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Christian Stadler, Sabine Spitzer-Prochazka u.a.: Act creative! Effektive Tools für Beratung, Coaching, (...)

Cover Christian Stadler, Sabine Spitzer-Prochazka, Eva Kern, Bärbel Kress: Act creative! Effektive Tools für Beratung, Coaching, Psychotherapie und Supervision. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. 278 Seiten. ISBN 978-3-608-89157-7. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Wer mit irgendeiner Form von Beratung befasst ist, kommt nicht ohne Methoden aus. Methoden geben (Denk-)Anstöße, kürzen Erkenntniswege ab, legen Zugänge zu Kompetenzen frei, ermöglichen nicht alltägliche Erfahrungen, laden das Unbewusste ein. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass die psychosoziale Beratung und (fast noch mehr) die Arbeit mit Gruppen ein umfangreiches Methodenrepertoire entwickelt hat. Das legt gelegentlich den fatalen Irrtum nahe, wenn man nur über genügend und passende Methoden verfüge, werde der Beratungsprozess schon einen hilfreichen Verlauf nehmen. Das ist ein technizistisches Missverständnis, das sich schließlich in der Bezeichnung „Tools“ selbst entlarvt, denn es gibt zwei Bedeutungen des Wortes, die beide technische Machbarkeit implizieren. Zum einen heißt „tool“ Werkzeug, und man sieht den Mechaniker mit einer umfangreichen Werkzeugkiste geradezu vor sich. Zum anderen hat „tool“ die Bedeutung von kleineren Softwareprogrammen bekommen, die irgendwelche nützlichen Aufgaben für ein Anwendungsprogramm erledigen. Es geht in der Beratung zuerst und vor allem um etwas anderes, nämlich um einer förderliche Haltung bei dem Berater/der Beraterin und um eine stabile Kooperationsbeziehung zwischen KlientIn und BeraterIn.

Das sehen auch die AutorInnen des Bandes. Sie schreiben in der Einleitung: „Neben den Voraussetzungen, die als Beraterinnen, Coaches und PsychotherapeutInnen erlernt werden können, ist es vor allem eine zugewandte und neugierige Haltung in Bezug auf das Klientel und deren Fragestellungen, die dazu bei trägt, dass Kreativität in Dank kommt.“ (S. 16) Gleichzeitig aber spielt wieder die Handwerksmetapher eine Rolle: „Wir setzen bei der Arbeit mit den Tools voraus, dass deren Anwendung mit einem soliden Handwerk unterlegt ist. Ansonsten wirkt das Vorgehen schnell technizistisch, aufgesetzt und gefühlsleer.“ (ebd.) Das könnte noch genauer bedacht werden, ob Beratung, Coaching, Psychotherapie und Supervision sinnvoll als „Handwerk“ bezeichnet werden können. Ich würde eher dazu neigen, Methoden als wertvolle Hilfsmittel in einem kreativen hermeneutischen Verfahren zu sehen.

AutorInnen

Christian Stadler Ist Diplompsychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Psychodrama- und EMDR-Therapeut in Dachau. Sabine Spitzer-Prochazka ist Diplomsozialarbeiterin, Psychodrama-Psychotherapeutin und Supervisorin in Wien. Eva Kern ist Diplomkauffrau, Psychodrama-Praktikerin, systemische Beraterin sowie Organisations- und Personalentwicklerin in München. Bärbel Kress ist ebenfalls Diplomkauffrau, Psychodrama-Pratikerin sowie zertifizierter Businesscoach in München.

Aufbau und Inhalt

Nach der Einleitung folgt ein mit „Navigator“ überschriebener Abschnitt, der das Auffinden der passenden Tools erleichtern soll. Alle beschriebenen Tools werden in unterschiedlichen Sortierungen (nach Anliegen, Zielgruppen, für Paare, für Gruppen, für Teams) gelistet.

Danach beginnt der Teil I, überschrieben mit „Starter“. Er enthält Einstiegs- und Warmup-Methoden. Alle Methoden werden in dem Band mit dem gleichen Raster beschrieben: es beginnt mit einer Kurzbeschreibung „Worum geht es?“, dann folgt die Beschreibung der Zielgruppe und des Settings („Für wen?“). Anschließend werden die Ziele der Übung beschrieben („Wozu?“), dann folgt die Zeitangabe („wie lange?“). Danach werden die Methoden im Detail beschrieben („Was ist genau zu tun?“), ggf. werden Varianten aufgezeigt, wo es wichtig ist, gibt es eine weitere, genauere Instruktion („Wie sage ich es?“), danach eine Auswertung („Was kommt dabei heraus?“) sowie Hinweise zu Indikation und Kontraindikation („Wann passt es?“). Ein Hinweis auf benötigtes Material und Literatur bzw. Quellenangabe beschließt die jeweiligen Beschreibungen. Die Abschnitte sind überschrieben mit

  • „Mit sich selbst in Kontakt kommen & körperlich aktiv werden“,
  • „Mit anderen in Kontakt kommen“,
  • „Wahrnehmen, was ist“ und
  • „Kreativität wecken & Prozesse in Gang bringen“.

Der Teil II ist überschrieben mit „Explorer“ und enthält die Abschnitte

  • „Wahrnehmen, was ist“,
  • „Perspektiven wechseln“,
  • „Konflikte bearbeiten“,
  • „Feedback geben und nehmen“,
  • „Stärken stärken & Ressourcen aktivieren“ und
  • „Lösungen finden“.

In diesem Teil finden sich viele Methoden, die – was die Notizen zu den AutorInnen schon nahelegen – aus dem Psychodramakontext stammen.

Teil III bietet weiterführende Informationen wie Ausbildungsinstitute für Psychodrama, die Kontaktdaten der AutorInnen, ein Glossar zu den wichtigsten Begriffen und ein Literaturverzeichnis.

Diskussion

Man versteht den Charakter des Buches schneller, wenn man die Einleitung liest und die Bilder wirken lässt. Da heißt es: „Über solche Rückmeldungen in Supervision, Weiterbildung und Coaching sind wir zu dem Schluss gekommen, dass handlungsorientierte BeraterInnen, TherapeutInnen und Coaches so etwas brauchen wie Chefkoch.de: Eine Rezeptsammlung für Menschen, die nicht jeden Tag Spaghetti mit Tomatensoße oder Schnitzel mit Kartoffelsalat zubereiten, sondern einfach einmal etwas Neues ausprobieren möchten, ohne gleich die Küche neu einrichten und in den Delikatessladen zum Einkaufen gehen zu müssen.“ (S. 9)

Die Metaphern überlagern sich: Handwerkszeug, Werkzeugkasten, Tools, Rezepte, Delikatessladen… Ich nutze Chefkoch.de gelegentlich, wenn ich zum Beispiel eine Anregung brauche, wie man Bayrische Creme zubereitet. Passt die Metapher? Ich schaue in dem Buch nach, wenn ich eine Anregung brauche, wie man Konflikte bearbeitet und finde dann: „Skulptur“, „Brief von meinem Schatten-Ich“ etc. Ja vielleicht – allerdings setzt Chefkoch.de voraus, dass man Kenntnisse im Kochen hat. Es gibt keine todsicheren Rezepte, noch viel weniger in der Arbeit mit Menschen.

Wenn man aber davon ausgeht, dass diejenigen, die zu einem solchen Buch greifen, gut ausgebildete BeraterInnen, SupervisorInnen, Coaches oder TherapeutInnen sind, dann mag das Buch hilfreich sein, um sich noch einmal der Methoden zu vergewissern oder sich zu erinnern: „Ach ja, das könnte man auch einsetzen“. Apropos „sich erinnern“: Wer eine solide Ausbildung genossen hat und schon eine Zeit lang in seinem Metier arbeitet, wird die meisten Methoden längst kennen – und wer eine Psychodrama-Ausbildung absolviert hat, ohnehin. Ist das Buch für diesen Personenkreis nützlich? Das wird sich erweisen. Mich erinnert es ein wenig an die Zeit, als eine Spielekartei nach der anderen erschien, die dieselben Spiele mit leichten Varianten und unter anderen Namen präsentierte. Irgendwann war es dann genug. Wann sind genügend Toolsammlungen auf dem Markt?

Was gut ist, ist die didaktische Aufbereitung der Methoden. Schritt für Schritt kann man Eignung und Ablauf nachvollziehen, werden einem Sprachhilfen angeboten, wie man die Methoden eingeben kann, gibt es eine Materialliste und andere hilfreiche Hinweise. Wer die Methoden noch nicht kennt, wird gut an die Hand genommen bei dem Versuch, mit ihnen zu arbeiten. Und hinter der Aufbereitung spürt man die Kompetenz und Erfahrung der AutorInnen, die ihre Kenntnisse gern und gut weitergeben.

Fazit

Die AutorInnen haben eine umfangreiche Methodensammlung zusammengestellt und nach der Logik von Beratungsprozessen organisiert – beginnend mit Einstiegs-, Kontakt-, Wahrnehmungs- und Kreativitätsmethoden und anschließend mit Methoden zu grundlegenden Themen der Beratungsarbeit und Therapie, z.B. Perspektivwechselübungen, Methoden zur Konfliktbearbeitung, zu Feedback, Ressourcenaktivierung und Lösungsanbahnung. Wer auf der Suche ist nach Anregungen für die Arbeit mit Einzelnen, Teams oder Gruppen, wird hier Wertvolles finden.


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 05.07.2016 zu: Christian Stadler, Sabine Spitzer-Prochazka, Eva Kern, Bärbel Kress: Act creative! Effektive Tools für Beratung, Coaching, Psychotherapie und Supervision. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-608-89157-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20835.php, Datum des Zugriffs 18.07.2019.


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