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Johanne Pundt, Viviane Scherenberg (Hrsg.): Erfolgsfaktor Gesundheit in Unternehmen

Cover Johanne Pundt, Viviane Scherenberg (Hrsg.): Erfolgsfaktor Gesundheit in Unternehmen. Zwischen Kulturwandel und Profitkultur. Apollon University Press (Bremen) 2016. 399 Seiten. ISBN 978-3-943001-23-5. D: 54,90 EUR, A: 56,50 EUR.
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Thema

Wachsender Ziel- und Ergebnisdruck verleitet knapp ein Viertel der Beschäftigten in Unternehmen dazu, ein Arbeitstempo vorzulegen, das diese nach eigenen Angaben nicht durchhalten können. Innere Kündigung, Burnout, Medikamentendoping am Arbeitsplatz sind Folgen, die langfristig auch die Produktionsfähigkeit von Betrieben gefährdet. Gerade angesichts der alternden Bevölkerung und einem weiterhin steigenden globalen Wettbewerb führen klassische Symptomansätze bei der Gesunderhaltung von Mitarbeitern nicht weiter.

Der Fokus des vorliegenden Bandes liegt daher auf den sozialen und psychischen Bedingungen zur Gesunderhaltung von Erwerbstätigen. Dabei zieht sich der Strang von der Problemanalyse und -diagnose bis hin zu zielgruppespezifischen und innovativen Umsetzungsinstrumenten für die betriebliche Ebene.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband ist das Ergebnis einer Fachtagung an der Apollon Hochschule in Bremen. Dabei wurde ein anwendungsorientierter Ansatz für das betriebliche Gesundheitsmanagement verfolgt.

Aufbau und Inhalt

In den europäischen Kontext bringt Oliver Stettes (Institut der deutschen Wirtschaft, Köln, „Einflussreich und gesund, gut entlohnt oder gut geführt: Wann bin ich zufrieden mit meinem Job? – Ergebnisse einer europaweiten Beschäftigtenbefragung“) die Anforderungen und Bedürfnisse von Mitarbeitern unter den Gesichtspunkten von Entlohnung und Einfluss auf die eigene Arbeitstätigkeit. Deutschland liegt hinsichtlich der Arbeitszufriedenheit in diesen Aspekten durchweg im Mittelfeld – angesichts zunehmendem Wettbewerb um Fachkräfte wird hier aus betriebswirtschaftlicher Sicht erhöhte Aufmerksamkeit empfohlen. Ein Mittel, um die Zufriedenheit positiv zu beeinflussen, ist die Berücksichtigung der emotionalen Bedürfnisse von Mitarbeitern.

Unter dem Stichwort der Gratifikationskrise beleuchtet Johannes Siegrist (Universität Düsseldorf. „Anerkennung und Gesundheit: wissenschaftliche Evidenz und Folgerungen für die betriebliche Praxis“) den aktuellen und künftigen Handlungsbedarf.

Für die Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit ist das Zusammenwirken der äußeren Faktoren mit den individuellen Voraussetzungen ausschlaggebend. Anregungen zur praktischen Umsetzung der Erkenntnisse aus Konzepten wie „Big five“ oder dem „Vier-Ebenen-Modell“ für die Führung liefert Gerhard Roth (Universität Bremen. „Entwicklungsbedingungen für eine gesunde Persönlichkeit – Erkenntnisse der Hirnforschung“).

Die grundlegenden Bedingungsfaktoren sind somit bekannt, in der betrieblichen Praxis stellt sich danach die Frage nach der Prioritätensetzung und wie der Anfang zu finden ist. Einen Überblick über praxisbewährte Diagnoseinstrumente für die Anwendung in kleineren Unternehmen bringen Wolfgang Ritter und Heike Pöser (Handelskrankenkasse Bremen bzw. TÜV Nord. „Ist Erkennen wichtiger als Handeln? Bedeutung von fundierten und praktikablen Diagnoseinstrumenten im betrieblichen Gesundheitsmanagement von kleinen und mittleren Unternehmen“).

Verstehbarkeit ist eines der zentralen Elemente der Salutogenese. Durch Beteiligung an Entscheidungen und Einblick in die Entscheidungszusammenhänge können Mitarbeiter zugleich aktiviert werden, erleben Gestaltbarkeit und die vorhandene Kenntnis über die Arbeitszusammenhänge werden gut genutzt. Karina Becker (TU Darmstadt) stellt die Umsetzung von teilhabeorientierten Ansätzen in der betrieblichen Gesundheitsförderung anhand des Modells eines partizipativen Gesundheitsmanagements vor („Mit partizipativen Ansätzen zu einem präventiven Arbeits- und Gesundheitsschutz zum Erhalt der Beschäftigtengesundheit“).

Auf methodische Probleme bei der Evaluierung eng begrenzter Interventionen im betrieblichen Gesundheitsmanagement weist Dieter Ahrens (Hochschule Aalen) hin. Häufig berichtete Kapitalrenditen um 300 Prozent hielten methodisch hochwertigen Untersuchungen kaum stand. Zielführend erscheinen dagegen komplexe Interventionen im BGM, deren Bewertung sich allerdings ebenfalls komplex darstellt. („Die Evaluation der Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit des betrieblichen Gesundheitsmanagements“).

Neben diesen generellen gültigen Anforderungen werden in dem Band die besonderen Bedürfnisse vulnerabler Personengruppen an ein betriebliches Gesundheitsmanagement thematisiert. Den Anfang macht Barbara Reuhl (Arbeitnehmerkammer Bremen) mit der Betrachtung der Bedürfnisse von Frauen. Sie attestiert der bestehenden Literatur zum Thema zwar „geschlechtsneutral“ zu sein, letztlich jedoch „geschlechtsblind“, indem dadurch die speziellen Bedürfnisse von Frauen außer Acht gelassen würden („Veränderungen in der Arbeitswelt: Auswirkungen auf die Gesundheit von Frauen und Männern“).

Aus der betrieblichen Praxis ist es eine bekannte Herausforderung, dass Gesundheitsprogramme oft nur diejenigen Mitarbeiter erreichen, die sich ohnehin gesundheitsbewusst verhalten oder geringeren Risikofaktoren ausgesetzt sind. Zwei Programme, die sich an geringer qualifizierte Mitarbeiter richten, stellt Christine Busch (Universität Hamburg) vor. Die Programme ReSuM und ReSuDi unterscheiden sich nach der Größe der Zielunternehmen und der Orientierung an Mitarbeitern mit bzw. ohne Migrationshintergrund. Im Mittelpunkt der strukturierten Interventionsprogramme steht neben der Verbesserung des Führungsverhaltens insbesondere der unteren Führungskräfte die Stärkung der sozialen Kontakte zwischen den Mitarbeitern sowie deren Beteiligung. („Gesundheitsförderung für Un- und Angelernte“). Für diese beiden Programme liegen auch instruktive Manuals für die praktische Umsetzung vor.

Eine Beschäftigtengruppe die von herkömmlichen Maßnahmen oft nicht erreicht wird sind auch Beschäftigte in atypischen Beschäftigungsverhältnissen wie Zeitarbeit, befristeten oder geringfügigen Beschäftigungen. Auf die große Heterogenität dieser Beschäftigtenverhältnisse weisen Sarah Mümken, Cornelia Gerdau-Heitmann und Frauke Koppelin hin (alle Jade Hochschule Wilhelmshaven Oldenburg Elsfleth, „Einflussfaktoren atypischer Beschäftigtenverhältnisse auf die Gesundheit“).

Die Lebensverhältnisse der Beschäftigten unterliegen einem laufenden Wandel, ebenso wie die Arbeitsbedingungen. Neue Herausforderungen ergeben sich aus dem technischen Wandel und der zunehmenden Arbeitsverdichtung. Auf gesundheitliche Folgen und Lösungsmöglichkeiten mit dem Phänomen der ständigen Erreichbarkeit durch E-Mails, Smartphones und andere elektronische Kommunikationsmittel geht Markus-Oliver Schwaab (Griesson-de Beukelaer und Hochschule Pforzheim) ein. Neben einer Bestandsaufnahme der Belastungsfaktoren und einigen Regelungsbeispielen stellt Schwaab Möglichkeiten zum Umgang mit der ständigen Erreichbarkeit vor. Außerdem weist er auf die generationsspezifisch wechselnden Kommunikationsbedingungen hin: Die gesundheitlichen Auswirkungen der hohen Vertrautheit mit elektronischen Medien bei der „Generation Y und Z“ stellten sich jeweils neu dar, z. B. in einem zunehmenden Suchtpotenzial („Herausforderungen neuer Medien – zwischen ständiger Erreichbarkeit, Selbstausbeutung und kompetentem Umgang“).

Hohe Arbeitsbelastung und individuelle Bewältigungsversuche können dazu führen, dass Arbeitnehmer diesem Druck durch permanente Mehrarbeit entgegenwirken. In den letzten Jahrzehnten sei die Gefahr einer Entgleisung in die Arbeitssucht deutlich gestiegen, stellt Stefan Poppelreuter (TÜV Rheinland Consulting) fest. Im Aufsatz stellt er einige betriebliche und individuelle Präventionsmaßnahme vor („Wer schneller arbeitet, ist früher fertig“ – Möglichkeiten und Grenzen des Job Enlargements und Job Enrichments).

Auf die zunehmende Gefährdung durch Medikamentenmissbrauch am Arbeitsplatz durch Hirndoping weisen Susanne Hildebrandt und Jörg Marschall (IGES Institut, Berlin) hin und zeigen einige Präventionsansätze auf („Pharmakologisches Neuroenhancement unter Erwerbstätigen: Epidemiologie und Ansatzpunkte für die betriebliche Prävention“).

Dass es für eine gesunde Arbeit letztlich auf die Passung zwischen den Arbeitsanforderungen und den individuellen Fähigkeiten der Beschäftigten ankommt wird von Günther Vedder und Ella Korinth (Universität Hannover) aus dem Blickwinkel der Unterforderung beleuchtet („Wenn die Unterforderung am Arbeitsplatz krank macht“). An fünf Einzelfällen zeigen Sie die vielfältigen Ursachen von quantitativer oder qualitativer Unterforderung auf und formulieren einige Grundsätze zu ihrer Prävention.

Diskussion

Inzwischen wird aus Unternehmen eine recht hohe Akzeptanz für das betriebliche Gesundheitsmanagement berichtet. Eine grundlegende Erkenntnis des Bandes ist die Bedeutung der Unternehmenskultur auf die Leistungsfähigkeit einer Organisation. Hier auch tatsächlich umsetzbare Erkenntnisse zu bieten ist das Verdienst des Buches. Durch die hohe Praxisnähe werden auch Perspektiven für kleinere Betriebsgrößen und atypische Beschäftigte aufgezeigt, die von bisherigen Maßnahmen weniger umfasst wurden.

Fazit

Den Herausgebern gelingt es, mit der Auswahl der Autoren konsistent durch den Prozess eines anwendungsorientierten betrieblichen Gesundheitsmanagements zu führen. Die Schritte eines Gesundheitsmanagements werden von den gesellschaftlichen Bedingungen über die Diagnose über die Intervention bis zur Evaluierung kompetent behandelt.

Der Erkenntnisfortschritt für die anwendungsorientierte Forschung und die praktische Umsetzung ist dabei die Orientierung an den aktuellen Herausforderungen in Unternehmen wie dem Umgang mit Leistungs- und Ertragsdruck und besonderen Zielgruppen. Dabei gelingt es durchweg, von meist bewährten Theorien ausgehend, empirische Evidenz zu zeigen und durchführbare Umsetzungsmöglichkeiten für die betriebliche Umsetzung zu konkretisieren. Das Buch liefert hier ein kompaktes Update für Praktiker und anwendungsorientierte Forscher. Hilfreich ist darüber hinaus die hohe Qualität der Buchproduktion und des Lektorats hinsichtlich der Darstellung und Quellennachweise, die das Weiterverfolgen der Themen anhand grundlegender und aktueller Literatur leicht ermöglicht. Das ist ja leider nicht immer selbstverständlich.


Rezensent
Dr. Max Ueberle
Gesundheitswissenschaftler und Politologe, Hochschullehrer für Gesundheits- und Sozialmanagement, FOM Hochschule für Oekonomie und Management, Standort Frankfurt am Main
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Zitiervorschlag
Max Ueberle. Rezension vom 06.06.2016 zu: Johanne Pundt, Viviane Scherenberg (Hrsg.): Erfolgsfaktor Gesundheit in Unternehmen. Zwischen Kulturwandel und Profitkultur. Apollon University Press (Bremen) 2016. ISBN 978-3-943001-23-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20797.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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