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Paul Mason: Postkapitalismus

Cover Paul Mason: Postkapitalismus. Grundrisse einer kommenden Ökonomie. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2016. 428 Seiten. ISBN 978-3-518-42539-8. D: 26,95 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 36,90 sFr.
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Thema

Das Buch setzt eine Reihe von Publikationen aus der jüngeren Zeit fort, in denen die anhaltende und multiple Krise des kapitalistischen Systems zum Anlass genommen wird, die zukünftige Entwicklung aus gegenwärtigen Strukturproblemen zu extrapolieren (siehe z.B. Zinn 2015). Die Kernthese von Mason lautet etwas vereinfacht, die Informationstechnologie sei auf lange Sicht nicht mit Marktwirtschaft kompatibel, weil die unendliche Reproduzierbarkeit von Informationsprodukten die Knappheit von Gütern überwindet. Mason argumentiert dabei nicht nur mit der Theorie des Grenznutzens, sondern auch mit der Arbeitswerttheorie. Einleitend erklärt er es zu seinem Ziel, „die neuen inneren Widersprüche des Kapitalismus herauszuarbeiten und genauere Koordinaten anzubieten, an denen sich Menschen, Bewegungen und Parteien auf dem Weg zur postkapitalistischen Gesellschaft orientieren können“ (20).

Autor

Paul Mason, ursprünglich Musiklehrer, arbeitete ab dem 35. Lebensjahr als unabhängiger Journalist, war zeitweise Herausgeber einer Computer-Zeitschrift, später Wirtschaftsredakteur beim BBC, wo er u.a. eine wirtschaftsgeschichtliche Serie verantwortete. In den letzten zehn Jahren erschienen von ihm Buchpublikationen über die Globalisierung der Arbeiterklasse und über globale Protestbewegungen.

Aufbau und Inhalt

In dem umfangreichen Band werden so viele Themen behandelt, dass es unmöglich wäre, Kapitel für Kapitel zu referieren. Der Autor entfaltet seine Argumentation in drei Teilen, die er in je drei bis vier Kapitel untergliedert.

Nach der Einleitung geht es im ersten Teil zunächst um eine Bestandsaufnahme. Behandelt werden das neoliberale Regime, die wirtschaftliche Stagnation, Probleme der Geldpolitik, die Finanzialisierung, globale Ungleichgewichte und Veränderungen der Lebensweise. Die Chance, die der Vf. in der Krise sieht, leitet über zu einer breiten Erörterung der Zyklentheorien, mit denen seit Kondratjew die Wirtschaftsgeschichte des Kapitalismus seit dem späten 18. Jahrhundert erklärt wird. Der argumentative Stellenwert für die Thesen des Vf. besteht darin, dass analysiert werden soll, wie dieses komplexe, höchst anpassungsfähige System, so sein Urteil, am Ausgang des vierten großen Zyklus die strukturellen Probleme bewältigt. Der Vf. will „erklären, dass die gegenwärtige Krise das Muster (der bisherigen Zyklen, G.A.) durchbricht“ (64). Weil Mason allgemein von der Annahme ausgeht, dass der Verlauf der 50-Jahre-Zyklen nicht nur durch Technologien und Wirtschaftspolitik bestimmt worden ist, sondern auch vom Klassenkampf (115), deshalb misst er der Entmachtung der Arbeiterklasse in den 1980er Jahren eine große Bedeutung bei (136, 150). Zusammen mit der wirtschaftlichen Globalisierung hat dies dem Kapital eine fast uneingeschränkte Macht verschafft, was ihm aber auf Dauer zum Verhängnis wird (150).

Im zweiten Teil kommt der Vf. zu seiner Kernthese vom Widerspruch zwischen Informationstechnologie und Markt, wobei er gleich zu Beginn an Beispielen verdeutlicht, dass diese Technologie heute bereits in allen industriellen Produkten steckt. Sie „zersetzt die Marktmechanismen, höhlt die Eigentumsrechte aus und zerstört die Beziehungen zwischen Einkommen, Arbeit und Profit“ (158). Mason greift das sog. Maschinenfragment von Marx auf, wo Marx Überlegungen anstellt über das in Maschinen gespeicherte Wissen als Produktivkraft, ein Wissen, das eigentlich gesellschaftliches Wissen sein müsste (184ff.). Im Zentrum des zweiten Teils steht die Darstellung und Re-Interpretation der Arbeitswerttheorie, welche die Überlegungen des Vf. plausibel macht. Denn der Anteil der lebendigen Arbeit in einer Kopie oder Download ist gleich Null, weshalb sich der Preis dafür nur mit rechtlichen Konstruktionen halten lässt. Und da Informationsgüter potentiell in unbegrenzter Menge verfügbar sind und auch die Grenzkosten von Speichermedien etc. gegen Null sinken, liefert auch die Grenznutzentheorie Argumente für die Aushöhlung des Preismechanismus (220). Das Fazit von Teil 2: „Eine auf Wissen beruhende Volkswirtschaft kann aufgrund ihrer Tendenz zu kostenlosen Produkten und schwachen Eigentumsrechten keine kapitalistische Volkswirtschaft mehr sein“ (234). Allerdings gesteht auch Mason ein, dass die Entwicklung in verschiedene Richtungen führen kann (196).

Im dritten Teil geht es im Wesentlichen um ein Modell für den Übergang und um die ökonomischen Parameter einer postkapitalistischen Gesellschaft der Zukunft. Der Vf. meint, dass mit dem Versagen des Marktes nach einer anderen Lösung für die Verteilung der Güter, aber auch der Kapitale gesucht werden muss (295). Daher beschäftigt er sich in diesem Teil zum einen mit geschichtlichen Erfahrungen, um die Dynamik von Transitionen zu beleuchten, zum anderen mit Fragen der wirtschaftlichen Gesamtrechnung, für die sich mit Superrechnern neue Möglichkeiten auftun. Dann werden „externe Schocks“ beleuchtet, die das gegenwärtige System herausfordern und vermutlich überfordern, primär die Klimakatastrophe, aber auch die „demographische Zeitbombe“. Darin sieht der Vf. eine Bestätigung für die Prognose, dass ein Systemwechsel in der Zukunft, wenn auch nicht von heute auf morgen (310) unvermeidlich sein wird. Am Schluss versucht er „zu erklären, wie ein großangelegtes postkapitalistisches Projekt aussehen könnte“ (340). Sharing Economy, dezentrale Märkte und Netzwerke bilden schon Keimzellen des Neuen. Die politische Botschaft von Mason: „Die Linke muss wieder lernen, positiv zu handeln“ (313).

Diskussion

Man ist versucht, den großen Anspruch dieses Werks im Blick auf den Werdegang seines Verfassers zu belächeln. Aber er besticht nicht nur mit einer horrenden Belesenheit, sondern auch mit einem sehr gründlichen Studium von Theorien. Die Vielseitigkeit des Autors, die schon seine Berufsbiographie verdeutlicht, ist enorm. Er behandelt kenntnisreich Themen der Sozialgeschichte, der Politischen Ökonomie, der Informationstechnologie und sogar der Literatur. Insofern erscheint er selbst als typischer Vertreter der Informationsgesellschaft. Ohne Internet wären manche Auskünfte nicht zu haben gewesen.

Eine Kehrseite ist passagenweise eine gewisse Redundanz. Aber manches, was als Abschweifung erscheint, erweist sich als aufschlussreich. Dass der Stil unverkennbar journalistisch ist, tut der Stringenz der Argumentation keinen Abbruch. Es mag sein, dass die vom Vf. herangezogene Arbeitswertlehre entgegen seiner Auffassung die von Ricardo, nicht die von Marx ist. Aber das Urteil darüber sei den Marxologen überlassen. Stellenweise unterläuft dem Vf. ein technizistischer Zungenschlag, wenn er etwa in der Einleitung das Bemühen um „ein sorgfältiges Design“ für die Transition betont (20). Den Grundtenor bestimmt jedoch das Wissen um die begrenzte Vorhersehbarkeit von Entwicklungen und der Nebenwirkungen von Interventionen aufgrund der Komplexität des Systems. Offen bleibt die Frage nach dem neuen revolutionären Subjekt und nach der Rolle des Staates im globalen Kapitalismus. Überhaupt bildet die Machtfrage eine Leerstelle. Dabei mutet Mason dem Staat einschneidende Reformen zu (z.B. die Vergesellschaftung des Bankwesens).

Fazit

Ein äußerst interessantes, anregendes Werk, selbst wenn man die Argumentation und die Schlussfolgerungen des Autors nicht teilt. Es wird zweifellos viele Diskussionen anstoßen. Darin scheinen sich auch namhafte Zeitgenossen einig zu sein, wie die ersten, teils überschwänglichen Rezensionen zeigen. Sympathisch findet der Rezensent die unorthodoxe Herangehensweise und den Verzicht auf Besserwisserei gegenüber anderen Autoren und Theorien.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 25.05.2016 zu: Paul Mason: Postkapitalismus. Grundrisse einer kommenden Ökonomie. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2016. ISBN 978-3-518-42539-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20798.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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