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Marion Felder, Katrin Schneiders: Inklusion in der Sozialen Arbeit

Cover Marion Felder, Katrin Schneiders: Inklusion in der Sozialen Arbeit. Herausforderungen für die Soziale Arbeit. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2016. 144 Seiten. ISBN 978-3-7344-0327-9. D: 9,80 EUR, A: 10,10 EUR.
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Thema

Das Grundlagenbuch zum Thema Inklusion befasst sich mit der grundsätzlichen Debatte um Inklusion, der historischen Entwicklung des Inklusions-Paradigmas, der Klärung von Begriffen und ihren rechtlichen und strukturellen Rahmenbedingungen. Der Fokus wird auf die Inklusion von Menschen mit Behinderung gelegt. Verfolgt wird dabei ein Verständnis von Behinderung und Inklusion, das sich nach Meinung der Autorinnen nicht unreflektiert in höchst bedeutsame Diversitätsdiskurse für inklusive Bildung und Erziehung wie Gender/Rasse/Kultur einreihen lässt. Den Aspekt der Behinderung betrachten die Autorinnen daher eigenständig, da sie sonst die Gefahr sehen, dass Behinderung zu einem beliebigen und relativierenden Begriff werden könnte. Die Autorinnen wollen damit auch einer „Trivialisierung“ (S. 9) der Situation von Menschen mit Behinderung entgegenwirken. Besonderes Augenmerk legen sie dabei auf die Kontroverse, ob das Paradigma der Inklusion Sondereinrichtungen überflüssig macht bzw. sogar verbietet. Der Titel ‚Inklusion kontrovers‘ weist auf diese Debatte hin.

Der Band richtet sich vor allem an Studierende und Praktiker_innen der Sozialen Arbeit aber auch an verwandte Professionen. Die Fähigkeit, englische Originalzitate zu verstehen und in den fachlichen Diskurs einordnen zu können, wird vorausgesetzt.

Autorinnen

Die Autorinnen lehren beide im Fachbereich der Sozialwissenschaften an der Hochschule Koblenz. Marion Felder lehrt zu Inklusion und Rehabilitation, Katrin Schneiders lehrt Wissenschaft der Sozialen Arbeit mit dem Schwerpunkt Sozialwirtschaft.

Entstehungshintergrund

Das Buch gehört zur Reihe Grundlagen Sozialer Arbeit des Wochenschau Verlags, eine Reihe, die kompakte, wissenschaftliche Grundlagen speziell für das Bachelor- und Masterstudium anbietet.

Aufbau

Das Buch ist in acht Kapitel aufgeteilt.

Nach einer Einleitung folgen sechs Kapitel, die Inklusion aus verschiedenen Blickwinkeln, historisch, sozialwissenschaftlich, (menschen-) rechtlich, empirisch und aus der Professionsperspektive Sozialer Arbeit betrachten. Abgeschlossen wird der Band mit einem Fazit.

Inhalt

In der Einleitung wird Inklusion als neues Paradigma der Sozialpolitik eingeführt. Sozialer Arbeit wird dabei eine wesentliche Rolle in der Umsetzung des Paradigmas zugewiesen.

Im zweiten Kapitel historische Entwicklung und Debatten wird der Begriff Inklusion zuerst historisch über Prozesse der Exklusion, der Segregation und der Integration eingeführt. Im Besonderen wird hierbei auf die schulische Segregation von Menschen mit Behinderungen und auf Aspekte sozialer Integration seit den 1960er Jahren in den USA, in Großbritannien und in der Bundesrepublik eingegangen und diese kritisch betrachtet. In Zusammenhang mit dem Paradigma der Inklusion wird auf die 1994 verabschiedete Salamanca-Erklärung und auf den ins Deutsche übersetzte Index für Inklusion von Andreas Hinz und Ines Boban eingegangen. Wichtige Gesetze im Zusammenhang mit Inklusion wie das SGB IX, das Behindertengleichstellungsgesetz, das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG) sowie die Behindertenrechtskonvention (BRK) werden kurz referiert. Die zentralen Konzepte moderate und radikale Inklusion werden mit dem angelsächsischen Begriffspaar Inclusion und Full Inclusion eingeführt. Die Autorinnen positionieren sich dabei klar zu einem Inklusionsverständnis, das sich verantwortungsvoll an den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderungen orientiert. Dabei vertreten sie ein interaktionales und multidimensionales Modell von Behinderung. Full Inclusion wird dabei kritisch betrachtet, da dieses Modell mit dem bestehenden Gesellschafts- und Wirtschaftssystem nicht zu vereinbaren sei. In Tabelle eins wird die Abgrenzung zwischen Full Inclusion und Inclusion am Ende des Kapitels zusammengefasst.

Im dritten Kapitel Inklusion aus soziologischer, bildungspolitischer und sozialrechtlicher/sozialwirtschaftlicher Perspektive wird der Inklusionsbegriff zuerst aus soziologischer Perspektive erläutert. Die Autorinnen nehmen eine Begriffsklärung vor und arbeiten heraus, inwieweit sich die soziologische Perspektive von pädagogischen und sozialen Arbeitsbereichen unterscheidet. Im Besonderen nehmen Sie dabei die (schulische) Bildung in den Blick. Die im zweiten Kapitel herausgearbeitete Kritik an der Full Inclusion wird wieder aufgenommen und darauf verwiesen, dass die radikale schulische Inklusion im herkömmlichen deutschen Schulsystem, das sich nach Leistungsorientierung ausrichtet, unweigerlich auf Widersprüche stößt. Zugleich nimmt die sozialrechtliche und sozialwirtschaftliche Perspektive in diesem Kapitel einen großen Raum ein. Beispielsweise werden die Vor- und Nachteile des sogenannten persönlichen Budgets diskutiert und in die Diskussion um das Bundesteilhabegesetz eingeführt. Ebenso wird der Bezug zum SGB VIII im Rahmen der Hilfen zur Erziehung nicht außer Acht gelassen.

Im vierten Kapitel Behinderung als Heterogenitätsdimension werden fünf Modelle von Behinderung, das medizinische, das soziale, das sozial-konstruktivistische, das interaktionistische sowie das menschenrechtliche Modell und das damit verbundene Menschenbild im Spiegel der Behindertenrechtskonvention (BRK) erörtert. In diesem Kapitel wird der rote Faden zum oben angesprochenen Problem der „Trivialisierung“ der Situation von Menschen mit Behinderung aufgenommen (S. 56). Hierbei vertreten die Autorinnen in Anschluss an Shakespeare (2014) die These, dass alle Menschen von Beeinträchtigungen/Impairments betroffen seien. Aber diese Feststellung solle nicht dazu führen, dass Beeinträchtigungen bzw. Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen trivialisiert werden. Daher weisen die Autorinnen auf die Relevanz von sonderpädagogischer Diagnostik und Kategorien hin und führen kritisch in sozialkonstruktive Ansätze ein, die Behinderung als gesellschaftliche Konstruktion postulieren. Die fünf Modelle werden plausibel voneinander abgegrenzt. Dargestellt wird, wie im jeweiligen Modell der Teilhabegedanke zur Umsetzung gebracht wird. Tabelle zwei am Ende des Kapitels stellt darüber eine präzise Zusammenfassung dar.

Im fünften Kapitel Daten und empirische Studien werden auf Statistiken zur Situation von Menschen mit Behinderung und auf weitere Erhebungen in der Bundesrepublik Deutschland hingewiesen. Internationale Studien zu Effekten von Inklusion werden kritisch diskutiert. Eindringlich weisen die Autorinnen auf das Desiderat von einschlägigen Studien zur Lebenslage und -qualität von Menschen mit Behinderungen hin. Sie postulieren, dass es bei Sichtung der (defizitären) Datenlage keine eindeutige Evidenz für die Vorteile einer inklusiven Bildung aller Kinder und Jugendlicher mit Behinderung gäbe. Sie beziehen daher zur Kontroverse, ob das Paradigma der Inklusion Sondereinrichtungen überflüssig mache bzw. sogar verbiete, Stellung. Erstaunlich sei, dass trotz der widersprüchlichen internationalen Datenlage zur schulischen Inklusion in vielen Bundesländern Inklusion mit geringen finanziellen Mitteln durchgesetzt werden würde.

Im sechsten Kapitel Inklusive Bildung als Menschenrecht diskutieren die Autorinnen das in der Behindertenrechtskonvention proklamierte Recht auf inklusive Bildung (Artikel 24) gegenüber dem Menschenrecht auf Bildung (Artikel 26). Hier arbeiten sie heraus, dass das Menschenrecht auf inklusive Bildung (BRK) mit dem Menschenrecht auf Bildung (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte) an manchen Stellen kollidieren könnte, was u.a. an der Finanzierung inklusiver Bildung aufgezeigt wird. Das Menschenrecht auf inklusive Bildung wird von den Autorinnen kritisch hinterfragt, indem sie auf verschiedene US-amerikanische Studien verweisen und den Schluss ziehen, dass eine Steigerung des Anteils von Kindern mit Behinderungen an Regelschulen nicht unbedingt bedeute, dass sie sozial inkludiert seien und die ihnen angemessene Bildung erhalten.

Im siebten Kapitel Herausforderungen und Potential für soziale Berufe gehen die Autorinnen auf die Bedeutung und die Komplexität der Aufgaben, die aus der Behindertenrechtskonvention für soziale Berufe entwachsen, ein. Betont wird dabei der Aufbau einer professionellen Haltung, die sich u.a. mit theoretischen Konzepten von Inklusion auseinandersetzt. Außerdem werden mögliche Maßnahmen bzw. Interventionen zur Verwirklichung von Inklusion vorgestellt und auf Vorkehrungen wie das Konzept des Universal Designs eingegangen. Diesem Konzept wird in Bezug auf Barrierefreiheit eine große Bedeutung und Relevanz für Fachkräfte in der Sozialen Arbeit eingeräumt, ebenso wie der Entwicklung eines befriedigenden Kommunikationssystems.

Im Fazit vertreten die Autorinnen abschließend das von ihnen favorisierte interaktive und multidimensionale Modell von Behinderung, das eine Sicht auf Inklusion ermögliche, die sich verantwortungsvoll an den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderungen orientiere. Hierbei stehe das Wohl des Menschen und die Beibehaltung bzw. Steigerung der Lebensqualität von Menschen mit Behinderung im Vordergrund. Die Kritik an der Full Inclusion wird abschließend unterstrichen und vehement darauf hingewiesen, dass Full Inclusion mit dem bestehenden Gesellschafts- und Wirtschaftssystem nicht vereinbar sei, da die überkomplexen Regelsysteme zur Leistungsgewährung die Inklusion in Deutschland einschränke.

Diskussion

Die Autorinnen erfüllen das Ziel des Grundlagenbuches, nämlich in theoretische Konzepte von Inklusion einführen zu wollen, voll und ganz. Indem vielfältige internationale Studien herangezogen werden, können sie die von ihnen verfolgte Kritik an einer radikalen Inklusion präzise und teilweise überzeugend darlegen. Die in letzter Zeit verbreiteten Auffassungen über den umfassenden Gewinn radikaler Inklusion, sowohl für die Betroffenen als auch für die Gesellschaft, werden plausibel widerlegt. Da die Rezensentin eher einen sozial-konstruktivistischen Ansatz vertritt, kann diese aber die Kritik darüber an einigen Stellen des Buches nicht ganz nachvollziehen. Ihrer Meinung nach ist es nicht von der Hand zu weisen, dass Menschen in einer behindernden Gesellschaft leben, die vielfältige Barrieren für Menschen mit Behinderung aufgebaut hat und weiterhin aufbaut. Vermisst werden daher im Grundlagenbuch Konzepte und Überlegungen, die über ein Universal Design hinausgehen und sich dezidiert mit Barrieren und Diskriminierung gegenüber Menschen mit Behinderungen und mit der Privilegierung von Menschen ohne Behinderung auseinandersetzen. Mit diesen Ansätzen könnte die Sorge der Autorinnen, dass die Situation von Menschen mit Behinderungen trivialisiert werden könnten, teilweise widerlegt werden. Der Empowermentansatz hat das Potential, dieser Sorge ebenso entgegen wirken zu können. Daher hätte dieser, da es sich um ein Grundlagenbuch für die Soziale Arbeit handelt, konzeptualisiert und auf die Situation von Menschen mit Behinderung übertragen werden können. Auch hinsichtlich der verantwortungsvollen Inklusion wäre die Frage zu stellen, wer Verantwortung übernimmt. Wird diese auf die einzelnen Fachkräfte übertragen? Welche Funktion übernehmen dabei die Institutionen und die Gesellschaft? Diesen wichtigen Fragen wird im Verlauf des Buches zu wenig Beachtung geschenkt. Verwunderlich ist außerdem, dass das Recht auf inklusive Bildung (Art. 24, BRK) und die damit verknüpfte Problematik mit dem Recht auf Bildung (Art 26, Allgemeine Erklärung der Menschenrechte) dargestellt werden, aber das Recht auf Bildung im Art. 28 der UN-Kinderrechtskonvention mit keinem Wort im Buch erwähnt wird.

Fazit

Es gelingt den Autorinnen sehr gut, in die vielschichtige und kontroverse Diskussion um Inklusion einzuführen. Fokussiert werden dabei die Situation von Menschen mit Behinderungen und die Abgrenzung gegenüber einer radikalen Inklusion, da diese die vielfältigen Bedarfe von Menschen mit Behinderung aus dem Blick verlieren kann. Das Grundlagenbuch ist gut lesbar. Gerade die vielen englischen Originalzitate ermöglichen den Leser_innen ein intensives Eintauchen in die Tiefe der Debatte. Die Herausforderungen, die sich tatsächlich für die Soziale Arbeit in der Praxis ergeben und welche Konzepte hierbei im Rahmen der Profession eine Rolle spielen (können), hätten einen größeren Raum im Rahmen eines Grundlagenwerks einnehmen können.


Rezensentin
Prof. Dr. Ulrike Zöller
HTW Saar, Fakultät Sozialwissenschaften. Vorsitzende des Beirats der Anlauf- und Beratungsstelle Heimerziehung in den Jahren 49-75 in Baden-Württemberg.
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Zitiervorschlag
Ulrike Zöller. Rezension vom 24.08.2016 zu: Marion Felder, Katrin Schneiders: Inklusion in der Sozialen Arbeit. Herausforderungen für die Soziale Arbeit. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2016. ISBN 978-3-7344-0327-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20825.php, Datum des Zugriffs 19.01.2019.


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