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Claudia Burkhardt-Mußmann, Frank Dammasch (Hrsg.): Migration, Flucht und Kindesentwicklung

Cover Claudia Burkhardt-Mußmann, Frank Dammasch (Hrsg.): Migration, Flucht und Kindesentwicklung. Das Fremde zwischen Angst, Trauma und Neugier. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2016. 272 Seiten. ISBN 978-3-95558-169-5. 24,90 EUR.
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Thema

Die Entscheidung, das eigene Herkunftsland zu verlassen, treffen Individuen nicht unabhängig von ihrer familiären und sozialen Situation, wobei die Gründe und Ziele sehr verschiedenartig sind: Manche werden durch Krieg, politische oder religiöse Verfolgung gezwungen ihr Land zu verlassen, andere entfliehen wirtschaftlicher Not. Zudem gibt es die Übersiedlung von Menschen, deren Vorfahren einst aus Deutschland in eine neue Heimat aufgebrochen waren und in der Nachfolgezeit brutale Verfolgungen und Zwangsumsiedlungen erleiden mussten.

Auch wenn die Wanderung als eine aktive individuelle Entscheidung erscheinen mag, Migration ist zugleich als ein Leiden und als ein intentionaler Akt zu verstehen, sie offenbart Selbst- und Fremdbestimmung: Ein Akt der Selbstbestimmung bei gleichzeitigem Ausgeliefertsein an soziale Strukturen und gesellschaftliche Ereignisse. Und, haben sich die Eltern für die Wanderung vielleicht frei entscheiden können, so gilt dies für die Kinder nicht. Sie haben zu folgen und sind häufig mit dem expliziten elterlichen Beweggrund konfrontiert, dass diese migrieren um ihnen, ihren Kindern, eine bessere Lebensperspektive zu eröffnen. Sie werden zu Hoffnungsträgern der Eltern, eine Situation mit vielfältigen psychischen und sozialen Fallstricken. Die Autor/innen befassen sich mit multiplexen Facetten schmerzhafter, enttäuschender aber auch traumatischer Auswirkungen von Flucht und Migration auf das Aufwachsen von Kindern und geben erste Antworten auf Möglichkeiten einer respektvollen und unterstützenden psychosozialen Praxis.

Herausgeberin und Herausgeber

Claudia Burkhardt-Mußmann, analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin, Supervisorin, Dozentin am Anna-Freud-Institut und an der Goethe-Universität Frankfurt a.M., seit 2014 fachliche Leitung von Jasmin – zwischen Traum und Trauma. Zur Unterstützung früher Mutterschaft von Flüchtlingen.

Frank Dammasch, Prof. Dr., Dipl. Soz,. Dipl. Päd., analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut, Kontrollanalytiker, Supervisor am Anna-Freud-Institut Frankfurt a.M., Hochschullehrer an der Frankfurt UAS.

Entstehungshintergrund

Zum wiederholten Male fand 2015 eine öffentliche Vortragsreihe zum Thema „Migration, Flucht und Kindesentwicklung“ in Frankfurt statt. Diese Vorträge sind, ergänzt durch weitere Beiträge, in diesem Band aufgenommen. Veranstaltet wird diese Vortragsreihe vom Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Frankfurter University of Applied Scienses, gemeinsam mit dem Anna-Freud-Institut und dem Brandes & Apsel Verlag.

Aufbau

Die Strukturierung des Bandes erfolgt durch eine Dreiteilung,

  1. Beratung und Therapie (7 Beiträge)
  2. Kultur (3 Beiträge)
  3. Forschung (3 Beiträge),

wobei die faktische Verwobenheit dieser drei Blickrichtungen in allen Aufsätzen erkennbar bleibt.

Zu Teil 1

Der ersten Teil des Bandes „Beratung und Therapie“ wird durch den Beitrag von Patrick Meurs und Gül Jullian mit dem Titel „Entwicklungsberatung für Familien mit Kleinkindern aus verschiedenen Migrationswellen“ eröffnet. Die Autor/innen informieren über ausgewählte Studien zur Frühprävention für traditionelle ökonomische Migranten und neuere Flüchtlingsfamilien und haben dabei vor allem die negativen Wirkungen von Armutslagen auf das Aufwachsen der Kinder von Migranteneltern im Blick. Anschaulich zeigen sie u.a., dass Gruppenarbeit mit den Eltern ihnen Chancen der Selbstwirksamkeitserfahrungen eröffnen, die sich positiv auf die Kindesentwicklung auswirken.

Marianne Rauwald thematisiert in „Wenn die Welt der Eltern erschüttert ist.“, die Bedingungen des Aufwachsens der Kinder mit Eltern, die Flucht und Migration erleben mussten. Sie zeigt eindrücklich, wie traumatische Erfahrungen als unverdaute und unerträgliche Erfahrungen in das Seelenleben insbesondere noch sehr jungen Kinder wirkmächtig eindringen.

Renate Wiedmann-Tipoweiler stellt mit ihrem Beispiel „Ein Baby, das die Mutter sucht“, ausschnitthaft einen Fall aus dem Projekt ‚Jasmin – zwischen Traum und Trauma‘ dar, in dem eine „Flüchtlings-Mutter“ und ihr Kind sich durch sensible psychoanalytische Interventionen gegenseitig (lustvoll) entdecken konnten.

Mit dem Text „Deutschland ­- das war für uns gleichbedeutend mit Schokolade“, eine Aussage einer Jugendliche aus Kasachstan, vermittelt Heidemarie Eickmann den Leser/innen einen subtilen Einblick in ihre Überlegungen zur analytischen Psychotherapie und formuliert einige hilfreiche Hypothesen für die professionelle Praxis mit Russlanddeutschen.

Auch Ilgin Odag-Wieacker thematisiert in differenzierter Weise „Schwierigkeiten in der Identitätsbildung bei Kindern und Jugendlichen in Folge der Migration ihrer Elterngeneration“ und zeigt die Chancen auf, Entwicklungswege mit den Kindern/Jugendlichen zu erarbeiten, die in Verbundenheit mit den familiären Werten der Herkunftskultur stehen.

Sabine Vogel stellt sich die Frage „Psychoanalytisches Arbeit mit Flüchtlingen?“ und beantwortet diese informiert und anschaulich, indem sie das Potenzial einer psychoanalytischen Praxis hervorhebt, die sich auch zum Ziel setzt, dass ihre Adressat/innen, trotz kultureller, transgenerationeller und gesellschaftlicher Schwierigkeiten, zu Protagonist/innen ihrer eigenen Geschichte werden (dürfen).

„Über die traumatischen Auswirkungen der Migration am Beispiel der Kofferkinder“ informiert Aglaia Karatza-Meents entlang einiger Ausschnitte aus einer psychoanalytischen Behandlung über die Tragweite der überfordernden, schmerzhaften Trennungs- und Verlassenheitserfahrungen von Kindern, die zwischen dem Heimatort und dem Einwanderungsland hin und her geschickt wurden. Erfahrungen, die gerade nicht verbalisiert sondern ‚szenisch‘ – sowohl im Alltag als auch in der Behandlungspraxis – zur Darstellung gebracht und in ihrem Sinn „verstanden“ werden müssen.

Zu Teil 2

Der zweite Teil des Bandes mit der Überschrift „Kultur“ beginnt mit einem Beitrag von Mario Erdheim „Migration, Trauma und die soziokulturelle Integration von Flüchtlingen“. Seine Ausführungen sind als ein Plädoyer zu lesen, bei der Frage nach einer Integration fremder Menschen in die Gesellschaft den Aspekt der Traumatisierung (des aus der Welt und des Selbst gefallen seins) nicht aus den Augen zu verlieren. Auf der Basis, dass der Kern soziokultureller Integration das Zusammengehörigkeitsgefühl ist, provoziert der Autor durch die Skizzierung eines „fremden Denkmodells zur Traumaproblematik“ die Leser/innen eindringlich, unsere gängige westliche Wahrnehmung auf Integrationsprobleme in Frage zu stellen.

Claudia Burkhardt-Mußmann formuliert in ihrem Aufsatz „Tradition, Brüche und frühe Elternschaft“ einige gehaltvolle Hypothesen zur ‚kulturellen Determiniertheit frühester Beziehungsgestaltungen‘ und illustriert entlang verschiedener Fallvignetten die Potenz aber auch Grenzen von psychoanalytisch orientierten Mutter-Kind-Gruppen, die für die Besucherinnen als „Räume die Halt geben“ erlebt werden können.

„Psychische Konflikte der Postmigranten-Generation“ ist das Thema von Mahrokh Charlier, die differenziert und feinsinnig jene Kinder und Jugendliche in den Blick nimmt, die nicht selber migriert sind aber in einem „provisorischen Zuhause“ aufwuchsen, da die Eltern die Hoffnung hatten, in ihre Heimat zurückkehren zu können. Entlang zweier Vignetten zeigt sie auf, wie sich u.a. die vermiedene Trauer der Eltern auf die kulturelle Orientierung der Kinder und insbesondere in der Entwicklungsphase der Adoleszenz erschwerend auswirken können.

Zu Teil 3

Der dritte Teil des Bandes vereint drei Beiträge zur psychoanalytisch orientierten „Forschung“ auf das in Rede stehende Thema „Migration, Flucht und Kindesentwicklung“.

Ute Schaich gibt in ihrem Beitrag „Übergänge gestalten – Eingewöhnung in die Kinderkrippe aus interkulturelle Sicht“ einen Überblick über aktuelle Diskurse um Wirkungen und Qualität der Krippenerziehung, ermöglicht den Leser/innen einen bildhaften Einblick in ihre Forschungsergebnisse über Eingewöhnungsverläufe von Kindern aus Migrantenfamilien und formuliert gehaltvolle Schlussfolgerungen für die pädagogische Praxis.

„Die Entwicklung des kleinen Jungen in einer ‚modernen traditionellen türkischen Familie‘“ ist das Erkenntnisinteresse von Frank Dammasch, dem er u.a. in einem Forschungsprojekt mit Studierenden der Sozialen Arbeit nachgeht. Die Beobachtungen der Studierenden von bildungsnahen und reflektierten türkischen Familien zeigen, dass jene Familien, die sich auf dieses Projekt eingelassen haben, gut gelungen traditionell kulturelle oder religiöse Werte mit den Anforderungen und Werten der Moderne ausbalancieren können, wobei – so ein Ergebnis – das Thema ‚mögliche Homosexualität‘ des Sohnes vermieden bzw. abgelehnt würde.

Marian Kratz und Hannah Schott-Leser untersuchen in ihrem Beitrag „Zum Risiko unbewusster Dynamiken im Ehrenamt“, die auch unbewusste Laien-Helfer-Dynamik am Beispiel einer Sequenzanalyse eines Interviews mit einem Ehrenamtlichen. Erfrischend klar positionieren sie sich gegen einen Missbrauch bürgerschaftlichen Engagement, um bundespolitisches Versagen zu verschleiern und fordern mehr verpflichtende, fachliche Unterstützung für Laienhelfer/innen, um vor dem Hintergrund der Wahrscheinlichkeit einer zirkulären Reproduktion traumatischer Szenen sowohl die Helfer/innen wie die Flüchtlinge besser zu schützen.

Diskussion und Fazit

Nicht erst seitdem die Themen Flucht, Migration und Trauma zu einer regelrechten ‚Modewelle‘ auch in den Printmedien wurden, haben sich die Autor/innen, die in diesem vorliegenden Band gut informiert und sensibel zu Wort kommen, sich jener Menschen angenommen, die aufgrund vielfältiger Irritationen und Leidensprozesse um psychosoziale Unterstützung nachfragen (müssen). Gemeinsam ist den Autor/innen in Theorie und Praxis eine (nicht klinisch fixierte) psychoanalytische Perspektive auf die Kindesentwicklung in Flüchtlings- und Migrationsfamilien. So ist es Claudia Burkhardt-Mußmann und Frank Dammaschgut gelungen, einige interessante Facetten der aktuellen Thematik „Migration und Flucht“ in ihren Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung in einer konsequent psychoanalytisch-sozialwissenschaftlichen Perspektive gehaltvoll darzustellen. Getragen werden die vielfältigen Überlegungen von dem Wissen, dass eine Begegnung mit einer fremden Kultur das eigene sonst selbstverständliche Gefühl von Orientierung und Sicherheit im zwischenmenschlichen Umgang erschüttern, Ängste vor einer Überflutung durch das Unbekannte, Fremdpsychische freisetzen und/oder zugleich verführende Faszination auslösen können. Dass diese psychischen Reaktionen gleichermaßen für beide Seiten der Beteiligten wahrscheinlich sind, macht ja bereits der Untertitel des Bandes „das Fremde zwischen Angst, Trauma und Neugier“ deutlich – eine Perspektive, die sowohl für die Praxisebene der Beratung/Psychotherapie, der kulturtheoretischen Überlegungen wie in Forschungskontexten Gültigkeit hat.

Mit unterschiedlichen Fragestellungen in differenten Problemfeldern eröffnen die Autor/innen den Leser/innen einen feinsinnigen Blick auf die je subjektive Dimension der Lebens- und Leidenserfahrungen von Menschen und zeigen, wie die Begegnung mit dem Fremden, dem Unerwarteten und Neuen zu Interesse und Neugier führen kann, aus denen sich für alle Beteiligten anregende Reflexionsprozesse ergeben können. Voraussetzung dazu ist es, Erfahrungen von Differenzen und Grenzen nicht zu negieren, zu nivellieren oder gar zu verteufeln, sondern einen Versuch des Dialogs zu wagen. Dabei wird die Voraussetzung betont, für die Wahrnehmung und das Verstehen kulturspezifischer Unterschiede offen zu bleiben, um immer wieder erneut eine Balance zwischen kulturellen fremden und eigenen Besonderheiten zu finden.

Ein Sammelband, der gleichermaßen Psychotherapeut/innen, Sozialpädagog/innen, Lehrer/innen und Mediziner/innen zu empfehlen ist, aber auch für all jene ein Gewinn ist, die den drängenden Fragen der Auswirkungen von Migration und Trauma auf die kindliche Entwicklung – aber auch auf die Helferszenen – nicht ausweichen wollen.


Rezensentin
Prof. Dr. Margret Dörr
Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt „Theorie Sozialer Arbeit, Gesundheitsförderung“ an der Katholischen Hochschule in Mainz.
Arbeitsschwerpunkte: ‚Biographieforschung,‘ ‚Psychoanalytische (Sozial)Pädagogik‘, ‚Klinische Sozialarbeit‘‚Abweichendes Verhalten und Psychopathologie‘.
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Zitiervorschlag
Margret Dörr. Rezension vom 15.03.2017 zu: Claudia Burkhardt-Mußmann, Frank Dammasch (Hrsg.): Migration, Flucht und Kindesentwicklung. Das Fremde zwischen Angst, Trauma und Neugier. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2016. ISBN 978-3-95558-169-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20821.php, Datum des Zugriffs 14.12.2019.


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