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Christina Müller-Naevecke, Ekkehard Nuissl: Lernort Tagung

Cover Christina Müller-Naevecke, Ekkehard Nuissl: Lernort Tagung. Konzipieren, realisieren, evaluieren. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2016. 141 Seiten. ISBN 978-3-7639-5715-6. 19,90 EUR.
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Thema

Das Buch widmet sich dem Phänomen „Tagung“ mit der Zielsetzung eines „didaktischen Ratgebers“. Diese Ausrichtung stellt für Anne Strauch vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen in ihrem Vorwort ein Alleinstellungsmerkmal des Buches dar, wodurch die vorhandene Ratgeberliteratur zur Organisation von Tagungen erweitert werde. In der Tat bedienen sich die AutorInnen beim Titel des Buches sowie auch bei den ersten beiden Kapiteln einer explizit didaktischen Diktion („Die Tagung als Sozialform“; „Die Tagung als Lernort“).

Die Veröffentlichung erscheint in der Buchreihe „Perspektive Praxis“ des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung. Von daher liegt man richtig, wenn man von ihr keine ausführliche kategoriale Analyse des Themas erwartet – wenngleich aus der Perspektive der Allgemeinen Didaktik eine solche Analyse des erziehungs- und sozialwissenschaftlich kaum erforschten Tagungsgeschehens wünschenswert wäre.

AutorInnen

Die beiden AutorInnen des Buches kommen aus der Erwachsenenbildung. Christina Müller-Naevecke ist Diplom-Pädagogin und arbeitet als freiberufliche Moderatorin, Trainerin und Beraterin. Ekkehard von Nuissl von Rein ist Hochschullehrer und war bis zur Emeritierung Leiter des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung. Beide AutorInnen nehmen aktuell auch Lehraufträge an Universitäten wahr.

Aufbau

Das Buch ist übersichtlich gegliedert. Auf eine zweiseitige Einleitung, in der das Anliegen des Buches skizziert wird, folgen vier Kapitel:

  1. Die Tagung als Sozialform
  2. Die Tagung als Lernort
  3. Die Tagung als Weg
  4. War´s das? Nach der Tagung.

Nicht ganz so übersichtlich sind die Untergliederungen der einzelnen Kapitel. Der Textfluss selbst wird durch zahlreiche Kästen mit Checklisten, Tipps, Beispielen, Literaturempfehlungen sowie durch wohl motivierend gemeinte Karikaturen aufgelockert, man könnte aber auch sagen, unterbrochen.

Inhalt

In ihrer Einleitung heben die AutorInnen hervor, dass das Gelingen einer Tagung nicht allein von der Lösung organisatorischer Probleme abhängt, sondern auch von der Berücksichtigung dessen, was „man erziehungswissenschaftlich als ‚Didaktik‘ bezeichnen kann“ (S. 9). Die Formulierung der AutorInnen erweckt indessen den Anschein, dass sie sich der Einordnung ihres Vorhabens nicht völlig sicher sind. Die Unsicherheit kehrt einige Absätze später wieder, wenn trotz der didaktischen Perspektive konzediert wird, dass die zentralen didaktischen Kategorien, „Inhalt und Methode, diskutiert man sie abstrakt, schwer zu fassen“ sind (S. 10). Diese Einschränkung, die selbstverständlich auch für andere didaktische Großformen gilt, wird in der Regel durch ausführliche exemplarische Darstellungen zu lösen versucht. Der Einleitung zufolge begnügt sich das vorliegende Buch jedoch mit dem Formulieren von „Leitlinien“ und „Checklisten“.

Das erste Kapitel erklärt die Tagung zur eigenständigen Sozialform, die gewissermaßen neben die aus der Allgemeinen Didaktik bekannten und in Tagungen selbst genutzten Lern- und Lehrformen gestellt wird. Diese Idee ist innovativ und verweist auf die Wichtigkeit, sich mit der Rolle der sozialen Akteure und deren Interaktion auf Tagungen explizit auseinanderzusetzen. Jeweils kurz skizziert werden in dem Kapitel die Aufgaben der Veranstaltungsorganisation, des Konzeptionsteams, des Organisationsteams, der Mitarbeitenden der Tagungsstätte, der Referentinnen und Referenten, der Moderierenden, der Teilnehmenden und der Öffentlichkeit. Die Kooperation dieser Akteure und die zentrale didaktische Qualität einer Tagung finden vor allem in der Planung der Tagung, in den geplanten Inhalten und Methoden sowie den erwarteten Ergebnissen ihre Konkretisierung. Man hätte gerne mehr über die Kooperations- und Kommunikationsformen erfahren. Stattdessen nehmen in dem Kapitel tagungsorganistorische Fragen wie räumlich-zeitliche Entscheidungen oder finanzielle Planungen quantitativ den größten Raum ein. Damit werden sicherlich zentrale Punkte dieser „Sozialform“ angesprochen, aber eben keine didaktischen.

Das zweite Kapitel greift den Haupttitel des Buches, „Lernort Tagung“, auf und kann als inhaltlich zentraler Abschnitt des Buches gelten. Es beginnt mit einer doppelten Aussage der AutorInnen: Tagungen seien „multifunktionale Ereignisse“, sie seien „immer“ auch ein Lernort (S. 57). Der erste Teil der Aussage ist zweifellos korrekt, wenn man an das Spektrum von Tagungen denkt, die von Werbeveranstaltungen bis zu regelmäßigen Konferenzen hochspezialisierter Experten reichen. Bei der generellen Kennzeichnung von Tagungen als Lernort handelt es sich dagegen um eine hypothetische Behauptung, die die AutorInnen mit ihrem Buch zu belegen versuchen.

Die AutorInnen tun dies im ersten Abschnitt des zweiten Kapitels, indem sie Tagungen als dramaturgisches Geschehen betrachten. Aufgabe des Tagungsmanagements ist es demnach, einen „didaktischen Spannungsbogen“ herzustellen: „Er bewegt sich vom zu entwickelnden Problem über Facetten seiner Lösung hin zu einer (Auf-)Lösung, die zumindest für den Fall überzeugt und Bestand hat“ (S. 60). Die Notwendigkeit, einen solchen Spannungsbogen bei Tagungen zu erzeugen, begründen die AutorInnen neuropsychologisch bzw. konstruktivistisch, indem sie vom „gehirngerechten Tagen“ sprechen und einzelne, dafür geeignete Prinzipien aufzählen. Gerne hätte man sich längere Beschreibungen darüber gewünscht, wie etwa bei thematisch und organisatorisch unterschiedlichen Tagungen Prinzipien wie „Emotionen wecken“ oder „Aha-Effekt anstreben“ erfolgreich realisiert werden bzw. wurden. Um solche Beispiele zu finden, muss man jedoch die angeführte weiterführende Literatur inspizieren. Wie man in weiteren Abschnitten des Kapitels über die „Rahmungen“ einer Veranstaltung erfährt (S. 64 ff.), sind die genannten didaktischen Aufgaben zentral mit der Moderation bzw. mit den Moderierenden der Tagung verknüpft. Moderationsmethoden und Ablaufgestaltung bei inhaltlicher Neutralität und personenbezogener Neutralität werden als das Instrumentarium genannt, über das die Moderierenden verfügen müssten.

Im Zusammenhang mit den Dokumentationsaufgaben wird auch auf neuere Tagungsformen wie Edu- oder BarCamps verwiesen. Man hätte jedoch diese Formen besser in den nachfolgenden Abschnitten des Kapitels über Sozialformen und Kommunikationsformen mit behandelt. Man erfährt in diesen Abschnitten einerseits etwas über didaktisch angezeigte Abstimmungen von Plenum, Gruppen- und Einzelarbeit, andererseits über die in der Erwachsenenbildung etablierten kommunikativ-didaktischen Methoden wie Murmelgruppe oder World Café. Außerdem wird diskutiert, wie traditionelle, eher monologische Tagungselemente, u.a. Keynotes oder Vortragsvarianten (wissenschaftlicher Vortrag, Vortrag und Kommentar, Streitgespräch, Interview) in einer didaktisch anspruchsvollen und ansprechenden Weise berücksichtigt bzw. modifiziert werden können. Im letzten Abschnitt des zweiten Kapitels werden – etwas unvermittelt – sowohl organisatorische als auch didaktische Fragen angeschnitten, die mit der (zunehmenden) Internationalität von Tagungen zusammenhängen (angefangen vom Vorbereitungsaufwand bis zur Differenzierung der Evaluation).

Das dritte Kapitel des Buches widmet sich dem Tagungsablauf. Darin werden vornehmlich organisatorische Aufgaben behandelt, die von der Übernachtung und Verpflegung bis zur Erstellung von Tagungsunterlagen reichen. In diesem Zusammenhang werden psychosoziale Aspekte besonders beachtet. Es werden verschiedene Sitzordnungen in Vor- und Nahteilen vorgestellt und auch die Planung und die Gestaltung von Pausen und Abenden relativ ausführlich behandelt.

Das letzte, relativ kurze Kapitel beschäftigt sich mit den Aufgaben, die nach Beendigung einer Tagung zu bearbeiten sind. Sie dient der Reflexion des Tagungsverlaufs. Dazu gehören nach der Darstellung der AutorInnen der Tagungsbericht, die Auswertung der am Ende der Tagung erfolgten Evaluation sowie Überlegungen über ein mögliches Tagungs-Follow-up. Hervorzuheben sind die Hinweise über Verfahren der Zwischenevaluation einzelner Tagungselemente; genannt werden u.a. Blitzlichtprotokolle, die Audience Response Technology. Um diese Methoden tatsächlich anwenden zu können, muss allerdings weiterführende Literatur herangezogen werden.

Diskussion

Die AutorInnen versuchen die didaktische Dimension von Tagungen hervorzuheben, die in der Multifunktionalität von Tagungen enthalten ist, indem sie diese als Lernorte behandeln und entsprechende methodische Hinweise geben sowie zahlreiche Tipps und Checklisten darbieten, die zum großen Teil aus der Erwachsenenbildung und speziell dem Projektmanagement abgeleitet sind. Da die Durchführung von Tagungen oft organisatorische Herausforderungen darstellen, lässt es sich auch im vorliegenden Buch nicht vermeiden, dass die pädagogischen Aspekte in organisatorische Themen eingebettet sind oder hinter solche Fragen zurücktreten.

Die Multifunktionalität von Tagungen und deren Eigenheit, bisweilen lediglich inzidentelle Lernprozesse zu befördern und nicht immer informelle, selten formelle Lerngelegenheiten zu bieten, lassen die kritische Frage zu, ob eine didaktische Fundierung dem Tagungsgeschehen gerecht wird. Hinzu kommt, dass Bemerkungen der AutorInnen wie „Eine gelungene Veranstaltung würdigt man als Veranstalter und vor allem als Tagungsteam – am besten mit einem Glas Sekt oder entsprechend Nicht-Alkoholischem“, zwar für Tagungen relevant sein mögen, jedoch in einer didaktischen Abhandlung fehlplatziert sein dürften. Es fragt sich nicht nur deswegen, sondern wegen der erwähnten Multifunktionalität, ob eine kommunikationstheoretische Fundierung für das Tagungsgeschehen angemessener wäre als die angestrebte didaktische. Allerdings wäre auch das Gelingen eines solchen modifizierten Vorhabens fraglich, da auch hierfür eine hinreichende sozialwissenschaftliche Tagungsforschung Voraussetzung wäre.

Bei der unzureichenden Forschungslage ist es aber zweifellos anzuerkennen, dass das Buch nicht nur viele methodische Hinweise zur Tagungsgestaltung gibt (und knappe Begründungen für ihre Anwendungsmöglichkeiten und -grenzen liefert), sondern auch didaktische Fragen in vermeintlich organisatorischen Abläufen und Fragestellungen aufzeigt. Aber aus allgemein didaktischer Hinsicht genügt es nicht, Tagungsprozesse lediglich unter der Form eines „Spannungsbogens“ zu betrachten und mit wenigen implizit konstruktivistischen Aussagen zu begründen. Auch die kurzen Beispiele, die zu einzelnen Punkten der Abhandlung in grau unterlegtem Kasten-Layout hervorgehoben werden (z.B. „Wachmacher“-Methoden, S. 96/97, oder Formen von „Kleinevaluationen“, S. 121), können nur annähernd das Tagungsgeschehen veranschaulichen. Wie man aus didaktischen Lehrbüchern anderer didaktischer Großformen kennt (z.B. der Projektmethode) kennt und um den LeserInnen ein realistisches Bild von Tagungen zu zeichnen, wäre es angezeigt gewesen, neben allgemein gehaltenen didaktisch-methodischen Aussagen und Empfehlungen einige pädagogische gestaltete, gelungene Tagungsverläufe ausführlich zu beschreiben und zu analysieren.

Fazit

Das Buch betrachtet Tagungen unter didaktischer Perspektive. Es wendet sich als Ratgeber an die Planenden/Durchführenden/Moderierenden einer Tagung. Für diesen Zweck werden zahlreiche Beispiele, Checklisten und Tipps zu den einzelnen Fragestellungen in den Text eingestreut. Weiterführende Literaturempfehlungen finden sich ebenfalls zu einzelnen Abschnitten, deren Lektüre zumindest für den Anfänger in Sachen Tagungsmanagement notwendig ist, will man die knapp gehaltenen Empfehlungen in die Tat umsetzen.

Die Ausführungen überzeugen als eine Grundlegung der Tagungsdidaktik allerdings nur bedingt, was die AutorInnen selbst zu bemerken scheinen, wenn sie sich im letzten Satz ihres Textes für eine Neuauflage wünschen, dass „aus unserem Büchlein in Zukunft noch ein richtiges Buch“ wird (S.127).


Rezensent
Prof. Dr. Paul Walter
Universität Bremen. Bildungsforscher
Homepage www.paul-walter-forschung.de
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Zitiervorschlag
Paul Walter. Rezension vom 13.06.2016 zu: Christina Müller-Naevecke, Ekkehard Nuissl: Lernort Tagung. Konzipieren, realisieren, evaluieren. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-7639-5715-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20805.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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