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Sigrid Kannengießer, Larissa Krainer u.a. (Hrsg.): Eine Frage der Ethik? Eine Ethik des Fragens

Cover Sigrid Kannengießer, Larissa Krainer, Claudia Riesmeyer, Ingrid Stapf (Hrsg.): Eine Frage der Ethik? Eine Ethik des Fragens. Interdisziplinäre Untersuchungen zu Medien, Ethik und Geschlecht. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 188 Seiten. ISBN 978-3-7799-3003-7. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Herausgeberinnen

Die Herausgeberinnen kommen, wie auch die Autoren und Autorinnen des Buches alle aus dem Wissenschaftsbereich verschiedener Einrichtungen und Hochschulen.

Entstehungshintergrund

Das Buch mit zehn Beiträgen, entstand im Anschluss an die Jahrestagung „Medien, Ethik und Geschlecht. Zur Frage nach Gerechtigkeit und Vielfalt in der Medienwelt“, der Fachgruppen „Kommunikation- und Medienethik“ und „Medien, Öffentlichkeit und Geschlecht“ am 13. und 14. Februar 2014.

Thema und Aufbau

Das Buch hat die Wissenschaftsbereiche Medien, Ethik und Geschlecht in ihren interdisziplinären Zusammenhängen und Schnittstellen zum Gegenstand. Es beabsichtigt Gemeinsamkeiten und Differenzen der drei Bereiche, damit verbunden deren begrifflichen und theoretischen Gemeinsamkeiten zu klären und dies durch empirische Studien zu konkretisieren.

Kenntlich gemacht wird damit auch die Komplexität des Zusammenhangs der drei Bereiche und die damit verbundenen Möglichkeiten unterschiedlichster, auch widersprüchlicher Begriffsbildungen und inhaltlicher Positionen. Nicht eine abschließende Klärung, vielmehr eine Öffnung der Diskussion ist das Ziel, eine „offene Moralphilosophie“ (S.20), welche das Fragen und die Frage in das Zentrum stellt. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem Thema Gender oder Geschlecht.

In einer Einleitung skizzieren die Herausgeberinnen den Forschungsstand im Jahre 2011. Es gab bis dahin kaum Publikationen in der medienethischen Debatte, die den Geschlechteraspekt miteinbezogen hatten. Die Situation hat sich seitdem verändert und das vorliegende Werk versteht sich als einen Beitrag in diesem Prozess.

Das Werk gliedert sich in drei Teile:

  1. „Grundlagen: Begriffe und Theorien“ (S.24 – 81),
  2. „Normative Perspektiven und Kritik“ (82 – 133) und
  3. „Empirische Fallbeispiele und aktuelle Studien“ (S.134 – 186).

Zu Teil 1

Elisabeth Klaus (S.24-32) argumentiert unter Rückgriff auf Sigrid Kannengießer in Blick auf die feministische Ethikdebatte für eine „transformative Anerkennung“, die anders als eine affirmative Anerkennung nicht eine Anerkennung als gleich wie der Mann, sondern als Anerkennung der Gleichheit und der Differenz beinhaltet, die damit auch den Weg in die Gesellschaftskritik offen hält. Sie plädiert vor diesem Hintergrund für eine feministische Ethik, die den Modus der Gerechtigkeit/Gleichheit und den Modus der Fürsorglichkeit, welche die Differenz zum Ausdruck bringt verbindet. Das ist nach ihrer Auffassung die Grundlage für eine Medienethik, die das Geschlecht berücksichtigt.

Tatjana Schönwälder-Kuntze (S.33-47) macht am Ende ihres Beitrages „Media matter“ den interessanten und wichtigen Vorschlag, die ethische Geschlechter-Gerechtigkeitsdimension „zu einer prinzipiellen Alteritätsdimension“, damit den Kontext der Geschlechterdimension zu erweitern. Das heißt für sie z.B., generell sensibel für die Konstruktion des Anderen zu werden, generell den Umgang mit Gruppen oder anderen zu problematisieren, auf spezifische Gruppen konstruierende oder erzeugende Themen zu verzichten, soweit sie diese „implizit“ konstruieren.

Karsten Weber (S.48-63) diskutiert Theorien zum Thema Gleichheit und Gerechtigkeit, wobei J. Rawls hier einen prominenten Platz einnimmt. Ausgehend davon, dass der Zusammenhang von Gerechtigkeitstheorien und Medienethik „eher wenig erforscht“ sei (58) kommt er zu dem Ergebnis, dass es nicht an grundlegenden Theorien mangelt, sondern an Umsetzungen in medienethische Handlungsanleitungen. Er verweist dabei auf das Spannungsverhältnis von Konstruktivismus und Wahrheit, auf die Konflikthaftigkeit im Verhältnis von Gleichheit, Gerechtigkeit, Wahrheit und Freiheit, die jeweils im medialen Bereich beachtet und für Handlungsanleitungen berücksichtigt werden müssten

Andrea Günther(S.64-81)macht die Stoßrichtung ihres Beitrages im Untertitel deutlich „eine Kritik des Anerkennungsparadigmas“, so wie es -vor allem Axel Honneth weniger Nancy Fraser – vertritt. So kann Anerkennung jedenfalls nicht einfach bedeuten, Anerkennung der Frau durch den Mann. Sie bringt eine kritische Sichtweise auf Anerkennung unter Bezug auf Hegels Herr-Knecht Kapitel in Ansatz. Anerkennung der Differenz kann demnach auch Herrschaft stabilisieren wird sie einfach hingenommen oder führt sie nur zum Rollentausch und nicht zu neuen Ufern, zu Veränderungen.

Zu Teil 2

Alexander Filipovic (S.82-94) fragt nach der geeigneten Moralphilosophie für die Gender-Medien-Thematik. Er benennt die Schwierigkeit einer Antwort angesichts der Vielzahl der Theorien in diesen Gebieten, unabdingbar verbunden mit Kommunikationsschwierigkeiten in interdisziplinären Gefilden. Im Ergebnis plädiert er dafür, auf die Philosophie des Pragmatismus zurückzugreifen. Dessen Vorrang begründet er damit, dass der Pragmatismus die Anforderungen einer feministischen Theorie im hohen Maße erfüllt, dass er mit Medien und Kommunikationswissenschaften kompatibel sei.

Friederike Hermann (S. 95-110) nimmt einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 8.5.2014 „Frau auf der Couch. Warum Lewinskys Erkenntnisse Clintons gelegen kommen“ zum Anlass, unter Rückgriff auf das Konzept des szenischen Verstehens von Alfred Lorenzer zu zeigen, wie ein Leser bei der Lektüre eines Textes in den Text eingebunden wird, als ob er ein Theaterstück erlebt. Dadurch werden Lesarten des Textes erzeugt, die nicht an der Oberfläche des Textes erkennbar sind, sich vielmehr aus der Kommunikationssituation Leser – Text ergeben. Das ist ihr Anlass festzustellen, dass der Subjektivität im Journalismus nicht zu entkommen ist, woraus sie die Anforderung an eine „transparenten und reflektierten Subjektivität von Journalisten und Journalistinnen“, auch als Anforderung an die journalistische Ausbildung stellt (S.108 f).

Einem pädagogisch interessierten Fachpublikum einen Zugang zu medienethischen Fragestellungen zu eröffnen, medienethische Sichtweisen für die medienpädagogische Arbeit fruchtbar zu machen ist das Anliegen des Beitrages von Petra Grimm(S.111 – 133). Grundlage ist die „medienethische Roadmap“ deren Anwendung in einem Projekt erprobt wurde.

Ausgehend von einem Schubladendenken, wie es etwa in dem sogenannten RealitätTV vorherrscht, voll mit weiblichen und männlichen Stereotypen, werden in diesem Projekt sieben Reflexionsstufen vorgeschlagen:

  1. Sensibilisierung für Geschlechterstereotypen
  2. Erkennen von geschlechterungleichen Bewertungsschemata
  3. Reflexion über die Folgen
  4. Auseinandersetzen mit alternativen Geschlechtermodellen
  5. Wertekonflikte thematisieren
  6. Kommunikationsstaus aufbrechend und
  7. Motivation für einen Ethos der Anerkennung.

Zu Teil 3

Katrin Döveling, Ricarda Drücke und Jennifer Tank & Marlis Prinzing stellen in Teil III empirische Studien vor.

Katrin Döveling (S.134-152) untersucht am Beispiel von Daily Soaps (Verbotene Liebe“, „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ und der Doku Soap „Bauer sucht Frau“ die Darstellung und Rezeption von Gender in diesen Sendungen. Die Relevanz dieses Themas ergibt sich ohne weiteres aus deren Popularität, belegt durch eine hohe Einschaltquote. Im Ergebnis der detaillierten Untersuchung, basierend auf quantitativer Inhaltsanalyse und qualitativen teilstandardisierten Interviews, weisen sie die geschlechtsstereotypischen Bilder in diesen Sendungen nach. Vor dem Hintergrund des entscheidenden Einfluss dieser Sendungen fordern sie, sich dieses Themas „serielle Unterhaltung“ auch weiterhin aus medienpädagogischer und medienethischer Perspektive zu widmen.

Ricarda Drüeke (S.153-164) analysiert den Hashtag „aufschrei“, ein Hashtag der sexistische Erfahrungen sammelte, die Twittermeldung des Jahres 2013. Der Hashtag sollte die Erfahrungen von Alltagssexismus sammeln, eine digitale Öffentlichkeit schaffen. Die Analyse umfasst den Zeitraum vom 25.1. bis 14.3.2013 ein, sie bezieht sich auf die Themen und Positionierung „unterstützend / neutral / ablehnend / keine Angabe möglich“. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass in diesem Bereich ein wichtiges Thema eine digitale und damit auch öffentliche Heimat gefunden hat, dass „Geschlechterthemen als öffentlich relevante Themen immer wieder verteidigt und neu etabliert werden müssen“ (S. 163). Herausgehoben wird die Bedeutung dieser neuen Form von „Öffentlichkeit“, gerade auch für das Geschlechterthema.

Abschließend untersuchen Jennifer Tank & Marlis Prinzing (S.165-186) die Rolle von Frauen und Männer im Mediendiskurs über die Familie. Dazu wurden 1 100 Texte quantitativ und qualitativ untersucht, ergänzt durch 14 Experteninterviews. Die ethische Bewertung erfolgte über die Frage nach der Multiperspektivität und der Absenz von Diskriminierung in diesen Beiträgen. Das Ergebnis: Familienformen übersehen, pointiert gesagt „ Die Medianinhaltsanalyse weist oft -je nach Geschlecht des Autors- …stark von der sozialen Wirklichkeit ab“ (182). Sie schlagen deshalb vor, Sensibilisierung für Ungleichheit und Differenz, als Reflexion über Moral und Moralität von Journalistinnen und Journalisten zu verlangen, „Hauptschlüssel ist die Selbstreflexion“ (163).

Diskussion und Fazit

Da wir in einer weitgehend medienvermittelten oder medialkonstruierten Welt leben, ist die Bedeutung des Buchthemas, gerade auch in seiner Zentrierung auf das Geschlechterthema, kaum zu überschätzen. Gleiches gilt für den Buchtitel, der die Offenheit des Diskurses markiert.

Teilt man die geschlechtertheoretischen Theorien in gerechtigkeits-/ gleichheitsorientierte, differenztheoretische und konstruktivistische auf, was vielfältige Kombinationen ermöglicht, so sind hier alle Ansätze in der einen oder anderen Modifikation erkennbar. Der Leser sollte also vermeiden, seiner Lektüre einen dieser Ansätze als hermeneutische Brille vorzuschalten. Ihm wird dagegen Offenheit abverlangt. Obwohl in verschiedenen Beiträgen die Notwendigkeit handlungsanleitender oder zumindest -unterstützender Empfehlungen, gemeinhin als praktische Ethik medialer Berufe bezeichnet angemahnt wird, werden diese nicht, etwa in einem abschließenden Beitrag, auch mit allen Widersprüchlichkeiten skizziert. Schlecht wäre das nicht gewesen, auch wenn dies nicht mehr hätte sein können, als eine Skizzierung des gegenwärtigen Standes im Prozess der „Ethik des Fragens“. Dass nicht alle Beiträge die gleiche Affinität zum Thema des Buches haben ist eine Selbstverständlichkeit, rote Fäden haben manchmal viele Fasern.Die eine oder andere Faser hätte noch gezogen werden können, etwa den Vorschlag der Erweiterung der Alteritätsdimension mit der Diskussion um das „Othering“ zu verbinden oder im Beitrag von A.Filipovic hätte noch einige Argumente dafür anführen können/sollen, warum der Pragmatismus mit Medien- und Kommunikationswissenschaften (besonders) kompatibel sei.

Ein Buch, gerade auch empfehlenswert für jede und jeden, der in pädagogischen Bereichen tätig ist.


Rezensent
Prof. Dr. Eckart Riehle
em. Professor für öffentliches Recht und Sozialrecht an der Fachhochschule Erfurt. Rechtsanwalt, Karlsruhe
Homepage www.rechtsanwalt-riehle.de
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Zitiervorschlag
Eckart Riehle. Rezension vom 24.10.2016 zu: Sigrid Kannengießer, Larissa Krainer, Claudia Riesmeyer, Ingrid Stapf (Hrsg.): Eine Frage der Ethik? Eine Ethik des Fragens. Interdisziplinäre Untersuchungen zu Medien, Ethik und Geschlecht. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3003-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20803.php, Datum des Zugriffs 21.11.2019.


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