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Tanja Henking, Jochen Vollmann (Hrsg.): Zwangsbehandlung psychisch kranker Personen

Cover Tanja Henking, Jochen Vollmann (Hrsg.): Zwangsbehandlung psychisch kranker Personen. Ein Leitfaden für die Praxis. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2015. 121 Seiten. ISBN 978-3-662-47041-1. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Thema

Durch Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesgerichtshof in den Jahren von 2011 bis 2013 wurden die bisher gültigen gesetzlichen Grundlagen zur Zwangsbehandlung psychisch Kranker in Teilen als mit der Verfassung nicht vereinbar bewertet. Dies betraf sowohl die entsprechenden Bestimmungen der meisten Landesgesetze, die die öffentlich rechtliche Unterbringung und Zwangsbehandlung regelten als auch die maßgeblichen Bestimmungen des bundeseinheitlich geregelten Betreuungsgesetzes. Dies führte zu großer Rechtsunsicherheit sowohl für die Patienten als auch für die in der psychiatrischen Praxis Tätigen. Während der Bundesgesetzgeber 2013 eine neue gesetzliche Grundlage der Zwangsbehandlung geschaffen hat, steht die Revision der in der Verantwortung der Bundesländer liegenden Psychisch-Kranken Gesetze in einigen Bundesländern noch aus.

Herausgeberin und Herausgeber

Die Rechtsanwältin und Fachanwältin für Medizinrecht Tanja Henking und der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Jochen Vollmann, beide tätig am Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin der Ruhr- Universität Bochum geben zusammen mit vier weiteren Autoren in diesem Leitfaden einen aktuellen Überblick über den Diskussions- und Forschungsstand zum Thema Zwangsbehandlung und Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an Psychiater, Psychologen, Pflegekräfte, Sozialarbeiter, Betreuer und alle Mitarbeiter psychiatrischer Dienste, die täglich im Spannungsfeld von Autonomie und Behandlungsnotwendigkeit und Sicherung arbeiten. Die Autoren des Werkes wollen mit diesem Leitfaden durch Vermittlung fundierter Kenntnisse einerseits Rechtssicherheit für alle Beteiligten schaffen und darüber hinaus eine ethische Reflexion anregen, die den Umgang mit Zwangsbehandlungen psychisch Kranker weiterentwickeln soll.

Aufbau und Inhalt

Das erste Kapitel „Zwangsmaßnahmen aus der Perspektive der klinischen Psychiatrie: Evidenz und Good Clinical Practice“ führt in die grundsätzliche Problematik von Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie ein. Es befasst sich mit Fragen, warum gerade in der Psychiatrie Zwangsmaßnahmen in der Behandlung überhaupt eine Rolle spielen, inwieweit solche Maßnahmen überhaupt wirksam sein können und wie sie von den betroffenen Patienten erlebt werden. Dabei werden auch empirische Erkenntnisse aus internationalen Studien berichtet.

Das zweite Kapitel „Unterbringungen und Zwangsbehandlungen in Zahlen“ referiert die derzeit verfügbaren epidemiologischen Erkenntnisse zu Zwangsunterbringung und Zwangsbehandlung in Deutschland und in anderen europäischen Ländern. Dabei ist insbesondere auf zwei bedeutsame Ergebnisse hinzuweisen: 1. Es besteht erheblicher Forschungsbedarf auf diesem Gebiet, denn die epidemiologischen Forschungsbefunde sind eher spärlich. 2. Bemerkenswert sind die nicht unerheblichen Unterschiede der Raten und Quoten zur Zwangsbehandlung und Zwangsunterbringung sowohl in den einzelnen Bundesländern als auch im europäischen Vergleich.

Im dritten Kapitel „Rechtliche Rahmenbedingungen“ findet sich eine an den Bedürfnissen des Praktikers ausgerichtete Darstellung der wichtigsten gesetzlichen Regelungen einer Zwangshandlung. Im Praxisalltag häufig verwendete Begriffe wie Selbstbestimmungsrecht und Selbstbestimmungsfähigkeit, Geschäftsunfähigkeit, freier und natürlicher Wille, Schuldunfähigkeit oder Behandlung der Anlasserkrankung bzw. einer interkurrenten Erkrankung werden präzise und sehr gut verständlich definiert und erklärt. Dargestellt werden die unterschiedlichen Verfahren und Regelungen der Unterbringung und Zwangsbehandlung nach dem Betreuungsrecht und dem öffentlichen Recht. Die rechtlichen Voraussetzungen einer Zwangsbehandlung werden gut verständlich erklärt. Immer häufiger haben Patienten mittlerweile auch eine Patientenverfügung. Deren Bedeutung sowie deren Stellenwert im Kontext von Zwangsunterbringung und Zwangsbehandlung wird erörtert.

Im vierten Kapitel „Überlegungen aus klinisch-ethischer Perspektive“ finden sich sehr differenzierte ethische Überlegungen zur grundsätzlichen Zulässigkeit von Zwangsmaßnahmen, eine Darstellung des ethischen Spannungsfeldes zwischen ärztlichen Pflichten und Patientenrechten sowie der Möglichkeiten der Kontroll- und Gestaltungsmöglichkeiten von Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie.

Fazit

Durch Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesgerichtshofs in den letzten Jahren ist bei dem Thema „Zwangsbehandlung“ in der Psychiatrie eine erhebliche Unsicherheit aufgetreten, da die bisherige Praxis und deren gesetzlichen Grundlagen plötzlich nicht mehr gültig waren. Das vorliegende Werk befasst sich umfassend mit allen rechtlichen und ethischen Facetten der Zwangsbehandlung im Bereich der Allgemeinpsychiatrie. Darüber hinausgehende Probleme, die in diesem Kontext im Bereich der Forensischen Psychiatrie oder der Kinder- und Jugendpsychiatrie vorkommen, werden aus gutem Grunde explizit ausgespart, da sie den Rahmen eines praxisorientierten Leitfadens sprengen würden.

Die Intention der Herausgeber dieses Leitfadens – einerseits einen fundierten Überblick über die derzeit gültigen rechtlichen Rahmenbedingungen der Zwangsbehandlung in der Allgemeinpsychiatrie zu geben und andererseits eine ethische Reflexion zu dieser Thematik anzuregen – ist in hervorragender Weise umgesetzt worden. Die Lektüre des Buches verschafft einen schnellen und präzisen Überblick und gibt konkrete Handlungsanleitungen. Sie ist allen in der Allgemeinpsychiatrie Tätigen wärmstens zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Harald Dreßing
Arzt für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie - Sozialmedizin / Rehabilitationswesen - Schwerpunkt Forensische Psychiatrie (DGPPN-Zertifikat)
Leiter des Bereichs für Forensische Psychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim
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Zitiervorschlag
Harald Dreßing. Rezension vom 30.05.2016 zu: Tanja Henking, Jochen Vollmann (Hrsg.): Zwangsbehandlung psychisch kranker Personen. Ein Leitfaden für die Praxis. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2015. ISBN 978-3-662-47041-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20819.php, Datum des Zugriffs 19.12.2018.


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