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Hartmut von Hentig: Noch immer Mein Leben

Cover Hartmut von Hentig: Noch immer Mein Leben. Erinnerungen und Kommentare aus den Jahren 2005 bis 2015. Was mit Kindern GmbH (Berlin) 2016. 1392 Seiten. ISBN 978-3-945810-26-2. D: 39,90 EUR, A: 40,30 EUR.
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Ach, es hätte doch immer so schön weiter laufen können. Mit der Vita und deren Darstellung. „Mein Leben – bedacht und bejaht. Kindheit und Jugend“ (Hentig, 2007a) und „Mein Leben – bedacht und bejaht. Schule, Polis, Gartenhaus“ (Hentig, 2007b), verkauften sich bestens und wurden allseits gelobt. Auch in socialnet-Rezensionen. Die des ersten Bandes beginnt mit den Worten „Gedanken ausdrücken und nicht (nur) Gedenken zelebrieren, das könnte vielleicht ein Charakteristikum von Hartmut von Hentig sein“ (www.socialnet.de/rezensionen/5932.php) und die zweite (www.socialnet.de/rezensionen/5933.php) schließt mit der Bemerkung: „Und dann kommt zum Schluss wieder so ein Hentigscher Satz, der ins Mark trifft: ‚Die Pädagogik müsste allem vorangehen und allem folgen, was die Politik meint tun zu müssen‘!“

„News4teachers. DAS BILDUNGSMAGAZIN“ lässt uns wissen: „Er wird in einem Atemzug genannt mit Johann Heinrich Pestalozzi oder Maria Montessori. In dem 2010 erschienenen Buch ‚Zeitgemäße Klassiker der Pädagogik‘ steht der Name Hartmut von Hentig ebenso auf dem Buchtitel wie Martin Buber oder Friedrich Nietzsche.“ (www.news4teachers.de)

Oh, wie heil die Welt doch vormals für den Autor und – selbstredend – seine Bewunder(innen) war: „Wer den Schluss meines zweiten Erinnerungsbandes gelesen hat, wird wissen, wie erfüllt und doch beruhigt mein Leben damals war, ja wie gefordert und zugleich gelassen sich der Bewohner des ‚Gartenhauses‘ das Weiterleben dachte. Dann bekam dieses Leben einen Bruch.“ (S. 13)

Natürlich gab es auch schon vor 2010 Kritiker(innen). Solche etwa, die ihm vorhielten, sein wissenschaftliches Arbeiten bestehe im Wesentlichen aus Klassikerexegese, zu einer empirischen Wende (in) der deutschen akademischen Pädagogik trage er nichts bei. Doch fand solche Nörgelei am Rande wenig Beachtung; die damalige universitäre Pädagogik war weitgehend geisteswissenschaftlich geprägt und quantitative Forschung auf dem Gebiet der Pädagogik wurde damals primär von Bildungsökonom(inn)en und -soziolog(inn)en sowie Vertreter(inne)n der Pädagogischen Psychologie getragen.

Aber dann kam das verflixte Jahr 2010, das Jahr des oben erwähnten „Bruchs“. Zum zweiten Mal nach 1999 (Näheres s.u.) berichtete Jörg Schindler in der Frankfurter Rundschau vom 6.3.2010 über sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule in Ober-Hambach (OSO), begangen durch einige Lehrer(innen), darunter der frühere OSO-Leiter Gerold Becker (https://de.wikipedia.org/wiki/Gerold_Becker). Und diesmal war dessen pädokriminelles Handeln nicht mehr zu vertuschen. „Der hauptsächliche Grund, warum man Beckers Ausreden plötzlich nicht mehr glaubte, war ein Wandel in der öffentlichen Meinung. Sexueller Missbrauch wurde zu einem zentralen Thema der deutschen Medien und es gelang Beckers Freunden nicht, sie ein zweites Mal auszubremsen. Und als dann wirklich nachgefragt wurde, waren die Antworten erbärmlich. Erneut wurde versucht, die Odenwaldschule vor Schaden zu bewahren und ihren Ruf als Musterschule der Reformpädagogik zu retten. Aber zum ersten Mal in Gerold Beckers Leben waren diesmal die Opfer stärker und zum ersten Mal hat sich auch Hartmut von Hentig verrechnet.“ (Oelkers, 2016, S. 516)

Dessen Verrechnung bestand unter anderen darin, nicht in Rechnung zu stellen, dass er nunmehr auf eine neue Generation von Journalist(inn)en treffen würde, die sich nicht mehr von seinem aristokratischen Auftreten beeindrucken und seinem bildungsbeflissenen Reden umgarnen lassen würden. Auf einen Journalisten wie Tanjev Schultz (https://de.wikipedia.org/wiki/Tanjev_Schultz) etwa, der mit der Dissertation „Geschwätz oder Diskurs? Die Rationalität politischer Talkshows im Fernsehen“ zum Dr. rer. pol. promoviert worden war und seit 2016 eine reguläre Professur am Journalistischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz innehat. „Hartmut von Hentig hat am 11.März 2010 in Berlin ein exklusives Gespräch mit dem Münchener Journalisten Tanjev Schultz geführt und Stellung bezogen, was dringlich von ihm verlangt worden war. Am nächsten Tag erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel, in dem Hentig zitiert wird, dass er von dem, was seinem Freund Gerold Becker jetzt vorgeworfen werde, absolut nichts gewusst habe und es ja auch sein könne, dass Becker verführt worden sei… Dieses Zitat kostete ihm den Kopf und ist der Schlüssel zu seinem Sturz.“ (Oelkers, 2016, S. 537)

Und damit sind wir beim vorliegenden Buch: „Dass dieser dritte Band meiner Erinnerungen ohne den ‚Odenwaldschuld-Skandal‘ nie geschrieben worden wäre, ist mir klar und bedarf weder bei meinen Freunden noch bei meinen Feinden einer Erläuterung.“ (S. 15) Nur: Das Buch unter diesem Gesichtspunkt und mit diesem Schwerpunkt zu lesen, wird vom Autor gleichsam unter Strafe gestellt: „Ich kann nicht verhindern, dass Band III meiner Memoiren von der Mehrzahl der Käufer, Interessenten und Rezensenten um der Kapitel ‚Götterdämmerung und die Folgen‘ (9 bis 17) erworben wird und dass man alles andere einfach übergeht. Wer so verfährt und dem Autor die ‚Richtigstellungen‘ nicht abnimmt, weil dieser nun einmal ‚unglaubwürdig‘ ist, auf dessen Zustimmung, gar Absolution muss ich verzichten. Für die Wahrheit muss man einige Mühe auf sich nehmen. Wer das nicht tut, kann mit dem mir gemachten Vorwurf der ‚Unglaubwürdigkeit‘ nicht mehr glaubwürdig agieren!“ (S. 16)

Ich empfehle vor eventueller Lektüre vorliegenden Buches sich (noch einmal) die bekannten Muster paradoxer Kommunikation zu vergegenwärtigen (hilfreich etwa die Ausführungen unter https://de.wikipedia.org/wiki/Doppelbindungstheorie) und sich der Künste der sophistischen Rhetorik zu erinnern bzw. sich diese zu vergegenwärtigen (vgl. etwa https://de.wikipedia.org/wiki/Sophismus_(Rhetorik))

Autor

Wer sich über Hartmut von Hentigs Leben und Werk informieren oder sein Wissen vervollständigen möchte, sei verwiesen auf den entsprechenden wikipedia-Eintrag (https://de.wikipedia.org/wiki/Hartmut_von_Hentig), der ausführlich, kenntnisreich und in keinerlei Hinsicht ehrrührig ist. Im vorliegenden Zusammenhang näher zu betrachten ist die gemeinsame Geschichte des Autors und Gerold Beckers. Die ist eine lange: Sie dauert von 1964 bis zu Gerold Beckers Tod 2010; in jenem Jahr hatten die beiden in Berlin im selben Haus in getrennten Wohnungen gelebt. Ihr erstes dokumentiertes Treffen ist auf das Jahr 1964 am Pädagogischen Seminar der Universität Göttingen zu datieren, wo Hartmut von Hentig seit 1963 Lehrstuhlinhaber war und Gerold Becker 1964 bei dessen Lehrstuhlkollegen Heinrich Roth (https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Roth_(Pädagoge)) unter Umständen, die man im Nachhinein nur als „dubios“ bezeichnen kann, Mitarbeiter geworden war (ausf. Oelkers, 2016, S. 92ff).

Die Art ihrer Beziehung hat Jürgen Oelkers (2016) so skizziert: „Gestützt und gefördert wurde Becker seit 1964 von einem der kommenden Pädagogen in der Bundesrepublik, mit dem er früh Kontakt hatte und der ihm zeitlebens eng verbunden war, am Ende bis zur Selbstaufgabe. Gerold Becker wurde von Hartmut von Hentig, berichten Zeitzeugen, von Anfang an hoch gehandelt, und beide wurden ein Paar, ohne dass je klar wurde, in welchem Sinne das verstanden werden muss. Homosexuelle Beziehungen waren in den sechziger Jahren riskant und wurden oft getarnt, doch selbst das bleibt im Falle von Becker und Hentig Spekulation.

Aber sie waren von jetzt an sichtbar als Pädagogen unterwegs, mit einer besonderen Mission und mit wachsendem Einfluss. Beide traten gemeinsam auf, der Meister bildete ein Paar mit seinem besten Schüler. Aus dem Kreis um Hentig erhielt nur er diese besondere Gunst, die Becker erneut geschickt für sich nutzen konnte, nicht zuletzt deswegen, weil er nie seinen Eigenwert verleugnete. Hentig und Becker waren auch Teil eines stabilen und belastbaren Netzwerks, das über die verschiedenen Stationen der Karriere bis zu Beckers Tod halten sollte.“ (S. 92)

Eine Darstellung aus der Sicht von Hartmut von Hentig findet sich – leicht zu übersehen – im 16. Kapitel. Jeder ernsthafte Versuch, ihn zu verstehen, so fremd er einem auch (geworden) sein mag, muss nachstehende Textpassage kennen:

„Nach der Niederschrift dieses dritten Bandes meiner Erinnerungen begann ich mit der Sichtung der von Gerold Becker und mir von 1964 bis zu seinem Tod geführten Korrespondenz. Nichts hat mir deutlicher und schmerzlicher bewusst gemacht, wie falsch die Bezeichnung ‚Lebensgefährte‘ für unsere Beziehung vor der Übersiedlung an den Kürfürstendamm – ich im 71., er im 6o. Lebensjahr – war. Aus den Briefen geht hervor, dass schon für das erste Jahr das zutraf, was Thornton Wilder in ‚Die Brücke von San Luis Rey‘ den jungen Esteban erkennen lässt und was ich für unseren Fall nicht wahrhaben wollte:

… he discovered that secret from which one never quite recovers, that even in the most perfect love one person loves less profoundly than the other. There may be two equally good, equally gifted, equalliy beautiful, but there may never be two that love another equally well.

Gerold Becker hat mich nie so geliebt wie ich ihn – er wollte es, aber er konnte es nicht. Ich litt und (weil wir weit voneinander getrennt lebten) schrieb dagegen an. Dass und wie ich es tat, muss ihm sehr lästig gewesen sein. Es kam zu meinem rätselhaften Zusammenbruch 1970. Danach richtete ich mich hartnäckig in beidem, meiner Hoffnung und meiner Hoffnungslosigkeit, ein. Dass auch er in der Not steckte, habe ich zwar gespürt, sie aber nicht verstanden und daraus etwas gemacht, was zu meiner Not passte: eine Flucht vor meinem unerfüllbaren Anspruch. Ich musste mich, um ihn nicht zu verlieren, bescheiden, ruhig, geduldig werden oder gänzlich entsagen. Etwa 1976, mit dem Bielefelder Schulkonflikt, und später in der gemeinsamen Arbeit an der Neuen Sammlung [2002 – 2005]wurde aus einer ‚unglücklichen Liebe‘ die Beziehung, die uns beiden gelang und gut bekam und die wir Freundschaft nannten.“ (S. 1054-1055)

Aufbau und Inhalt

Das Buch trägt die Widmung „Für meine Freunde, meine Kritiker, meine Feinde“ (S. 8). Das mit den Kritiker(inne)n meint der Autor nicht wirklich ernst. Menschen, die sich seinem Buch vorwiegend mit Verstand nähern, sind ihm nicht genehm, er zieht Affekt-gesteuerte Leser(innen) vor: „Ich will eigentlich nur noch von meinen Freunden und meinen Feinden verstanden werden.“ (S. 12) Wie ernst dieser Satz gemeint ist, zeigt ein Satz drei Seiten später: „Dass dieser dritte Band meiner Erinnerungen ohne den ‚Odenwaldschuld-Skandal‘ nie geschrieben worden wäre, ist mir klar und bedarf weder bei meinen Freunden noch bei meinen Feinden einer Erläuterung.“ (S. 15) Freund oder Feind, Schwarz oder Weiß – die affektive und kognitive Welt des Hartmut von Hentig ist auf einfachstes Muster geschrumpft – oder zeigt sich hier in klarster Form, wenn es ihm stets (aber dies wäre zu prüfen) nur um ein „Für oder gegen mich“ gegangen sein sollte.

Es macht die Erledigung der Rezensentenpflicht nicht eben einfach, wenn man sich bei Darstellung von Aufbau und Inhalt des Buches nach „Anordnung“ des Autors als Freund oder Feind zu erweisen habe. Versucht sei die Arbeit dennoch. Das Buch enthält zwischen Zur Vorbereitung des Lesers und Zur Nachbereitung des Lesers, in denen der Autor zeigt, dass er sich der Bedeutung des Advance(d) und Posterior Organizing im Lernprozess sehr wohl bewusst ist, 20 Kapitel. Einer vom Autor selbst vorgenommenen Unterscheidung (s.o.) folgend, könnte man diese zwei Teilen zuordnen: den Kapiteln „‚Götterdämmerung und die Folgen‘ (9 bis 17)“ (S. 16) einer- und den übrigen Kapiteln andererseits. Nur sollte man gerade einer solchen Teilung nicht folgen.

Einerseits kann, ja muss man zwischen Gerold Becker und dem OSO-Skandal zu analytischen Zwecken unterscheiden. Zum einen gab es an der OSO weitere Päderasten sowie andere Formen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen und zum anderen hat Gerold Becker nicht nur während seiner OSO-Zeit, sondern auch davor und danach Jungs sexuell missbraucht (ausf. Oelkers, 2016). Andererseits aber kann man den Pädokriminellen Gerold Becker nicht scheiden von irgendeinem anderen Gerold Becker, der mit den Verbrechen des ersteren nichts zu tun habe; das wäre Abspaltung. Genau das tut der Autor. Zu solcher Erkenntnis bedarf es keiner allzu großen hermeneutischen Künste, man muss nur lesen, was der Autor selbst schreibt. Etwa in dieser Passage zu Beginn des 7. Kapitels:

„Als Tanjev Schultz mich fragte [s.o.], wie ich mir erkläre, dass der von mir bewunderte Pädagoge Gerold Becker schwerer Verbrechen beschuldigt werde, war meine Antwort: Ich kann es nicht erklären. Dabei muss es bleiben. Die Unlösbarkeit des ‚Enigmas‘ ist mir lieber und kommt mir aufrichtiger vor als die mir nahegelegte Lösung, allen einst unschuldigen Erinnerungen an Gutes die Jauche späteren Erkenntnis überzugießen, schon gar das eine aus dem anderen hervorgehen zu lassen.“ (S. 451)

Das ist eine der vielen Stellen des Buches, der Leser(innen) nötigt, dem Gesagten voll und ganz zuzustimmen oder es entschieden abzulehnen – sich, verallgemeinernd gesprochen, sich ins Lager seiner Feinde oder jenes seiner Feinde einzureihen. Wer solcher „Einladung“ nicht so recht Folge leisten will, etwa weil er mit Lektüre des Buches den Versuch unternimmt zu verstehen, was den Autor umtreibt, sollte der nahe gelegten Zweiteilung des Buches gerade nicht folgen. Sondern im Gegenteil die Kapitel

7. Gerold Becker – wie ich ihn erlebt habe,

8. Mit-Teilungen – wie ich sie dem Freund gerne machen würde,

9. „Götterdämmerung im Odenwald“ – Vorgänge und Nachrichten und

10. Missbrauchte Arglosigkeit – ich gehe in die Falle

im engen Verbund lesen und sie als Kern des Buches ansehen, von dem aus vorher und nachher Geschriebenes seinen Sinn erhalten kann.

Das 1. Kapitel trägt die Überschrift Übergänge / Überhänge – eine Koda zu meiner Pädagogik. Koda / Coda bezeichnet üblicherweise den Schlussteil eines musikalischen Stückes. Was uns der Autor verdeutlichen will (und kann): Er habe sein Geschäft als Professor für Pädagogik nie als Handwerk, sondern stets als Kunst begriffen. Das soll früher auf das an Pädagogik interessierte Publikum enorm gewirkt haben (und das nach Hörensagen mancherorts weiterhin tun).

In Kapitel 2 Reisen – „Sieh das Gute liegt so nah“ wird ein Mensch sichtbar, dem ich als ebenfalls Reisender (und nicht nur Hin-und-Her-Fahrender) gerne begegnet wäre.

Das nächste Kapitel Kiew – eine Ausnahme zeigt den Autor als einen hoch gebildeten Menschen. Freilich verstärkt sich bei der Lektüre zunehmend der Eindruck, er gebe damit auch allzu sehr an. Er verfolgt hier Strategie und Taktik des Namedropping (https://de.wikipedia.org/wiki/Namedropping), dessen er sich nicht nur in diesem Kapitel, aber in diesem Kapitel besonders bedient. Mitunter kommen Zweifel an wirklicher Expertise. Da erwähnt er etwa auf S. 123 ein Istanbuler „Abendessen in einem von Vlaminck gemalten Straßenlokal“ (S. 123). Meine kunstbeflissenen Freundinnen und Freunde kennen ein solches Gemälde – als Original, von Maurice_de_Vlaminck (https://de.wikipedia.org/wiki/Maurice_de_Vlaminck) gibt es jede Menge Fälschungen – nicht.

In Bücher, Theater, Filme, Tondokumente – zwanglose Erlebnisse berichtet der Autor in kurzweiliger und oft amüsanter Weise von den üblichen „Medienereignissen“ des Alltags (mitunter des feierlichen Tags) und lässt uns an seinen Lesefrüchten teilhaben

Das Kapitel 5 Politik – Mitdenken über den Tag hinaus schließt mit den Worten: „ich bin noch immer in meiner polis, nehme teil am Gespräch kluger Mitbürger, kann noch mithalten mit dem, was auf der agora vor sich geht. Mir das zu vergegenwärtigen war der Sinn dieses Kapitels.“ (S. 347) Wenn mögliche Leser(innen) da auch noch was für sich mitnehmen können – umso besser.

In Familie und Freunde – Unentrinnbares (Kap. 6) gewährt uns der Autor einen recht intimen Einblick in sein Privatleben, in dem er uns bekannt macht mit Nikolaus (Großneffe), Hans Wolfram (Bruder) und Roswitha (Schwester), sowie mit einigen Freund(inn)en und vielen Bekannten. Natürlich fehlen (auch hier) nicht der eine oder andere Exkurs zu den „alten Griechen“, und das Namedropping erfährt eine neuerliche Blütezeit.

Danach folgen die Kapitel die Kapitel 7 – 10, die ich als Kern des Buches anzusehen empfehle, auf den das vorher Geschriebene zuläuft und das nachher zu Lesende seinen Sinn erhalten kann.

Die nächsten sechs Kapitel (11 – 16) beginnen alle mit „Fünf“; die Zahl ist sachlich nicht immer gerechtfertigt, aber der Autor zeigt sich damit sowohl als Kenner der Zahlenmystik wie als Redekundiger, der um die Dramatik der steten Wiederholung weiß.

Im 11. Kapitel Fünf große Zeitungen brechen den Stab über mich – System setzt sich der Autor mit dem auseinander, was über ihn nach der 2010 erfolgten neuerlichen und nunmehr nicht mehr unter den Teppich zu kehrenden Pädokriminalität Gerold Beckers und seinen Äußerungen dazu in der Süddeutschen Zeitung, dem SPIEGEL, der ZEIT, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, um die wichtigsten Printmedien zu nennen, zu lesen war.

Das Gleiche tut er in Kapitel 12 Fünf Publikationen fordern eine Entgegnung – jedenfalls von mir. Bei den Publikationen handelt es sich um fünf zwischen 2011 und 2015 erschienene; Jürgen Oelkers „Pädagogik, Elite, Missbrauch“, an dem der Autor seine hellste Freude haben dürfte, erschien erst 2016 – und damit zu spät, um im Buch „gewürdigt“ zu werden.

In Fünf Mal Widersprüchliches – die Mythen der anderen (Kap. 13) ist nicht genau auszumachen, welche fünf Punkte der Autor meint. Einen spricht er mit aller Klarheit an: die Glaubwürdigkeit der Opfer von Gerold Becker: „Im ‚Fall Hentig‘, von dem auch dieses Kapitel handelt, ging und geht es allein um eines: meine Glaubwürdigkeit. Glaubwürdigkeit wird stets an der Übereinstimmung von Aussagen einer Person mit ihrem Verhalten oder von Aussagen mit Aussagen untereinander gemessen. Glaubwürdigkeit kann nur der erfolgreich einklagen, der selber glaubwürdig ist. Tut man gut, einen Kontrahenten von dem allgemein geltenden Maßstab auszunehmen, indem man Widersprüche von vornherein durch traumatische Blockaden oder Affekte erklärt – und damit seine Aussagen als unbelastbar für eine pedantische Analyse wie die meine? Vergibt man damit nicht die wichtigste Möglichkeit, die oben geforderte Prüfung vorzunehmen, ob ein Trauma tatsächlich vorliegt? Ich bringe dies als Frage. Ich habe hierzu keine Gewissheit. Sollte ich deshalb meine Ungewissheit unterschlagen?“ (S. 948-949)

„Es waren sehr viel mehr als fünf Menschen, die mir beigestanden haben, ja, für mich eingestanden sind, aber fünf haben ihren Einsatz für mich in den Zeitungen oder in einer großen Öffentlichkeit und mit gehörigen Aufwand geleistet.“ Mit diesen Worten beginnt das 14. Kapitel

Fünf Menschen wollen mir helfen – ich habe von ihnen gelernt.

Die genannten Helfer(innen), faktisch sechs und nicht fünf, sind:

  1. Adolf Muschg (https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Muschg),
  2. Sten Nadolny (https://de.wikipedia.org/wiki/Sten_Nadolny),
  3. Lutz van Diek (https://de.wikipedia.org/wiki/Lutz_van_Dijk),
  4. Antje Vollmer (http://www.antje-vollmer.de/),
  5. Juliane Jacobi und
  6. Andreas Gruschka (https://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Gruschka)

Kapitel 15 trägt die Überschrift Fünf Ereignisse tun Wirkungen – lauter Kalamitäten. Für einePositionsbestimmung des Autors scheinen die Darstellungen zweier dieser Ereignisse am aussagekräftigsten: der Tod Gerold Beckers am 7.7.2010 sowie die davor und danach in verschiedenen Versionen veröffentlichten Berichte „über sexuelle Ausbeutung von Schülern und Schülerinnen an der Odenwaldschule im Zeitraum 1960 bis 2010“ (online verfügbare Schlussversion: www.odenwaldschule.de).

Fünf Distanzierungen – Kummer, jenes16. Kapitel, das jene oben zitierte Passage über des Autors Sicht der Beziehung zwischen ihm und Gerold Becker enthält, präsentiert uns wie schon im 14. Kapitel sechs statt fünf „Angelegenheiten“, die sich wie schon in Kapitel 14 in der Regel mit Namen von „Zelebritäten“ verbinden:

  1. Hans Brügelmann (https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Brügelmann),
  2. Oskar Negt (https://de.wikipedia.org/wiki/Oskar_Negt),
  3. Theo(dor) Schulze („Doyen der erziehungswissenschaftlichen Biographieforschung und einst wissenschaftlicher Leiter der Bielefelder Laborschule“); www.faz.net/aktuell),
  4. Karl Heinz Bohrer, (https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Heinz_Bohrer),
  5. Albrecht Schöne, (https://de.wikipedia.org/wiki/Albrecht_Schöne) und
  6. Felix Schoeller.

Kapitel 17 Folgen – nicht nur für mich vereint ein Sammelsurium, das scheint mir der treffendste Ausdruck, von bisher nicht berichteten Geschehnissen seit Bekanntwerden des „OSO-Skandals“ Anfang 2010. (Spätestens hier kann sich der Rezensent des Eindrucks nicht mehr erwehren, der Autor handle unter einer Art emotionalen und/oder intellektuellen „Waschzwangs“.)

Eine befreite Sprache – Bekenntnisse (Kap. 18) beginnt mit den Sätzen: „Ein ungewöhnlich heißer Sommer ist vorüber. Der Herbst des Jahres brachte jäh kühle Tage und Nächte und die Lektüre von Philip Roths ‚Der menschliche Makel‘ mit unheimlichen Parallelen zwischen Coleman Silks und Hartmut Hentigs Ächtung.“ (S. 1144) Ja, unter dem Niveau von „Der menschliche Makel“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Der_menschliche_Makel_(Film)) möchte der Autor seine Causa nicht abgehandelt wissen; Adel verpflichtet schließlich und all die Claqueure (weibliche inbegriffen) der früheren Jahre haben einen Anspruch auf eine gewisses Niveau, auch wenn die Sache den Bach runter geht. Sollte ich Vergleiche des Autors zwischen seiner Sache und jener klassischer griechischer Tragödien überlesen habe, kann ich diesen – ohne Zweifel tragischen – Fehler nur bedauern.

Dieses Kapitel ist für alle Leser(innen), die sexuellen Missbrauch insbesondere an schutzbefohlenen Minderjährigen einfach nur widerlich finden, eine emotionale Zumutung. Ich zitiere zur Veranschaulichung, was sich der Autor unter „befreite Sprache“ vorstellt: „Meine Erwartung an eine befreite Sprache und die gleichzeitige Skepsis gegenüber den eifrigen Plädoyers für Transparenz (womit vor allem gemeint ist: den jeweiligen Vorgang in die Öffentlichkeit spülen) werden mir keine Zustimmung einbringen. Ich muss das Erste – die unerwünschte und von Evelyn Roll [https://de.wikipedia.org/wiki/Evelyn_Roll] so gut begründete ‚Offenheit‘ gegenüber dem Tatbestand der Pädophilie – deutlich von der Vorstellung absetzen, alles würde besser, wenn die ‚Öffentlichkeit‘ möglichst schnell, nein unverzüglich über jeden auch nur schattenhaften Verdacht, ja auch eine nur vermutbare Verfehlung unterrichtet würde.“ (S. 1166)

Die Frage, wie viel menschliches Leid verhindert worden wäre, wie viele Kinder zu gesunden Erwachsenen hätten heranwachsen können, welche menschlichen Tragödien vermeidbar gewesen wären, hätte man im Falle Gerold Beckers bereits den ersten pädokriminellen „Vorgang“ „in die Öffentlichkeit“ gespült, stellt sich der Autor nicht. Verpflichtet ihn die Liebe zu Gerold Becker zu einer reinen Täterperspektive oder bricht sich hier ein traditionelles aristokratisches Denken, wonach die Plebs auch in sexuellen Dingen untertan zu sein habe, Bahn? Oder vermengt sich hier Beides aufs Schrecklichste?

Im ersten Absatz von Altsein – Beschäftigungen, Befinden Ur-Tatbestände (Kap. 19) heißt es:

„Eigentlich hat es in den neuneinhalb „abgelebten“ Jahren nur fünf [auch hier wieder die magische 5] Ereignisse gegeben, um die ich meine schon zu umfangreichen, von einem professionellen Kritiker schlicht ‚geschwätzig‘ genannten Memoiren ‚Mein Leben – bedacht und bejaht‘ zu ergänzen hätte, gleichsam eines für je ein Jahr. Die Odenwaldschul-Katastrophe, drei Tode – den von Gerold Becker und den der beiden jüngeren Brüder Hans Wolfram und Roland – und ein überaus gelungenes Familienfest aus Anlass des 80. Geburtstags der Schwester Angelika. Es schadet diesem Band nicht, wenn ich den beiden zuletzt genannten Items, aber bisher nicht behandelten Ereignissen einige Seiten widme. Eine historische oder literarische Notwendigkeit dazu gibt es nicht.“ (S. 1192)

Das abschließende 20. Kapitel Vier Himmelsrichtungen – oder: aufeinander achten ist nach Autorenauskunft „vor den anderen 19 Kapiteln geschrieben“ (S. 1267) worden. Was die hier ausgebreitete allgemeine Weltschau mit dem Rest des Buches zu tun hat, erschließt sich dem Rezensenten nicht; andere Leser(innen) mögen da klüger sein.

Diskussion

Der literarischen Form nach ist das vorliegende Buch eine Autobiographie; genauer deren dritter Teil nach den 2007 erschienen ersten und zweiten Teilen. Aber es vornehmlich unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten, würde das Wesentliche verfehlen. Das Buch ist, und das vom Autor so gewollt, ein mediales Ereignis. Als solches hat es Berhard Pörksen (https://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_Pörksen), seit 2008 Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, offensichtlich gelesen. Ich zitiere die letzten Sätze seiner (Vorab-)Rezension (www.zeit.de/2016):

„So stellt dieses Buch, unfreiwillig gewiss, ein Lehrstück in Sachen missglückter Selbstrechtfertigung dar, die vom eigenen, prinzipiellen Bekenntnis direkt zur Detailanalyse eines angeblichen Fremdversagens voranschreitet. Ob Hartmut von Hentig das, was er schreibt, selbst in allen Facetten glaubt, gefangen im Schmerz und in der Verehrung für den Verräter seiner pädagogischen Ideale, die ihm selbst nur die Flucht in immer neue, irrwitzige Deutungen lässt?

Vielleicht gibt es – jenseits von Verdrängung und Verteidigung, dem Nicht-sehen-Können und dem Nicht-sehen-Wollen – noch eine andere Möglichkeit. Man kann dieses Buch auch als das Werk eines verzweifelten Schriftstellers lesen, der in schöner Sprache letztlich zu sich selbst spricht. Der für alles ein festes Wort hat und einen geschickten Satz. Der sich alle Einwände vorträgt. Der alle Kritiker einzeln in die Arena ruft, um sie dann mit miesen Zeugnissen wieder zu entlassen. Hartmut von Hentig ist, so gesehen, im Reich der instrumentellen Poesie angekommen. Auf Hunderten von Seiten überredet er sich unter Aufbietung aller Kräfte selbst. Bis er sich eine monströs hässliche Welt schöngeschrieben hat.“

Sich selbst und anderen, etwa den Leserinnen und Lesern seines zweiten Biographiebandes (s.o.), schöngeredet hat Hartmut von Hentig sein Leben schon zuvor. Allen, die nahe genug dran waren, konnte längst vor 2010 klar sein, dass Gerold Becker ein Pädokrimineller war; und Hartmut von Hentig war nahe genug dran. Man führe sich nur vor Augen, was Jörg Schindler am 17.11.1999 in der Frankfurter Rundschau (FR), seit 1968er Zeiten als regionale Zeitung mit überregionaler Bedeutung bekannt, ausgeführt hat (ich zitiere die Schlusspassage nach www.fr-online.de/missbrauch/dokumentation):

„Die Vorwürfe gegen Becker waren an der Schule im südhessischen Ober-Hambach bereits seit Mitte 1998 bekannt, aber bisher nicht öffentlich geworden. Damals wandten sich zwei Ex-Schüler an die Einrichtung, die als Vorzeigeprojekt der Reformpädagogik gilt. Eine Reihe weiterer Schüler hat die Vorwürfe bestätigt. Der Vorstand des Schul-Trägervereins schrieb den Schülern am 17. August 1998 in einem Brief, der der FR vorliegt: Becker habe den Vorwürfen ‚nicht widersprochen‘ und alle Funktionen in der Schule niedergelegt. Auch den Vorsitz in der Vereinigung der Deutschen Landerziehungsheime gab er ab. Becker erklärte der FR auf Anfrage, er werde ‚aus grundsätzlichen Erwägungen niemals zu den Vorwürfen Stellung nehmen‘. Der Autor und Publizist gilt nach wie vor als wichtiger Exponent in der deutschen Pädagogik. Nach Angaben zahlreicher Schüler und Lehrer soll es zwischen 1969 und 1985, Beckers Zeit an der Schule, wiederholt Vorwürfe gegen den Theologen gegeben haben. Den Gerüchten wurde an der Schule damals nicht weiter nachgegangen. Aufgrund der FR-Recherchen sah sich die Schule jetzt veranlasst, einen Brief an alle Eltern zu schreiben. Vorstand und Schulleitung, heißt es darin, ‚müssen davon ausgehen, dass die Vorwürfe berechtigt sind‘. Der ‚schwere Verstoß gegen das Recht junger Menschen auf sexuelle Selbstbestimmung‘ sei ‚auf keine Art und Weise zu rechtfertigen‘. Beckers langjähriger Weggefährte und Nachfolger als Schulleiter, Wolfgang Harder, bezeichnete den Missbrauch von Schülern als ‚ein Stück Vergangenheit‘. Er habe keine Veranlassung gesehen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Schließlich hätten ‚alle Menschen auch von Herrn Beckers Wirken profitiert‘.“

Und wie war das vor 1998? Hat da keine(r), die oder der nahe genug dran war, etwas gewusst? Doch. Ich zitiere aus einem taz-Artikel vom 26.5.2010 (http://www.taz.de/!5142205/): „Wolfgang Edelstein, in den 50er-Jahren Lehrer im Odenwald, später Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, reiste 1973 quer durch die Republik zu Becker. Er will von ihm wissen, ob er nicht Angst habe, dass seine Homosexualität zu Konflikten im Umgang mit Kindern führen könne. Becker negiert das – und sagt zugleich zu Edelstein: ‚Jetzt ist Schluss mit der Schulreformerei, jetzt geht es nur noch um das Verhältnis zum Kind.‘ Edelstein ist entsetzt – und wechselt kein Wort mehr mit Becker. Heute sagt Edelstein: ‚Becker hat die Schule mit seinen sexuellen Bedürfnissen korrumpiert. Er hat die Schule zu einem Bordell umfunktioniert.‘“

Wolfgang Edelstein (https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Edelstein) ist nicht irgendwer (zum Weiteren vgl. Heekerens, 2016; Oelkers, 2016). Er war ab 1954 zunächst Lehrer und seit 1961 Studienleiter an der OSO, von wo ihn 1963 Hellmut Becker (https://de.wikipedia.org/wiki/Hellmut_Becker) als wissenschaftlichen Mitarbeiter an „dessen“ Max-Planck-Institut für Bildungsforschung geholt hat, wo er 1981 Direktor des Forschungsbereichs „Entwicklung und Sozialisation“ wurde. Hellmut Becker hat sowohl dafür gesorgt, dass Gerold Becker 1972 an die OSO kam, als auch dafür, dass er 1985 von dort abgezogen wurde, als dessen Pädokriminalität zu einer Gefährdung der OSO – nicht etwa der Schutzbefohlenen! – wurde. Man ahnt: Hellmut Becker war ein einflussreicher Mann; und das war er in der Tat. So wäre ohne ihn Hartmut von Hentig nicht zum lange glänzenden Star der deutschen Pädagogik aufgestiegen. Dass der in Sachen Gerold Becker weniger gewusst hat als Hellmut Becker oder Wolfgang Edelstein scheint höchst unwahrscheinlich.

Außenstehende, sofern sie denn sachkundig und hellsichtig waren, konnte nicht überraschen, was ab 2010 in Sachen OSO und Gerold Becker nicht mehr unter der Decke zu halten war. In einem Gespräch, das der Ulmer Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie Jörg M. Fegert (https://de.wikipedia.org/wiki/Jörg_M._Fegert), in einem Gespräch mit einem der bedeutendsten Vertreter der Deutschen Sozialpädagogik, nämlich Hans Thiersch (https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Thiersch) 2001 in Tübingen führte (Fegert & Thiersch, 2002), führte er aus:

„In der Pädagogik, als einem Berufsstand, in dem in so privilegierter Weise mit Kindern umgegangen wird, besteht die Gefahr besonders, dass sich hier ein höherer Anteil Pädophiler findet. Und es ist auch so, dass viele pädophile Menschen ja auch eine besondere pädagogische Begabung haben. Dann gibt es einen theoretischen historischen Ballast vom pädagogischen Eros, der durchaus bei den Griechen zum Teil auch pädophil gefärbt war.“ (S. 250) Und: „Ich denke, jegliche Institution kann ein charismatischer Leiter so organisieren, dass sie auch primär seinem Triebbedürfnis dient. Das macht man meistens nicht an massiven Übergriffen fest, die stellt man häufig erst sehr sehr spät fest. Wenn man [Erving] Goffman genau liest, da findet man eigentlich die ganzen Mechanismen.“ (S. 258)

Hier wird die Blaupause eines Soziotops wie der OSO unter der Leitung eines Pädophilen wie Gerold Becker skizziert. Im Jahre 2001! Und wer wissen möchte, was es denn mit dem angesprochenen „theoretischen historischen Ballast vom pädagogischen Eros“ auf sich hat, die / der lese Schriften jenes Herman Nohl (https://de.wikipedia.org/wiki/Herman_Nohl), auf dessen Göttinger Lehrstuhl Hartmut von Hentig 1963 – 1987 saß und als dessen wahrer Schüler er sich erwies (vgl. Oelkers, 2016, S. 111-112). Bei solcher Lektüre könnte sie / er auf diese Passage stoßen: „Die Grundlage der Erziehung ist also das leidenschaftliche Verhältnis eines reifen Menschen zu einem werdenden Menschen, und zwar um seiner selbst willen, dass er zu seinem Leben und seiner Form komme.“ (Nohl, 1935, S. 169) Das lässt sich ganz wunderbar pervertieren! Von da zur Pädasterie ist ein theoretisch vielleicht großer, in praktischer Hinsicht indessen offensichtlich kleiner Schritt.

Die OSO war ja nicht die einzige nicht-kirchliche (sozial-)pädagogische Institution, die sich als idealer Soziotop für Kindesmissbrauch anbot. In der socialnet-Rezension von Jens Brachmanns „Reformpädagogik zwischen Re-Education, Bildungsexpansion und Missbrauchsskandal“ (Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 2015) heißt es völlig zutreffend: „Deutlich … wird, dass ein so komplexes, sensibles Thema wie die Missbrauchsskandale in einigen Reforminternaten in Deutschland und die Involvierung der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime in Deutschland in den Jahren 1947 bis 2012 nur als ‚prekäre Kulturgeschichte der Bundesrepublik unter dem thematischen Doppelbrennglas des Privatschulwesens und der Reformpädagogik‘ objektiv und kritisch bedacht werden kann.“ (www.socialnet.de/rezensionen/20141.php)

Fazit

Man sollte Hartmut von Hentig ernst nehmen in seinem schon oben referierten Wunsch: „Ich will eigentlich nur noch von meinen Freunden und meinen Feinden verstanden werden.“ (S. 12) Den einen wie den anderen muss man das vorliegende Buch nicht empfehlen; sie werden das Buch aus unterschiedlichen Interessen, aber wohl mit derselben lesen. Wenn man sich als Sozialpädagogin und Sozialpädagoge mit Fragen des sexuellen Missbrauchs in (sozial-)pädagogischen Institutionen beschäftigen und sich die Risiken und Gefahren ideologisierter Pädagogikkonzepte und bestimmter (sozial-)pädagogischer Institutionen vergegenwärtigen will, dann lese man (und frau) Jürgen Oelkers „Pädagogik, Elite, Missbrauch. Die ‚Karriere‘ des Gerold Becker“ (2016; socialnet-Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/20502.php).

Literatur

  • Fegert, J.M. & Thiersch, H. (2002). Gespräch. In J.M. Fegert & M. Wolff (Hrsg.), Sexueller Missbrauch durch Professionelle in Institutionen (S. 244-264). Münster: Votum.
  • Heekerens, H.-P. (2016). Rezension vom 10.05.2016 zu J. Oelkers (2016), Pädagogik, Elite, Missbrauch. Die „Karriere“ des Gerold Becker. Weinheim und Basel: Beltz Juventa. Online verfügbar unter www.socialnet.de/rezensionen/20502.php (letzter Zugriff am 12.05.2016).
  • Hentig, H. v. (2007a). Mein Leben – bedacht und bejaht. Kindheit und Jugend. München: Hanser (socialnet Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/5932.php [letzter Zugriff 12.05.2016]).
  • Hentig, H. v. (2007b). Mein Leben – bedacht und bejaht. Schule, Polis, Gartenhaus. München: Hanser (socialnet Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/5933.php [letzter Zugriff 12.05.2016]).
  • Nohl, H. (1935). Die pädagogische Bewegung in Deutschland und ihre Theorie. Frankfurt a. M.: Verlag Gerhard Schulte-Bulmke.
  • Oelkers, J. (2016). Pädagogik, Elite, Missbrauch. Die „Karriere“ des Gerold Becker. Weinheim und Basel: Beltz Juventa (socialnet-Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/20502.php [letzter Zugriff am 12.05.2016]).

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 04.07.2016 zu: Hartmut von Hentig: Noch immer Mein Leben. Erinnerungen und Kommentare aus den Jahren 2005 bis 2015. Was mit Kindern GmbH (Berlin) 2016. ISBN 978-3-945810-26-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20804.php, Datum des Zugriffs 18.08.2019.


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