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Andreas Lischewski (Hrsg.): Negativität als Bildungsimpuls?

Cover Andreas Lischewski (Hrsg.): Negativität als Bildungsimpuls? über die pädagogische Bedeutung von Krisen, Konflikten und Katastrophen. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2016. 272 Seiten. ISBN 978-3-506-78478-0. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Thema und Herausgeber

Als Kategorie erziehungs- und bildungstheoretischer Reflexionen dürfte „Negativität“ am geläufigsten sein, wo sie in der Form von „negativer Erziehung“ (Rousseau) oder aber, in Anlehnung an Th. W. Adorno, „negativer Pädagogik“ (Gruschka) genannt wird. Mit Ausnahme des Aufsatzes von Guido Pollack – „Negative Pädagogik nach Adorno“ – spielt nichts davon eine explizite Rolle in dem von Andreas Lischewski, Professor für Erziehungswissenschaft an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn, herausgegebenen Band. Zwar wendet sich Lutz Koch in seinem Beitrag auch Rousseau zu, dort aber eher überblicksartig, um seine eigenen Thesen zu plausibilisieren. Zumal der „Negativität“ in der phänomenologischen Pädagogik nochmals eine andere Bedeutung zukommt, die Kategorie überhaupt in der Philosophie und Theologie in vielfältigen Problemkontexten erscheint, könnte der Titel rasch Erwartungen an eine systematische Erschließung wecken. Diese werden nicht erfüllt.

Auch der Untertitel, der „die pädagogische Bedeutung von Krisen, Konflikten und Katastrophen“ annonciert und damit eine zweite Erwartung an die Systematik aufruft, erfüllt sich nur sehr bedingt; allenfalls die Hälfte der Beiträge geht im engeren Sinne auf die jeweiligen Begriffe ein, dann aber teilweise im Sinne eines äußerst spezifischen Verständnisses der Kategorien, sodass die recht fokussierten semantischen Bestimmungen, die Titel und Untertitel in Erwartung stellen, sich zwischen den Buchdeckeln deutlich lockern.

Wenn man, hat man erst einmal zu lesen begonnen, einen roten Faden zu erahnen meint, der sich thematisch durchaus hätte stricken lassen, dann kommen meistens rasch noch ein gelber, ein grüner und bald noch weitere Fäden hinzu, die indes mit dem Thema nicht immer in einem ersichtlichen Zusammenhang zu stehen scheinen.

Aufbau und Inhalt

Für sich genommen, sind einige Beiträge, auch wenn sich – wie gesagt – nicht bei allen der thematische Bezug sogleich vermittelt, spannend. Leider handelt es sich auch bei manchen der spannenderen Beiträge um solche, die in ähnlicher oder fast gleicher Form schon an anderer Stelle publiziert wurden. Das betrifft den Artikel von Lutz Koch mit dem Titel „Bildung als Umkehrung des Bewusstseins: Eine pädagogische Apologie des Negativen“ – der erste Beitrag im Band –, der in der Tat eine gute, nämlich Orientierung gebende systematische und historische Einführung in das Thema der „Negativität“ bereitstellt. Von dort aus wären, weil der Text Kochs auf verständliche und differenzierte Weise zugleich „Negativität“ in ihren philosophischen, logischen, theologischen und pädagogischen Traditionslinien entfaltet und er damit begründen kann, dass bildungstheoretisch „von Negativitäten als Gehalten“ (S. 21) gesprochen werden könne, diese „Gehalte“ in unterschiedlichen Kontexten zu beschreiben gewesen.

Ebenfalls handelt es sich bei Hans-Christoph Kollers Beitrag mit dem Titel „Über die Notwendigkeit von Irritationen für den Bildungsprozess“ weitgehend um eine Wiederveröffentlichung. Hier betont er besonders Waldenfels´ Konzept der Fremdheitserfahrung in ihrer Bedeutung für seine eigene Theorie, also die der transformatorischen Bildungsprozesse, und veranschaulicht sie gleichsam im Zuge der Interpretation einer Passage aus Wolfgang Herrndorfs Jugendroman „Tschick“. Gleich zu Beginn seines Beitrags erklärt Koller, dass, weil in der Überschrift „nur von ‚Irritationen‘ die Rede ist und nicht von Krisen, Konflikten oder Katastrophen“, dies als Andeutung verstanden sein wolle, „dass es nicht unbedingt einer Katastrophe bedarf, um Bildung zu ermöglichen“ (S. 215). Man kann dies auch als dezente Distanzierungsgeste von Thema und Begrifflichkeit des Bandes verstehen.

In gewissem Sinne stellt sich jedenfalls auch Kollers Beitrag in die normative Tradition der Bildungstheorie, und trägt damit auch deren eigentümliche Orientierung am Gelingen von Bildungsprozessen fort. „Negativität“ würde indes das Licht auf die andere Seite werfen. Dass Kollers Beitrag damit zumindest sperrig wirken kann in einem Band, der, wie er es selbst zu erwarten schien, vor allem jene Seite von Bildung thematisiert, die unterhalb oder jenseits des gelingenden Ausgangs verläuft, deutete er ja selbst an. Damit aber auch zugleich das, was eigentlich unter dem besagten Titel des Buchs zu erwarten wäre.

In die Nähe dieser Bestimmung von „Negativität“ bewegt sich der Beitrag Durch Zweifel und Verzweiflung. Bildungsphilosophische Anregungen zu einer Pädagogik der Gelassenheit von Thomas Schmaus, der sich philosophisch vor allem der Skepsis und dem Zweifel als Grundkategorien der Bildungstheorie widmet – allerdings ebenfalls mit besonders großem Interesse an den „positive[n] Auswirkungen“, die sie „auf den Bildungsprozess haben können“ (S. 89).

Günter Seibolds etwas denkwürdiger Beitrag mit dem Titel „Der Krieg als Erzieher“ – denkwürdig deshalb, weil er unterschiedliche Textgattungen zu einer Art kommentierter Kollage arrangiert, aber weitgehend auf eine kritische Historisierung verzichtet – hebt eine besondere Kriegsverliebtheit der deutschen Philosophie und Lyrik hervor, die sich von der klassischen Romantik (Hölderlin) über den deutschen Idealismus (Hegel) ziehe, und die, wen wundert´s, schließlich noch in Goebbels Weihnachtsrede von 1942 aufbrandet. Auf Schlussfolgerungen wird verzichtet. Der Text diente wohl eher der Selbstverständigung. Sollte es in diesem Band um Systematik gehen, dann muss die Frage, welchen Beitrag, außer allenfalls einen ästhetischen, Seibold hierzu liefern wollte, leider offen bleiben.

Das trifft auf den nachfolgenden Beitrag Negative Pädagogik nach Adorno. Probleme der erziehungswissenschaftlichen Rezeption von Adornos Motiv der ‚Negativität‘ von Guido Pollack glücklicherweise nicht zu. Mit größter Konzentration widmet er sich den Aporien der Bildung, die besonders Theodor W. Adorno in seiner „Theorie der Halbbildung“ beschrieben und die er in seiner „Negativen Dialektik“ umfassend integriert hat. Pollack greift Alfred Schäfers pädagogische Kommentare zu Adorno auf, um schließlich – was wirklich interessant wäre, es systematisch weiterzuentwickeln – Siegfried Bernfeld und Janusz Korczak als frühere (und etwas später rezipierte) Vertreter einer pädagogischen Position hervorzuheben, „die einem solchen Denken in Erkenntnishaltung und Praxiskonstellation verwandt sind“ (S. 150).

Im Bereich der Elementarpädagogik ist dann die Krisenhaftigkeit der Pädagogik selbst das Thema (Über Krisen und Erziehung. Anfänge (in) einer typologischen Betrachtung), dem sich sodann Ulrich Wehner widmet. Immer noch an der Kategorie der „Negativität“ orientiert, an die sich bislang Pollack am engsten heranbewegt hat, wären auch hier, zumindest anlässlich des Buchthemas, vielleicht weniger affirmativ-normative Fragen zu stellen gewesen. Doch auch Wehner, was seinem einerseits stark psychologisch geschulten, wenn auch moral- und existenzphilosophisch informierten Blick geschuldet scheint, steuert schließlich mit der „frühkindliche[n] Depression“ eine „Krisenerscheinung verweigerter mitmenschlich-humaner Beziehung“ an. An was es uns mangele, sei ein „Habitus, der getragen ist von Lebensmut. Auf diesen Habitus bleiben im Lebensverlauf auch Zeiten und Formen reflexiven Daseins angewiesen.“ (S. 185) Hier hätte wohl selbst Adorno nicht widersprochen – wer wollte dem auch widersprechen? -; ob das jedenfalls wenn schon nicht das entscheidende, so doch aber zumindest ein entscheidendes Problem einer an „Negativität“ orientierten Pädagogik ist, wäre vielleicht auch für ihn eher fragwürdig gewesen. Nach Guido Pollack wäre es vielleicht, und das selbst im Bereich der Elementarpädagogik, informativ gewesen, bei Bernfeld und Korczak genauer hinzuschauen, ob sich von dort die Brücke von der Krisenhaftigkeit der Entwicklung zur „Negativität“ des Bildungsprozesses bauen lässt.

Abermals um Krisenbewältigung, diesmal aber im Kontext des Hochschulstudiums, geht es Sascha Liebermann. In seinem Beitrag ist weniger von Entwicklungskrisen im psychologischen Sinne die Rede, wie im Beitrag davor, dafür mehr im sozialwissenschaftlichen und strukturtheoretischen Sinne. Von „Negativität“ jedoch ist kaum die Rede.

Konrad Hilpert (Schuld und Scheitern. Zur Frage der 'Besserung' des Menschen aus theologisch-ethischer Sicht) befragt aus Sicht des Theologen, teilweise, so scheint es zumindest, übernimmt er fast schon die Perspektive eines Seelsorgers darin, „Schuld und Scheitern“. Zur „Negativität“ hätte hier vielleicht das „Bittere[.] wirklicher Schulderfahrung“ hinführen können, „wenn der Andere, den wir verletzt haben, diese Vergebung nicht gewähren kann.“ (S. 251) Doch selbst hier darf man gleich wieder aufatmen. Denn es sei, nach Hilpert zumindest, „ein zentrales Element der biblischen Verkündigung vor allem im Neuen Testament, dass auch dann Vergebung möglich ist, nämlich von Gott her.“ (ebd.) Das mag zwar Grund zur Erleichterung sein. Was es aber mit „Negativität als Bildungsimpuls“ zu tun hat, bleibt zumindest dann, wenn man erziehungswissenschaftlich und nicht vor allem theologisch lesend nun bald am Ende des Buches angelangt ist, eher im Dunkeln.

Diskussion

Bisher wurden die Beiträge des Herausgebers, Andreas Lischewski, nicht aufgegriffen und besprochen. Weil der Herausgeber, schaut man näher hin, mit seinen Beiträgen eine recht privilegierte Position im zu besprechenden Band besetzt, sei es gestattet, ausgehend hiervon die Diskussion des Buchs und schließlich auch die Kritik einzuleiten.

Zählt man die Einzelkommentare zu jedem Beitrag nicht dazu, dann ist der Herausgeber mit einer Danksagung, einem eigenen Beitrag über die „dramatische[.] Bildungstheorie in Schillers Spätwerk“ sowie einem Nachwort mit dem Untertitel „Bildung als ‚Erprobung der Mitte‘“, also einem weiteren eigenständigen Textbeitrag vertreten. Weil Lischewski selbst in der Danksagung nicht auf Kommentare und Vorschläge zur Lesart der Texte verzichtet, könnte man sie – streng genommen – als einen weiteren Textbeitrag auffassen. Diese Präsenz, die der Herausgeber durch seine Textbeiträge im Buch erwirkt, lässt Konzept und Anlage des Bandes ohnedies fragwürdig erscheinen.

Verstärkt wird dieser Eindruck eklatant dadurch, dass vor jedem Einzelbeitrag ein hinführender Kommentar des Herausgebers zu lesen ist, der sich keineswegs auf eine Zusammenfassung beläuft, sondern in vielen Fällen ebenfalls Vorschläge enthält, wie dieser Beitrag zu verstehen sei und wie nicht. Es muss freilich offen bleiben, inwieweit die einzelnen Autoren (sic! – keine einzige Frau darunter) sich hier korrekt wiedergegeben fühlen. Was außerdem auffällt: Von den insgesamt zehn Beiträgen sind fünf von Autoren, die zugleich mit der Alanus Hochschule in Alfter verbunden sind, zumeist als dort noch lehrende Professoren. Wie soll man das auffassen? Und was hat es für den Gehalt des Buchs zu bedeuten?

In der Danksagung erfährt man, das Buch versammele die Vorträge einer öffentlichen Ringvorlesung, die unter gleichlautendem Titel an der Alanus Hochschule zwischen März und Juni 2014 gehalten wurden. Andreas Lischewski gibt in der Danksagung zu diesem Buch außerdem an, und erteilt damit den ersten Lesehinweis, der Titel sei im Kontext „eine[r] reformpädagogisch ausgerichtete[n] Hochschule [.] ungewöhnlich[.] und durchaus auch etwas provokativ“ (S. 7) gemeint gewesen. Abgesehen davon, dass beim Lesen der Artikel nur wenig davon ankam – und sowieso: Wer unter den Leserinnen und Lesern des Buchs, die sich unter „Negativität“ im erziehungswissenschaftlichen Kontext etwas vorstellen können, sollte sich schon durch die Lust an der Provokation zum Kauf verführt sehen? –, abgesehen davon also bleibt mehreres alleine aufgrund der Zusammenstellung der Beiträge in puncto „Provokation“ suspekt. Wenn ein veritabler Grundstock der Ringvorlesung ohnedies von Mitarbeitern dieser „reformpädagogisch ausgerichteten Hochschule“ besorgt wurde, dann hält sich vermutlich auch das Risiko, dass es zu Provokationen kommen wird, in zumindest überschaubaren Grenzen. Aber vielleicht spielt hierauf auch die Einschränkung an, man könne, oder solle vielleicht sogar, den Titel wenigstens „etwas provokativ“ verstehen. Weil nun aber keiner der Beiträge, so weit ich sehe, in irgendeiner Weise Kritik an reformpädagogischen Ausrichtungen erhoben hat, bleibt dieser Einschub in jeglicher Hinsicht dubios. In gewisser Weise stellt er eine Vereinnahmung des Konzeptes für etwas dar, was rätselhafterweise noch nicht einmal in Erscheinung tritt. Das wiederum lenkt geradezu die Aufmerksamkeit darauf, was der Herausgeber mit der Ringvorlesung und ihrer Publikation eigentlich auszutragen gedachte?

Auch in dessen Hauptbeitrag findet sich hierzu nichts. Mit diesem Text, wobei es sich übrigens um eine äußerst luzide Schiller-Exegese handelt, knüpft Lischewski ja durchaus an ein reformpädagogisch prägungsstarkes Topos, das der Seele nämlich, an. Hier erkennt er Bildung als „unaufhörliche[n] Prozess“, in dem, nach Schiller, „weder die Erfüllung der ‚schönen Seele‘ noch die Erfüllung der Erhabenheit“ in Aussicht stehe; mithin bleibe Bildung „eine Aufgabe, die der geschichtliche Mensch schon deshalb niemals endgültig erreichen kann, weil die Geschichtlichkeit nunmehr als die wesentliche Bedingung seines Freiheitsvollzuges gedacht wird.“ (S. 53) Eine diskutable Position, auch gewiss im reformpädagogischen Kontext, aber provokativ will sie einem wohl kaum erscheinen.

Auch „ungewöhnlich“ will einem viel eher als der Titel, wie schon gesagt, die Präsenz des Herausgebers im Buch erscheinen, die er sich schließlich durch die Kommentierung aller Beiträge verschafft. Immer wieder, und zwar ganz besonders in den Kommentaren Lischewskis, finden sich Andeutungen, wer oder was ihm gegebenenfalls als der Provokation bedürftig erachtete Adressaten gilt. Es beginnt mit dem Klappentext, wo postuliert wird, die allfällige Orientierung am „möglichst reibungslosen Funktionieren“ pädagogischer Prozesse heiße auch, dass „die humane Bildung dabei auf der Strecke“ bleibe. Wer „die aktuellen Diskussionen um Kompetenzsteigerung und Lernerfolge, die Erhöhung der Abiturienten- und Studierendenzahlen oder den Ausbau des sogenannten ‚Bildungs‘-Wesens aufmerksam verfolgt“ (S. 9), meint Lischewski, dem wird die „gewisse Provokation“, die das Thema der Negativität enthalte, nicht entgehen – und führt auf diese Weise sozusagen „sensibilisierend“ in den Beitrag von Lutz Koch ein. Sein eigener Text über Schillers Spätwerk kommt bezeichnenderweise ohne solche „Einstimmungen“ aus; hier scheint Lischewski eine knappe Zusammenfassung zu genügen. Doch schon der Beitrag seines Kollegen Thomas Schmaus scheint wieder einer präsupponierten Lesart zu bedürfen. Hier gehe es, so Lischewski, um den Verlust der Einsicht, „dass das ‚von-sich-selbst-lassen-können‘ ein integraler Bestandteil von Bildung“ (S. 59) sei.

Zum Beitrag von Seibold erklärt uns Lischewski: „Ob die Menschheit auch ohne Kriege zu einem erneuerten, sorgfältigen-achtsamen Weltverhältnis zu gelangen vermag“ (S. 99), sei die darin implizierte Frage. Da sich solches in der Tat nicht leicht aus dem Text Seibolds erschließt, könnte man diesen Kommentar ausnahmsweise hilfreich finden.

Doch bei Guido Pollacks Beitrag heißt es dann schon wieder mäandrierend: „Können [.] die immer dichter vernetzten Lern- und Sozialisationsräume, die vermehrt als blühende ‚Bildungs‘-Landschaften geschildert werden“ – hier also schon wieder die apostrophierte „Bildung“ –, „allein als solche schon Mündigkeit ermöglichen?“ (S. 121) Man mag auch davon halten, was man will, dass in dieser Hinführung zum Text die eher ungünstige Formulierung der „Katastrophe von Auschwitz“ (ebd.) aufgegriffen wird – so, als wenn man darin auch einen Unfall der Zivilisation oder etwas durch höhere Macht Herbeigeführtes erkennen könnte, anstatt einem planmäßig und gezielt durchgeführten Verbrechen –, abgesehen hiervon werden die Leserin und der Leser mit diesen Worten abermals eingestimmt auf das, was nun folgt.

Und so geht es immer weiter. Die Leserinnen und Leser werden eingestimmt und eingestimmt. Die Beiträge wollen gegen die Bildungspolitik und die zunehmende Dehumanisierung der Gesellschaft gerichtet gelesen werden, auch wenn sich darin selbst nur wenig Indizien finden; dort, wo es sich nicht gleich von selbst erschließt, wird mit Kommentaren umso heftiger nachgeholfen und man bekommt sozusagen den „richtigen Weg“ gewiesen.

„Etwas provokativ“ könnte man dies durchaus finden, heißt es doch, dass einen vor jedem Beitrag zunächst die Adressierung als der Führung bedürftiger Leser erwartet. Zumindest das ist also „ungewöhnlich“ an dem Buch. Ob sich nun diejenigen, die gegebenenfalls für dieses „sogenannte ‚Bildungs‘-System“ (Lischewski) verantwortlich sind, provoziert fühlen – um wen oder was es sich dabei handeln soll, ob nun um die „Bildungs-Boys“ (Heydorn), „das System“ (Vox populi) oder „wir alle“, bleibt zwar völlig nebulös, es immer mal wieder zu erwähnen, wird Lischewski indes nicht müde -; ob sie es gar lesen, weiß man nicht. Desgleichen gilt freilich für die Meinung der Autoren zu den Kommentaren des Herausgebers.

Unsympathisch ist diese Emphase natürlich keineswegs, wenn auch der Gestus befremdet, der sie begleitet. Wenn „Bildung“ ein Begriff in aller Munde ist, der sicherlich vor allem den „Output“ des Bildungssystems meint und zugleich eine der zentralen Legitimationen für die Politik darstellt, Probleme aus anderen Sektoren an den des Bildungs- und Erziehungswesens zu delegieren, dann mag es gegebenenfalls sogar wichtig sein, daran zu erinnern, wie es Lischewski in seinem Schlusswort tut, dass – bis weit über Hegel zurückweisend – „Negativität genau dann bildungstheoretisch bedeutsam ist, wenn sie [.] die Abstandsbewegung im Bildungsprozess, das Einlassen auf das mir widerfahrende Andere meiner selbst, ermöglicht oder fördert.“ (S. 263) Diese Linie zeichnet Lischewski systematisch nach bis zu „Autorinnen und Autoren der jüngeren Vergangenheit [.], deren Überlegungen zum Problemkreis Negativität und Bildung hier vielleicht zum Anlass weiterer Nachdenklichkeiten werden könnten.“ Nur fragt man sich am Ende des Bandes immer noch: Wozu eigentlich? Zu welchem Zwecke all die „Nachdenklichkeiten“, zumal dann, wenn dabei so heftig auf die Tischplatte geklopft wird, wie es Lischewski in seinen, ja, doch ziemlich penetranten Vereinnahmungen aller Beiträge tut? Jene „Nachdenklichkeiten“ indes systematisch zu fassen und sie zu bündeln, wäre der Anspruch gewesen, den der Titel des Buchs ja tatsächlich erwecken kann. Das Buch selbst erfüllt ihn nicht.

Fazit

Im engeren Sinne lassen sich auf das Thema der „Negativität“ die Beiträge von Lutz Koch, Guido Pollack sowie das Schlusswort von Andreas Lischewski ein. Wenn er es auch deutlich extensiver in seinem Buch „Bildung und Negativität“ entfaltet hat, finden sich im Falle des Beitrags Kochs gute Zugänge und Ansätze zur weiteren Auseinandersetzung. Äußerst überzeugend fällt die Anregung Pollacks aus, systematisch auch Siegfried Bernfeld und Janusz Korczak als Repräsentanten des Habitus einer „negativen Pädagogik“ zu begreifen, sowie Andreas Lischewskis Schlusswort interessante Bezüge auch zu Gegenwartsautoren herstellt. Andere Beiträge, so z. B. die von Ulrich Wehner, Sascha Liebermann oder der Hauptbeitrag von Andreas Lischewski, mögen in jeweils gesonderten Forschungszusammenhängen großes Interesse wecken. Mit dem Begriff und der Systematik von „Negativität“ kommen sie indes allenfalls indirekt in Berührung.


Rezensent
PD Dr. Alex Aßmann
Georg-August-Universität Göttingen Institut für Erziehungswissenschaft
Homepage www.uni-goettingen.de/de/pd-dr-alex-aßmann/545512.html
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Zitiervorschlag
Alex Aßmann. Rezension vom 07.11.2016 zu: Andreas Lischewski (Hrsg.): Negativität als Bildungsimpuls? über die pädagogische Bedeutung von Krisen, Konflikten und Katastrophen. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2016. ISBN 978-3-506-78478-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20842.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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