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Wolfgang Reinhard: Die Unterwerfung der Welt

Cover Wolfgang Reinhard: Die Unterwerfung der Welt. Eine Globalgeschichte der europäischen Expansion ; 1415 - 2015. C.H.Beck Verlag (München) 2016. 1648 Seiten. ISBN 978-3-406-68718-1. D: 58,00 EUR, A: 59,70 EUR, CH: 81,90 sFr.
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Sie kamen, sahen und eroberten…

Mit dieser Metapher kündigt der Verlag ein gewichtiges und wichtiges Werk an, das in der Reihe „Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung“ erscheint. In der „Historischen Bibliothek“ werden bedeutsame Arbeiten von Historikern herausgegeben, die „grundlegende Erkenntnisse aus dem Bereich der Historischen Geisteswissenschaften einer interessierten Öffentlichkeit näher( )bringen“ wollen. Es verwundert, dass bei den bisher 14 erschienenen Titeln der Reihe keine Wissenschaftlerin beteiligt ist.

Doch gehen wir auf die obige Metapher ein: „Sie“ waren europäische Eroberer, Abenteurer, Glücksritter, Forschungsreisende, Kaufleute, Missionare, Sklavenhändler, Soldaten; sie „kamen“ mit eurozentristischen Höherwertigkeitsvorstellungen und weitgehender Unkenntnis, wenn nicht sogar Ignoranz, über die Existenzen und Kulturen der Menschen, die sie antrafen (wie dies im Tagebuch <1802> des ersten deutschen Afrikaforschers Friedrich Konrad Hornemann deutlich wird, der bei seiner Forschungsreise von 1797 bis 1801 von Kairo über Siwa nach Murzuck und an den Niger vom damals führenden deutschen Anthropologen Johann Friedrich Blumenbach auf die Reise vorbereitet und beauftragt wurde herauszufinden, „Wo gehören die langhaarichten Neger zu Hause, wo die rothaarichten?“, und: „Plätschen wohl noch jetzt manche Neger ihren neugeborenen Kindern die Nase absichtlich breit?“); sie „sahen“ wenig und vermutlich nur das, was sie sehen wollten: Wilde, Kannibalen oder Rassen, die sie nicht auf ihre Stufe stellten (wie dies der honorable, in seiner Zeit anerkannte und geschätzte Missionar, Sprachforscher, Ordentlicher Professor der Humboldt-Universität, Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften und Direktor des International African Institute in London, Dietrich Westermann noch 1939 überzeugt ausdrückte: „Das Geschick des Afrikaners ist für alle absehbare Zeit mit dem des Europäers aufs engste verbunden, ja es ist von ihm abhängig, er ist der Schüler und Arbeitnehmer, wir die Lehrer und Arbeitgeber, aber auch: wir sind die Herren und er der Untergebene“); und sie „eroberten“ die Gebiete und kolonisierten sie mit Gewalt, bis hin zu Völkermorden.

Das ist eine böse Geschichte. Sie wird insgesamt nicht besser und erträglicher, dass es auch positive und menschenfreundliche Aktivitäten gab, die die hegemonialen, patriarchalen und hierarchischen Verhältnisse etwas abmilderten. Auch Entwicklungen, die europäisches Know How und Aufklärung in die Welt brachten (vgl. z. B. dazu: Ulrich Menzel, Die Ordnung der Welt. Imperium oder Hegenomie in der Hierarchie der Staatenwelt, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18967.php; sowie: Steffen Martus, Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert – ein Epochenbild, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20253.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Spätestens seit den in den angelsächsischen Ländern angestoßenen kritischen Auseinandersetzungen über die Bedeutung und Wertung des Eurozentrismus und Kolonialismus, die sich in den „Critical Whitness Studies“ artikulieren und im deutschen Diskurs als „Kritische Weißseinsforschung“ Aufmerksamkeit erfordern (Maureen Maisha Eggers / Grada Kilomba / Peggy Piesche / Susan Arndt, Hrsg., Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Münster 2005, 550 S.), werden Fragen nach einer neuen Weltordnung gestellt (Ulrich Menzel, Die Ordnung der Welt. Imperium oder Hegemonie in der Hierarchie der Staatenwelt, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18967.php). Es sind Herausforderungen, die durch die sich immer interdependenter, entgrenzender und global entwickelnde (Eine?) Welt für die Menschheit auftreten und nicht zuletzt durch die in der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, zuvorderst als allgemeingültige, unverzichtbare und nicht relativierbare Paradigmen für ein humanes Menschsein postuliert werden: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“ (vgl. dazu auch: María do Mar Castro Varela, / Nikita Dhawan, Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18809.php). Trotz der scheinbaren wie tatsächlichen, ethno-, germano-, eurozentrierten, nationalistischen und populistischen Tendenzen der Ab- und Eingrenzung von Ländern, gibt es Bemühungen und Erkenntnisse, dass eine humane, gerechte und friedliche Entwicklung der Menschheit nicht durch Einfalt, sondern nur durch die Anerkennung der Vielfalt möglich sein wird (siehe dazu auch: Veronika Wittmann, Weltgesellschaft. Rekonstruktion eines wissenschaftlichen Diskurses, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17930.php).

Der Historiker von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg/Br. und vom Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien in Erfurt, Wolfgang Reinhard, legt in der Reihe der Historischen Bibliothek eine Globalgeschichte der europäischen Expansion vor. Er betrachtet dabei die Zeitspanne von 1415 bis 2015. Er bezieht sich dabei auf sein vierbändiges Werk „Geschichte der europäischen Expansion“, das beim Stuttgarter Verlag W. Kohlhammer 1988, 1990, 2001 und 2009 erschienen ist. Die Herausgabe des gewichtigen, 1648 Seiten umfassenden Bandes in der Reihe der „Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung“ begründet der Autor zum einen damit, dass sich in den letzten Jahrzehnten in der öffentlichen Wahrnehmung ein Interesse an wissenschaftlichen, weltgesellschaftlichen Darstellungen, sogar ein Mentalitätswandel bei den Fragen nach den Zusammenhängen von Mensch und Natur, Mensch und Technik und Mensch und Machbarkeit gebildet habe, und damit eine – zumindest intellektuelle – Aufmerksamkeit entwickelt habe (Hans-Willi Weis, Der Intellektuelle als Yogi. Für eine neue Kunst der Aufmerksamkeit im digitalen Zeitalter, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19886.php), die den globalgeschichtlichen Blick ermöglicht. Zum anderen kann die Herausgabe der Globalgeschichte auch damit begründet werden, dass das Bewusstsein gestiegen ist, einen lokalen und globalen Perspektivenwechsel zu vollziehen, wie dies die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ bereits vor mehr als einem Jahrzehnt gefordert hat: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Schließlich spricht für die Arbeit auch, dass das Konzept der „Historischen Bibliothek“ es ermöglicht, wissenschaftliche Erkenntnisse in einer allgemeinverständlichen Sprache unter Zugrundelegung von „empirischer Sachverarbeitung und theoretischer Reflexion“ zu präsentieren. Für eine intensivere und dezidiertere Auseinandersetzung mit der Thematik hat der Autor auf 293 Seiten ein umfangreiches und umfassendes Quellen- und Literaturverzeichnis eingebracht; das 30seitige Orts- und Personenregister erleichtert die Benutzung der Globalgeschichte auch als Nachschlagewerk.

Aufbau und Inhalt

Das Buch wird in insgesamt 24 Kapiteln gegliedert:

  1. Grundlagen der neuzeitlichen europäischen Expansion
  2. Anfänge des europäischen Atlantik
  3. Europäer an Asiens Küsten: Portugiesen und Spanier
  4. Europäer an Asiens Küsten: Niederländer und Engländer, Franzosen und Andere
  5. Vom Indienhandel zur Europäerherrschaft
  6. Der Weg zum spanischen Atlantik
  7. Das Leben des spanischen Atlantik
  8. Der portugiesische, niederländische und jüdische Atlantik
  9. Die Karibik und der afrikanische Atlantik
  10. Der französische und der britische Atlantik
  11. Reform, Revolution, Dekolonisation im atlantischen Raum
  12. Wahrnehmung und Aneignung im 16. bis 19. Jahrhundert
  13. Imperiale Expansion und Siedlung auf der Nordhalbkugel
  14. Imperiale Expansion und Siedlung auf der Südhalbkugel
  15. Kolonialherrschaft in Indien, Indonesien und auf den Philippinen
  16. Die Kaiserreiche Ostasiens und der Freihandelsimperialismus
  17. Imperialistische Expansion und Kolonialherrschaft in Asien und im Pazifik
  18. Afrika und der Imperialismus
  19. Kolonialherrschaft in Afrika
  20. Orientalische Frage: Erster Weltkrieg und neue Impulse
  21. Zweiter Weltkrieg und Dekolonisation Asiens
  22. Spätkolonialismus und Dekolonisation Afrikas
  23. Vergangenheit ohne Zukunft?
  24. Bilanz und Ausblick.

Mit dieser chronologisch aufgebauten Gliederung richtet der Autor seinen Blick vom Jetzt auf die Vergangenheit und entwickelt Visionen für die Zukunft. „Europa ist immer noch expansiv, obwohl seine weltgeschichtliche Führungsrolle längst der Vergangenheit angehört“. Die Frage „Was ist Europa?“ ist deshalb vielfältig und nicht eindeutig zu beantworten. Zwar „herrscht“ Europa heute nicht mehr durch gewaltsame Expansion, sondern durch die Wirkungskräfte des Kapitalismus, ohne Zweifel auch durch Strukturen, wie sie sich bei der französischen Revolution, der europäischen Aufklärung, Demokratisierung und Technisierung entwickelt haben. Europa also ist durch Expansion entstanden, wie dies im Entwurf der allerdings bis heute nicht realisierten „Verfassung für Europa“ in der Präambel zum Ausdruck kommt: „In dem Bewusstsein, dass der Kontinent Europa ein Träger der Zivilisation ist und dass seine Bewohner, die ihn seit den Anfängen der Menschheit in immer neuen Schüben besiedelt haben, im Laufe der Jahrhunderte die Werte entwickelt haben, die den Humanismus begründen: Gleichheit der Menschen, Freiheit, Geltung der Vernunft“. Mit der Frage, ob Universalität eine europäische Vision sei, hat das Europäische Parlament in Straßburg vom 21. – 22. November 1991 ein internationales Symposium mit dem Titel durchgeführt: „Weltkultur und Europa – ein Dialog der Zivilisationen“. Der damalige Parlamentspräsident, der spanische Europapolitiker Enrique Barón Crespo, hat auf das janusköpfige Gesicht Europas hingewiesen: „Wie Gott Janus hat Europa zwei Gesichter, eine doppelte Identität, schwankend zwischen Gut und Böse“. Und er stellte fest: „Europas größte Sünde war es wahrscheinlich, dass es versuchte, die Welt nach seinem Vorbild zu gestalten. Und die Welt hat sich im allgemeinen dafür gerächt, indem sie Europas humanitäre Ideale übernommen, seine Vormachtstellung aber zurückgewiesen hat“ (Enrique Barón Crespo, Das Doppelgesicht Europas, in: UNESCO-Kurier 7/8-1992, S. 5f). Der Nachweis darüber, wie wir Europäer geworden sind, was wir sind (und werden wollen), ist nur zu führen, wenn ein objektiver Blick in die Geschichte getan wird.

Erkennbar wird, dass sich die Blicke und Begehrlichkeiten der Europäer zuerst in Richtung Asien richteten. Es waren Phantasien und Berichte, die von sagenhaften Reichtümern und hohen Kulturen kündeten. Es waren beschwerliche Landwege, wie etwa durch die Seidenstraße, und vor allem der Seeweg, die es zu erkunden gab; beginnend in der Antike und Höhepunkte im frühen Mittelalter erreichend. „Indien“, als Mythos und Schatz, galt es zu entdecken. Marco Polo, die Kreuzzüge, Cristoforo Colombo, Vasco da Gama und viele Unternehmungen trugen dazu bei, den „europäischen Atlantik“ schiffbar und damit für die materiellen und machtpolitischen Expansionsansprüche nutzbar zu machen; allen voran die Portugiesen und Spanier, ihnen konkurrierend und machtvoll folgend die Niederländer, Engländer, Franzosen, viel später und weniger bedeutsam auch die Deutschen. Das Prinzip der Einfluss- und Inbesitznahme war einfach und wirkungsvoll: Zuerst kamen die Kaufleute mit ihren Gründungen von Handelsgesellschaften, ihnen folgten die Missionare und schließlich die Soldaten. Am Beispiel des „spanischen Atlantik“, der durch die Eroberungen in der „Neuen Welt“ einfach „spanische See“ bezeichnet wurde, lässt sich die Conquista der Conquistadores bei Eroberung Amerikas auf die Formel bringen: Herrschaftswille der spanischen Könige + Goldgier + Höherwertigkeitsvorstellungen = Unterdrückung + Ausbeutung. Die Geschichtsrekonstruktionen und historischen Quellenauswertungen verdeutlichen die während der Zeit der Inbesitznahmen der Conquista entstandenen systematischen Strukturen, die in zahlreichen Beispielen bis heute nachwirken. Sie machen auch deutlich, dass es schon damals Kritiker gab, die gegen die unbändigen Entwicklungen der Eroberer Einspruch erhoben, wie etwa der in Sevilla geborene Dominikanerpater Bartolomé de Las Casas (Michael Sievernich, Hrsg., Las Casas. Kurzgefasster Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder, Frankfurt/M., 2006, 247 S.).

Die Machtausbreitung im „portugiesischen, niederländischen und jüdischen Atlantik“ erfolgte durch Sklaverei und Ausbeutung, veranlasst und gesteuert durch die portugiesische Ostindien-Companie und gefördert durch die imperialen Mächte. Im Vergleich zwischen den spanischen und portugiesischen Imperien in Südamerika ergibt sich, dass „das portugiesische Imperium ( ) eine viel losere Struktur (hatte) als das spanische“; es wurde gesteuert von den notablen Schichten der Einwohner und von Netzwerken der Kaufleute. Das so genannte „Plantagenamerika“ warf mit dem Anbau von Zuckerrohr, Kaffee und Baumwolle genug Gewinne für die Krone und die untergeordneten Einrichtungen ab, so dass sich bald Strukturen und Machtverhältnisse der Großgrundbesitzer bilden konnten. Die kriegerischen Auseinandersetzungen der europäischen Mächte um Einflussbereiche im Pazifik und in der Karibik führte zu wechselvollen Besitzverhältnissen, zu gigantischen Seeschlachten und Piraterie. „Der Handel mit afrikanischen Sklaven und das Betreiben der Plantagen Amerikas mit versklavten Afrikanern vom 15. bis 19. Jahrhundert… sind eines der großen Ärgernisse der an Peinlichkeiten nicht armen Geschichte der europäischen Expansion“. Wenn die Sklaven die Torturen der Jagd auf sie in ihren angestammten Gebieten überlebten, die unmenschliche Verfrachtung der „Ware“ auf den Sklavenschiffen der Europäer überstanden und in den 179 Häfen der portugiesischen, britischen, französischen und niederländischen Kolonien lebend ausgeladen werden konnten, waren sie ein willkommenes Handelsgut und Arbeitszeug für die Großgrundbesitzer. Die Auflistung der mehr als 10 Millionen afrikanischen Sklaven, die Amerika erreichten, liest sich wie eine Horrormeldung: Brasilien erhielt 4.863.480 Sklaven, die britische Karibik 2.318.200, die französische Karibik 1.120.900, Niederländisch-Westindien 443.700, und Dänisch-Westindien einschließlich der Brandenburger Besitzungen 108.600; auf dem spanischen Festland wurden zwischen 250.000 bis 400.000 Sklaven verkauft Die Initiativen zum Abolitionismus haben schließlich (spät) bewirkt, dass die Sklaverei (spät) abgeschafft wurde und die Ideen der Freiheit, Gleichheit und Würde der Menschen wenigstens in den Verfassungen der Völker Eingang finden konnten. Die Notwendigkeit, dass die UNESCO in der Rassendeklaration darauf hinweist – „Alle Menschen gehören einer einzigen Art an und stammen von gemeinsamen Vorfahren ab. Sie sind gleich an Würde und Rechten geboren und bilden gemeinsam die Menschheit“ (Erklärung über Rasse und Rassenvorurteile vom 27. 11. 1978, in: UNESCO-Kommission, Menschenrechte. Internationale Dokumente, Bonn 1981, S. 226ff) – macht deutlich, dass Sklaverei keine vergangene und überwundene Menschenrechtsverletzung ist. Die Vereinten Nationen schätzen, dass heute noch mehr als 27 Millionen Menschen auf der Erde (andere Prognosen sagen, rund 200 Millionen) in Sklaverei oder sklavenähnlichen, ausbeuterischen Lebensbedingungen leben (Bettina Kretzschmar,:Gleiche Moral und gleiches Recht für Mann und Frau. Der deutsche Zweig der Internationalen abolitionistischen Bewegung (1899-1933). Ulrike Helmer Verlag (Sulzbach/Taunus) 2014. www.socialnet.de/rezensionen/16286.php).

Im Kapitel „Der französische und der britische Atlantik“ zeigt der Autor auf, wie sich, beginnend in den Jahren 1541 bis 1543, die ersten französischen Händler und Siedler aufmachten, um in den von den dort lebenden indianischen Völkern bewohnten Gebieten in "canada" niederzulassen, Land zu erwerben und schließlich individuell und gesellschaftlich die Macht zu übernehmen. Anders als in vielen anderen amerikanischen Gebieten stand nicht die Ausrottung der Indianer im Vordergrund, sondern eine kalkulierende, auf Ausgleich und Nutzen bedachte Siedlungspolitik, die jedoch keinen Zweifel daran ließ, wer das Sagen hatte. Die Besitznahmen von Britisch-Nordamerika wurden eher unter ideologischen und weltanschaulichen Zielsetzungen vorgenommen: „Die Engländer gewöhnten sich daran, sich als das neue auserwählte Volk zu betrachten, Amerika aber als das neue Kanaan, dessen Einwohner infolge ihrer notorischen Barbarei keinen Anspruch auf ihr Land hatten“. Der Anspruch, sich in „Neu-England“ zu befinden, provozierte schließlich auch den Britisch-Französischen Weltkrieg in den Jahren 1684 bis 1763.

Als sich in Europa Widerstand gegen absolute und hierarchische Strukturen entwickelte und Revolutionäre und Aufklärer wie etwa Descartes, Newton, Buffon, Diderot, Locke, Montesquieu, Rousseau, Leibniz und andere sich bemerkbar machten, fand dieses Denken natürlich auch in den neuen Kolonien Aufmerksamkeit. Anlässe dafür gab es durch die korrupten Machtansprüche und entstandenen absoluten und unkontrollierbaren, selbstverständlichen Lebensbedingungen der Eliten genug. So kann es sich nur als logische Konsequenz darstellen, dass die Gedanken, wie sie sich in der Französischen Revolution artikulierten, ihre Anfänge und Anschübe in den amerikanischen Besitzungen der europäischen Mächte fanden; etwa durch Sklavenaufstände, und durch Unabhängigkeitsbewegungen, wie sie in Lateinamerika von Simón Bolivar und anderen Revolutionären in Gang gebracht wurden.

Freilich, die „aufgeklärte Vorurteilslosigkeit“, mit der die Kolonisatoren agierten, „war ein bornierter Blick! Denn …das neue Entwicklungsdenken (führte) dazu, dass der aufgeklärte Universalismus europalastig wurde, weil Europa sich selbstverständlich auf der höchsten Entwicklungsstufe der Menschheit wusste“. Es rächte sich, dass die atlantische Geschichte der Neuen Welt Europas ohne Vorbereitung und schlagartig mit ihrer Entdeckung und Inbesitznahme begann. Im so genannten „zweiten (europäischen) Entdeckungszeitalter“ im 18. Jahrhundert wirkte durchaus „mäßigend“ das Wissen und die ganzheitlichen, philosophischen Betrachtungen, wie sie aus den asiatischen Kulturen nach Europa durchsickerten; gleichzeitig aber bewirkten sie auch einen Sendungs- und Aufklärungsschub, etwa durch die forcierten Aktivitäten in der Asienmission, und – von Russland ausgehend – mit den Expansionen im pazifischem Raum, in Sibirien und in die Weiten des asiatischen Raums. Damit entwickelte sich, zusätzlich zu den bereits bestehenden Konkurrenz- und Machtstrukturen der europäischen Staaten, eine neue Ost-West-Konfrontation, die, wie die aktuellen Situationen zeigen, ja auch noch nicht beendet ist.

Die Bevölkerungsentwicklung in Europa im 18. und 19. Jahrhundert hat ja dazu geführt, dass es zu Massenauswanderungen der Europäer in neue, hoffnungsvollere Siedlungsgebiete kam. Der Autor schätzt, dass zwischen 1500 bis 1800 etwa 2 bis 3 Millionen Europäer ausgewandert sind, während zwischen 1800 und 1960 mehr als 61 Millionen Europäer an interkontinentalen Wanderungen beteiligt waren. Es waren überwiegend Menschen, die in ihrer neuen Heimat Ackerbau und Viehzucht betreiben wollten. Zielländer waren nordamerikanische und südamerikanische Gebiete, aber auch Australien und Neuseeland.

Ein besonderes Kapitel widmet der Autor der „Kolonialherrschaft in Indien, Indonesien und auf den Philippinen“, vor allem durch die britische East India Company. „Britisch-Indien“ als Macht- und Herrschaftsgebiet, das freilich die finanziellen und ökonomischen Erwartungshaltungen des „Mutterlandes“ immer weniger erfüllen konnte und so von einer Geber- zu einer Nehmer-Situation führte. Das koloniale Indien war Agrarland, und die Versuche, auch aus Profitinteresse eine Industrialisierung in den Kolonialländern herbeizuführen, scheiterten. Auch in Niederländisch-Indien (Indonesien) und auf den spanischen Philippinen herrschten Musterbeispiele von kolonialer Ausbeutung vor: Cash-Crop-Produktion, Großgrundbesitz und Verarmung der Landbevölkerung waren die Folge.

Nicht unerwähnt bleibt die japanische, imperialistische Expansion und Kolonialherrschaft in Asien und im pazifischen Raum. Das „Gerangel um China“ hat zu europäisch-russischen-asiatischen Konfrontationen geführt. Sie beruhten auf den typischen eurozentrierten, imperialen Mustern. Die historischen und politischen Erklärungsversuche mündeten in imperialistischen, ökonomisch und kapitalistisch orientierten, globalen Entwicklungstheorien, bei denen der (unmögliche) Spagat grundgelegt wurde, dass „Gut“ auf der Seite der „guten Kolonisatoren“ verzeichnet werden kann, und „Böse“ auf Seiten derer, die nach Unabhängigkeit und Freiheit verlangten.

Mit der dritten und letzten europäischen, kolonialen Expansion im Nachbarkontinent Afrika taten sich wohl die europäischen Mächte am schwersten; nicht etwa, weil die Widerstände dort größer gewesen wären als in den anderen Kolonialgebieten, sondern weil sich die schroffen, gefährlichen, abweisenden, fremden (und unheimlichen) Regionen südlich der Sahara als wenig einladend für Eroberer darstellten. Diese Gefahrenpotentiale und eher für ökonomische Ausbeutung uninteressanten Gebiete wurden natürlich nicht den nordafrikanischen Räumen zugeordnet, mit deren Geschichte und Kulturen, etwa der Ägypter, die Europäer einigermaßen vertraut waren. Die Abenteurer und Forschungsreisenden malten weitgehend ein Bild von wilden Tieren, Menschenfressern und (für Europäer) mörderischem Klima. Es schien also lange so, dass es für Europäer in Afrika „nichts zu holen“ gab außer Sklaven. Andererseits lockten phantastische Berichte und Erzählungen von sagenhaften Reichtümern in den Königreichen Süd-, Ost- und Westafrikas; von Goldschätzen, aber auch Elfenbein und anderen fremden Produkten. So erkämpften die Europäer, bei einigen erfolglosen Versuchen vorher, erst massiv im 19. Jahrhundert koloniale Besitzungen, machten sie sich gegenseitig streitig und einigten sich schließlich bei der Berliner Kongo-Konferenz 1884/85 über eine wenn auch nicht unumstrittene Aufteilung Afrikas unter die europäischen Mächte. Die Widerstände der einheimischen Bevölkerung und ihrer Führer gegen die von den einzelnen europäischen Staaten – Portugal, Spanien, England, Frankreich, Deutschland – unterschiedlich praktizierte Kolonialherrschaft führte dazu, dass die Durchsetzung der Profit- und Wirtschaftsinteressen der Kolonialherren meist mit brutaler Gewalt, bis hin zum Genozid durchgeführt wurden. Die europäische Kolonialherrschaft in Afrika endete für die meisten afrikanischen Länder mit dem Jahr 1960, im südlichen Afrika später. Fragt man nach den auch aktuell wirkenden Einflüssen, so dürfte der Einschätzung von Wolfgang Reinhard zuzustimmen sein, dass sich die unabhängigen afrikanischen Gesellschaften, Kulturen und ökonomischen Systeme „verwestlicht“ haben. Ob dies zu einer „Entfremdung Afrikas“ geführt hat, ist umstritten. So stimmt der Rezensent dem Begründungszusammenhang des Autors keinesfalls zu, dass die Suche nach „afrikanischer Identität“, etwa durch afrikanische Philosophien deshalb nicht möglich sei, weil „diese als formale Disziplin dem Afrikaner von Haus aus fremd ist“. Sicherlich will Reinhard damit nicht wiederholen, was der belgische Missionar Placide Frans Tempels in seiner Philosophie Bantou 1945 behauptete, dass das „primitive Denken“ der Afrikaner sie nicht zum Philosophieren befähige, aber er scheint mit dieser Einschätzung in seine Falle zu tappen (vgl. dazu: Franziska Dübgen / Stefan Skupien, Hrsg., Afrikanische politische Philosophie. Postkoloniale Perspektiven, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20696.php; sowie: Lutz van Dijk, Afrika – Geschichte eines bunten Kontinents, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20698.php).

Die „orientalische Frage“ stellt sich im oxident-orientalen Diskurs vielfach als Stech- oder Bügeleisen dar; und zwar – bis heute wirkend – als Auseinandersetzung zwischen christlich und muslimisch geprägten Einstellungen und Machtansprüchen. Das Osmanische Reich als Trennlinie (oder Bindeglied?) von scheinbar unversöhnlichen Weltanschauungen? Oder als Regulator bei den gesellschaftspolitischen und ethnischen Herausforderungen um Mehrheiten und Minderheiten? Das Ende des Osmanischen Reiches hat diese Fragen bis heute nicht eindeutig, zufriedenstellend und übereinstimmend beantwortet. Mit der sich in Bewegung befindlichen „Dekolonisierung des Britischen Commonwealth“, neuen Bestrebungen von staatlichen und System-Zusammenschlüssen etwa in Süd- und Südostasien sind Entwicklungen in Gang, deren Ergebnisse sich heute noch nicht einschätzen lassen. Ob diese Prozesse, Wege und nicht selten Irrwege damit zusammen hängen, dass „keine Kolonialmacht ( ) ein Dekolonisationsprogramm (besaß)“?

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben sich Initiativen entwickelt, Dekolonisation entweder als revolutionäre oder evolutionäre Prozesse zu verstehen und die Folgen von gewaltsamen Expansionen und Kolonisierungen nicht in erster Linie als Zuschreibungen, sondern als gemeinsame Herausforderungen zu begreifen. Das bedeutet, jede Form von Rekolonisierung, Spät- und Neokolonialismus zu vermeiden. Aber Expansionsprozesse gibt es weiterhin und immer wieder, betrachten wir die (auch) mit europäischer Beteiligung sich vollziehenden Aktivitäten zur (wirtschaftlichen und strategischen) Erschließung der Polargebiete, der Sahara, der Ozeana, des Weltraums. Der Appell ist angesagt: Expansionen dürfen sich nur im Rahmen der allgemeinverbindlichen, unveräußerlichen und nicht relativierbaren Menschenrechte vollziehen!

Fazit

„Heute ringt die Welt im Zeichen der Globalität … immer noch im Guten wie im Bösen auf allen Feldern mit der Hinterlassenschaft der europäischen Expansion“. Weil diese Folgen mit der Entkolonisierung nicht beendet sind, kommt es darauf an zu verstehen, dass und wie sie für die ehemaligen Kolonien und Kolonialmächte weiterhin wirken. Gelingt es, die Konfliktpotentiale und Erfolgskonzepte als gemeinsame Herausforderungen für ein humanes, gerechtes, gleichberechtigtes und friedliches Zusammenleben aller Menschen auf der Erde zu begreifen. Dafür ist eine objektive und unvoreingenommene Kenntnis der geschichtlichen Ereignisse notwendig: „Wir werden … mit der Geschichte und ihrem politischen Missbrauch nur fertig, wenn wir sie genau kennen“. Die Auseinandersetzung mit dem konträren Zauberwort „Aneignung“ kann dabei hilfreich sein: Während sich die Kolonialherren die Kolonialgebiete und Kolonisierten „angeeignet“ haben, kann Aneignung auch das Bewusstwerden von Unabhängigkeit und Humanität bedeuten, oder als „Entangled“ die Bedeutung von Vermischtheit und Verschränktheit als gemeinsame Verbundenheit mit den Zielen, wie sie als Menschlichkeit die Grundlage einer positiven und humanen Entwicklung der Menschheit unverzichtbar ist (Marjorie Jongbloed, Hg., Entangled. Annäherung an zeitgenössische Künstler aus Afrika, VolkswagenStiftung, Hannover 2006, 232 S.). Die Globalgeschichte der europäischen Expansion stellt ein grundlegendes und wegweisendes Werk dar, das zu erklären vermag, wie wir geworden sind, was wir sind, mit den Vielfalten von Macht und Ohnmacht, von Unschuld und Schule, von Innovationen und Verstrickungen. Es dürfte als Standardwerk in das intellektuelle und kollektive Gedächtnis des gesellschaftlichen und politischen Reflektierens über eurozentristisches und euroaktives Denken und Handeln eingehen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.05.2016 zu: Wolfgang Reinhard: Die Unterwerfung der Welt. Eine Globalgeschichte der europäischen Expansion ; 1415 - 2015. C.H.Beck Verlag (München) 2016. ISBN 978-3-406-68718-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20840.php, Datum des Zugriffs 27.07.2017.


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