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Peter Sommerfeld, Regula Dällenbach u.a.: Klinische Soziale Arbeit und Psychiatrie

Cover Peter Sommerfeld, Regula Dällenbach, Cornelia Rüegger, Lea Hollenstein: Klinische Soziale Arbeit und Psychiatrie. Entwicklungslinien einer handlungstheoretischen Wissensbasis. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2016. 350 Seiten. ISBN 978-3-658-11616-3. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 42,50 sFr.
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Thema

„Dieses Buch ist der Versuch, mehr als zehn Jahre kontinuierliche Forschungsarbeit über die Soziale Arbeit in der Psychiatrie bzw. mit psychisch kranken Menschen zu bündeln und in eine weiterführende Form zu bringen. (…). Das Ziel, (…), ist, einen Grundstein für die Entwicklung eines handlungswissenschaftlich konsolidierten Wissenskorpus der Sozialen Arbeit in der Psychiatrie zu legen, der als Wissensgrundlage für die weitere Entwicklung dieses Arbeitsfeldes zu einer vollständig professionalisierten Praxis dienen soll.“ (S. 1)

Autor und Autorinnen

  • Peter Sommerfeld, Prof. Dr., ist Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit (FHNW/HSA) und beschäftigt sich mit der Professionalisierung der Sozialen Arbeit, Theorien der Sozialen Arbeit (insb. Systemtheorien) und den Themen: Theorie-Praxis-Schnittstelle, Evidence-based Social Work, forschungsbasierte Praxisentwicklung, Betriebliche Soziale Arbeit, Soziale Arbeit in der Psychiatrie, Soziale Arbeit im Strafvollzug.
  • Regula Dällenbach, Prof., lic. phil., ist ebenfalls Dozentin an der FHNW/HSA. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Kooperative Praxisentwicklung, Organisationsentwicklung, Soziale Diagnostik und Prozessgestaltung, Klinische Sozialarbeit, Soziale Arbeit in der Psychiatrie, Soziale Arbeit als Wissenschaft und Profession.
  • Cornelia Rüegger, M.A., ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FHNW/HSA in den Themen Interaktionsforschung, qualitative Analyse von Gesprächen in der Sozialen Arbeit, Professionsforschung & Professionsentwicklung, soziale Diagnostik/Fallverstehen, Arbeitsbeziehungen, soziale Dimension von (psychischer) Krankheit und Gesundheit tätig.
  • Lea Hollenstein, lic. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FHNW/HSA und beschäftigt sich mit den Themen Professions- und Organisationsforschung, forschungsbasierte Praxisentwicklung in der Sozialen Arbeit, interprofessionelle und interinstitutionelle Kooperation, Soziale Arbeit mit von Gewalt betroffenen Frauen und Kindern, Soziale Arbeit in der Psychiatrie, Integrations- und Ausschlussprozesse, Systemtheorie, Synergetik und Zeitreihenverfahren, Biographieforschung.

Entstehungshintergrund

Die AutorInnen beschäftigen sich – teilweise seit über 20 Jahren – mit Fragestellungen der Professionalisierung der Sozialen Arbeit und haben zu diesem Thema, v. a. in der Psychiatrie, mehrjährig geforscht. Die im Buch vorgestellten, zwar komplexen und dennoch systematisch aufbereiteten, vielschichtigen Rahmungen, Entwicklungslinien und Positionsbestimmungen verstehen sich als theoriebildenden Beitrag für die Soziale Arbeit, exemplarisch dargelegt im Arbeitsfeld der Psychiatrie.

Darüber hinaus ist das Buch die Fortsetzung, Vertiefung und Erweiterung des von Sommerfeld, Hollenstein und Calzaferri im Jahre 2011 ebenfalls im VS/Springer-Verlag vorgelegten forschungsbasierten Theoriebuches mit dem Titel „Integration und Lebensführung“ (vgl. die Rezension). Damit setzen die AutorInnen ihren leistungsfähigen Ansatz fort, Theorievorschläge aus empirischem Material heraus zu entwickeln.

Das Werk „Klinische Soziale Arbeit und Psychiatrie“ gliedert sich zudem in eine Entwicklungslinie ein, die Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft versteht: „Die Handlungsprobleme der (professionellen) Praxis bilden den Ausgangspunkt für Fragestellungen, die mit wissenschaftlichen Mitteln (Forschung und Theoriebildung) bearbeitet werden und bilden den Ausgangs- und Endpunkt der Entwicklung des handlungswissenschaftlich konsolidierten, professionellen Wissenskorpus“ (S. 21).

Aufbau und Inhalt

Das 428-seitige Buch gliedert sich – nach einer einleitenden Rahmung des Themas – in fünf inhaltliche Kapitel:

  1. Zunächst wird die Systematik des Wissenskorpus´ dargestellt,
  2. die Theorie „Integration und Lebensführung“ aus 2011 vorgestellt und darauf aufbauend
  3. eine feldspezifische Handlungstheorie für die Soziale Arbeit in der Psychiatrie ausformuliert.
  4. Diese wird anschließend ausdifferenziert und mit Praxisbeispielen illustriert und durch Forschungsergebnisse der AutorInnen untermauert.
  5. Das Buch schließt mit Schlussbetrachtungen ab, welche das Entwicklungspotenzial des Ansatzes deutlich machen will.

Zur Einleitung/Rahmung. Die AutorInnen skizzieren zum Einstieg die Ausgangslage und Problemstellung: Es handle sich um eine große Lücke, die im psychiatrischen Arbeitsfeld klaffe: „die enorme (potenzielle) Relevanz und der (faktisch) wenig ausgebaute Status einer professionellen Sozialen Arbeit in der Psychiatrie (und im gesamten Gesundheitswesen)“ (S. 5). Sommerfeld et al. führen auf dem Hintergrund von gesundheitswissenschaftlichen Studien aus, welche Bedeutung die soziale Dimension bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von psychischen Störungen einnimmt, wie geradezu unbedeutend die Soziale Arbeit in diesem Arbeitsfeld positioniert ist und welches Potenzial die Soziale Arbeit im psychiatrischen Feld einbringen könnte. Die ausgeführten Befunde zum Stand der Professionalisierung der Sozialen Arbeit in der Psychiatrie deuten auf den Status einer „Hilfsprofession“ hin und Sommerfeld et al. streichen hervor, dass es für den Schritt hin zu einer „anerkannten Partnerprofession in einem interprofessionell koordinierten Hilfesystem (…) noch sehr viel brauch(e)“ (S. 13) und identifizieren als notwendiges Kernstück einen feldspezifischen Wissenskorpus, den sie anschließend mit Bezug auf handlungswissenschaftliche Prämissen skizzieren. Von den AutorInnen wird dabei die transdisziplinäre Beschaffenheit des Wissens hervorgehoben, was danach in den inhaltlichen Kapiteln – bezogen auf das psychiatrische Arbeitsfeld – konkret ausformuliert wird.

Zu 1: Die leitende Systematik zum Aufbau eines konsolidierten Wissenskorpus der Sozialen Arbeit (in der Psychiatrie). Im Kap. 1. legen die AutorInnen ihr theoretisches Verständnis dar, welche Arten von Wissen diesen Wissenskorpus konstituieren und wie dieses Wissen handlungsrelevant wird. Als Grundlage dient einerseits die auf den Philosophen Mario Bunge zurückgehende allgemeine Theorie professionellen Wissens und Handelns von Werner Obrecht, die zwischen den verschiedenen Funktionen des Wissens im Handeln unterscheidet (Beschreibungswissen, Erklärungswissen, Bewertungswissen etc.), anderseits werden die Obrecht´schen Wissenskategorien mit dem synergetisch-systemtheoretischen Ansatz von Haken und Schiepek verknüpft und dabei fünf Strukturebenen als (konzeptionelle und didaktische) Gliederung eingeführt: Metatheorie, Phänomen- und disziplinbezogenes Wissen, Forschung/Entwicklung, technisch-methodologische Ebene und Erfahrungen, Ebene des professionellen Handelns. Zentral ist dabei, dass Wissenschaft und Praxis – in Anwendung einer handlungswissenschaftlichen Vorstellung Sozialer Arbeit – „nicht als getrennte Welten verstanden“ werden (S. 36).

Zu 2: Allgemeine Theorie der Sozialen Arbeit: Integration und Lebensführung. Das zweite Kapitel arbeitet insbesondere die Positionen aus Sommerfeld/Hollenstein/Calzaferri (2011), Integration und Lebensführung, heraus. Bedeutsame Aspekte dieser theoretischen Grundlegung Sozialer Arbeit sind die metatheoretischen (systemischen und synergetischen) Prinzipien der Selbstorganisation, zirkuläre Kausalität und die Relationen der Systemebenen. Weiter werden das für die Soziale Arbeit wichtige Verhältnis von Individuum und Gesellschaft theoretisch dargestellt, welches im Modell des Lebensführungssystems integriert und auf der psychischen Ebene durch die Vorstellung von individuellen Kognition-Emotions-Verhaltensmustern (KEV) komplementär ergänzt wird. Die Integration „des Systems“ und die Integration „in das System“ sind parallele, gleichzeitig abspielende Prozesse, die miteinander zirkulär-kausal verbunden sind. Die AutorInnen postulieren des Weiteren die gesellschaftliche Funktion der Sozialen Arbeit: „Die gesellschaftliche Funktion der Sozialen Arbeit besteht entsprechend darin, das gesellschaftsstrukturell induzierte Integrationsproblem zu bearbeiten, das sich in gesellschaftlich randständigen, psycho-sozial problembeladenen, im Sinne von eingeschränkter Teilhabe und Ressourcenausstattung unterprivilegierten Lebenslagen und Formen der Lebensführung zeigt. In einer präventiven Wahrnehmung dieser Funktion nimmt sie sich auch problematischen Formen der Lebensführung an, die auf Dauer zu einem Abstieg in die Randbezirke der Gesellschaft führen würden“ (S. 70). Die normative Ausrichtung der Sozialen Arbeit begründen die AutorInnen mit dem Capability-Ansatz von Nussbaum, wobei sie versuchen, die Entsprechungen und Differenzen dieses Zuganges zur bedürfnistheoretischen und menschenrechtsorientierten Positionierung von Staub-Bernasconi und zu lebensweltorientierten Zugängen zu skizzieren. Diese Versuche und Vorschläge der Verknüpfung, Verschränkung und Integration von theoretischen Positionen mit dem Ziel eine handlungswissenschaftliche Basis der Sozialen Arbeit darzulegen, ist ein Charakteristikum des Buches.

Zu 3: Eine arbeitsfeldbezogene Handlungstheorie klinischer Sozialer Arbeit. Ausgehend von ihrer wissensformenbezogenen, metatheoretischen und sozialarbeitstheoretischen Grundlegung formulieren die AutorInnen nun folgelogisch die zweite Ebene ihres Wissensmodells: Das phänomen- und disziplinbezogene Wissen, d. h. sie fokussieren – exemplarisch für das Arbeitsfeld Psychiatrie – die Schnittstelle zwischen den Disziplinen Psychiatrie und Soziale Arbeit. Zunächst untersuchen sie das von der WHO traditionell propagierte bio-psycho-soziale Modell auf seine Entsprechungen zu theoretischen Rahmungen, die in der Sozialen Arbeit verbreitet sind und führen verschiedene Konzeptionen einer „Sozialpsychiatrie“ aus, in der die soziale Dimension eine hohe Wichtigkeit einnimmt. Danach beleuchten sie das Modell der funktionalen Gesundheit und der daraus folgenden ICF-Diagnostik und versuchen, ihr eingeführtes Modell der zwei Ebenen (Lebensführungssystem und bio-psychische Prozesse [Kognitions-Emotions-Verhaltensmuster], vgl. oben) auf den vorliegenden Gegenstand Psychiatrie und psychische Störungen zu transferieren. Die „soziale Dimension“ psychischer Störungen wird auf der Ebene des Beschreibungswissens (Ausstattung, Austausch und hinsichtlich biografischer und verlaufsbezogener Aspekte) herausgearbeitet. Dabei wird konkludiert, dass die soziale Dimension auf einer Verhältniskomponente (Interaktion mit dem Lebensführungssystem) und einer Zeitkomponente (biografisch/Verlaufskurve) verstanden und dementsprechend (bio-psycho-sozial) diagnostiziert werden muss. Anschließend (wiederum folgend der Wissensformen von Obrecht) wird die soziale Dimension psychischer Krankheiten bezogen auf Erklärungsmodelle genauer betrachtet und psychische, bedürfnistheoretische, neurologische und biologische Erklärungsmodelle hinsichtlich ihrer Integration in die vorgelegte Theorie geprüft. Eine zentrale theoretische Überlegung ist die Bedürfnistheorie von Obrecht, welche (in der Optik der AutorInnen) einen Brückenschlag zwischen psychischen Selbstregulationsprozessen und dem Lebensführungssystem ermöglichen kann. Das Kapitel schließt mit der Funktionsbestimmung der Sozialen Arbeit in der Psychiatrie ab und postuliert, dass sie „für die Synchronisierung der auf individuelle und soziale Prozesse bezogenen Hilfeleistungen als Dreh- und Angelpunkt nachhaltiger Hilfeprozesse (…)“ zuständig sei (S. 187). Soziale Arbeit wird als „‚Lösung‘ des Kontinuitäts- und Koordinationsproblems der Psychiatrie und des Gesundheitswesens (…) konzipiert“ (ebd.).

Zu 4: Die technologisch-methodologische Ebene. Dieses Kapitel folgt im Aufbau wiederum dem in Kapitel 1 skizzierten Wissensmodell und beschreibt nun die Ebene der Methoden und Interventionen der Sozialen Arbeit im psychiatrischen Feld. Zunächst werden die „generischen Prinzipien“ aus der Schiepek´schen Synergetik eingeführt, die (u. a.) postulieren, dass „keine unmittelbare Beziehung zwischen Dauer, Dosierung oder Intensität einer Intervention und deren Wirkung im Sinne eines Ordnungsübergangs erwartet werden“ kann (S. 197) und eher das „Timing“ einer Intervention von Bedeutung ist. Diese Faktoren werden mit eigenen Forschungsbefunden ergänzt. Als dynamische Wirkfaktoren von Veränderungsprozessen in menschlichen Systemen werden das Schaffen von Erfahrungsräumen, attraktive und realistische Ziele, Verstehen, Erfahrung von Sinn, Sicherheit und Selbstwirksamkeit, Motivation und Selbstwert sowie positive Eskalation hervorgehoben. Der bereits in Kapitel 3 eingeführte Prozessbogen, der die Verläufe im Kontext der Lebensführungssysteme modelliert, streicht hervor, dass die Psychiatrie nur eine Station im Verlauf darstellt und wesentliche Veränderungen außerhalb davon stattfinden. Die AutorInnen versuchen, die aus den theoretischen Annahmen hervorgehenden Wirkfaktoren mit dem Prozessbogen und den Erkenntnissen aus der psychiatrischen Recovery-Forschung zu verknüpfen. Anschließend werden, wiederum aus den theoretischen Festlegungen heraus begründet, einige Interventionsansätze diskutiert, die für Soziale Arbeit im Feld der Psychiatrie von Bedeutung sind: Case Management wird dabei als „Kernmethodik“ verstanden, welche aus den Problemlösungsschritten des methodischen Handelns (Assessment, Planung, Durchführung, Evaluation, etc.) und den methodischen Aspekten Anwaltschaft/Empowerment, Bildung/Ressourcenerschliessen, Befähigungen/Verwirklichungschancen, soziale Interventionen/Interventionen in soziale Systeme und interprofessionelle Praxis besteht. Beide Dimensionen werden durch psychosoziale Beratungs- und Netzwerkarbeit ergänzt. Sommerfeld et al. beziehen sich hierbei auf gängige Case Management-Konzepte. Der von den AutorInnen vorgeschlagene Methodenpool leitet sich wiederum systematisch aus den Schritt für Schritt entwickelten und vorgestellten theoretischen Modellen ab. Ein wichtiges Element ist das Assessment und die integrierte Diagnostik, die im Buch detailliert und nachvollziehbar vorgestellt wird. Aufschlussreich ist dabei, dass nicht nur das Individuum in seinem Lebensführungssystem betrachtet wird, sondern auch das Hilfesystem, d. h. die Organisation und das professionelle Handeln in der Zeit- und Verhältnisperspektive genau analysiert wird. Die Diagnostik fokussiert auf vier Elemente: Lebensführung mit biografischen/individuumsbezogenen Merkmalen, Lebensführung hinsichtlich Komponenten, Integrationsbedingungen, Systemorganisation, Selbstbeurteilung der Klienten und weiterer Sichtweisen und Hilfesystem/Prozessverlauf. Für alle Elemente werden praktische Materialien und diagnostische Werkzeuge vorgeschlagen. Die Werkzeuge sind auf die im Kapitel 3 vorgeschlagene Funktion Sozialer Arbeit als zentrale Koordinierung und Synchronisation bezogen.

Zu 5: Ergebnisse eines kooperativen Entwicklungsprojekts: Instrumente und Verfahren für die Soziale Arbeit im Rahmen einer integrierten psychiatrischen Versorgung: Im fünften Kapitel stellen Sommerfeld et al. empirische Befunde zur Anwendung ihrer Theorien, Modelle und Instrumente vor, die sie im Rahmen kooperativer Wissensbildungsprozesse gemeinsam mit der Praxis entwickelt haben. Ein Schwerpunkt war die Entwicklung und der Praxistest eines „modularisierten Instrumentarium[s]“ (S. 299) mit den folgenden Bestandteilen: Screeninginstrument, Kurzassessment, deskriptive Systemmodellierung, ideografische Systemmodellierung, soziale Diagnose, interprofessionelle Hilfeplanung, Nachsorge. Diese Instrumente werden detailliert und manualartig vorgestellt. Sehr anschaulich wird das wichtige Instrument der Systemmodellierung anhand eines Falles aus der Forschungstätigkeit der AutorInnen dargelegt.

Zu: Schlussbetrachtungen und Ausblick. Die AutorInnen gehen nochmals zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit zurück und rekapitulieren, dass die Soziale Arbeit mit ihren Wissensbeständen mehr als kompetent ist, im Arbeitsfeld der Psychiatrie einen wichtigen Beitrag zu leisten. Die Schwächen lägen eher in der mangelnden Bündelung und Systematisierung des Wissens und in der professionssoziologisch begründeten schwachen Position der Sozialen Arbeit im Feld der verschiedenen Berufe in der Psychiatrie. Die AutorInnen kritisieren, dass es der Sozialen Arbeit nicht recht gelingen will, ihren tauglichen Werkzeugkoffer einzusetzen, sondern sich vielmehr andere Professionals im Feld der genuin sozialarbeiterischen Werkzeuge bemächtigen, beispielsweise in der Anwendung von Case Management durch Pflegefachpersonen oder Supported Employment durch PsychologInnen. Weiter weisen die AutorInnen für die Belange der Sozialen Arbeit kritisch darauf hin, dass eine Diskrepanz zwischen dem bestehenden Wissen und der Praxis bestehe und Annäherungen an eine professionalisierte Praxis mit Ausrichtung an einer Handlungswissenschaft im Moment nur im Rahmen von Modellprojekten beobachtet werden könnten. Sommerfeld et al. konstatieren, dass es sich bei der Professionalisierung der Sozialen Arbeit noch um „einen weiten Weg“ handle (S. 382). Gleichzeitig sei es kein „Hexenwerk“, die konkreten Schritte, beispielsweise die vorgelegten Konzeptionen und Instrumente, in der Praxis umzusetzen (S. 388). Die AutorInnen betonen die praktische und forschungsbezogene Leistungsfähigkeit der Verlaufsperspektive, die mit dem Modell des Prozessbogens in die Konzeption aufgenommen worden ist.

Die AutorInnen laden zudem dazu ein, den vorgeschlagenen Wissenskorpus weiterzuentwickeln und auf andere klinische Handlungsfelder auszuweiten. Im Schlusskapitel werden offene Fragen und zu bearbeitende Forschungsthemen genannt: Weiterführende Bearbeitung der ICF-Diagnostik, Auseinandersetzung mit dem Capability-Approach und der dementsprechenden Ziele für die Soziale Arbeit, Klärung der Verhältnisse der metatheoretischen Entwürfe von Bunge und anderen Systemtheorien, Koppelung biopsychischer und sozialer Systemprozesse und Strukturbildungen etc. Das vorgeschlagene Modell des Wissenskorpus generiere „Forschungsfragen und Entwicklungsoptionen zu Hauf.“ (S. 392).

Diskussion

Die AutorInnen legen auf 400 Seiten ein sehr dichtes, theoretisch verzweigtes, aber auch systematisch dargelegtes Werk vor: Ausgehend von Professionalisierungsproblemen und der eklatanten Lücke der sozialen Dimension psychischer Störungen versuchen sie in akribischer Weise, sowohl theoretisch fundiert als auch mit stetigem Blick auf die konkreten Handlungsprobleme der Praxis, eine Konzeption Sozialer Arbeit vorzulegen, die von der metatheoretischen Grundlage bis hin zur konkreten Handlungspraxis darlegen soll, WIE eine Soziale Arbeit im Feld der Psychiatrie als Disziplin und Profession aussehen könnte – wenn (und das ist ebenfalls Inhalt des Buches) sie die Chance packen würde! Das Werk von Sommerfeld et al. imponiert vor allem durch seine theoretische Konsequenz mit der es gelingt, sowohl eigene Zugänge, die im Forschungskontext entstanden sind, als auch bestehende Konzeptionen elegant zu integrieren. Dieser Integrationsanspruch prägt durchgehend sämtliche Kapitel des Werkes.

Beeindruckend ist zudem die Verschränkung von Forschung, Theorie und Praxis, was der handlungswissenschaftlichen Programmatik des Buches eine hohe Glaubwürdigkeit verleiht. Paradigma-„PuristInnen“ werden sich etwas darüber wundern, wie Ansätze, die prima vista theoretisch unverträglich sind, jeweils mit kurzer Begründung ihrer Leistungsfähigkeit und Integrationsmöglichkeit ohne Zögern in die Konzeption übernommen werden. Die AutorInnen sind sich dieses paradigmaüberschreitenden und -integrierenden „Wurfs“, wie sie ihren Vorschlag selber benennen, sehr bewusst. Der Gewinn dieses mutigen Unterfangens, die Ansätze von Obrecht, Schiepek, Luhmann, Böhnisch/Thiersch, Nussbaum und Weiteren zu kombinieren, liegt m. E. im theoretisch und praktisch ausgereiften Vorschlag, was und wie sich Soziale Arbeit in der Psychiatrie denken und tun könnte. Der „Preis“ dafür scheint vertretbar zu sein, wenn es darum geht, eine wichtige theoretische, empirische und praktische Lücke zu füllen, was vorliegend mehr als gelungen erscheint. Kleine Inkonsistenzen, wie beispielsweise das Postulieren generischer Prinzipien auf der einen Seite (z. B. auf Seite 200ff.) und das Plädoyer für Standardisierungen auf der anderen Seite, schränken die Leistungsfähigkeit der vorgestellten umfassenden Konzeption in keiner Weise ein.

Ein kleiner Wermutstropfen bleibt: In psychotherapeutischen Konzeptionen und Modellen finden sich in jüngerer Zeit verstärkt soziale Faktoren und Dynamiken (vgl. beispielsweise die Literatur zu Partnerschaft und Depression, Burnout und Arbeitswelt etc.). Die von den AutorInnen geforderte Anschlussfähigkeit der Sozialen Arbeit an die Logiken und Wissensbestände der anderen Professionen im psychiatrischen Feld wird nicht besser, wenn die medizinisch-psychologischen Modelle zwar als Ausgangspunkt genommen werden (wie dies beispielsweise in Kap. 3.3 versucht wird), aber am Schluss dennoch abstrakte Prinzipien aus der Synergetik als zentrale Erklärungsmodelle dominieren. Diese theoretische Abstraktion (beispielsweise auf der Ebene der Selbstorganisation von Systemen oder der Koppelung von biopsychischen und sozialen Dynamiken) kann zwar ohne Weiteres „oberhalb“ von medizinisch-psychologischen Modellen verortet werden, gleichzeitig geht die spezifische Leistungsfähigkeit dieser middle-range-Theorien verloren. Eine Voraussetzung für die von Sommerfeld et al. vorgeschlagene zentrale Koordinations- und Synchronisationsfunktion Sozialer Arbeit wäre auch die, dass sie von den anderen Professionen auch „theoretisch“ verstanden wird. Vielleicht liegen die von den AutorInnen beschriebenen Schwierigkeiten der Useability der Instrumente (vgl. Kap. 5) auch darin, dass sich theoretische Grundpositionen wie die Schiepek´sche Synergetik auf dem Hintergrund des dominierenden psychiatrisch-psychologischen Wissens im Feld keineswegs von alleine erschließen. Die dementsprechenden Anforderungen an alle Akteure sind sehr hoch und anspruchsvoll. Wie dieses Spannungsfeld zwischen Komplexitätsreduktion und Komplexitätsangemessenheit im Kontext der im Arbeitsfeld bereits bestehenden medizinisch-psychologischen Modelle bewältigt werden kann, bleibt für den Rezensenten offen. Die Lücke zwischen dem, was man weiß und dem, wie die Praxis handelt, wurde auf jeden Fall durch das Buch von Sommerfeld et al. deutlich ins Scheinwerferlicht gestellt. Folgt man den Ausführungen der AutorInnen, so steht die Soziale Arbeit tatsächlich an einem Scheidepunkt, ob ihr die weitere Professionalisierung gelingt oder ob sie sich zur Hilfsfunktion wandelt (oder gar ganz abgeschafft wird). Einige Befunde aus dem Buch sprechen hier (leider) eine deutliche Sprache.

Fazit

Sommerfeld et al. legen tatsächlich einen „Wurf“ vor, der als Blaupause für theoretische Entwicklungen in Arbeitsfeldern außerhalb der Psychiatrie dienen kann. Soweit der Rezensent die deutschsprachige Literatur überblicken kann, wurde dies für die Soziale Arbeit noch nie für ein Arbeitsfeld so systematisch und umfassend vorgelegt. In diesem Sinne ist zu hoffen, dass wissenschaftliche und praktische Auseinandersetzungen mit diesem theoretischen Vorschlag ins Rollen kommen. Die Lektüre von Sommerfeld et al. ist, weil sie ein umfassendes Programm vorlegt, sowohl für WissenschaftlerInnen als auch PraktikerInnen im klinischen Feld sehr zu empfehlen.


Rezensent
Patrick Zobrist
M.A./Sozialarbeiter, Dozent/Projektleiter, Hochschule Luzern – Soziale Arbeit, Luzern (Schweiz)
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Zitiervorschlag
Patrick Zobrist. Rezension vom 06.04.2017 zu: Peter Sommerfeld, Regula Dällenbach, Cornelia Rüegger, Lea Hollenstein: Klinische Soziale Arbeit und Psychiatrie. Entwicklungslinien einer handlungstheoretischen Wissensbasis. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-11616-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20826.php, Datum des Zugriffs 22.11.2017.


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