letztlich jedoch v.a. den Namen der Störung als Reizwort nutzen, deren Inhalt jedoch für ein pädagogisches und sozialpolitisches Programm steht, das die Psychiatrie, insbesondere die Kinder- und Jugendpsychiatrie, grundsätzlich infrage stellt. Damit bietet es weniger konkrete „Alternativen für eine Schulzeit ohne Psychopharmaka“ als vielmehr eine von der psychologischen und medizinischen Wissenschaft abweichende „alternative“ Sicht auf das Störungskonzept der ADHS sowie gestörtes Verhalten im Kindesalter überhaupt.

Autorinnen

Marlind Bischkopf ist nach Ausweis des Klappentextes als Lehrerin in Berlin tätig.

Prof. Dr. Jeannette Bischkopf hat eine Professur für Psychologie und Gruppendynamik an der Fachhochschule Kiel inne. Ihre Forschungsschwerpunkte waren in der Vergangenheit v.a. Depression, Borderline sowie Aspekte der Psychotherapie im Erwachsenenalter.

Entstehungshintergrund

Die Einleitung des Buches positioniert es gegen ein von den Autorinnen in wesentlichen Aspekten selbst konstruiertes Bild von Publikationen zum Thema ADHS. Anders als diese vermeintlich mehrheitlich auf das problematische Verhalten des einzelnen Kindes fokussierenden Ratgeber, die das familiäre Umfeld und die Klassengemeinschaft zu wenig beachteten, erheben die Autorinnen von „Diagnose ADHS. Alternativen für eine Schulzeit ohne Psychopharmaka“ den Anspruch, die Psychodynamik sowie die sozialen Grundlagen des aus ihrer Sicht als ADHS missgedeuteten Problemverhaltens zu thematisieren. Die zitierten Autoren sowie die Bibliographie offenbaren dabei einen Schwerpunkt auf Texten aus dem Umfeld der deutschen ADHS-Kritik, der Psychiatriekritik im allgemeinen sowie der Tiefenpsychologie. Demgegenüber wird das elaborierte Konzept der ADHS, wie es beispielsweise durch den in der Bibliographie zwar aufgeführten, im Buch selbst jedoch nicht berücksichtigten amerikanischen Neuropsychologen Russel A. Barkley erarbeitet und mit konkreten pädagogischen und therapeutischen Überlegungen für den Alltag der Betroffenen verbunden wurde, letztlich jedoch die gesamte psychologische und medizinische Forschung zur ADHS der letzten 40 Jahre weitgehend ausgeblendet.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus fünf grafisch und inhaltlich nur wenig voneinander abgegrenzten Kapiteln.

In Kapitel 1 „Ein kritischer Blick auf die Diagnose ADHS“ erfolgt auf rund 50 Seiten eine Auseinandersetzung mit dem, was die Autorinnen für die Grundlage und Geschichte der ADHS erachten. Dabei handelt es sich – entsprechend der Kapitelüberschrift – weniger um eine Darstellung des Störungsbildes und seiner Forschungsgeschichte als vielmehr um ein sukzessives Abarbeiten an dem, was aus Sicht einer der Diagnose ADHS a priori ablehnend gegenüberstehenden Pädagogik und Psychotherapie am Störungskonzept fragwürdig sein soll. Der letzte Abschnitt des Kapitels „Eine gemeinsame Sprache finden“ (S.57ff.) formuliert den Appell einer Praxisbezogenheit, dem die Autorinnen selbst in den weiteren Kapiteln nur bedingt folgen.

Kapitel 2 „ADHS und Schule“ befasst sich mit der Situation und den Bedingungen für eine Feststellung von besonderem Förderbedarf in Berlin. Auf abweichende Regelungen sowie die Situation in anderen Bundesländern – beispielsweise die konstruktive Zusammenarbeit des „Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband e.V.“ (BLLV) mit Fachleuten und Selbsthilfe im Bereich der ADHS – wird nicht eingegangen. Die ADHS selbst sowie etwaige Besonderheiten ihrer Berücksichtigung im schulischen Kontext spielen auf den elf Seiten des Kapitels hingegen keine Rolle.

In Kapitel 3 entwerfen die Autorinnen „Das pädagogische Konzept“ ihres Umgangs mit der ADHS. Es beruht auf den drei Säulen einer kindzentrierten Haltung, der Zusammenarbeit mit den Eltern sowie der Förderung und Gestaltung der Klassengemeinschaft. Dabei will sich das Buch gerade nicht als störungsfokussierter Ratgeber für Eltern und Lehrer verstanden wissen. Die Anregungen sind dementsprechend allgemein gehalten und betreffen weniger den konkreten Umgang mit verhaltensauffälligen Schülern als vielmehr die Sicht der Erwachsenen auf das Problemverhalten der Kinder, die verändert werden soll. Wie bereits in Kapitel 1 sind die Ausführungen von Abgrenzungen gegenüber nach Dafürhalten der Autorinnen fragwürdigen oder falschen Annahmen zur ADHS geprägt, die inhaltlich nicht immer in den Kontext der Ausführungen passen.

Kapitel 4 „Problemfelder: Aufmerksamkeit, Impulsivität, Hyperaktivität“ behandelt im Weiteren die drei Syndrome der ADHS. Kernaussage dieses mit rund 70 Seiten umfangreichsten Kapitels ist die von den Autorinnen vertretene psychodynamische Sichtweise, dass nachgerade auch dem auffälligen Verhalten unaufmerksamer, impulsiver und unruhiger Kinder stets ein zu entschlüsselnder Sinn innewohnt. Die Darstellung der ADHS-typischen Symptomatik erfolgt dabei mit einer grundlegenden Tendenz, die Symptome aus dem Zusammenhang ihrer diagnostischen Einheit zu lösen und als jeweils für sich alters- und alltagsübliche Verhaltensweisen darzustellen. Diese Vorgehensweise, die den ätiologischen Zusammenhang von im Fall der ADHS neurophysiologisch gestörter sekundärer Verhaltenshemmung und daraus folgenden Schwierigkeiten in der Willkürsteuerung von Aufmerksamkeit, Temperament und Bewegungskontrolle vernachlässigt, führt zu stellenweise irritierendem Verkennen dessen, was die gängigen Diagnosemanuale von APA „American Psychiatric Association“ (APA) und Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter der ADHS und ihrer Symptomatik verstehen.

Das fünfte und letzte Kapitel bietet unter der Überschrift „Kernpunkte für die Suche nach Lösungen“ eine Synthese aus der in den Kapiteln zuvor präsentierten ADHS-Kritik und den skizzierten pädagogischen Lösungsansätzen. Darüber hinaus formuliert es Annahmen zur Auswirkung der Diagnose auf die Identitätsentwicklung der betroffenen Kinder. Es schließt mit einem Plädoyer für ein „Interesse an der Individualität des Kindes, die Neugier auf seine Weltsicht und die Gelassenheit, es nicht für einen viel zu engen Raum passend machen zu müssen“ (S.191f.), ohne jedoch ein Fazit im Sinne des Buchtitels zu ziehen, d.h. tatsächlich „Alternativen für eine Schulzeit ohne Psychopharmaka“ aufzuzeigen.

Das Buch schließt mit einer umfangreichen, jedoch zugunsten psychoanalytisch-psychodynamischer sowie psychiatriekritischer Texte selektiven Bibliographie und Hinweisen auf Vereinigungen und Ressourcen im Internet.

Diskussion

Die Autorinnen Marlind und Jeannette Bischoff konnten sich nicht entscheiden, ob sie ein Buch für Lehrer und Eltern von verhaltensauffälligen Kindern oder aber eine Streitschrift gegen die Diagnose ADHS schreiben wollten. Größtes Manko von „Diagnose ADHS. Alternativen für eine Schulzeit ohne Psychopharmaka“ ist das Bild, das beide von der ADHS zeichnen und gegen welches sie anschreiben. Bereits in den ersten Sätzen der Einleitung reduzieren sie die ADHS auf eine allenfalls vermeintliche psychische Störung, die es nur gebe, da „viele Eltern Angst um den Schulerfolg und die damit verbundenen beruflichen Chancen“ (S.7) ihrer Kinder hätten. Sie konstatieren einen „Trend, soziale Probleme zu medikalisieren, d.h. Erziehung- und Alltagsfragen zur Zielscheibe psychiatrischer Hilfen zu machen“ (S.8), ohne jenseits der Wiedergabe von Diagnose- und Verschreibungszahlen diesen fraglichen Trend aufzuzeigen und durch Belege zu untermauern. Vielmehr greifen sie weitenteils populäre Vorstellung zur ADHS auf und bedienen diese mit klischeehaften Skizzen von Verhalten, Verhaltensauffälligkeiten und ihrer Therapie. Die selektive Betonung tiefenpsychologischer Konzepte sowie eines dynamisch-sozialpsychiatrischen Ansatzes verstärkt die tendenziöse Darstellung, ohne Ursprung und wissenschaftliche Bedeutung der entsprechenden Konstrukte zu erläutern.

Bemerkbar ist dies nicht zuletzt an der Auswahl der von den Autorinnen zitierten Literatur. So werden immer wieder Aussagen des Sammelbands „Mit Ritalin leben: ADHS-Kindern eine Stimme geben“ von Rolf Haubl und Katharina Liebsch (Hrsg.) aus der Schriften-Reihe des Sigmund-Freud-Instituts wiedergegeben, in denen die Betroffenen – anders als der Titel dies vermuten lässt – selbst praktisch keine Rolle spielen, sondern die Perspektive einer psychoanalytisch orientierten Psychotherapie auf die ADHS formuliert wird. Die Darstellung der Geschichte der ADHS unter der wertenden Überschrift „Vom Ungehorsam zur Krankheit“ (S.20ff.) lässt wesentliche Aspekte und historische Fakten wie den Aufsatz „Über eine hyperkinetische Erkrankung des Kindesalters“ der deutschen Kinderärzte Franz Kramer und Hans Pollnow aus dem Jahr 1932 aus. Schließlich wird ein Autor wie Hans-Reinhard Schmidt und sein schon im Titel polemisches Buch „Ich lerne wie ein Zombie: Plädoyer für das Abschaffen von ADHS“ als Beleg beispielsweise für die fehlende testtheoretische Güte von diagnostischen Verfahren wie der „Conners Skalen zu Aufmerksamkeit und Verhalten“ herangezogen, obwohl weltweit Hunderte von wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Testverfahren vorliegen, dessen Autor Keith Conners zudem einen großen Anteil an der heutigen phänomenologischen Ausrichtung der Psychiatrie hat.

Besonders eigentümlich wirkt die Selektivität in der Auswahl der Literatur dort, wo vollständig darauf verzichtet wird, Informationen aus primären Quellen zu beziehen, anstatt sie Sekundärtexten zu entnehmen. So schreiben die Autoren, der Selbsthilfeverband ADHS Deutschland e.V. stelle einen Zusammenhang zwischen Hochbegabung und ADHS her, obwohl dieser nicht belegt sei (vgl. S.97). Nicht belegt ist allerdings lediglich, dass der Selbsthilfeverband einen solchen Zusammenhang annimmt, wie behauptet. Ansonsten spielt die Selbsthilfe im Kontext der „Alternative für eine Schulzeit ohne Psychopharmaka“ offensichtlich keine Rolle, obschon Bischkopf & Bischkopf für sich in Anspruch nehmen, einen kindzentrierten Ansatz zu vertreten. Die Kinder selbst kommen jedoch nur in mehrheitlich kaum in Verbindung zur ADHS stehenden Fallbeispielen vor. Vergleichbar den Präsuppositionen über die ADHS, ihre Wissenschaftsgeschichte und die vermeintlich dominant störungsbezogene Sichtweise von ADHS-Ratgebern konstruieren oder zitieren die Autorinnen fast ausschließlich Fallgeschichten, in welchen die ADHS gar nicht in ihrer störungsspezifischen Symptomatik gezeigt wird, belegen dann selbst die von ihnen beschriebenen altersüblichen kindlichen Verhaltensweisen mit der Diagnose ADHS und reklamieren in der Folge, dass man solches Vergalten auch anders erklären könne.

Dennoch ist die Lektüre des Buches nicht ganz ohne Gewinn. Zum einen betonen die Autorinnen, dass ihr Konzept „nicht vordergründig auf der Beschäftigung mit der Störung ADHS, ihren Ursachen und ihrer Behandlung“ (S.70) basiere, was es zwar, anders als das Buch dies für sich selbst reklamiert, nicht von der Mehrzahl der Anleitungen und Ratgeber für Eltern und Lehrer auf dem Buchmarkt unterscheidet – insbesondere neuerer Publikationen, welche die ADHS als medienaffines Lockwort für allgemeine pädagogische und psychologische Ausführungen gebrauchen –, jedoch durchaus ein sinnvoller Ansatz ist. Seit bereits zwei Jahrzehnten betont die ADHS-Forschung, dass es sich bei der Störung um eine Verhaltenshemmungsproblematik handelt; welches konkrete Verhalten die Betroffenen zeigen, hängt jedoch von ihrer Sozialisation ab. Daher sind es heute nachgerade die Vertreter des neurophysiologischen Störungskonzepts, die neben der Möglichkeit einer pharmakologischen Intervention zur Verbesserung der Steuerungsfähigkeit auf neurobiologischer Ebene insbesondere die Notwendigkeit erzieherischer und verhaltenstherapeutischer Maßnahmen herausstellen, denn die Möglichkeit, das eigene Verhalten besser zu kontrollieren, bedeutet noch lange nicht, dass Kinder angemessenes Sozialverhalten automatisch ausbilden.

In diesem Sinne kommt den Ausführungen von Lehrerin und Psychologieprofessorin zur Pädagogik im Allgemeinen, v.a. aber zu einem positiven Menschenbild große Bedeutung zu. Ob sich Kindzentrierung allerdings ausschließlich an „demokratischen Entscheidungen“ (S.78) in pädagogischen Einrichtungen festmachen lässt, wie die Überschrift eines Unterkapitels von Kapitel 3 nahelegt, darf bezweifelt werden, doch ist es im Alltag von Schule und Familie durchaus wünschenswert, dass die Sichtweisen von Kindern und Jugendlichen angemessen Gehör finden. Dies gilt aber auch für die Pädagogik, für Psychologie und Medizin als wissenschaftliche Disziplinen. Auch hier sollte das Augenmerk nicht allein auf Theorien und Konstrukten der Erwachsenen über das Leben von Kindern liegen, sondern dieses auch konkret beobachtet werden. Dann würde sich nicht nur die Zusammenarbeit mit den Eltern von ADHS-Kindern verbessern, deren Alltag durchaus anders ist, als die meisten ADHS-Kritiker ihn zur Beweisführung im Sinne der eigenen Ideologie beschreiben, sondern auch das Leid der Betroffenen angemessen gewürdigt werden, die ihr ungestümes Verhalten im Bewusstsein von Regeln und internalisierten sozialen Maßstäben oft selbst als störend erleben und ihm weder Sinn noch Ausdruck der eigenen Persönlichkeit zumessen.

Nicht zuletzt würde eine solche an Kindern und deren Erleben ausgerichtete Pädagogik eine größere Ehrlichkeit in der Wahrnehmung, Beschreibung und Bewältigung auffälligen Verhaltens mit sich bringen, mag man es in bestimmten Fällen nun ADHS nennen oder nicht. Das Unterkapitel „Aufmerksamer bei Reizarmut“ (S.131ff.), in dem die Autorinnen ausgewählte Aspekte lernpsychologischer Forschung gegeneinander in Anschlag bringen, ist ein schönes Beispiel dafür, wie unter dem Vorwand der Kindzentrierung letztlich ihr Gegenteil geschaffen wird, nämlich die Ausblendung unterschiedlicher genetischer und physiologischer Dispositionen von Menschen. Aussagen wie diejenige, dass „eine weitere Beobachtung, die die Forderung nach Reizarmut fraglich werden lässt, ist, dass Naturerlebnisse für viele Symptome heilend sind und Menschen die Erfahrung machen, dass sie in der Natur zur Ruhe kommen“ S.132f.), offenbaren ein fundamentales Missverständnis dessen, was Reiz und Reizoffenheit im Fall der ADHS bedeuten. Diesem Missverständnis sind bereits andere profilierte Kritiker der ADHS wie Herr Prof. Hüther mit den vor Jahren von ihm propagierten „Alm-Camps“ aufgesessen. Wie diesem fehlt es auch den Autorinnen von „Diagnose ADHS“ bisweilen an der Einsicht, dass der Mensch nicht immer kann, was er will, und mancher seine Aufmerksamkeit selbst dann nicht auf das zu richten vermag, was wichtig ist, wenn er um die vernünftigen Prioritäten weiß und ein eigenes Interesse daran hat, sich an die Gemeinschaft anzupassen. Es ist das Verdienst von Psychologie und Psychiatrie, dass wir diese Menschen heute therapieren, anstatt sie pädagogisch zu maßregeln oder gar einzusperren. Und dass die Therapie nicht erst dann einsetzt, wenn sich am Ende der Kindheit Temperament und Umweltreaktionen zu einer pathologischen Persönlichkeit verfestigt haben.

Am Ende entspringt die euphemistische Betonung des Natürlichen und Kindlichen, wie es auch „Diagnose ADHS. Alternativen für eine Schulzeit ohne Psychopharmaka“ zugrunde liegt, einer jahrhundertealten Romantik, deren Realitätsflucht gleichermaßen sympathisch wie weltfremd und im Hinblick auf die Zukunft der Kinder auch unbedacht ist. Bischkopf & Bischkopf versäumen es nicht, im Kontext ihrer Psychiatriekritik auch mehrfach den amerikanischen Psychiater und Leiter des Herausgeberkomitees der vorangegangenen Version des „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM), Allen Frances, zu zitieren (vgl. S.19, 181), ohne dessen gefällige, jedoch überzogene populärwissenschaftliche Streitschrift wider das DSM-5 „NORMAL: Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen“ selbst kritisch zu würdigen. Der Schweizer Psychiater Gottfried Treviranus hat zu Frances in der „Schweizerischen Ärztezeitung“ 2013 einen klugen Kommentar geschrieben, der betont, wie viele Erwachsene mit schwerwiegenden psychischen und sozialen Problemen bereits in der Kindheit auffällig waren und denen bei frühzeitiger Diagnose und Behandlung ein Leben in Krankheit und Ausgrenzung hätte erspart werden können.

Vor diesem Hintergrund ist es bedauerlich, dass Marlind und Jeannette Bischkopf einmal mehr die Neurobiologie gegen die Psychologie und Psychodynamik in Anschlag bringen, da die Neurobiologie, so die Autorinnen, zwar für viele Symptome Erklärungen liefere, diese „aber gleichzeitig ihrer individuellen Sinnhaftigkeit beraube“ (S.164), als sei es nicht ein segensreicher wissenschaftlicher Fortschritt, dass aus der „dämonischen Besessenheit“ des Mittelalters die Epilepsie und aus der Tobsucht in den Irrenhäusern die medikamentös behandelbare Psychose wurden, sondern ein Sakrileg, psychische Phänomene mit zunehmendem Wissen über die Welt und den Menschen anders zu erklären als die Psychoanalyse dies seit Freud (Vater und Tochter) tut. Damit aber stellen sich Bischkopf & Bischkopf in die Tradition beispielsweise von Büchern wie Fritz Zorns „Mars“, der die eigene Krebserkrankung mit der lieblosen bürgerlichen Kindheit in der Schweiz erklärte, sowie einer „dynamischen Psychiatrie“ insgesamt, ohne darauf hinzuweisen, wie wissenschaftsgeschichtlich isoliert und ohne großen Gewinn für die Mehrzahl der Patienten solche Ansätze waren und sind.

Ausgerechnet am Beispiel der Schizophrenie demonstrieren die Autorinnen ihre grundlegende Haltung gegenüber dem, was sie abwertend „klassische Psychiatrie“ (S.165) nennen: „Die Behandlung war überwiegend einseitig auf die Beseitigung dieser Symptome ausgerichtet, was bis heute eine medikamentöse Therapie als Methode der Wahl bedeutet. Erst in den letzten 20 Jahren setzte sich die Erkenntnis durch, dass Stimmenhören und andere psychotische Symptome für die Betroffenen sinnhaft sein können und dass sie in einem biografischen Zusammenhang verstanden werden können.“ Als Literaturbeleg wird auf das emotional bewegende, mit seinen Fallgeschichten jedoch nicht den wissenschaftlichen Diskurs abbildende Buch von Gianfranco Zuaboni und Michael Schulz (Hrsg.) „Die Hoffnung trägt. Psychisch erkrankte Menschen und ihre Recoverygeschichten“ verwiesen. Da wäre es passender und für die Leser gewinnbringender gewesen, das umfangreiche Kompendium „Adoleszenzpsychiatrie: Psychiatrie und Psychotherapie der Adoleszenz und des jungen Erwachsenenalters“ von Jörg Fegert, Annette Streeck-Fischer und Harald Freyberger (Hrsg.) anzuführen, das für viele psychiatrische Krankheitsbilder – auch Schizophrenie und ADHS – zeigt, wie bitter für die Betroffenen der Übergang vom Kindes- ins Erwachsenenalter ist und wie hilfreich eine frühe Behandlung sein kann, wenn man denn die Symptome ernst nimmt.

Dass die Symptome einer Krankheit in einen biographischen Zusammenhang gestellt werden können und nachgerade durch die Betroffenen selbst bisweilen gestellt werden, belegt weder ihre Nützlichkeit für die menschliche Entwicklung noch ihre Sinnhaftigkeit als erhaltenswerten Teil von Persönlichkeit und Identität. Subjektiv mag jedes von Außenstehenden als pathologisch wahrgenommene Symptom für den Betroffenen selbst Sinn machen. Bisweilen ist die vermeintliche Sinnhaftigkeit jedoch selbst ein Symptom der Realitätsverkennung und Störung. Aus dieser Perspektive kann man der kindlichen Sicht auf das eigene Leben auf jeder Stufe der Entwicklung eine individuelle Bedeutung zuschreiben, seien es das Trotzverhalten des Zweijährigen, die Aggression des Kindergartenkindes, die Mediensucht des Schulkindes, die Leistungsvermeidung des Jugendlichen oder Egoismus und Rücksichtslosigkeit des Heranwachsenden. Ist es wirklich vernünftig und pädagogisch geboten, diesen im Alltag in unzähligen Formen sich zeigenden Friktionen des Hineinwachsens in die menschliche Gemeinschaft einen stets individuellen, zu ergründenden und zu würdigenden Sinn zuzuschreiben?!

Schon August Homburger hat in seinen „Vorlesungen über Psychopathologie des Kindesalters“ von 1926 zur Hyperaktivität nach eingehenden Beobachtungen festgestellt: „Es wechseln, von dem Zufall der wechselnden Blickrichtung geleitet, die in dem abnormen Bewegungsdrang immer bereitliegenden Antriebe planlos Gegenstand und Richtung; in unverbundenen Einzelhandlungen wird ein augenblickliches Begehren befriedigt, ohne daß irgendeine von ihnen in ihrem Erfolg Befriedigung gewährte. […] Allen Bewegungen ist eine gewisse Heftigkeit eigen und das ganze Bewegungsbild ist durch den Mangel regelnder Abmessungen gekennzeichnet. […] In alledem liegt weder Sinn noch Ordnung.“ Befragt man ADHS-Kinder, warum sie sich beständig bewegen, so haben sie darauf keine Antwort. Warum auch sollten sie etwas reflektieren, das wie Essen und Trinken, Lachen und Weinen, Reden und Laufen ein genuiner Teil ihres Lebensalltags ist?! Doch Gewohnheit und Solipsismus begründen weder Sinn noch Normalität, gleich gar nicht in den komplexen sozialen Bezügen unserer Gesellschaft. Dann müssten wir auch Autismus, Aggression und Gewalt, Wahn und Suizidalität als sinnhafte Ausdrucksformen des subjektiven Selbstverständnisses begreifen und respektieren. Historisch ist das vielfach getan worden, mit schlimmen Folgen für die Betroffenen und die Geschichte. Wollen wir das als Eltern, Lehrer und Erzieher, wollen wir das als Gesellschaft auch für unser Leben und die Zukunft unserer Kinder? Subjektiven Sinn macht im Leben des Einzelnen leider recht viel, was der Gemeinschaft, aber auch dem Individuum selbst schaden kann.

Als vermeintliche Alternative zu einem sozialen Begriff von Normalität und Störung ist diese Sichtweise jedoch so fragwürdig wie die pauschale Annahme, die medikamentöse Behandlung der ADHS verändere Persönlichkeit und Identität der Betroffenen (vgl. 189ff.). Beides ist Ausdruck einer Ideologie, die verkennt, welche Chancen für viele Kinder mit ADHS aus einer klugen Kombination von – falls notwendig – pharmakologisch verbesserter Selbststeuerungsfähigkeit einerseits sowie einer guten Erziehung und – falls notwendig – Psychotherapie andererseits erwachsen können. Der großen Mehrheit der Eltern von ADHS-Kindern wie auch von Lehrern und Erziehern geht es im Bemühen um Diagnose und Therapie der ADHS nicht um schulische Leistungssteigerung und „Folgsamkeit“ (S.155), sondern um die Lebenszufriedenheit der Kinder. Dass sich Eltern um die Zukunft ihrer unaufmerksamen, unruhigen und unangepassten Kinder Sorgen machen, bisweilen auch um ihren schulischen Erfolg, ist allerdings angesichts der Globalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen nachvollziehbar und sinnvoll wie der Wunsch von Lehrern und Erziehern, dem gestörten Verhalten einzelner Kinder in der Gemeinschaft nicht hilflos ausgeliefert zu sein.

Kaum ein Elternteil hat im Moment der ersten negativen Rückmeldungen von Erziehern im Kindergarten und Eltern aus der Nachbarschaft zum Verhalten ihrer Kinder die ADHS oder gar ihre medikamentöse Behandlung im Sinn. Selbst bei massiven Auffälligkeiten im Kontext der Schule erproben sie zunächst erst mehrere Behandlungsformen und Maßnahmen der Jugendhilfe, bevor sie sich schließlich zu fachärztlicher Diagnose und pharmakologischer Behandlung der ADHS durchringen. Am Ende dieses nicht selten schmerzhaften Prozesses haben sie realisiert, dass Schule und Gesellschaft auf den Willen und die Fähigkeit zur Eigensteuerung des Verhaltens bereits der Kinder abzielen. Die Kehrseite dieses Bekenntnisses zu Interesse, Motivation und offenen, demokratischen Strukturen ist die Ausgrenzung derer, die sich mit der Willkürsteuerung ihrer Aufmerksamkeit, der sekundären Kontrolle ihrer Reaktionen auf innere und äußere Reize sowie der zumindest zeitweisen Eindämmung ihres Bewegungsdrangs schwertun.

Für diese Kinder haben Psychologie und Psychiatrie nach 100 Jahren der Beobachtung und wissenschaftlichen Forschung vor bald 40 Jahren den Begriff der ADHS eingeführt. Er hat sich über die Jahrzehnte verändert und wird sich auch in Zukunft noch wandeln, vielleicht in die durch Russell Barkley vorgeschlagene Diagnose einer „Behavior Inhibition Disorder“ (Verhaltenshemmungsstörung), deren Namen die Grundlage der Problematik weitaus besser abbildet als der Fokus auf Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität. Was sich jedoch absehbar nicht ändern wird und in Teilen zeitnah auch kaum ändern kann, sind die sozialen Bedingungen des Aufwachsens, der Gruppenbetreuung in Kindergarten, Schule und Hort wie auch der Anpassung an die Regeln einer Gesellschaft, die den Lebenslauf des einzelnen, anders als in früheren Zeiten, nicht mehr durch die engen Strukturen von Familie, Stand, Zünften und Religion zwingend vorgibt. Heute müssen sich Eltern und Kinder in der Gemeinschaft, die sie vorfinden, selbst orientieren und für eine gute Entwicklung wie auch die eigene Zukunft sorgen.

Das aber ist mit der ADHS schwieriger als ohne ihre Disposition zu Reizoffenheit und Ablenkbarkeit, leichter Erregbarkeit und impulsiven Reaktionen, motorischer Unruhe und eingeschränkter Selbststeuerungsfähigkeit. Die „Diagnose ADHS“ sollte nicht erst am Ende eines langen Leidenswegs eine psychische Entlastung und der Ausgangspunkt für gezielte Hilfen sein. „Alternativen für eine Schulzeit ohne Psychopharmaka“ sind den Betroffenen und ihren Angehörigen mehr als willkommen, vielfach jedoch nicht erkennbar. Auch das gleichnamige Buch von Marlind und Jeannette Bischkopf leistet hier kaum mehr als ein eindringliches Plädoyer für eine tolerantere Sicht auf Kinder und Kindsein. Sein selektiver Ansatz, die allenfalls oberflächliche Auseinandersetzung mit den Grundlagen der ADHS sowie die wenigen konkreten Anregungen, wie mit verhaltensauffälligen Kindern im Kontext von Schule und Familie umgegangen werden kann, machen es für Eltern, Lehrer und Erzieher leider nur eingeschränkt empfehlenswert.

Fazit

„Diagnose ADHS. Alternativen für eine Schulzeit ohne Psychopharmaka“ von Marlind und Jeannette Bischkopf ist eine Mischung aus programmatischer Kritik am Störungsbild ADHS und pädagogischem Ratgeber. Seine Autorinnen konnten sich jedoch nicht entscheiden, ob sie ein Buch für Lehrer und Eltern von verhaltensauffälligen Kindern oder aber eine Streitschrift gegen die Diagnose ADHS schreiben wollten. Die Darstellung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung im Buch ist leider nur ein Zerrbild dessen, was Pädagogik, Psychologie und Medizin heute über die Symptomatik und ihre Ursachen wissen. Da Bischkopf & Bischkopf viel Zeit darauf verwenden, gegen diese von ihnen selbst geschaffene, auf einer fundamentalen Psychiatriekritik aufruhenden Chimäre anzuschreiben, kommen die im Buchtitel proklamierten „Alternativen für eine Schulzeit ohne Psychopharmaka“ zu kurz. Leser, die ihre kritische Haltung gegenüber der Diagnose ADHS bestätigt sehen wollen, werden das Werk dennoch mit Gewinn rezipieren, sofern sie nicht der Wiederholung vieler Argumente der deutschen ADHS-Kritikerszene überdrüssig sind.

Neue und anregende „Alternativen für eine Schulzeit ohne Psychopharmaka“ zeigen die Autorinnen hingegen nicht auf. Es war allerdings schon immer möglich und ist es weiterhin, sein Kind mit ADHS durch die Schulzeit zu begleiten, ohne auf eine medikamentöse Therapie der Störung zurückzugreifen. Das macht es für ein stark von der ADHS betroffenes Kind, seine Eltern, Lehrer und Erzieher häufig anstrengender, langwieriger und schmerzhafter als mit pharmakologischer Unterstützung von Selbststeuerung und Selbstkontrolle, kann jedoch auch zu einem guten Ende führen, solange Beschulung und Berufsausbildung möglich sind und die Familie weder an den Verhaltensauffälligkeiten noch am sozialen Druck der Umwelt zerbricht.


Rezensent
Dr. Johannes Streif
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Zitiervorschlag
Johannes Streif. Rezension vom 01.08.2016 zu: Marlind Bischkopf, Jeannette Bischkopf: Diagnose ADHS. Alternativen für eine Schulzeit ohne Psychopharmaka. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2016. ISBN 978-3-86739-066-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20792.php, Datum des Zugriffs 22.10.2019.


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